„Wir setzen auf Methoden, die aus der Zeit gefallen sind“

Ein Plädoyer für einen Neuanfang in der europäischen Recyclingwirtschaft von Dr. Heribert Gisch, ehemaliger Geschäftsführer des Entsorgungsverbandes Saar (EVS).

Bisher ist es eine Erfolgsgeschichte: Seit Ende der 1980er Jahre die ersten Initiativen starteten, hat sich die Abfallwirtschaft vor allem in Mittel- und Nordeuropa grundlegend verändert. Herausragendes Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass die Deponierung von Abfällen überwiegend ein Ende gefunden hat. Die abfallwirtschaftliche Vorreiterrolle der mitteleuropäischen Staaten ist zur Blaupause der EU-Abfallstrategie geworden. Doch ist diese auch zielführend und zum Beispiel auf osteuropäische Länder übertragbar, wo abfallwirtschaftliche Konzepte noch in den Kinderschuhen stecken und Abfälle immer noch zu 80 Prozent deponiert werden? Lässt sich eine moderne Kreislaufwirtschaft in allen EU-Staaten gleichermaßen etablieren? Bekanntlich ist die EU-Abfallrahmenrichtlinie gekennzeichnet durch die Definition verbindlicher Ziele und deren Wertigkeit (Vermeidung, Wiederverwendung, Recycling, Verwertung, Beseitigung), nicht aber durch Methoden und Techniken zur Umsetzung. Aus nicht zuletzt Kostengründen fördert sie Kreativität, Vielfalt und Flexibilität bei der Ausgestaltung nationaler und regionaler Abfallwirtschaftssysteme.

Die EU-Administration ist hier gut beraten, sich Zurückhaltung aufzuerlegen. Sie sollte vielmehr prüfen, ob und inwieweit und in welcher Qualität die strategischen Zielsetzungen tatsächlich in nationalem und regionalem Rahmen umgesetzt werden können. Denn die aktuelle Fokussierung der EU-Administration auf die haushaltsnahe Getrenntsammlung mit ihren unterschiedlichen Sammelsystemen ignoriert die spezifische Ausgangslage und die Rahmenbedingungen, unter denen sich etwa in Deutschland das heutige System mit seiner Aufgabenteilung zwischen privater und öffentlicher Wirtschaft entwickelt hat. Eine haushaltsnahe Getrenntsammlung braucht Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte, um auf breiter Basis, durch eine grundlegende Verhaltensänderung der Bevölkerung, etabliert zu werden.

Ein signifikantes Beispiel für die teilweise hartnäckigen Akzeptanzprobleme ist in Deutschland die Getrenntsammlung von organischen Abfällen, die erst zum 1. Januar 2015 flächendeckend durchgesetzt worden ist. Und es regt sich immer noch Widerstand. Kann ein solcher Aufbauprozess europaweit Vorbild sein? Wenn schon in Mitteleuropa solche Probleme festzustellen sind, wo die Bevölkerungsmentalität der Getrenntsammlung sicherlich entgegen kommt, sind in europäischen Ländern und Regionen mit völlig anderer Mentalität ungleich größere Probleme zu erwarten. So sind erhebliche Zweifel angebracht, ob wir in den abfallwirtschaftlich zu entwickelnden Ländern Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas die Zeit zu einem solchen Aufbau- und Entwicklungsprozess haben – ungeachtet der in den jeweiligen EU-Beitrittsverträgen vereinbarten  Umsetzungsfristen. Auch ist zu bezweifeln, ob wir bei abfallwirtschaftlich bisher weitgehend unsensiblen Bevölkerungen und einer weitverbreiteten diesbezüglichen Gleichgültigkeit von den politisch Verantwortlichen erwarten können, dass sie die nötige Stringenz aufbringen, einen Mentalitätswechsel in kürzester Zeit zu erzwingen und weitgehend unpopuläre Maßnahmen umzusetzen.

Die gleichen Standards – ist das fair?

