Die „Wunschliste“

Europas Kunststoff- und Elektronikschrottrecyclern dauert die Wende zur Kreislaufwirtschaft zu lange.

Unter der Gesetzgebung der „Erweiterten Herstellerverantwortung“ gilt das Prinzip „der Verursacher zahlt“, wodurch Markenproduzenten und -importeure die finanzielle Last für die Kosten von Sammlung und Recycling tragen. Die gegenwärtigen Gesetze haben bereits hohe Ziele für den Prozentsatz an Altprodukten gesetzt, die recycelt oder wiederverwertet werden sollen. Doch hat es dieser Ansatz zur Verantwortung für Altprodukte „auf Armlänge“ nicht geschafft, einen Kreislaufstrom von Recyclingmaterialien zurück in neue Produkte fließen zu lassen. Zu diesem Ergebnis sind mehrere Recyclingverbände und bekannte Kunststoff-und Elektronikschrottrecycler in Europa gelangt. Ihre Kritik mündet in einer „Wunschliste“, deren Forderungen den Weg in eine Kreislaufwirtschaft beschleunigen sollen.

Die meisten Hersteller haben ihre Verantwortlichkeit für Sammlung und Behandlung Rücknahmesystemen übertragen. Sammlung und Behandlung gelten als Kostenfaktor und daher ist ein anhaltender Preisdruck auf diese Dienstleistungen sichtbar. Damit ist die Übereinstimmung mit den Richtlinien eine jährlich zu Buche schlagende Aktion. Doch es gibt so gut wie keine Wirkungen von Designern, Materialeinkäufern, Marketingexperten oder Produktionsingenieuren auf den Prozess einer zufriedenstellenden Altproduktverantwortung. Die Trennung des Materialrückflusses – also Rücknahme, Sammlung und Recycling – von Entwurf, Beschaffung und Verkauf neuer dauerhafter Produkte kann als „fehlendes Kettenglied“ in der Kreislaufwirtschaft angesehen werden.

Noch immer ein lineares Modell

Die lange Lebensdauer von Produkten aus dem Fahrzeug- und Elektrowarenmarkt – zwischen zwei und 20 Jahren – bedeutet zudem, dass es eine große Verzögerungsphase zwischen der Schaffung eines Produkts und dem Erreichen eines Lebensende-Stadiums gibt, bis seine Materialien erfasst, getrennt und recycelt oder wiederverwendet werden können. Das verschärft die Kluft zwischen den Personen, die mit Design und der Entwicklung neuer Produkte zu tun haben, und der wachsenden Industrie, die die Wertstoffe aus alten Produkten recycelt (– ganz anders als Verpackungsmaterialien, deren Einsatzdauer nach Tagen oder Wochen zählt und aus denen vorausdenkende Unternehmen sehr schnellen Gewinn ziehen können, indem sie auf den schon fertig verfügbaren Strom aus Kunststoffen aus dem Recycling gesammelter Haushaltsabfälle zugreifen). Die verarbeitende Industrie folgt zu einem großen Teil immer noch einem linearen Modell zu Beschaffung und Gebrauch von Rohstoffen: Langlebige Gebrauchsgütern werden nach gegebener Zeit zu Abfällen, werden gesammelt, recycelt und als nachhaltiger und steter Fluss von recycelten Post-Consumer-Sekundärrohstoffen in die Industrie zurückgeleitet.


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Ständig wechselnde Schwellenwerte

Die Kunststoffrecyclingindustrie, die auf diese komplexen Rohstoffe zurückgreift, ist fähig zur Herstellung von Produkten, die mit den Produktvorschriften übereinstimmen. Aber die ständig wechselnden Schwellenwerte für eine stetig ansteigende Menge an Substanzen unter der REACH- und POPs-Gesetzgebung bilden eine beachtliche Last für diese neue Industrie – mit dem Risiko, dass die Investitionen zum Stillstand kommen. Fragen zu chemischen Belastungen benötigen einen ganzheitlichen Ansatz. Während die Industrie dazu fähig ist, Materialbelastungen durch Substanzen größtmöglich zu reduzieren, sieht sich die Recyclingbranche nicht in der Lage, alle besorgniserregenden Stoffe auszusondern. Das muss bedacht werden, wenn neue Grenzwerte für Rohstoffe festgesetzt werden, wobei es wichtig ist, dass die Werte für Abfälle und für Produkte angeglichen werden; für einige Substanzen könnten angemessene Ausnahmen für das Recycling erforderlich sein.

