Die Blase ist geplatzt

Im Berichtsmonat Juni musste der Schrotthandel einen Abschlag bezogen auf die im April erzielten Preisen je nach Werk und Sorte von fünf bis zehn Euro pro Tonne akzeptieren. Wegen des im Mai sehr uneinheitlichen Preisgefüges umfassten die Abschläge im Juni letztendlich eine Spanne von 40 bis 80 Euro pro Tonne, je nachdem wann und an welches Werk die Lieferanten im Mai verkauft hatten.

Ansatzlos folgte den noch Ende April bis Mitte Mai vorhandenen euphorischen Erwartungen des Schrotthandels die Katerstimmung. Wie Marktteilnehmer berichten, verliefen die Verhandlungen im Berichtsmonat Juni zum Teil recht zäh, denn einige Abnehmer ließen sich in diesem Käufermarkt viel Zeit für die Vertragsabschlüsse. Nachlaufende Mengen aus dem Vormonat sowie große, günstig angebotene Lose versperrten anderen Marktteilnehmern den Weg zu den Verbrauchern. Letztere wurden bei einem in der Regel normalen Bedarf ausreichend versorgt. Das Überangebot an Schrott, verbunden mit einer hohen Lieferbereitschaft, ermöglichte es der Abnehmerseite schließlich, die deutlichen Preiskorrekturen durchzusetzen. Einen erheblichen zusätzlichen Druck auf das Mengen- und Preisgefüge verursachten die vom 4. Mai bis zum 8. Juni abwesenden türkischen Nachfrager im europäischen Tiefseemarkt. Ebenso spielte das Einkaufsverhalten einiger Stahlwerke eine bedeutend Rolle, da sich beim Zukauf nicht überall langjährige Liefertreue auszahlte. Weil mittlerweile die Liquidität bei sehr vielen Händlern zu den wichtigsten Entscheidungsgrößen zählt, hatte der Absatz Priorität. Teile des Handels zeigten im Juni daher eine hohe Lieferbereitschaft, getreu dem Motto, dass der erste realisierte Verlust der geringste ist.

Obwohl ab dem 9. Mai abzusehen war, dass der Preishöhepunkt überschritten war, schafften es viele Marktteilnehmer nicht, die sinkenden Verkaufspreise zeitgleich an den Beschaffungsmarkt weiterzugeben beziehungsweise erlagen der allseits bekannten Tonnengier mit den damit verbundenen negativen Gewinnfolgen. Einige schätzten das Marktgeschehen zudem falsch ein. Aus Marktkreisen war zu hören, die gelagerten Mengen seien bei vielen Händlern im Juni höher als im Mai. Im Gegensatz dazu ist es den meisten Stahlerzeugern gelungen, ihre Margen innerhalb von drei Monaten deutlich zu verbessern. Sie konnten mindestens ab April steigende Verkaufspreise für ihre Fertigstähle durchsetzen und immer noch davon profitieren, als sie den Schrott bereits günstiger einkaufen konnten.

Deutschland, Basisjahr 2010 = 100, Quelle: Statistisches Bundesamt/Destatis

Deutschland, Basisjahr 2010 = 100, Quelle: Statistisches Bundesamt/Destatis

Nachbarländer

Schon Ende Mai machten die italienischen Verbraucher deutlich, im Juni nur noch Preise auf Aprilniveau bezahlen zu wollen. Händler berichteten von zähen Verhandlungen mit Abschlägen von fünf bis zehn Euro pro Tonne gegenüber den Aprilabschlüssen für deutsche Lieferanten. Einzelne Verbraucher bedienten sich wie schon in den Vormonaten verstärkt bei inländischen Anbietern. Größere Mengen wurden in Osteuropa und auf dem Balkan beschafft. In Frankreich, den Niederlanden und Belgien nahmen die Verbraucher ebenfalls die Preise auf das April­niveau zurück oder zahlten leicht schwächere Preise. Der Verbraucher in Luxemburg wollte ursprünglich 20 Euro unter dem Aprilpreis zahlen. Dieses Angebot waren die Lieferanten nicht bereit zu akzeptieren, sodass die Abschlüsse je nach Sorte letztlich bei einem Abschlag von bis zu 70 Euro pro Tonne lagen. Die Werke in der Schweiz reduzierten gegenüber deutschen Lieferanten die Preise um 60 bis 75 Euro pro Tonne. Die Lieferbereitschaft war sehr hoch.

Gießereien

Anfang des Monats waren bei Gießereien, die an keinen Index gebunden sind, Abschläge von zehn bis zwölf Euro pro Tonne im Gespräch. Letztlich senkten aber auch sie die Preise je nach Verbraucher und Sorte um 30 bis 40 Euro pro Tonne. Immer noch wird die Auslastung der Gießereien als sehr unterschiedlich beschrieben. Die einen sind so gut ausgelastet, dass der Handel zum Teil im Laufe des Monats noch Mengen nachliefern durfte; wieder andere machen Kurzarbeit und kämpfen ums Überleben. Die Roheisenpreise fallen im Sog der Schrottpreise und gewinnen somit an Attraktivität für die Verbraucher.

Quelle: bvse

Quelle: bvse

Drittlandmärkte

Seit dem 8. Juni haben türkische Verbraucher sehr verhalten damit begonnen, Mengen über den Tiefseemarkt zu beschaffen. Dabei ist es ihnen gelungen, die Preise seit dem Höchstpreis von Anfang Mai (siehe Grafik rechts) um knapp 100 US-Dollar pro Tonne zu senken. Der bvse schätzt, dass türkische Werke vom vorgenannten Datum bis zum Redaktionsschluss rund 520.000 Tonnen Schrott überwiegend im Baltikum und im Vereinigten Königreich gekauft haben. Die Verbraucher bestellten jedoch bei Weitem nicht die erwarteten Mengen, worauf die Exporteure reagierten und ihre Lager weitgehend räumten. Sie senken zudem schrittweise die Annahmepreise frei Tiefseelager. Ägypten zeigte starkes Interesse an europä­ischem Schrott und konnte von einigen Exporteuren als alternatives Ziel genutzt werden. Die den Lagern zuliefernden Kunden beklagten zum Teil das wenig kontinuierliche Einkaufsverhalten auf den Tiefseelagern, das jedoch der schwierigen Marktlage und der jeweils eigenen Absicherung geschuldet ist.

Schlussbemerkungen

Die Sommerzeit mit den obligatorischen Stillständen der Werke und dem ferienbedingt geringeren Schrottaufkommen steht an. Die vielen unterschiedlichen, auf die Preise und Mengen einwirkenden Parameter machen Vorhersagen mehr als schwierig. Die Meinung im Handel zur Entwicklung im Juli ist daher wegen der vielen Unwägbarkeiten dreigeteilt. Die einen können sich steigende Preise vorstellen, sofern die türkischen Verbraucher einen hohen Bedarf haben sollten. Denkbar sind genauso gut nochmals um zehn bis 15 Euro pro Tonne nachgebende Preise wegen des vorhandenen Überangebots. Wünschenswert zum Zwecke der Marktberuhigung wären unveränderte Preise, aber leider ist der Schrottmarkt kein Wunschkonzert.

Redaktionsschluss 22.06.2016, BG-J/bvse

(Alle Angaben/Zahlen ohne Gewähr)

(EUR0716S30)