Die derzeitige Position der EU-Administration ignoriert die zum Teil völlig unterschiedlichen Ausgangsvoraussetzungen und ökonomischen Rahmenbedingungen in den Mitgliedsländern – ob ein Abfallwirtschaftskonzept in dicht oder dünn besiedelten, strukturell schwachen oder  starken Regionen umgesetzt werden soll. Und Getrenntsammelsysteme sind kostenintensiv. Welche Gebühren bei niedrigen durchschnittlichen Haushaltseinkommen zumutbar und durchsetzbar sind, wird zu einem Schlüsselkriterium. Ist es daher fair, von den ärmsten Ländern der EU die gleichen Standards zu verlangen wie von den reichen Staaten, die diese Standards unter viel besseren ökonomischen Bedingungen entwickelt haben?

Die Variationsbreite und Priorisierungen nationaler und regionaler Abfallwirtschaftskonzepte wird ebenfalls übersehen. So praktiziert das lothringische Multiflux-Konzept zwar die haushaltsnahe Getrenntsammlung in drei unterschiedlichen Plastiksäcken (Recyclables, Biodéchets, Résiduels), trennt aber die Recyclables nicht weiter: Papier/Pappe von Kunststoff- und Metallverpackungen. Der Schwerpunkt des Systems liegt auf einer signifikanten Reduktion der hohen Logistikkosten durch das Sammeln in einer Tonne und in einem Leerungszyklus. Und das Beispiel Polen, wo verstärkt auf die Müllverbrennung beziehungsweise energetische Verwertung gesetzt wird, entspricht auch nicht den Idealzielen einer Recyclingwirtschaft, erfüllt aber die Mindestanforderungen der EU-Direktive.

Bemerkenswert ist, mit welchem idealisierenden und unkritischen Blick die deutsche Getrenntsammelpraxis zum Modell stilisiert wird: von Problemen und Nachteilen kaum ein Wort. Dabei besteht durchaus Anlass, auch diese Kehrseiten zur Kenntnis zu nehmen und zu berücksichtigen, um ein vollständiges und ungeschöntes Bild zu erhalten. Denn Fakt ist, dass eine Getrenntsammlung (vor allem im Holsystem) hohe Logistikkosten verursacht und jede zusätzliche Getrenntsammlung einer weiteren Abfallfraktion einen Kostenschub mit sich bringt. Nicht von ungefähr ist in Deutschland derzeit die Einführung einer zusätzlichen Wertstofftonne äußert umstritten, vor allem wenn man Wirkung und Zusatzkosten in Relation setzt. Und was diese Kostenkaskade für ländliche Regionen und damit weite Teile der EU-Staaten Ostmitteleuropas bedeutet, ist unschwer auszumalen.

Ein ausgereiztes System

Fakt ist auch, dass mit jeder zusätzlichen Getrenntfraktion das System komplexer und damit  stör- und fehleranfälliger wird. Welche Littering-Probleme etwa an Container-Sammelplätzen täglich auftreten, davon wissen viele Praktiker ein Lied zu singen. Dabei ist nicht zu übersehen, dass die Recyclingquoten bei Siedlungsabfällen stagnieren. Bei 60 bis 65 Prozent scheint eine Grenze zu liegen, die nur schwer zu überwinden ist. Und bei organischen Abfällen sind es nur 50 Prozent in der Spitze, die auch mit besten Gebührenanreizen, Aufklärungskampagnen usw. nicht zu steigern sind. Das System einer auf Bereitschaft und Fähigkeit der Bevölkerung zum aktiven Mitmachen beruhenden Getrenntsammlung ist selbst unter optimalen Rahmenbedingungen offensichtlich ausgereizt. Eine wünschenswerte weitere Steigerung der Erfassungsquoten mit dem bestehenden System ist wohl nicht zu realisieren, weil es komplexer und teurer ist.

