Schrottwirtschaft wenig euphorisch für 2016

Laut Angaben der Wirtschaftsvereinigung Stahl (WV-Stahl) ist die deutsche Rohstahlproduk­tion im Jahr 2015 gegenüber den Vorjahr um rund 300.000 Tonnen beziehungsweise 0,6 Prozent auf 42,7 Millionen Tonnen gesunken. Für das laufende Jahr prognostiziert der Stahlverband eine nochmals um drei Prozent geringere Produktionsmenge in Höhe von 41,5 Millionen Tonnen. Der Schrottzukauf vom Handel der deutschen Stahlwerke war wegen der in den Elektrostahlwerken im Vergleich zu den integrierten Hüttenwerken stärker zurückgegangenen Produktion deutlich geringer als 2014. Der bvse schätzt diesen Rückgang auf über eine Million Tonnen.

Im Berichtsmonat Januar löste sich – wie schon in den Jahren 2013, 2014 und 2015 – die bei Teilen des Handels traditionell vorhandene Preiseuphorie am Jahresanfang sehr zügig in Luft auf. Ihren ferien-, betriebs- oder auftragsbedingt reduzierten Januarbedarf deckten die Verbraucher im Durchschnitt zu unveränderten Preisen ein. Die Vertragsverhandlungen begannen spät und zogen sich bei einigen Verbrauchern länger hin. Vor allem dort, wo Teile des Handels aufgelöste Lagerpositionen oder im Ausland nicht absetzbare Mengen anboten, reagierten die Verbraucher mit Preisabschlägen und bauten Preisspitzen in Höhe von zwei bis fünf Euro pro Tonne ab. Bei den Abnehmern verstärkte sich der Eindruck eines hohen Mengenaufkommens, weil der Handel in dem verkürzten Lieferzeitraum die bestellten Mengen auslieferte. Zudem standen einige Händler unter Druck, da die gute Auftragslage der Industrie einen kontinuierlich hohen Neuschrott-Entfall beschert, der über dem Bedarf der Verbraucher liegt und die Lager belastet. Im Gegensatz dazu ist das Altschrottaufkommen nach wie vor weiter rückläufig. Nach Angaben des befragten Handels ist der Eingang beim Sammel- und Abbruchschrott im vergangenen Jahr um 20 bis 30 Prozent im Vergleich zu 2014 gesunken. Insbesondere sind die eingehenden Mengen durch Kleinlieferanten flächendeckend mehr als überschaubar. Sicherlich spielen dabei das gesunkene Preisniveau und die niedrigeren Temperaturen eine Rolle; das allein kann jedoch nicht ausschlaggebend für den mangelnden Eingang sein. Die zum Teil recht angespannte wirtschaftliche Lage der Schrottwirtschaft auf allen Handelsstufen bedingt eigentlich einen schnellen Umschlag der Mengen auf allen Handelsebenen, sofern die Marktteilnehmer noch aktiv sind.

Berechnet auf der Basis der Durchschnittspreise in Euro/Tonne für die Länder  Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Großbritannien.  (Basisjahr 2001 = 100), Quelle: EUROFER

Berechnet auf der Basis der Durchschnittspreise in Euro/Tonne für die Länder
Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Großbritannien.
(Basisjahr 2001 = 100), Quelle: EUROFER

Nachbarländer

In Italien senkten die Schrottverbraucher die Preise für ausländische Lieferanten je nach Sorte und Werk bis zu fünf Euro pro Tonne, beziehungsweise sie kappten Preisspitzen aus dem Vormonat. Laut Informationen des Handels haben die Stahlwerke lediglich 50 Prozent der sonst üblichen Mengen gekauft, da einige wegen der schwierigen Absatzlage ihre Produktion anpassen. Außerdem hatten viele Stahlerzeuger im Dezember mehr Stahl als üblich erschmolzen, weil sie ihre Jahresstrom-Abnahmeverträge erfüllen mussten. Die Nichtabnahme von vereinbarten Strommengen kostet in Italien mehr als die Produktion selbst. Die Überproduktion wurde eingelagert und trägt mit dazu bei, dass die Herstellung reduziert weiterläuft. In der Schweiz kauften die Verbraucher den Schrott bei guter Auslastung zu unveränderten Preisen. Sie konnten vom verringerten Bedarf in Italien profitieren und sich gut bevorraten. Der Verbraucher in Luxemburg wollte am Monatsanfang die Preise leicht zurücknehmen. Durch seinen guten Bedarf und zur Sicherung des Mengenzuflusses kaufte er den Schrott auf dem Vormonatspreisniveau ein. Je nach Werk und Verbraucher blieben die Preise in Frankreich unverändert oder sanken leicht bis zu drei Euro pro Tonne. In den Niederlanden passte der Großverbraucher seine Preise je nach Sorte dem deutschen Niveau an. Die Exportlager hatten weitgehend unveränderte Annahmekonditionen. Aus Polen und Tschechien war die Schrottbeschaffung schwierig, da insbesondere polnische Werke deutlich höhere Preise zahlten als die deutschen Werke. Nicht jeder deutsche Nachfrager dürfte daher die gewünschten Mengen bekommen haben.

