Niederländische Kreislaufwirtschaft konsolidiert sich

Sinkendes Abfallaufkommen und Preisdruck setzten den Branchenunternehmen infolge der Wirtschaftskrise schwer zu. Mittlerweile entspannt sich wieder die Lage. Die Recyclingquoten liegen aber weiter unter dem EU-Durchschnitt. 

Die niederländische Wirtschaft ist 2014 mit einer Zunahme des Bruttoinlandprodukts um 1,0 Prozent auf den Wachstumskurs zurückgekehrt. Die Dynamik legte 2015 mit einem Plus von 1,9 Prozent weiter zu, und auch für 2016 ist ein Wachstum von 1,8 Prozent prognostiziert. Mit leichter Verzögerung reagiert die Entsorgungsbranche auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung: Noch immer spüren niederländische Unternehmen der Abfallwirtschaft die Nachwirkungen der Wirtschaftskrise und sind einem hohen Preisdruck ausgesetzt. Seit dem Jahr 2000 hat sich das Abfallaufkommen in den Niederlanden bei rund 60 Millionen Tonnen pro Jahr eingependelt. Zwischen 1985 und 2000 war das Volumen noch konstant gestiegen – um insgesamt 27 Prozent. Der Bausektor ist mit einem Anteil von etwa 40 Prozent am gesamten Aufkommen der größte Abfallproduzent, gefolgt von der Industrie mit 15 Millionen Tonnen – 25 Prozent des Gesamtvolumens.

Waste-to-Energy-Anlagen setzen auf Importe

Die rückläufige Abfallmenge führte zu Überkapazitäten, insbesondere bei den insgesamt zwölf Waste-to-Energy-Anlagen des Landes. Um die Kapazitäten auszulasten, sind Einfuhren in den letzten Jahren stärker in den Vordergrund gerückt. Die Niederlande entwickelten sich zum führenden Abfallimporteur innerhalb der Europäischen Union. Der Großteil der Abfälle kommt aus dem Vereinigten Königreich.

Die zwölf Anlagen haben eine Verbrennungskapazität von insgesamt 7,5 Millionen Tonnen. Einige Anlagen beziehen 30 Prozent ihrer Kapazität aus dem Ausland. Laut Eurostat wurden 2014 fast 50 Prozent der behandelten Siedlungsabfälle verbrannt. Damit liegen die Niederlande deutlich über dem EU-Durchschnitt von 27 Prozent. Im Zeitraum 2008 bis 2013 nahmen die gewerblichen Abfallströme stark ab, während die Kapazitäten der Verbrennungsanlagen kaum verringert wurden. Die Margen der Unternehmen, die Haushalts- und Gewerbeabfälle einsammeln, stiegen in dieser Zeit. Erst im Herbst 2015 kamen langsam positive Signale aus dem Entsorgungsmarkt, und die Tarife in der Verarbeitung zeigen wieder eine steigende Tendenz, wie Adrian Visser, Direktor der Dusseldorp Groep, bestätigt.


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Sieben Milliarden Euro Umsatz