In engem Zusammenhang damit steht ein Kernproblem der Getrenntsammlung, das allerdings weitgehend ignoriert wird: Das Problem der Fehlwürfe bei Verpackungsabfällen – in Deutschland ein Dauerstreitpunkt zwischen den privaten dualen Systemen und den öffentlich-rechtlichen Entsorgungskörperschaften. Wenn auch nur vereinzelt repräsentative und aussagekräftige Zahlen vorliegen, lassen sich doch insgesamt ernüchternde Tendenzen erkennen:

■    In der für die Verpackungsabfälle bestimmten Gelben Tonne/Gelber Sack beträgt der Fehlwurfanteil im Durchschnitt circa 50 Prozent (Restabfall, Bioabfall etc.)
■    In der Restmülltonne beträgt der Fehlwurfanteil von Verpackungsabfällen beziehungsweise organischen Abfällen durchschnittlich zwischen 40 und über 50 Prozent.
■    In der für den organischen Abfall  bestimmten Grünen Tonne beträgt der Anteil der Fehlwürfe im Durchschnitt zwischen 20 und 30 Prozent (Verpackungsabfälle beziehungsweise Restabfälle)

Diese Werte haben je nach örtlichen Rahmenbedingungen (Gebührenhöhe, Gebührenanreize etc.) eine gewisse Schwankungsbreite, die aber die Grundtendenzen nicht in Frage stellt. So beträgt der stoffliche Wiederverwertungsanteil etwa von Plastik nach einer Studie des Verbandes Kommunaler Unternehmen (VKU) lediglich 20 Prozent – ein Offenbarungseid!

Was folgt bei Fehlwürfen? Die Abfallmengen müssen nachbehandelt werden – sei es in der industriellen Nachsortierung und/oder in der Verbrennung. Beides ist mit beträchtlichen Zusatzkosten verbunden, die kaum einer systematisch erfasst und die sich in den Gesamtrechnungen mehr oder weniger „verstecken“. Macht es Sinn, ein solches System auf Dauer aufrecht zu erhalten beziehungsweise anderen aufzudrängen? Mit riesigem Aufwand und allen skizzierten Problemen wird ein Getrenntsystem aufgebaut, das sich in der Praxis und bei ehrlicher Bestandsaufnahme als unzulänglich erweist und mit nachgelagerten „Reparatur“-Maßnahmen korrigiert und gegengesteuert werden muss.

Was zukunftsfähiger wäre  

Es zeigt sich das Kernproblem einer haushaltsnahen Getrenntsammlung: Wir überlassen deren Qualität beziehungsweise das Funktionieren des Gesamtsystems der Bereitschaft der Bevölkerung beziehungsweise deren Unzulänglichkeit – sei es Unwille, sei es Unkenntnis. Im Grunde ist die Getrenntsammlung deshalb höchst unprofessionell und nicht nachhaltig. Wollen wir aber eine höhere Professionalität der Wertstofftrennung und damit eine Steigerung der Recyclingquoten, dann stellt sich die Frage, warum wir bei der Abfalltrennung nicht gleich auf industrielle Verfahren setzen. Die Techniken dazu sind mittlerweile weit fortgeschritten: Haushaltsmischabfälle lassen sich in vergleichsweise saubere und für die stoffliche Verwertung geeignete Fraktionen auftrennen – bei deutlich günstigeren Kosten.

Zielführender und zukunftsfähiger dürfte es sein, dort künftige Schwerpunkte zu setzen, anstatt „Umwege“ zu gehen, die sich auf lange Sicht und in der Breite der europäischen Realitäten als wenig belastbar erweisen werden. Denn betrachten wir unser Umfeld: Schon bald werden wir mit selbstfahrenden Autos unterwegs sein und in unseren Industrien ersetzen Roboter immer mehr Menschen. In der Wertstoffwirtschaft hingegen praktizieren wir  Methoden, die aus der Zeit gefallen sind. Nun mag es sein, dass die haushaltsnahe Getrenntsammlung sich in Teilen (Mittel-)Europas etabliert hat und es nur schwer sein wird, dies in absehbarer Zeit zu ändern. Aber eines ist auch klar: Zum Zukunftsmodell eignet sie sich sicher nicht.

Foto: Thomas R. / fotolia.com

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