Belgien will zum internationalen Recycling-Hub avancieren

Die Abfallentsorgungs- und Recyclingwirtschaft des Landes ist vor allem in der Region Flandern weit entwickelt. Doch stagniert insgesamt das Abfallaufkommen, und hohe Verwertungsquoten hemmen ebenfalls weiteres Wachstum. Abfälle sollen daher wieder vermehrt importiert und geschlossene Altdeponien zur Verwertung geöffnet werden.

Belgien hat den letzten Angaben nach im Jahr 2014 etwa 34,2 Prozent des kommunalen Abfallaufkommens recycelt und 21,0 Prozent kompostiert oder fermentiert. Weitere 43,6 Prozent des angefallenen Abfalls wurden der Verbrennung zugeführt. Das Abfallaufkommen pro Kopf belief sich auf 438 Kilogramm, 2013 waren es 441 Kilogramm. Und die nationale Gesetzgebung zur Abfallbehandlung setzt die EU-Richtlinien um. Die konkrete Ausgestaltung obliegt hier den drei Regionen, dem niederländisch-sprachigen Flandern, dem frankophonen Wallonien und der bilingualen Hauptstadtregion Brüssel.

In den Regionen führen die jeweilige Bevölkerungszahl und Wirtschaftsleistung zu sehr unterschiedlichen Abfallaufkommen. Im Jahr 2015 lebten in Flandern 6,5 Millionen Menschen, in Wallonien 3,6 Millionen und im Raum Brüssel 1,2 Millionen. Zudem lag das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf 2014 in der Region Brüssel um 75,1 Prozent und in Flandern um 1,4 Prozent über dem belgischen Mittelwert von 35.836 Euro. In Wallonien war es um 27,1 Prozent geringer als der Durchschnitt. So ist 2013 in Flandern mit 2,9 Millionen Tonnen fast doppelt so viel Abfall (187 Prozent) wie in Wallonien und beinahe das 6,5fache (642 Prozent) der Menge in Brüssel angefallen.

Verwertung in Flandern am höchsten

Darüber hinaus gibt es bedeutende regionale Unterschiede bei der Abfallbehandlung – sowohl hinsichtlich der Wiederverwertungsquoten als auch in Bezug auf die Größe der Anlagen. Flämische Entsorger haben 2013 insgesamt 62,9 Prozent des Abfallaufkommens recycelt, kompostiert oder fermentiert. Landesweiter Spitzenreiter war die Provinz Limburg mit einem Anteil von 71,0 Prozent. Deutlich geringere Raten erzielten im Vergleich Wallonien mit 45,1 und der Großraum Brüssel mit 26,2 Prozent. Andererseits hat die Hauptstadtregion 2013 etwa 70,4 Prozent ihrer Abfälle energetisch verwertet, während es in Wallonien 46,4 und in Flandern 36,4 Prozent waren.

Flandern ist gekennzeichnet von vielen, relativ kleinen Abfallbehandlungszentren. 2012 waren in der Region 515 Entsorgungsanlagen in Betrieb, die weder deponiert noch Energie erzeugt haben. Im Durchschnitt entsorgten diese Einrichtungen 2013 rund 3.500 Tonnen Abfall. Wallonien dagegen verfügte nur über 60 und die Region Brüssel lediglich über drei Abfallbehandlungszentren. 2013 wurden in den wallonischen Anlagen 11.500 Tonnen und in den Brüsseler Anlagen 39.100 Tonnen Abfälle verarbeitet. Ähnlich verhält es sich bei Müllverbrennungsanlagen zur Energiegewinnung: Von diesen gab es 2012 in Flandern 253, deren mittlere Jahreskapazität bei 14.400 Tonnen lag. Wallonien verfügte über 32 (Auslastung 2012: 87.300 Tonnen), und in Brüssel existiert bislang nur eine Müllverbrennungsanlage zur Energiegewinnung, die 2012 rund 535.000 Tonnen verwertete.

Einer neuen amtlichen Statistik zufolge wurden Glasabfälle in Belgien 2013 zu hundert Prozent und Metalle zu 97 Prozent wiederverwertet. Sehr hoch war mit 89 Prozent auch die Rate von Papier und Kartonagen. Holzrückstände wurden immerhin überwiegend erfasst (59 Prozent), Plastikabfälle hingegen noch zu weniger als zwei Fünfteln (39 Prozent) recycelt.

Ein Pilotprojekt, das Schule machen kann

Das bis dato „spektakulärste“ Investitionsprojekt in der belgischen Abfallwirtschaft ist eine 3,7 Milliarden Euro teure Raffinerie im Hafen Antwerpen, die das saudische Unternehmen ERS (Energy Recovery Systems) plant: Aus jährlich 3,5 Millionen Tonnen Abfällen sollen 1,2 Millionen Tonnen Urea und 645.000 Tonnen Ammoniak gewonnen werden. Etwa 400 Millionen Euro sollen außerdem im Hafen Gent in ein Kraftwerk mit einer Kapazität von 215 Megawatt fließen, das Agrarabfälle und andere Biomasse einsetzt. Investor ist das Unternehmen Belgian Eco Energy (BEE); als Betreiber in den ersten 15 Jahren ist der französische Veolia-Konzern im Gespräch.

