PVC: „Weichmacher gefährden nicht das Recycling“

Diese Botschaft zu vermitteln, war unter anderem das Ziel einer Journalistenreise, an der insgesamt zehn Presse­vertreter aus fünf EU-Ländern teilnahmen.

Während der Europäische Verband für Weichmacher und Zwischenprodukte (ECPI – European Council for Plasticisers and Intermediates) als Gastgeber fungierte, wurde die zweitägige Informationstour von VinylPlus (einer Initiative der europäischen PVC-Industrie zur nachhaltigen Entwicklung des Werkstoffs) gesponsert. Auf dem Programm standen nicht nur Auskünfte über den Lebenszyklus und die Nachhaltigkeit flexibler PVC-Produkte, sondern auch Besuche bei Firmen.

Bei der Mehler Texnologies GmbH in Hückelhoven, einem Erzeuger von PVC-Beschichtungen und technischen Textilien, lernten die Journalisten die entsprechenden Produktionsprozesse kennen und erfuhren, dass die am häufigsten vorkommenden Weichmacher Ester sind, die durch die Reaktion eines Alkohols mit einer Säure beziehungsweise einem Säurehydrid produziert werden. Den Angaben zufolge werden mehr als 90 Prozent aller heute in Europa verwendeten Weichmacher in Weich-PVC-Anwendungen (zum Beispiel Ummantelung von Kabeln, Dachbahnen, Fußböden, Wandverkleidungen) eingesetzt. Während viele Weichmacher weder unter REACH (Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals) registriert noch für die Klassifizierung oder eine Risikobewertung untersucht worden sind, landeten niedermolekulare Orthophthalate wie DEHP (Bis (2-ethylhexyl)phthalat) auf der REACH-Kandidatenliste, weil die Substanz als fortpflanzungsschädigend eingestuft ist.

DEHP ist nach den ECPI-Angaben weltweit mit einem Anteil von fast 40 Prozent am globalen Verbrauch (8,4 Millionen Tonnen) der meist verwendete Weichmacher, zumal sein Einsatz in Asien, Afrika und Lateinamerika weit verbreitet ist. Über importierte Produkte aus den entsprechenden Regionen gelangt DEHP nach Europa. Die Substanz spielt im europäischen Markt jedoch eine untergeordnete Rolle, weil von der jährlich verbrauchten Menge an Weichmachern (1,3 Millionen Tonnen) DEHP einen Anteil von zehn Prozent ausmacht – Tendenz sinkend.

Recycling von PVC-Bodenbelägen

Am zweiten Tag hatten die Journalisten Gelegenheit, die Recyclinganlage der AgPR (Arbeitsgemeinschaft PVC-Bodenbelag Recycling) in Troisdorf zu besichtigen. Hier erklärte Thomas Hülsmann, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt (AgPU), den Ablauf des Recyclingprozesses bis hin zum Rezyklat: Die sortierten Bodenbeläge werden zunächst zerkleinert und von Metallen sowie Estrich- und Kleberresten befreit, bevor sie für die Feinmahlung mit flüssigem Stickstoff auf eine Temperatur von minus 40 Grad Celsius gekühlt werden. Die spröden PVC-Chips gelangen dann in eine Feinmühle, die sie als Partikel mit einem Durchmesser von 0,4 Millimetern verlassen. Abgefüllt in Big Bags wird das Material unter anderem an die Gesellschafter der AgPR geliefert und dort bei Eignung zur Produktion neuer PVC-Bodenbeläge genutzt.

Nach AgPU-Angaben konnte VinylPlus über das europäische Netzwerk von mehr als 170 Recyclingpartnern im Jahr 2015 insgesamt 514.913 Tonnen PVC in den Materialkreislauf zurückführen. Ziel sei es, im Jahr 2020 in Europa 800.000 Tonnen Alt-PVC zu verwerten.

Foto: ECPI

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Vorläufige Zulassung in Europa

Nach Angaben des Umweltbundesamtes ist der Weichmacher Bis (2-ethylhexyl)phthalat (DEHP) aufgrund seiner fortpflanzungsschädigenden Eigenschaften in der Kategorie 1B eingestuft. DEHP ist auf Vorschlag von Schweden seit dem 28. Oktober 2008 nach Artikel 57 (c) der REACH Verordnung als Substanz mit besonders besorgniserregenden Eigenschaften in der REACH Kandidatenliste gelistet. Als nächster Schritt erfolgte im Februar 2011 die Aufnahme von DEHP in die Liste der zulassungspflichtigen Stoffe (REACH Anhang XIV).

Wie die deutsche Behörde weiter mitteilt, darf DEHP (seit dem 21. Februar 2015) daher innerhalb der EU nicht mehr ohne Zulassung der EU-Kommission verwendet werden. Die Firma Rolls-Royce hatte am 20. Mai 2013 einen Zulassungsantrag für eine spezielle industrielle Verwendung von DEHP eingereicht: Es werde in relativ geringen Mengen (circa fünf Gewichtsprozent) in Kunststoffformulierungen beim Herstellungsprozess von Triebwerksschaufeln für Flugzeuge eingesetzt. Die Substanz werde dabei weitgehend beim Herstellungsprozess thermisch zerstört und die Gesamtmenge an eingesetztem DEHP liege bei knapp unter einer Tonne pro Jahr.

In seiner Stellungnahme kam der Ausschuss für Risikobewertung (RAC) der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) zu dem Schluss, dass für DEHP ein sicherer Grenzwert (DNEL) für den Schutz von Arbeitern abgeleitet werden kann und die vom Registranten (Rolls-Royce) vorgeschlagenen Arbeitsschutzmaßnahmen ausreichten, um das Risiko angemessen zu kontrollieren. Aufgrund der Anwendung im geschlossenen System und der Zersetzung des DEHP während der Herstellung der Triebwerksschaufeln bewertet der RAC den Eintrag in die Umwelt der Chemikalie als vernachlässigbar. „Monitoringdaten des Registranten zeigen ergänzend, dass an einer Produktionsanlage von Rolls Royce keine Emissionen von DEHP über Abwasser und Abgase nachweisbar sind“, so das UBA. Der Ausschuss für die sozioökonomische Bewertung (SEAC) der ECHA begründet seine Befürwortung der Zulassung mit dem Fehlen von geeigneten Alternativstoffen, berichtet das UBA. Der Registrant teste noch zwei Stoffe als Substitute für DEHP mit geringerem Gefahrenpotenzial. Der SEAC schlage deshalb bis zum Vorliegen dieser Daten eine Übergangsfrist für die Verwendung von DEHP von sieben Jahren vor.

Wie die Organisation ECPI im Mai dieses Jahres mitteilte, hat das REACH-Komitee auch das Recycling von Weich-PVC mit DEHP autorisiert. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.plasticisers.org/mediaroom/91/57/The-plasticisers-industry-calls-for-regulatory-predictability-to-enable-protection-of-consumer-health-as-well-as-competitiveness-and-growth


Brigitte Weber

Foto: ECPI

(EUR0916S6)