Industrie 4.0 – Polen holt auf

Die polnische Industrie will ihre Innovationskraft steigern und investiert in Automatisierungstechnik: Jedes Jahr werden bis zu 600 Roboter angeschafft. Im Softwarebereich gewinnen Cloud-Lösungen an Bedeutung.

Einem Bericht des Statistischen Hauptamtes (GUS) zufolge gaben polnische Industriefirmen 2014 insgesamt 24,6 Milliarden Zloty (etwa 5,9 Milliarden Euro) für Innovationen aus. Ende des Jahres waren über 111.000 Lösungen zur Automatisierung von Produktionsprozessen installiert. Über die meisten Industrieroboter (knapp 15.300) verfügte die Kfz-Branche. Dahinter folgten Gummi- und Kunststoffverarbeiter sowie Hersteller von Metallerzeugnissen, die jeweils über ein Zehntel der gesamten Automatisierungstechnik einsetzten.

Weitere Nutzer von Robotern sind Produzenten von Lebensmitteln, Elektronik und Maschinen. Experten gehen von einem Marktbedarf von 500 bis 600 Robotern jährlich in Polen aus. Aktuelle Verkaufsstatistiken des Internationalen Roboterverbands (IFR; www.ifr.org) entsprachen dabei den Statistiken des GUS: Die Kfz-Branche schaffte 2014 nahezu jede zweite Arbeitsmaschine an. Mehr als jeder fünfte Roboter wurde von der Chemiebranche bestellt, jeder zehnte von Produzenten von Metallerzeugnissen und jeder zwanzigste von der Nahrungsmittelindustrie.

Auf den Zug aufspringen

Die vom Marktforschungsinstitut Millward Brown im Auftrag der polnischen Siemens-Tochter durchgeführte Untersuchung „Smart Industry Polen 2016“ belegt, dass große Unternehmen an der Weichsel auf den Industrie-4.0-Zug aufspringen wollen oder es bereits getan haben. Knapp 57 Prozent der Befragten haben ihre Produktionslinien zumindest teilweise automatisiert; jeweils etwa 40 Prozent nutzen Big Data oder M2M-(Machine to Machine) und IoT-Lösungen (Internet of Things). Laut dem auf IKT spezialisierten Marktforschungsunternehmen IDC näherten sich 2015 die IoT-Umsätze in Polen der 500-Millionen- Euro-Marke. Bis 2019 soll sich dieser Wert mehr als verdoppeln.

Vier von fünf der durch Millward Brown befragten Manager wollen in die Optimierung der Produktionsprozesse investieren. Bei der Modernisierung setzen die meisten auf importierte Geräte. Nur jeder zehnte gab an, einen überwiegend polnischen Maschinenpark zu haben. Und die Neigung zum Austausch von Elementen des Maschinenparks wächst. Binnen der letzten drei Jahre haben 70 Prozent der Befragten durchschnittlich ein Viertel ihres Maschinenparks ausgetauscht.


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Software-Lösungen überzeugen

Jedoch nicht nur Maschinen und Geräte stehen auf der Wunschliste polnischer Firmen. Auch Softwarelösungen sollen die Produktivität steigern. Die Unternehmensberatung Roland Berger hat ermittelt, dass 70 Prozent der polnischen Manager sich aktiv für die Digitalisierung ihres Unternehmens einsetzen. Nochmal zehn Prozentpunkte mehr sehen in der Einführung weiterer IKT-Lösungen große Entwicklungschancen für ihre Branche. Gleichzeitig bezeichnen aber weniger als ein Drittel der Manager ihr Unternehmen als digital ausgereift. Nur jeder fünfte der knapp 100 befragten Vertreter der größten Unternehmen im Land nutzt bei der Produktplanung durch Onlinekommunikation gewonnene Erkenntnisse. Big Data-Lösungen spielen für 15 Prozent eine Rolle.

Nach Informationen von Eurostat nutzen nur sechs Prozent der polnischen Unternehmen Cloud-Dienstleistungen, zwei Drittel weniger als im EU-Schnitt. Doch die „Nutzer-Wolke“  wächst um etwa 30 Prozent jährlich. 2015 wurden in Polen mit Cloud-Dienstleistungen schätzungsweise 146 Millionen Euro umgesetzt; 50 Prozent der polnischen KMU haben mindestens eine Cloud-Lösung, wobei sie eher auf Basisfunktionalitäten wie E-Mail-Konten, Büroapplikationen oder Instant Messaging zurückgreifen.

Die Rechnung muss aufgehen

Vorteile der Cloud sehen polnische Unternehmer nicht ausschließlich im Preis. Neun von zehn Befragten schätzen die Nützlichkeit neuer Technologien im Alltag positiv ein. Mehr als die Hälfte unterstreicht die einfachere interne Kommunikation; jeweils knapp 40 Prozent verweisen auf eine bequemere Aufbewahrung und Bearbeitung von Daten sowie die Zugriffsmöglichkeit über alle mobilen Geräte.

Bei der Implementierung von Automatisierungs- und Digitalisierungslösungen ist der Preis entscheidend. Und der Siegeszug der Industrie 4.0 wird vor allem von einem der größten bisherigen Standortvorteile Polens gehemmt: Der gleiche Roboter mit denselben Parametern kostet auf beiden Seiten der Oder gleich viel. Mit einem durchschnittlichen Bruttomonatslohn von 932 Euro verdient ein polnischer Angestellter aber nur 25 Prozent seines deutschen Kollegen. Folglich dauert es wesentlich länger, bis sich die Anschaffung rechnet.

Verfasser: Michal Wozniak
Quelle: Germany Trade & Invest

Foto: pixabay

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