Eine Welt ohne Abfall – Vision oder Illusion?

Was ist durch Entsorgungstechnologien schon heute erreicht und welche Fortschritte sind für die Zukunft denkbar? Die Podiumsdiskussion – eine der ersten auf der diesjährigen IFAT – sollte den Blick schärfen für die „geopolitische Bedeutung eines nachhaltigen Abfallmanagements“. Den „Zukunftsdialog“ der vier Experten moderierte die ZDF-Journalistin Gundula Gause.

„Social Plastic“ nennt der Kanadier David Katz sein System, das die Umwelt von Kunststoffabfällen befreien und gleichzeitig Menschen ein Einkommen ermöglichen soll. Das System ist denkbar einfach: Menschen sammeln das Plastik an Stränden, in Städten oder in ihrer unmittelbaren Umgebung, allerdings nicht auf Deponien. Sie bringen es zu einer der Annahmestellen der „Plastic Bank“ und erhalten dafür einen festgelegten Preis, Internet-Zugang oder Stromkontingente. Die Annahmestelle kauft das Material auf und lässt es abtransportieren; das Plastic Bank-Unternehmen kümmert sich um die Weiterbehandlung und verkauft die Wertstoffe unter der Marke „Social Plastic“ schließlich an Markenhersteller, die die soziale Komponente des Handels vermarkten können.

David Katz (Foto: Dr. Jürgen Kroll)

David Katz (Foto: Dr. Jürgen Kroll)

David Katz‘ Vision: „Wenn wir den Wert im Kunststoff aufdecken, machen wir ihn zu wertvoll, um ihn wegzuwerfen. Und wenn wir die Menschen den Wert erkennen lassen, können wir das Potenzial der am meisten auf der Welt Enttäuschten freisetzen und ihnen eine Plattform geben, um ihren Lebensstandard zu verbessern.“ Elftausend Personen sollen in das System eingebunden sein, mit weiteren Zehntausenden wird gerechnet. Vor einem Jahr hatten sich bereits 400 Menschen in 70 Ländern dafür eingesetzt, dass ein Social Plastic-Recycling-Markt in ihrer Region betrieben wird. David Katz: „Was wir tun, tun wir für die Menschen.“

Den Stoffen einen Preis geben

Für die Chefredakteurin der Umweltzeitschrift zeozwei, Hanna Gersmann, ist die Wirtschaft schon weiter als die Politik: Sie spricht von Sekundärrohstoffen und nicht von Müll, von Stromstoffmanagement und nicht von Entsorgung. Es sei Aufgabe der Politik, die vorhandenen Ideen umzusetzen oder neue zu entwickeln; mit verschiedenfarbigen Mülltonnen sei niemandem geholfen. Man müsse den Stoffen einen Preis geben und Rohstoffe wertvoller machen, beispielsweise über eine Ressourcensteuer wie im Vereinigten Königreich oder in Schweden. Oder indem Produkte mit höherem Rezyklatanteil einen verminderten Mehrwertsteuersatz genießen. Dazu seien gesetzliche Vorgaben nötig.

 Hanna Gersmann und Michael Anane (Foto: Dr. Jürgen Kroll)

Hanna Gersmann und Michael Anane (Foto: Dr. Jürgen Kroll)

Um global auf eine bessere Kreislaufwirtschaft zuzusteuern, erscheint für Hanna Gersmann weniger die Technik, wie sie auf der IFAT gezeigt wurde, als vielmehr der gezieltere Umgang mit Abfällen vonnöten. Wo vorhanden, müsse der informelle Sektor zur Abfalltrennung einbezogen und beibehalten werden: Mit dessen Hilfe könnten je nach Land und Abfallzusammensetzung die Materialien zunächst einmal ganz einfach getrennt werden: in trockene und feuchte Abfälle separiert, das Papier ausgesondert und das Glas erfasst. Dort, wo es noch keine oder keine getrennte Sammlung gibt, bedarf es nur einfacher Systeme und zusätzlicher Aufklärung der Bevölkerung. Dazu zählt auch die Verbesserung der Dekonstruktionsbedingungen, indem zum Beispiel dem informellen Sektor Kleinkredite angeboten werden, um kleine Firmen zu gründen, die die Materialien nicht mehr im Hinterhof unter gefährlichen Arbeitsbedingungen behandeln müssen. Bestehende Sammelsysteme lassen sich laut Hanna Gersmann – unter Zuhilfenahme von maschineller Technik – immer verbessern, aber noch fehle es an finanziellen Anreizen, sie einzusetzen.