Viele – oftmals illegale – Exporte

Quelle: Wish List

Quelle: Wish List

Ständig geänderte Schwellenwerte für immer mehr Sub­stanzen in der EU-Gesetzgebung beeinflussen die Entwicklung einer Infrastruktur für die Recyclingindustrie negativ. Viele wertvolle Rohstoffe werden, eingebettet in langlebige Produkte, aus Europa exportiert – oftmals illegal. Die Regeln der Europäischen Abfalltransportverordnung, die auch die Meldung „nicht-gelisteter Abfälle“ festlegen – darunter fallen viele Mischabfälle, die als anzeigepflichtig gelten –, sind vielfach ausgesprochen schwierig, lang und kostspielig; es sind die gleichen wie für Sondermüll. Viel von diesem potenziellen Eingangsmaterial für normkonformes Recycling verlässt die EU, da der Vollzug dieser Exportregeln so gut wie nicht existiert.

Abläufe einfacher und schneller machen

In dieser Kritik sind sich die Dachorganisation der europäischen Recyclingindustrie (EuRIC), die Europäische Elektronikrecycler Vereinigung, der Britische Kunststoffverband sowie Kunststoffrecycler wie MBA Polymers, Axion Polymers, Müller-Guttenbrunn Gruppe und Galloo, die komplexe Kunststoffmischungen aus Altfahrzeugen und Elektr(nik)schrott recyceln, einig. Und auch darin, dass eine stärker zirkuläre Materialfluss-Wirtschaft in Gang gesetzt werden muss.

Dazu sollten Abläufe zur Beschaffung und grenzüberschreitender Transport komplexer Rohstoffmischungen innerhalb der EU zur Produktion von Sekundärrohstoffen durch konforme Recycler einfacher, schneller und kostengünstiger gemacht werden. Bereits genehmigte und verifizierte Anlagen innerhalb der EU haben einen besonderen Status, der von den betreffenden Behörden in den Exportländern gewürdigt werden sollte. Hierzu sollte eine beschleunigte Notifizierung entwickelt werden.

Nachfrage nach PCR steigern

Der Kernpunkt jeder neuen Maßnahme sollte auf eine Steigerung der Nachfrage nach Post-Cosumer-Recycling-Materialien (PCR) abzielen. Das Kreislaufwirtschaftspaket der EU sollte das bestärken durch Belohnung bei Aufnahme und Benutzung von nachweisbaren Post-Consumer- Recycling-Gehalten, die zurück in neue Produkte gelangen. Das könnte durch öffentliche grüne Beschaffungsregeln geschehen, die einen Wechsel hin zu Produkten bestärken, die definierte Mengen an PCR-Gehalten enthalten. Oder durch Mitgliedstaaten, die Produkthersteller mit Prämien darin ermutigen, recycelte Materialien – vor allem Kunststoffe – zu bevorzugen und einzusetzen. Bislang sei die Kommunikation zwischen den Recyclinggesellschaften und den Produzenten langlebiger Produkte das fehlende Glied in der Kreislaufwirtschaft.

Foto: O. Kürth

Foto: O. Kürth

Kontinuierlicher Austausch mit Gesetzgebern

Die Technologie zur Herstellung von Sekundärrohstoffen aus langlebigen Gütern, die der gegenwärtigen Produkt-Gesetzgebung entsprechen, ist verfügbar. Doch ändern sich gesetzgeberische Initiativen und Schwellenwerte für bestimmte Substanzen häufig. Daher fordert die Recyclingindustrie realistische Schwellenwerte für wichtige Substanzen und einen kontinuierlichen Austausch der Ansichten zwischen Gesetzgeber und Recyclingindustrie, falls Änderungen geplant sind. So sieht die „Wunschliste“ vor, Aufsichtsbehörden in allen Mitgliedstaaten einzusetzen, um einen pragmatischen Ansatz für zulässige Höchstwerte von restlichen Additiv-Spuren im Recyclingkunststoff für eine Übergangsperiode zu finden; gedacht ist an die nächsten zehn bis zwanzig Jahre. Falls nicht, sollte ein Weg gefunden werden, einen gewonnenen Kunststoff mit Additiven wieder in neue langlebige Produkte einzusetzen – wie zum Beispiel in Stabilisatoren für PVC-Fensterrahmen. Und es sollten Werte für chemische Rest-Additive festgelegt werden, die hinsichtlich Belastungsrisiko realistisch sind und ausreichend wahrnehmbar, um mit der momentanen Labortechnik aufgespürt werden zu können. Die vollständige Wunschliste kann unter www.mgg-recycling.com/wp-content/uploads/ELV-and-WEEE-recycling-industry-Circular-Economy-Wish-List.pdf heruntergeladen werden.

Foto: O. Kürth

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