Eine Entwicklung, welche die Unternehmen der Abfallwirtschaft beschäftigt, ist die strukturelle Verminderung von Abfallströmen. Traditionelle Betriebe leiden unter den sinkenden Volumina. Allerdings entstehen daraus auch Chancen für Spezialisten, die etwa Textilien, Papier und Kunststoffe wiederverwerten. Der Recyclinganteil bei Siedlungsabfällen lag 2014 in den Niederlanden mit 24 Prozent leicht unter dem EU-Durchschnitt und sehr deutlich unter dem Niveau von Deutschland von 47 Prozent. Die Erhebung von Eurostat schließt Abfälle von Gewerbetreibenden und öffentlichen Einrichtungen ein. Werden ausschließlich die Haushaltsabfälle betrachtet, so liegt der Recyclinganteil laut offiziellen Statistiken bei 50 Prozent. Angaben des Branchenverbandes Vereniging Afvallbedrijven (VA) zufolge beträgt der Umsatz des Abfallsektors etwa sieben Milliarden Euro jährlich. Rund 7,5 Millionen Haushalte im Land hinterlassen 8,3 Millionen Tonnen Abfälle im Jahr. Die Energie, die aus Abfällen gewonnen wird, hat einen Anteil von 19 Prozent an der Stromerzeugung. Die gesamte Branche bietet circa 30.000 Arbeitsplätze. In den Niederlanden bestehen ein System der Abfalltrennung (Holsystem) und ein Bringsystem (über Pfand etc.). Die großen Metropolen Amsterdam, Rotterdam und Utrecht gelten als Vorreiter in der Anwendung von innovativen Verwertungsmethoden. Die abfallpolitischen Ziele der Niederlande sind im National Waste Management Plan (LAP2) festgeschrieben (www.lap2.nl). Der Plan war auf den Zeitraum 2009 bis 2015 ausgelegt mit Ausblick bis 2021. Die Schwerpunkte liegen darin, das Abfallaufkommen zu reduzieren, die Recyclingquote zu erhöhen und das Deponieren von brennbaren Abfällen auf ein Nullniveau zu bringen. Der neue Plan befindet sich aktuell in der Ausarbeitung und soll ab 2017 in Kraft treten.

Übernahmewelle rollt weiter

Im niederländischen Abfallsektor häufen sich derzeit Fusionen und Übernahmen. Selten fanden so viele Versteigerungen und Verkäufe von Abfallentsorgungs- und bearbeitungsunternehmen, sowohl auf nationaler als auch auf regionaler Ebene, statt. Auch nach der Fusionswelle gehören die Unternehmen Suez Nederland (früher Sita Nederland), Shanks und van Gansewinkel sowie Attero en AVR (Verbrennung von Haushalts- und Industrieabfällen) zu den führenden Firmen. Zusammen erwirtschaften diese vier Anbieter einen Anteil von etwa 40 Prozent am Gesamtumsatz.

Der Markt für Energieerzeugung aus Abfällen ist stark konzentriert. Führend sind die Unternehmen Allero, Van Gansewinkel Groep und AEB (Afval Energie Bedrijf). Die drei Akteure erzielen zusammen einen Marktanteil von 70 Prozent. Bei den Deponiebetrieben halten große Unternehmen zusammen einen Anteil von 50 Prozent. Die übrigen 50 Prozent werden von kleinen, regionalen Unternehmen bedient. Die Entsorgung und Rückgewinnung kommunaler Abfälle obliegt per Gesetz den Gemeinden und wird durch Regiebetriebe oder in sehr seltenen Fällen in Form von Public-private-Partnerships (PPP) durchgeführt. Die Struktur der Abfall- und Recyclingbranche der Niederlande unterscheidet sich zum Beispiel von der deutschen vor allem durch die unterschiedliche Bedeutung öffentlicher und privater Akteure. Während in Deutschland ein bedeutender Anteil öffentlicher Unternehmen aktiv ist, dominieren in den Niederlanden private Anbieter.

recycling-gorinchemFair und transparent

In den Niederlanden richtet sich die Vergabepraxis im öffentlichen Sektor nach den Vorschriften der EU. Ausschreibungen gelten als transparent und fair. Für kommunale und nationale Abfallwirtschaftsvorhaben finden diese ab der vorgeschriebenen Grenze EU-weit statt. Ausschreibungen kommunaler und staatlicher Auftraggeber im Bereich von Kunststoffrecycling und bei Verpackungsabfällen führt die private Stiftung Nedvang durch. Das Networking hat eine große Bedeutung im niederländischen Geschäftsleben. So bietet sich der Besuch von Fachveranstaltungen auch in kleinerem Rahmen an. Hierzu gehört die Fachveranstaltung „Recycling“ (http://booking.evenementenhal.nl/nl/recycling-2016/gorinchem/exposant), die in diesem Jahr vom 25. bis 27. Oktober stattfindet.

Verfasserin: Marte-Marie Diewitz
Quelle: Germany Trade & Invest

Foto: pixabay

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