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BIR Weltkongress: Dunkle Wolken am Himmel über Berlin

Beim Weltkongress mit Ausstellung des Bureau of International Recycling (BIR) zeigte es sich, dass die aktuelle Lage der weltweiten Recyclingbranche ähnlich labil war wie das Wetter in Berlin. Sonnenschein, Gewitterluft und Regen schienen die Atmosphäre in den Fachsparten-Sitzungen widerzuspiegeln.

Dabei hatte Ranjit Baxi in seiner Eigenschaft als Präsident des Weltrecyclingverbandes durchaus Positives zu berichten. Sowohl in einem Gespräch mit Pressevertretern als auch während der Generalversammlung kündigte er an, dass das BIR die Vorreiterrolle bei der Bildung eines „Weltrats der Recyclingverbände“ übernehmen will. Ziel ist es, die Präsidenten der verschiedenen nationalen Recyclingverbände in einer Initiative zusammenzubringen, in der sie zusammenarbeiten können, um die Herausforderungen für den weltweiten Handel mit Recyclingmaterialien zu bewältigen.

Wie der BIR-Präsident weiter mitteilte, arbeitet der Weltrecyclingverband an der Einführung eines globalen „Recycling-Tages“. Damit sollen die Bedeutung des Recyclings und der Umweltbeitrag der Recyclingindustrie gefördert werden. In diesem Zusammenhang informierte er die Kongressteilnehmer aus 57 Ländern über den Umweltnutzen durch die internationalen Recyclingaktivitäten: 572 Millionen Tonnen an Treibhausgasen konnten in lediglich drei Bereichen (Eisen & Stahl sowie Aluminium und Kupfer) vermieden werden; bei Berücksichtigung aller sekundären Rohstoffe könnten es nach Baxis Schätzung deutlich über 700 Millionen Tonnen sein.

Auf die Stärken konzentrieren!

Aufmunterndes hörten die Anwesenden auch während der Sitzung der Fachsparte NE-Metalle, denn in seinem schwungvollen Vortrag riet Murat Bayram (European Metal Recycling, Großbritannien), die Branche solle sich auf ihre Stärken wie Sortierung, Aufbereitung und Logistik konzentrieren, anstatt zu versuchen, die künftigen Preisbewegungen vorauszusagen. In seiner Zusammenfassung der Lage, die von Fachsparten-Präsident David Chiao (Uni-All Group, USA) zuvor als „schwierige“ Phase für den Handel bezeichnet worden war, gab er seiner Überzeugung Ausdruck, dass – trotz der erfolgten Firmenschließungen und Insolvenzen – in der Branche eine weitere Konsolidierung notwendig ist. In diesem Zusammenhang hob er die Zunahme an Zahlungsrückständen in manchen Schlüsselmärkten hervor.

Aufgrund der kürzlich erfolgten Preiserholung bei Fe-Schrott seien die Erfassungsmengen nicht nur von Eisen- und Stahlschrott, sondern auch von NE-Metallen gestiegen, berichtete Murat Bayram. Allerdings bleibe die Materialverfügbarkeit in einigen Fällen – darunter Kupfer – „sehr gering“. Nach den Worten des Redners kann die NE-Metallbranche aber von vollen Auftragsbüchern im Hinblick auf die Sekundärrohstoffmärkte profitieren. Enorme Geschäftsmöglichkeiten sieht er im Iran, nachdem die Wirtschaftssanktionen gelockert worden sind. Das gilt seiner Ansicht nach sowohl für iranische und international tätige Unternehmen der Basismetallbranche als auch für Anbieter von Maschinen und Ausrüstungen.

Obwohl der sich abschwächende chinesische Markt einen entsprechenden Einfluss ausübt, sorgt nach Murat Bayrams Urteil das Wachstum im „sehr wichtigen“ indischen Markt für Zuversicht, ebenso die einigermaßen positiven Zeichen in Europa.

Die Volksrepublik China wird nach Einschätzung von Eugen Weinberg, Senior Commodity Analyst bei der Commerzbank AG in Frankfurt, auch weiterhin ein bedeutender Faktor in den Märkten bleiben, trotz der nach seiner Meinung eher „unzuverlässigen“ Wachstumsdaten und der enormen Überkapazität. Während der Podiumsdiskussion, die von Peter Dahmen (Metallgesellschaft Schoof & Haslacher) moderiert wurde, schlug Weinberg vor, dass sich der Rest der Welt schützen müsse, bis China seine Subventionen beende.