Ein Pilotprojekt, das landesweit Schule machen kann, ist die Wiedereröffnung einer längst stillgelegten Deponie in Houthalen-Helchteren: Das Konsortium ELFM will 230 Millionen Euro in die Verwertung der rund 16 Millionen Tonnen Siedlungsabfälle, die dort abgelagert wurden, investieren. Die flämische Abfallagentur OVAM stellte in diesem Zusammenhang Ende 2015 die Ziele für die Verwertung von Haushalts- und vergleichbaren Industrieabfällen bis 2022 vor, welche auch als Grundlage für Projektentscheidungen dient.

Innovativ und organisiert

Für die Abfallentsorgung in Belgien sind die Städte und Gemeinden zuständig, die zur Umsetzung dieser Aufgabe meist in Kommunalverbänden zusammengeschlossen sind. Hersteller und Händler müssen Verkaufsverpackungen sowie Elektro(nik)altgeräte zurücknehmen. Um dieser Verpflichtung nachzukommen, haben die betroffenen Unternehmen landesweite Organisationen geschaffen. Die wichtigsten sind Fost Plus für Haushaltsabfälle (www.fostplus.be), Val i Pac für industrielle Rückstände (www.valipac.be) und Recubel für Elektro- und Elektronikschrott (www.recubel.be).

Im Jahr 2013 waren in Belgien 937 Unternehmen in der Abfallentsorgungs- und Recyclingwirtschaft tätig – zehn Anbieter weniger als 2012 und 32 weniger als 2010, dem Höchststand der letzten Jahre. Dagegen stieg der Umsatz des Sektors 2013 leicht um einen Prozentpunkt auf 5,9 Milliarden Euro. Die Beschäftigtenzahl nahm deutlich um 5,7 Prozent auf 16.000 Mitarbeiter zu. Die Branche gilt als innovativ und ist in nationalen und regionalen Verbänden organisiert. Zu nennen sind hier die gesamtbelgischen Verbände Coberec und Febem, der flämische Cleantech-Verband FCA oder die Cluster Greenwin in Wallonien und Brussels Greentech in der Hauptstadtregion.

Ein attraktiver Standort

Grundsätzlich ist Belgien auch für ausländische Investoren ein attraktiver Standort, wie das Beispiel der Raffinerie in Antwerpen zeigt. Internationale Konzerne wie Veolia haben vielerorts eine starke Marktposition. Allerdings ist der hohe Entwicklungsstand der Kreislaufwirtschaft bereits ein Hemmnis für weiteres Wachstum: Das Abfallaufkommen stagniert und die Recyclingquoten bei vielen Wertstoffen sind schon vollständig oder in sehr hohem Maße ausgereizt.

Das flämische Logistikinstitut VIL 2015 hat daher zusammen mit der regionalen Umweltagentur OVAM und 27 Häfen, Unternehmen und Vereinigungen – darunter BASF und Agfa – das Projekt „Flanders Recycling Hub“ (http://vil.be/project/flanders-recycling-hub) gestartet. Ziel ist es, Abfall zu importieren, umzuwandeln und den gewonnenen Wertstoff zu nutzen beziehungsweise zu exportieren. Bereits deponierter Abfall soll ebenfalls getrennt und verwertet werden.

Was zu beachten ist

Beim Markteinstieg sind die Mehrsprachigkeit und die regional unterschiedlichen Ausprägungen der Entsorgungswirtschaft zu beachten. Zuständig für die flämische Abfallpolitik ist die Öffentliche Abfallagentur Flanderns OVAM (Openbare Vlaamse Afvalstoffenmaatschappij). In Wallonien obliegt dies innerhalb der Regionalregierung der Operationellen Generaldirektion für Landwirtschaft, Naturressourcen und Umwelt (Direction Générale opérationnelle de l‘Agriculture, des Ressources Naturelles et de l‘Environnement). In der belgischen Hauptstadtregion heißt die entsprechende Institution Bruxelles Environnement beziehungsweise Leefmilieu Brussels.

Die öffentliche Vergabe erfolgt in der jeweiligen Amtssprache vor Ort. Ausschreibungen können in der Datenbank www.govex.be abgerufen werden. Mit dem Joint Electronic Public Procurement (JEPP) hat die Föderalregierung auf www.publicprocurement.be ein Portal für alle Institutionen geschaffen. Ab den Schwellenwerten macht Belgien öffentliche Ausschreibungen auch in der TED-Datenbank der EU bekannt. Das Anmelde- und Registrierungsverfahren ist dabei komplex. Einen umfassenden Service – auch zu steuerlichen Fragen – bietet hierzu die AHK Debelux an  www.debelux.ahk.de. Ausführliche Informationen zum Wirtschafts- und Steuerrecht stehen zudem unter www.gtai.de/recht sowie zu Einfuhrregelungen, Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen unter www.gtai.de/zoll zur Verfügung.

Verfasser: Torsten Pauly
Quelle: Germany Trade & Invest

Foto: pixabay

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