Gießereien

Bei Abnehmern, deren Einkaufspreise an keinen Index gebunden sind, blieben die Preise im Berichtsmonat überwiegend unverändert gegenüber Dezember. Das Gießereigeschäft beschrieb der Handel als lustlos, zumal viele Gießereien den Jahreswechsel für Stillstände genutzt haben und die Auftragslage produktabhängig sehr unterschiedlich ist. Vor allem die Nachfrage der Vorlieferanten für die Automobilindustrie war gut. Qualitativ hochwertige Schrotte waren daher problemlos abzusetzen. Die Maschinen- und Verschleißteilhersteller agieren jedoch auftragsbedingt nur noch kurzfristig. Die Lage ist angespannt. Der Angebotspreis für Gießerei-Roheisen war in den vergangenen vier Wochen relativ konstant. Die Roheisenverbraucher hoffen, bei weiter rückläufigen Rohstoffpreisen günstigere Konditionen bei den Anbietern durchsetzen zu können, sofern die Wechselkurs-Paritäten mitspielen.

Deutschland, Basisjahr 2010 = 100, Quelle: Statistisches Bundesamt/Destatis

Deutschland, Basisjahr 2010 = 100, Quelle: Statistisches Bundesamt/Destatis

Export in Drittländer

Aufgrund der relativ konstanten Inlandsnachfrage haben die türkischen Schrottverbraucher ihre Nachfrage nach Importschrott erhöht. Allerdings waren die Einkäufer stark bemüht, die Preise von über 190 US-Dollar pro Tonne für die Standardexportsorte HMS 1/2 (80:20) auf unter 180 US-Dollar pro Tonne zu senken. Ihre altbewährte Taktik, Nervosität im Markt aufzubauen und dann die Preise nach unten zu drücken, scheint wieder erfolgreich zu funktionieren. Das Drohpotenzial, auf billigere chinesische Knüppel ausweichen zu können, ist einleuchtend. Allerdings gelten in der Türkei Vorschriften, dass chinesische Knüppel nur dann gekauft und weiterverarbeitet werden dürfen, wenn der Stahl innerhalb einer bestimmten Frist exportiert wird. Für den Inlandsbedarf muss der Stahl aus inländisch produziertem Rohstahl stammen. Daher ist die Türkei wegen ihres hohen Elektrostahlanteils – im vergangenen Jahr waren es über 65 Prozent – auf den Import von Schrott angewiesen. Wegen des weltweit verminderten Schrottbedarfs ist der Einfluss des türkischen Einkaufsverhaltens und dessen Preisgestaltung gerade im europäischen Inlandsmarkt von hoher Bedeutung. Denn obwohl die deutschen Werke die Schrottpreise für Januar gerne gesenkt hätten, mussten sie sich an den türkischen Preisen und deren relativ guter Nachfrage in Kontinentaleuropa orientieren. Seit Anfang Januar wurden fünf bis sechs Ladungen verkauft.

Schlussbemerkungen

Erfreulich muten die Informationen aus dem Handel an, denen zufolge immer mehr Marktteilnehmer beim Wettbewerb um die Entfallstellen darauf achten, auf kostenmäßig unkalkulierbare Mengen zu verzichten. Zu beobachten ist allerdings ein Konsolidierungsprozess, der wegen der flächendeckend kleinteiligen Angebotsstruktur der Schrottwirtschaft vom Kartellamt nicht beachtet wird. Aus der Prognose der WV-Stahl ist abzuleiten, dass der Schrottbedarf der deutschen Stahlwerke in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr nicht steigen wird. Darauf muss sich die Branche einstellen, zumal die geschätzten Überkapazitäten bei den Aufbereitungsaggregaten bei rund 30 Prozent liegen. Der verminderten Auslastung muss mit endgültigen Stilllegungen begegnet werden. Neben den wirtschaftlichen Herausforderungen setzt der Gesetzgeber der Branche immer engere Grenzen. Die ersten Entwürfe zum Wertstoffgesetz, der Gewerbeabfallverordnung oder der TA Luft erzeugen zusätzlichen Druck. Zudem will die EU mit ihrem Kreislaufwirtschaftspaket die bisherige Rolle des Sekundärrohstoffhandels verändern. Die Recyclingwirtschaft wird nur noch ein Teil der Kreislaufwirtschaft sein, die sich als Wertschöpfungskette versteht. Darauf muss sich die Schrottwirtschaft früh genug einstellen.

Für den kommenden Monat rechnet der Handel nicht mit steigenden Preisen; vielmehr gelten unveränderte oder auch leicht fallende Preise als realistisches Szenario. Eine entscheidende Rolle wird der türkische Schrottimportbedarf spielen; er wird preisbestimmend sein.

Redaktionsschluss 22.01.2016, BG-J/bvse

(Alle Angaben/Zahlen ohne Gewähr)

Foto: O. Kürth

(EUR0216S28)