Deutsche Kreislaufwirtschaft: Bedeutender als bislang angenommen

Elftausend Unternehmen, 70 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr, eine Bruttowertschöpfung von fast 25 Milliarden Euro und über 250.000 Beschäftigte – die Eckdaten der deutschen Kreislaufwirtschaft sind geläufig. Doch nicht alle Wertschöpfungsstufen der Branche sind jedem bekannt. Denn die Kreislaufwirtschaft hat eine deutlich größere Bedeutung für die deutsche Volkswirtschaft als bislang angenommen.

Die Verbände BDE, ITAD und VDMA gaben daher eine Studie in Auftrag, um die wirtschaftliche Bedeutung des Sektors umfassend transparent zu machen. Jetzt liegt das „Branchenbild der deutschen Kreislaufwirtschaft“ vor.

Knapp 400 Millionen Tonnen Abfälle wurden im Jahr 2013 in Abfallbehandlungsanlagen entsorgt. Der Anlagenpark setzt sich zusammen aus Aufbereitungs- und Sortieranlagen, mechanisch-biologischen oder rein biologischen Abfallbehandlungsanlagen, thermischen Abfallbehandlungs- und Feuerungsanlagen, Einrichtungen zur Entsorgung von bergbaulichen Abfällen sowie untertägigen Abbaustätten und schließlich reinen Deponien. Rund 4.300 Anlagen verwerten Abfälle nach Sortierung stofflich, 870 beseitigen sie thermisch. Laut Statistischem Bundesamt standen 2013 insgesamt 15.568 Abfallbehandlungsanlagen für Verwertung und Beseitigung zur Verfügung.

Eine Kreislaufwirtschaft, vier Sektoren

Die Kreislaufwirtschaft besteht aus vier Marktsegmenten:
■    Der Sektor Abfallsammlung, -transport und Straßenreinigung erzeugte in Deutschland im Jahr 2014 ein Umsatzvolumen von 14,506 Milliarden Euro. Die Bruttowertschöpfung betrug im letzten Jahr 7,985 Milliarden Euro, davon 5,61 Milliarden Euro durch Abfallsammlung und -transport und 2,38 Milliarden Euro durch Straßenreinigung. Insgesamt waren in diesem Segment über 77.000 Erwerbstätige beschäftigt.

■    Das bedeutendste Segment stellt mit 45 Prozent Anteil an der Kreislaufwirtschaft die Abfallbehandlung und -verwertung dar – mit einer Wachstumsrate von 15,6 Prozent in den Jahren 2010 bis 2014 und einem Umsatz von 32,1 Milliarden Euro im Jahr 2014. Die Bruttowertschöpfung weist einen Wert von 11,8 Milliarden Euro auf, wozu die stoffliche Verwertung mit 1.347 Milliarden Euro, die energetische Verwertung mit 1,753 Milliarden Euro und die Abfallbeseitigung mit 8,671 Milliarden Euro beitrug.

■    Das Marktsegment Technik stellt die technologische Ausrüstung der Abfallwirtschaft dar. Das Segment erzeugte 2014 ein Umsatzvolumen von 10,85 Milliarden Euro und erreichte 2015 eine Bruttowertschöpfung von 4,2 Milliarden Euro, die zu 71 Prozent aus dem Teilsegment der Anlagentechnik stammte. Im Einzelnen waren daran die Anlagentechnik mit rund drei Milliarden Euro, die Fahrzeugtechnik mit 468 Millionen Euro, der Teilbereich Sammel- und Transportbehälter mit 5.491 Millionen Euro und Forschung & Entwicklung mit 232 Millionen Euro beteiligt.

■    Im Bereich Großhandel mit Altmaterialien sind 3.622 Unternehmen mit 18.700 Erwerbstätigen beschäftigt, die einen Umsatz von 13,7 Milliarden Euro und eine Bruttowertschöpfung von 0,7 Milliarden Euro erwirtschafteten.

Außenhandelsüberschuss: 2,67 Milliarden Euro

Deutsche Technik für die Abfallwirtschaft ist international gefragt. Der Export von technischen Gütern und Sekundärrohstoffen in Höhe von 11,6 Milliarden Euro im Jahr 2015 nimmt einen hohen Stellenwert für die in der Kreislaufwirtschaft getätigten Umsätze ein. Die Liste der bedeutendsten Exportgüter der Kreislaufwirtschaft wird von zurückgewonnenen Sekundärrohstoffen wie Sekundäraluminium, Sekundärkupfer und Sekundäreisen angeführt. Die wichtigsten Handelspartner sind die USA, Frankreich und das Vereinigte Königreich, gefolgt von China und Italien. Somit erreicht die deutsche Abfallwirtschaft bei einem überdurchschnittlich hohen Weltmarktanteil von zehn Prozent einen Außenhandelsüberschuss von 2,67 Milliarden Euro. Insgesamt zählt heute die Kreislaufwirtschaft in Deutschland  mit rund 267.000 Beschäftigten, 70 Milliarden Euro  Umsatz und einer Bruttowertschöpfung von 25 Milliarden Euro zu den wichtigsten Branchen der bundesdeutschen Umweltwirtschaft, deren wirtschaftliche Entwicklung teilweise deutlich dynamischer verläuft als die Entwicklung der Gesamtwirtschaft.

