Alttextilien – Produkt oder Abfall?

Diese Frage beschäftigte neben anderen Themen die mehr als 100 Teilnehmer des 5. Internationalen Alttextiltages, den der bvse in Bad Neuenahr ausrichtete.

Eingeläutet wurde die Veranstaltung durch die Verabschiedung von Michael Sigloch, der das Amt des ersten Vorsitzenden des bvse-Fachverbandes Textilrecycling über 15 Jahre lang ausübte und in dieser Zeit vehement und engagiert dafür kämpfte, dass Altkleider nicht als Abfall angesehen werden. In seiner Laudatio bedankte sich Martin Wittmann, der stellvertretende Vorsitzende des Fachverbands, bei ihm im Namen des Vorstandes und der Fachverbands-Mitglieder für die geleistete Arbeit.

Auch bvse-Hauptgeschäftsführer Eric Rehbock würdigte die Arbeit von Michael Sigloch und vor allem auch das offene Miteinander, das selbst in kontrovers diskutierten Themen immer einen fairen und ergebnisorientierten Konsens hervorgebracht habe. Gleichzeitig habe dies gezeigt, „dass die Chemie stimmte“.

Als loyalen und fairen Kollegen mit offenem Ohr für die Sorgen und Nöte der Mitglieder beschrieb auch der langjährige Weggefährte und ehemalige Vorstandskollege Klaus Löwer den mit allen Facetten des Textilrecyclings vertrauten Unternehmer. Sigloch sei stets ein Vorreiter mit Herzblut und „Mann, der, wo erforderlich, auch mal Ecken und Kanten zeigte“ gewesen, so Löwer zu dem engagierten Einsatz Siglochs, der seine Amtszeit hindurch durchaus kontrovers mit dem Slogan „Eine Spende kann kein Abfall sein“ gegen die Etablierung des Abfallbegriffs kämpfte. – Eine Position, die der so Geehrte während der Veranstaltung noch einmal ausdrücklich betonte.

Sprach über mögliche Auswirkungen der Änderungen im EU-Recht: Dr. Andreas Jaron (Foto: bvse)

Sprach über mögliche Auswirkungen der Änderungen im EU-Recht: Dr. Andreas Jaron (Foto: bvse)

Europäisches Recht und mögliche Auswirkungen

Dr. Andreas Jaron, Ministerialrat im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB), unterstrich in diesem Zusammenhang, dass Originalsammelware nach BMUB-Ansicht als Abfall einzustufen ist. Allerdings sei es nicht ganz klar, ob die Unternehmen der Branche Recycling oder Vorbereitung zur Wiederverwendung betreiben, räumte er mit Blick auf den – auf EU-Ebene diskutierten – Legislativvorschlag der EU-Kommission vom Dezember 2015 ein, der sich möglicherweise auf verschiedene EU-Richtlinien auswirken wird. Eine solche „Vorbereitung zur Wiederverwendung“ sollen nur registrierte und zertifizierte Betriebe durchführen dürfen.

Demnach wären Altkleiderspenden, die von den Betrieben für den „Verkauf“ (Second Hand, soziale Einrichtungen, Export) zusammengestellt werden, kein Abfall, während Originalsammelware erst nach dem Recycling beziehungsweise der Vorbereitung zur Wiederverwendung den Abfallstatus verlieren würde. Wie der Ministeriumsvertreter weiter mitteilte, ist „End of Waste“ in der Europäischen Union derzeit kein Thema mehr, seit der Vorschlag im Hinblick auf Altpapier vom EU-Parlament zurückgewiesen worden war.

Alttextilien und das Stoffrecht

„Brauchen wir das Stoffrecht beim Textilrecycling?“, fragte Dr. Thomas Probst, Fachreferent im bvse, in seinem Vortrag. Gemeint waren REACH (Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe) sowie CLP (Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung von Stoffen und Gemischen).

Informierte über REACH und CLP: Dr. Thomas Probst (Foto: bvse)

Informierte über REACH und CLP: Dr. Thomas Probst (Foto: bvse)

Der Abfallbereich sei aus beiden Bereichen ausgenommen, versicherte er den Anwesenden. Zwar werde beispielsweise bei gefährlichen Abfällen gemäß der Abfallverzeichnis-Verordnung (AVV) das Stoffrecht abgewandelt angewendet, aber Textilien seien keine gefährlichen Abfälle. Außerdem seien Kleidung und Textilien – wie auch Verkaufsverpackungen – konform zu REACH und CLP, weil sie eine begrenzte Lebensdauer haben und häufig direkt auf der Haut getragen werden. Hinzu kommt laut Probst, dass solche Erzeugnisse im Regelfall mehrfach „ge-reach-t“ worden seien (Garne, Stoffe, Imprägnierungen und Textilien). Bei den Textilrecycling-Firmen würden keine Stoffe verändert. Ergänzt wurde der erste Themenschwerpunkt des 5. Internationalen Alttextiltages durch Dipl.-Ing. Bernd Gulich vom Sächsischen Textilforschungsinstitut e.V. in Chemnitz, der über Technologien und ihre technische Umsetzung bei der Reißfaserherstellung und -verarbeitung informierte.