Durch technische Innovationen und Bildung

Michael Anane, unabhängiger Umweltjournalist und Aktivist aus Ghana, wünscht sich eine „Welt ohne Abfälle“; sie wäre möglich durch sauberen technische Innovationen und mehr öffentliche Bewusstseinsbildung. Darüber hinaus fordert er ein Design für Produkte, die langlebig, einfach zu reparieren, leicht zu sammeln und problemlos zu recyceln sind.

In Ghana bestehen nach seiner Darstellung bislang weder geordnetes Recycling noch geeignete Entsorgungseinrichtungen; offenes Deponieren ist die häufigste Entsorgungsform. Daher besteht Bedarf nach geeigneten Einrichtungen, um beispielsweise Glas von Monitoren ohne Umweltbelastung durch Verbrennung zu gewinnen. Und Bedarf nach Investitionen in saubere Sammel- und Rückgewinnungssysteme. Er schließt auch eine Zusammenarbeit nicht aus, beispielsweise in Form von partnerschaftlichen Unternehmen mit ausländischen Gesellschaften oder mit Tochterunternehmen in Afrika oder anderen afrikanischen Ländern. Das grundlegende Problem, so Anane, besteht jedoch in illegalen Exporten aus den Niederlanden, Deutschland, UK oder den USA – insgesamt 500 Containerladungen jeden Monat.

Vermeidung als Innovationschance

Für eine Welt ohne Abfälle tritt auch Michael Braungart ein – vielgefragter sowie vielreisender Chemiker und Mitent­wickler des Cradle-to-Cradle-Konzepts. Für ihn stellt die Vermeidung von Abfällen die „größte Innovationschance dar, die wir Europäer haben“. Doch hätten 25 Jahre Grüner Punkt nichts gebracht: Verpackungen seien noch genauso umweltschädlich, wie sie vordem waren. Nach seiner Meinung wurde viel Geld fürs Recycling ausgegeben und nichts für die Umwelt erreicht, weil die Entwicklung auf halbem Weg stehen geblieben sei. Zwar räumt Braungart ein, dass die Abfallindustrie teilweise mehr über den Zusammensetzung elektrischer Geräte weiß, weil sie sich mit ihnen beschäftigt, als deren Hersteller, die die Komponenten lediglich aus aller Welt zusammenkaufen. Doch selbst Umicore würde von den 41 Elementen, die in Handys verbaut sind, nur neun zurückgewinnen – und das seien nicht die wertvollsten.

Gundula Gause und Michael Braungart (Foto: Dr. Jürgen Kroll)

Gundula Gause und Michael Braungart (Foto: Dr. Jürgen Kroll)

Es sei widersinnig, Möbel-Kataloge mit 90 giftigen Sub­stanzen in China drucken zu lassen, nach Deutschland zu importieren, sie hier mit aufwändiger Spitzentechnologie zu recyceln und zu resümieren: „Der Standort ist zu teuer.“ Anstatt von vornherein festzulegen, dass Papier ein biologisches Material ist und kompostierbar sein sollte. Daher müsste seit Bestehen der Buchdruckerkunst, als noch Kobalt, Mangan oder Cadmium für die Farben verwendet werden, bedrucktes Papier eigentlich als Sonderabfall eingestuft werden. Nicht einmal Toilettenpapier sei auf Abwasser eingestellt: Mit jedem Kilogramm Toilettenpapier würden eine Million Liter Wasser kontaminiert, da das Material über der Trinkwassergrenzwert liege.

Definierte Nutzungszeiten statt Müll

Auf die Frage, wie aus europäischer Sicht das Abfallproblem in Entwicklungsländern gelöst werden könne, antwortete Michael Braungart: „Wir sind das Problem!“ Und fragt: „Warum soll der Kunde Eigentümer von abfallträchtigen Produkten werden, wo er doch nur eine Dienstleistung haben will?“

Braungart plädiert für „definierte Nutzungszeiten“ von Dienstleistungen. Würden wir demnach als Kunden keine Geräte mit 4.360 Chemikalien, sondern die Dienstleistung Fernsehen kaufen, und würden wir anstelle einer Waschmaschine mit 150 billigen und kaum recycelbaren Plastiksorten die Dienstleistung 3000mal Waschen bezahlen: Dann würden sich die Hersteller um besser recycelbare Materialien kümmern und von selbst danach trachten, Obsoleszenzen, Sollbruchstellen und andere unnötige Abfälle zu vermeiden. Und der illegale Export von Abfällen würde sich von alleine erübrigen.

Photo: sveta / fotolia.com

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