Auch Robert Fig, Leiter der Physical Market Sales bei der London Metal Exchange, hält China für „enorm wichtig“ im Hinblick auf die Metallindustrie und glaubt nicht, dass sich dies dramatisch ändern wird. Seinen Worten zufolge war die Einführung von Antidumpingzöllen in der Vergangenheit jedoch ein unbefriedigender Ansatz, zumal dies oft zu Vergeltungsmaßnahmen geführt habe und eine unprofitable Fertigung in anderen Ländern fördern könnte.

Versorgungsengpässe und geringe Margen

Wie ein roter Faden durch die meisten Märkte für rostfreie Stahlschrotte zöge sich das „extrem knappe“ Angebot bei stetig abnehmenden Margen, informierte Jonathan Bower (ELG Haniel Metals, Großbritannien) während der Sitzung des Komitees Rostfreie Stähle & Speziallegierungen. Zwar habe sich Indien in den zurückliegenden Monaten als besonders starker Markt für rostfreie Stahlschrotte erwiesen, aber vor dem Hintergrund der schwachen globalen Nachfrage sei das Kaufinteresse aufgrund der Absatzschwierigkeiten bei Fertigprodukten abgeflaut.

Bei dem Treffen unter der Leitung von Joost Van Kleef (Oryx Stainless, Niederlande) informierte Salvatore Pinizzotto, Direktor Market Research and Statistics bei der International Nickel Study Group (INSG), über Trends und Perspektiven des Nickel-Marktes. Seiner Prognose zufolge wird es in diesem Jahr ein „kleines“ Defizit im Umfang von etwa 49.000 Tonnen geben, nach den Überangeboten in den vorangegangenen vier Jahren. Die nachhaltige Reduktion in den beträchtlichen Lagerbeständen (79 Millionen Tonnen in 2015) habe eine Schlüsselfunktion für die Entwicklungen des Nickelpreises, so der Fachmann.

Pinizzotto unterstrich auch, dass Schrott als Nickel-Quelle in der Volksrepublik China 2015 nicht im Vordergrund stand. Im vergangenen Jahr hatte das Land einen Anteil von 52 Prozent am globalen Primärnickel-Verbrauch. Seiner Ansicht nach wird sich diese Entwicklung auch in diesem Jahr fortsetzen.

Dies wurde im Prinzip von der jüngsten Ausgabe des „BIR Stainless Steel & Special Alloys World Mirror“ bestätigt, die während der Veranstaltung in Berlin veröffentlicht wurde. Danach sprang Chinas Nickel-Nachfrage im ersten Quartal 2016 um fast 24 Prozent auf rund 250.000 Tonnen, wobei die Importe über die Hälfte der Gesamteinfuhren ausmachten.

Jason Schenker: Der Anstieg der Stahlpreise wird nicht von Dauer sein;  die Welt befindet sich in einer „Rezession des Vertrauens“ (Foto: B. Weber) [1]

Jason Schenker: Der Anstieg der Stahlpreise wird nicht von Dauer sein; die Welt befindet sich in einer „Rezession des Vertrauens“ (Foto: B. Weber)

Auf und Ab der Fe-Schrottpreise

Der jüngste Aufwärtstrend der Schrottpreise hat nach Auskunft des Präsidenten der Fachsparte Eisen & Stahl William Schmiedel (Sims Metal Management, USA) nicht lange genug angehalten, um das Sammelsystem hinreichend zu reparieren. Als Ergebnis gebe es kaum Hinweise auf einen Angebotsüberhang im Markt.

Hinzu kommt, dass die Schrottpreise in den ersten Monaten dieses Jahres eine Achterbahnfahrt vollzogen haben. Die türkischen Werke hatten ihre Preise für die Sorte HMS vom diesjährigen Tiefpreis von etwa 175 US-Dollar je Tonne auf gut 300 US-Dollar/Tonne  angehoben, was die Tatsache reflektierte, dass schon früher niedrige Preise die Erfassungsstruktur untergraben haben. Laut Schmiedel waren die chinesischen Knüppelpreise in einer kurzen Phase ähnlich beweglich: Sie stiegen auf ein 28-Monats-Hoch und fielen dann um 30 Prozent, bevor sie sich wieder etwas erholten. Wie der Fachspartenpräsident in diesem Zusammenhang betonte, trug die große Anzahl der an den chinesischen Terminbörsen gehandelten Verträge zur Unsicherheit im Markt bei.