Den zweiten Themenschwerpunkt der Veranstaltung bildete das Thema des Container-Tohuwabohus und der rechtswidrigen Sammlung von Alttextilien. Kommunale Verwaltung und private Unternehmen der Textilrecyclingbranche leiden laut bvse gleichermaßen unter den Auswüchsen und Arbeitsmethoden sogenannter illegaler Sammelunternehmen. Die Vorträge vom Hauptreferenten für Umweltrecht beim Städte- und Gemeindebund, Dr. Peter Queitsch, und von dem im Abfallrecht versierten Rechtsanwalt Stephan Jäger sollten dazu dienen, in der anschließenden Diskussion gemeinsam rechtskonforme und praxisorientierte Richtlinien zu finden, die allen Beteiligten und besonders auch den kommunalen Stellen eine zuverlässige Orientierungshilfe geben, um rechtswidrig arbeitende Unternehmen endgültig in die Schranken zu weisen. Wie moderne Containerverwaltung und Echtzeit-Disposition eine fortschrittliche und vorbildhafte Sammlung unterstützen kann, erläuterte daneben Matthias Siegel von der Darmstädter Isofleet GmbH.

Neue Lösungen für hochwertiges Textilrecycling

“Der Alttextilienmarkt hat sich nach dem extremen Preisverfall im 3. und 4. Quartal 2015 sowohl für Second-Hand-Bekleidung als auch für Recyclingware und Putzlappen in den ersten Monaten in 2016 etwas stabilisiert. Nichtsdestotrotz ist die Branche weiterhin mit vielen Problemen und Herausforderungen konfrontiert, für die es neue Lösungen zu suchen gilt”, fasste der stellvertretende Vorsitzende des Fachverbands Textilrecycling, Martin Wittmann,  die wirtschaftliche Lage und Situation der Branche zusammen.

Mit dem Trend der zunehmenden Neukommunalisierung, dem Einstieg großer Entsorgungskonzerne in den Altkleidermarkt und vor allem den weiter anhaltenden Auswüchsen illegaler Sammlungen hätten gerade die kleinen und mittelständischen Privatunternehmen seit geraumer Zeit zu kämpfen. Darüber hinaus müsse man sich in Zukunft aber auch mit neuen Themen, wie beispielsweise der Textilsammlung durch Ankaufsportale im Internet oder Rücknahmesysteme diverser Bekleidungsgeschäfte, auseinandersetzen, die zur Bedrohung traditioneller Altkleidersammlungen führen können. Auch die Folgen des immer größer werdenden Anteils der “billigen” Sammelware, die bei Discountern gekauft wird, gelte es im Auge zu behalten. Dies werde langfristig dazu beitragen, dass sich die Qualität der Sammelware in Zukunft noch weiter verschlechtere, so Wittmann.

Wichtigstes Ziel, um im Markt weiterhin bestehen zu können, sei unter anderem die Umsetzung der im KrWG geforderten, hochwertigen getrennten Erfassung und hochwertigen Verwertung. Um einen nachhaltigen Textilkreislauf gewährleisten zu können, hat der Fachverband Textilrecycling im bvse hierzu einen Arbeitskreis gegründet. Die Arbeitsgruppe, die sich Anfang Juni zur ersten konstituierenden Sitzung trifft, hat sich zur Aufgabe gemacht, Kriterien zur Hochwertigkeit bei der Erfassung, Sortierung und Verwertung von Alttextilien zu erstellen. Ziel ist, diese Kriterien als Richtlinien zusammenzustellen, die vor allem für Kommunen als sinnvolle Unterstützung bei öffentlichen Ausschreibungen im Altkleiderbereich dienen könnten.

Auch die technische Fortentwicklung der Aufbereitungsmethoden spielt für die hochwertige Behandlung eine immer bedeutendere Rolle. Bisher finden beispielsweise Reißfasern aus Textilabfällen nahezu ausschließlich Anwendung in der Verarbeitung zu Vliesstoffen für Isolation, Polsterung und Automobiltextilien. Doch sei unter anderem auch die Nutzung von Recyclingfasern in anderen Bereichen Forschungsgegenstand am Sächsischen Textilforschungsinstitut (stfi), wie Dipl.-Ing. Bernd Gulich in seinem Vortrag berichtete. Branchenexperte Martin Wittmann ergänzte, dass mittlerweile der Bereich der Faserrückgewinnung zunehmend auch in den Fokus der Modebranche rücke. Zum einen als ressourcenschonender und kostengünstiger Rohstoff für die Textilneuproduktion, zum anderen auch, weil gerade große Textildiscounter immer mehr daran interessiert sind, durch den Einsatz von Recyclingfasern ihr Markenimage in Bezug auf Umweltschonung und Nachhaltigkeit verbessern zu wollen.

Erntete Lob von (v. l.) Eric Rehbock, Klaus Löwer und Martin Wittmann: Michael Sigloch (2. v. r.), der das Amt des ersten Vorsitzenden des Fachverbandes Textilrecycling über 15 Jahre lang ausübte (Foto: bvse)

Erntete Lob von (v. l.) Eric Rehbock, Klaus Löwer und Martin Wittmann: Michael Sigloch (2. v. r.), der das Amt des ersten Vorsitzenden des Fachverbandes Textilrecycling über 15 Jahre lang ausübte (Foto: bvse)


Definitionen

Vorbereitung zur Wiederverwendung: jedes Verwertungsverfahren der Prüfung, Reinigung oder Reparatur, bei dem Abfälle, Produkte oder Bestandteile von Produkten, die von einer anerkannten Einrichtung für die Vorbereitung zur Wiederverwendung oder einem anerkannten Pfandsystem gesammelt wurden, so vorbereitet werden, dass sie ohne weitere Vorbehandlung wiederverwendet werden können.

Wiederverwendung: jedes Verfahren, bei dem Erzeugnisse oder Bestandteile, die keine Abfälle sind, wieder für den selben Zweck verwendet werden, für den sie ursprünglich bestimmt waren.

Recycling: jedes Verwertungsverfahren, durch das Abfallmaterialien zu Erzeugnissen, Materialien oder Stoffen entweder für den ursprünglichen Zweck oder für andere Zwecke aufbereitet werden.


Brigitte Weber

Foto: © SOEX GROUP

(EUR0616S14)