Wertschöpfungsstufen der Kreislaufwirtschaft (Quelle: Klimaschutz durch Kreislaufwirtschaft e.V. = KlimaExpo.NRW)

Wertschöpfungsstufen der Kreislaufwirtschaft (Quelle: Klimaschutz durch Kreislaufwirtschaft e.V. = KlimaExpo.NRW)

Erfolgreiche stoffliche Verwertung

Auch die materiellen, rohstofflichen Erfolge der Branche können sich sehen lassen. So liegt die Recyclingquote bei Glasflaschen durch das Einschmelzen und Wiedereinsatz des Altglases bei nahezu 100 Prozent. Die Quote für das Recycling von Papier, Pappe und Karton bewegt sich zwischen 80 und 90 Prozent; zusammen mit der energetischen Nutzung wird eine Verwertungsquote von 96 Prozent erreicht. Auch der Nutzungsgrad der verschiedenen Eisenmetalle (Fe-Metalle) und Nichteisen-Metalle (NE-Metalle) liegt auf hohem bis sehr hohem Niveau. Im Jahr 2013 wurden an Bauschutt 80,9 Prozent aufbereitet und unter anderem recycelt; 10,4 Prozent wurden im Rahmen von Abgrabungen verfüllt, 3,3 Prozent auf Deponien verwertet, und nur 5,8 Prozent auf Deponien zur Beseitigung verbracht. An Kunststoffabfällen wurden alleine im Post-Consumer-Bereich – also bei gewerblichen Endverbrauchern und privaten Haushalten – von insgesamt 4.747.000 Tonnen 4.707.000 Tonnen verwertet. Im Bereich der Kunststofferzeuger und -verarbeiter wurden von 5.679.000 Tonnen an Abfällen lediglich 44.000 Tonnen beseitigt.

Aktiv in Energiewende und Klimaschutz

Neben stofflicher Verwertung trägt die Kreislaufwirtschaft auch einen Anteil zur Energieversorgung bei: Er speist sich aus der Behandlung von Altholz, Restabfall, Ersatzbrennstoff sowie Bio- und Grünabfällen und lässt sich auf 19 Millionen Megawattstunden pro Jahr beziffern – etwa drei Prozent der deutschen Stromerzeugung. Hinzu kommen 20,5 Millionen Megawattstunden an exportierter Heizwärme. Zu diesen Energiemengen fallen weitere 100 Millionen Megawattstunden zusätzlich ins Gewicht, die sich aus der Substitution von Primärrohstoffen und damit der Energieeinsparung durch stoffliches Recycling ergeben.

Erwähnenswert ist auch die Reduktion von Treibhausgasen: Hier trat im Bereich der Abfallwirtschaft die deutlichste Minderung auf. Demnach sanken die Emissionen im Sektor „Abfallwirtschaft und Sonstige“, den die Kreislaufwirtschaft zu 95 Prozent dominiert, seit 1990 um zwei Drittel und beträgt heute nur noch einen Anteil von etwa einem Prozent an den Gesamtemissionen Deutschlands.

Teil der internationalen Politik

„Die Kreislaufwirtschaft wird ein Teil der nationalen und internationalen Ressourcen-, Energie- und Klimaschutzpolitik“, urteilt das Branchenbild. An der Modernisierung der europäischen Abfallstrategie mitzuarbeiten, zählt folglich zu den Zukunftsaufgaben der deutschen Abfallwirtschaft. Dazu verfügt Deutschland über wichtiges technisches Know-how und nimmt in der internationalen  Kreislaufwirtschaft bereits seit langem eine Vorreiterrolle ein. Doch noch sind die einzelnen Mitgliedstaaten auf dem Weg zu einer gemeinsamen europäischen Kreislaufwirtschaft erst unterschiedlich weit vorangeschritten. Da man in allen EU-Ländern zusammengenommen 29 Prozent der Abfälle recycelt, 16 Prozent biologisch und 28 Prozent thermisch behandelt, wird in Europa immer noch mindestens ein Viertel aller Siedlungsabfälle deponiert. Daher stehen als wichtigste Maßnahmen an: die schrittweise Reduzierung der Deponierung von Abfällen und eine Begrenzung der Deponierung von Siedlungsabfällen, ein Deponierungsverbot für getrennt gesammelte Abfälle, die Festlegung von Getrennterfassungs- und Recycling-Zuführungsquoten für Siedlungsabfälle sowie Anforderungen an das Produktdesign hinsichtlich Wiederverwendung und Recyclingfähigkeit.

In der Vorreiterrolle

Peter Kurth, Präsident des BDE Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e.V., sieht die deutsche Kreislaufwirtschaft als Impuls- und Ideengeber für andere Staaten und betont ihre zentrale Rolle bei der Bewältigung der Herausforderungen, die sich aus globalen Megatrends resultieren: „Die Unternehmen der (deutschen) Kreislaufwirtschaft übernehmen eine Vorreiterrolle beim Wissenstransfer in andere EU-Länder und andere Teile der Welt. Sie spielen eine zentrale Rolle bei der Ressourcenschonung, der Energiewende und beim Klimaschutz. Um in diesen Bereichen in ganz Europa Erfolge zu erzielen, ist es allerdings dringend notwendig, die Deponierung von unbehandelten Abfällen europaweit zu verbieten.“ Dazu sind eindeutige politische Rahmenbedingungen erforderlich, um den wirtschaftlichen Betrieb und die gesicherte Auslastung der Anlagen zu gewährleisten.

Das Branchenbild kann unter https://bde.de/assets/public/Dokumente/Presse/2016/Branchenbild-2016.pdf heruntergeladen werden.

Foto: Andi Karg

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