In seinem regionalen Marktbericht wies Tom Bird (Mettalis Recycling, Vereinigtes Königreich) darauf hin, dass eine Woche eine lange Zeit im Schrottgeschäft ist. In den zurückliegenden Wochen habe man höhere Preise regis­trieren können, weil die Kunden von den „unzuverlässigen Knüppel-Lieferungen“ zum Eisen- und Stahlschrott zurückgekehrt waren.

Einige wichtige Abnehmer wie Tokyo Steel in Japan haben den Angaben zufolge im Mai die Preise gekürzt und im Juni wurden weitere Preisabschläge erwartet. Trotzdem zeigte sich Bird davon überzeugt, dass sich der Markt im Laufe des Jahres aufhellen und stabilisieren wird. Für einen Dämpfer dieser optimistischen Erwartungen sorgte jedoch der Vortrag von Jason Schenker, Gründer und Präsident des US-amerikanischen Forschungsunternehmens für Finanz- und Commodity-Märkte Prestige Economics. In seinem Ausblick für die Fe-Metalle konstatierte er, dass der Anstieg der Stahlpreise vielleicht nicht von Dauer sein werde. Die Welt befinde sich in einer „Rezession des Vertrauens“.

Das Wirtschaftswachstum verlangsame sich und die Voraussagen des Internationalen Währungsfonds seien zu hoch. Die Wachstumsprognosen für die Volksrepublik China (6,5 Prozent) zweifelte Jason Schenker ebenfalls an, zumal das Land nach seinen Erkenntnissen in den vorangegangenen 16 Monaten eine „Produktionsrezession“ erlebte. In den USA ist die Situation nach seiner Darstellung nicht viel besser, zumal die Produktionsdaten (Purchasing Managers‘ Index – PMI) seit Februar dieses Jahres Monat für Monat geschrumpft sind. Folgen eines solchen Abwärtstrends seien mehr Firmenkonkurse, eine zurückgehende Investitionstätigkeit und nicht ausgeführte Aufträge, was die Einlagerung erhöhe. Europa dagegen habe eine stabilere Basis, und die Eurozone erfahre ein moderates Wachstum.

Surendra Patawari Borad (3. v. l.) zeigte sich unglücklich über die Entscheidung der indischen Regierung, ein Einfuhrverbot für Altkunststoffe zu verhängen (Foto: B. Weber) [2]

Surendra Patawari Borad (3. v. l.) zeigte sich unglücklich über die Entscheidung der indischen Regierung, ein Einfuhrverbot für Altkunststoffe zu verhängen (Foto: B. Weber)

Handelsbeschränkungen für Altkunststoffe

Surendra Patawari Borad (Gemini Corporation NV, Belgien), Vorsitzender des Kunststoffkomitees, zeigte sich unglücklich über die Entscheidung der indischen Regierung, ein Einfuhrverbot für Altkunststoffe zu verhängen. Dies habe den Markt in eine Art „Schwebezustand“ versetzt und werde wahrscheinlich zum Abbau von Arbeitsplätzen führen, vor allem in jenen indischen Recyclingbetrieben, die auf die Lieferungen aus dem Ausland angewiesen sind, so der Fachmann, der seit 1989 mit Recyclingmaterialien handelt.

Das Importverbot für Altkunststoffe war laut Surendra Patawari Borad am 4. April dieses Jahres in der „Gazette of India“ (Anm. d. Red.: das „Amtsblatt“ der indischen Regierung) veröffentlicht worden; das BIR habe seine Mitglieder entsprechend informiert. Die neue Regelung würde seit Ende Mai vollstreckt. Alle Waren, die vor dem 4. April verladen worden seien, würden in Indien zollrechtlich abgefertigt. Güter, mit denen dies nach diesem Datum geschehen ist, dürften in Indien zwar entladen werden, aber die Importeure könnten sie nicht verarbeiten, bis weitere Bestimmungen vorliegen.

