Die Ökonomie des Teilens – Ein Modell auch für die Recyclingwirtschaft?

Wenn Ressourcen nicht dauerhaft benötigt werden und die Nutzung von zur Verfügung gestelltem Eigentum zeitlich begrenzt ist: Der US-amerikanische Soziologe, Ökonom und Publizist Jeremy Rifkin geht davon aus, dass die Ökonomie des Teilens unser Wirtschaftssystem verändern wird. 

Schon im Jahr 2000 prophezeite der Vorsitzende der Foundation on Economic Trends in Washington D.C. und Berater der Europäischen Kommission, dass die Anbieter der „Neuen Ökonomie“ ihr Eigentum behalten werden. Sie würden es verpachten und vermieten oder auch Zugangsgebühren, Abonnements- oder Mitgliedsbeiträge für seinen befristeten Gebrauch erheben. Der Austausch von Eigentum zwischen Verkäufern und Käufern werde abgelöst vom kurzfristigen Zugang.

Das Ende des Kapitalismus?

Jeremy Rifkin prägte damals den Begriff „Zugangsgesellschaft“ (Access Society) und verbindet damit ein Gesellschaftsmodell des kulturellen Wandels durch die digitalen, global vernetzten Medien als Voraussetzung für die „dritte industrielle Revolution“, die am Ende den Kapitalismus überwinden werde.  Im Idealfall entstehe durch die Ökonomie des Teilens eine sozialere Weltgemeinschaft, in der die Menschen nicht mehr vom Profitstreben geleitet würden, sondern Ressourcen gemeinsam besitzen und teilen.

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Vor zwei Jahren veröffentlichte der US-amerikanische Soziologe, Ökonom und Publizist zudem das Buch: „The Zero Marginal Cost Society: The Internet of Things, the Collaborative Commons, and the Eclipse of Capitalism“ und vertritt darin die Auffassung, dass die nahezu kostenfreie Nutzung von Internet & Co., den digitalen Medien zum Austausch von Daten und Informationen die Zusatzkosten für Produkte gegen Null laufen lässt. Rifkin spricht hier von Marginal- oder Grenzkosten, wie sie durch die Produktion einer zusätzlichen Mengeneinheit eines Produktes entstehen, und sieht durch den zunehmenden Wegfall dieser Kosten eine neue Wirtschaftsordnung am Start, die er „Collaborative Commons“ (Kooperierende Allmende/Gemeinsames Wirtschaften) nennt.

Klingt nach den Lehren von Marx und Engels und unterscheidet sich doch darin von deren Utopie, dass bestimmte Ressourcen nicht dauerhaft von allen benötigt werden und die Nutzung von zur Verfügung gestelltem Eigentum zeitlich begrenzt ist. Und die Ökonomie des Teilens an sich ist auch nichts Neues: Tauschhandel, das Pachten, Mieten, Verleihen von Gütern gegen Güter oder Dienstleistungen hat es schon immer gegeben. Gerade in Notzeiten, wenn ohnehin knappe Ressourcen noch knapper werden, Kriege, Naturkatastrophen, Börsencrashs, Hyperinflationen etc. die Existenz gefährden, solidarisieren sich die Menschen. Not schweißt bekanntlich zusammen und macht erfinderisch. Und wissenschaftlich längst erwiesen ist, dass das Teilen ein Wesenszug des Menschen ist. Das zeigte auch die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/09, die zum Beispiel in Griechenland das Vertrauen in Banken und Währungen derart erschütterte, dass dort vielerorts und temporär wieder der Tauschhandel und die Naturalwirtschaft aufblühten.

Ein neuer Verbrauchertyp: der Transumer

Die Idee, die der modernen Ökonomie des Teilens zugrunde liegt und die das Internet als Plattform für Geschäftsbeziehungen nutzt, ist einfach: Wenn sich mehrere Personen zum Beispiel Fahrzeuge, Maschinen oder Gerätschaften teilen und diese nicht mehr selbst besitzen, werden weniger Ressourcen verbraucht. Trendforscher haben in diesem Zusammenhang auch einen neuen Verbrauchertyp in der sogenannten Generation Y – auch „Digital Natives“ und „Millennials“ genannt, die zwischen 1980 und 1999 Geborenen – ausgemacht: Den „Transumer“, für den das Nutzen eines Guts wichtiger ist, als es zu besitzen. Und empirische Studien belegen, dass die Aufgeschlossenheit in der Bevölkerung gegenüber eigentumslosen Formen des Konsums zunimmt. Das gilt insbesondere für eher selten genutzte Produkte und Güter, die kurzen Innovationszyklen unterliegen. Faktoren, die die Entwicklung begünstigen, sind die mit der Nutzung von Eigentum verbundenen Pflichten: Wartung, Reparatur und Entsorgung. Durch das Mieten hofft der Verbraucher Geld zu sparen, um mehr Güter nutzen zu können. Nach einer Umfrage von Pricewaterhouse Coopers in Deutschland wollen 64 Prozent der Bundesbürger künftig verstärkt auf Sharing-Economy-Angebote wie das Verleihen und Vermieten von Haushalts- und Gartengeräten zugreifen und 50 Prozent entsprechende Dienstleistungen zur Verfügung stellen.

Was zu bezweifeln ist

Inwieweit die Recyclingbranche auf den Trend aufspringt und diesbezügliche Aktivitäten entwickelt, lässt sich schwer feststellen: Die Datenlage ist zu dünn, um eindeutige Aussagen treffen zu können. Auszuschließen ist es sicher nicht, und wenn man an den Maschinenring denkt, den es bereits seit 1958 gibt und der heute europaweit vertreten ist, dann könnte ein ähnlich gelagertes Konzept durchaus Erfolg haben. Der Maschinenring ist ein Zusammenschluss von landwirtschaftlichen Betrieben; Maschinen werden gemeinsam genutzt und Arbeitskräfte bei Überkapazitäten vermittelt.

Kritiker bezweifeln allerdings, dass die Ökonomie des Teilens und damit auch Jeremy Rifkins Vision von der „Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ unser Wirtschaftssystem auf eine andere, nichtkapitalistische Grundlage stellt, die zudem soziales Verhalten fördert. Denn jede Wirtschaft sei nun mal auf Wachstum ausgerichtet. Und das sei in der sozialistischen Planwirtschaft, zum Beispiel in der DDR, nicht anders gewesen. Dass die Ökonomie des Teilens mit weniger Ressourcen und Geld auskommt, wie von den Protagonisten behauptet, setze voraus, dass Wachstum nicht länger das gesellschaftliche Leitbild ist.

Foto: pixabay

(EUR1016S20)