Ein ähnliches Importverbot könnte nach Angaben von Dr. Steve Wong (Fukutomi Co. Ltd, China) auch in der Volksrepublik drohen. Der geschäftsführende Präsident der China Scrap Plastics Association (CSPA) hält eine solche Maßnahme kurz- bis mittelfristig jedoch für unwahrscheinlich, zumal viele Stellen zustimmen müssen. Gleichzeitig seien die chinesischen Behörden aber bestrebt, Anlagen zu schließen, die den Umweltstandards im Hinblick auf Luft-, Boden- und Wasserschutz nicht entsprechen.

In Europa habe die Verfügbarkeit von Altkunststoffen enorm zugenommen und die Preise seien entsprechend gefallen, berichtete Patawari Borad. Marc-Antoine Belthé (Veolia Propreté) und Gastredner Stephan Schwarz (Alba Group) prognostizierten eine „robuste“ beziehungsweise steigende Nachfrage für Recyclingkunststoffe.

Die Mitglieder der Fachsparte Papier waren sich einig: Der Rückgang bei den grafischen Papieren wird sich auf viele Bereiche der Papierkette auswirken (Foto: B. Weber) [3]

Die Mitglieder der Fachsparte Papier waren sich einig: Der Rückgang bei den grafischen Papieren wird sich auf viele Bereiche der Papierkette auswirken (Foto: B. Weber)

„Wenig Spielraum“ im Altpapierbereich

Reinhold Schmidt (Recycling Karla Schmidt), Präsident der BIR-Fachsparte Papier, unterstrich den „strukturbedingten Mengenrückgang“ bei den grafischen Papieren, der ebenso wie die sich verändernde Zusammensetzung des Altpapiers Probleme nach sich ziehen werde, die auf viele Bereiche der Papierkette einwirkten. „Unsere Unternehmen stehen unter höchstem wirtschaftlichen Druck, der keinerlei Spielraum mehr lässt für eine weitere Verschlechterung“, sagte er, wobei er auch an die Ausschreibungspraxis in Deutschland dachte. Vielfach verhinderten unfaire Ausschreibungsbedingungen die Teilnahme von kleinen und mittelständischen Altpapierunternehmen, berichtete Schmidt.

In ihrer Eigenschaft als Präsidentin des Europäischen Altpapierrats (European Recovered Paper Association – ERPA) informierte Merja Helander (Lassila & Tikanoja, Finnland) über die jüngsten Entwicklungen. So wird die vierte Europäische Erklärung zur Wiederverwertung von Papier (2016 bis 2020), die im vergangenen Jahr veröffentlicht werden sollte, noch auf sich warten lassen, da die Verhandlungen nicht abgeschlossen sind.

Außerdem stellte Merja Helander fest, dass in der Papierindustrie manche Hersteller ihre Produktionslinien auf die Erzeugung von Verpackungspapieren umstellen. Dies geschehe mit einer Geschwindigkeit, die sie vermuten lasse, dass es auch in diesem Bereich eines Tages Überkapazitäten geben wird.


Rolf Willeke präsentierte die siebte Ausgabe von „World Steel Recycling in Figures“ (Foto: B. Weber) [4]

Rolf Willeke präsentierte die siebte Ausgabe von „World Steel Recycling in Figures“ (Foto: B. Weber)

Schrottrecycling in Zahlen

2015 nahm die globale Rohstahlproduktion im Vergleich zum Vorjahr um 2,9 Prozent auf 1,621 Milliarden Tonnen ab, informierte Rolf Willeke, Statistik-Beauftragter der Fachsparte Eisen & Stahl. Dabei war der Rückgang im Bereich der schrottintensiven Elektrolichtbogenofen-Produktion (minus 5,4 Prozent auf 403 Millionen Tonnen) größer als beim Output der Blasstahlkonverter, der lediglich um 2,3 Prozent auf rund 1,201 Milliarden Tonnen abfiel.

Nach den vorliegenden Zahlen sank der Schrottverbrauch 2015 weltweit, wobei die global eingesetzte Schrottmenge auf 555 Millionen Tonnen geschätzt wird (Vorjahr: 585 Millionen Tonnen). So setzten die Länder der EU-28 nach der Statistik 0,6 Prozent weniger Schrott ein, während die Volksrepublik China den Schrottverbrauch um 4,8 Prozent, die USA um 8,9 Prozent und Japan um neun Prozent drosselten. Selbst die Türkei reduzierte ihren Schrotteinsatz um 7,5 Prozent, Russland sogar um 10,4 Prozent.


Brigitte Weber

Foto: pixabay

(EUR0716S14)