„China ist ein Klotz am Bein“

Auf der BDSV-Jahrestagung am 2. und 3. November in Mannheim dämpfte Gastreferent Eugen Weinberg von der Commerzbank AG die Erwartungen der Stahlrecyclingbranche, dass sich die Marktlage für sie bessert: Die Entwicklung der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt bestimmt den globalen Rohstoffmarkt. Bei Metallen macht China über die Hälfte der gesamten Nachfrage aus.

Leitthema der Fachveranstaltung im öffentlichen Teil war die Zukunft der Branche. In zwei Foren und weiteren Vorträgen konnten sich die 470 Teilnehmer über die Positionierung ihrer Unternehmen in Zeiten schwieriger Marktlage informieren. Fraunhofer Umsicht präsentierte dazu eine wissenschaftliche Untersuchung über die Rolle des Stahlrecyclings in Deutschland.

Dr. Andre Baumann, Staatsekretär im Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft des Landes Baden-Württemberg, hob die Bedeutung der Stahlrecyclingunternehmen hervor und skizzierte zukünftige Entwicklungen. Dazu äußerten sich zahlreiche Mitglieder der Bundesvereinigung Deutscher Stahlrecycling- und Entsorgungsunternehmen e.V. (BDSV) besorgt über die ungebremste Verfrachtung von Altfahrzeugen ins außereuropäische Ausland und die fortschreitende Kommunalisierung im Bereich Entsorgung und Verwertung. Björn Voigt und Thomas Funcke von der Unternehmensberatung Active M&A Experts GmbH und Rechtsanwalt Dr. Dirk Andres erläuterten anschließend die insolvenzrechtlichen Instrumente Eigenverwaltung und Schutzschirm. Sie empfahlen im Fall einer drohenden Insolvenz eine detaillierte Eigenanalyse: Unternehmen sollten herausfinden, ob sie ihre Wertschöpfungsmöglichkeiten richtig nutzen und die Betriebsorganisation noch angemessen ist.

BDSV-Präsident Andreas Schwenter, Vizepräsident Stephan Karle, Hauptgeschäftsführer Dr. Rainer Cosson, Geschäftsführer Ulrich Leuning und Schatzmeister Günter Gottschick informierten in der ordentlichen Mitgliederversammlung über die verbandlichen Aktivitäten im letzten Geschäftsjahr. So wurde unter anderem die frühere Strategiearbeitsgruppe wieder ins Leben gerufen. Auch wünscht sich die BDSV mehr Rückmeldungen aus ihren Reihen. „Scheuen Sie sich nicht, Ihre Anliegen vorzutragen“, appellierte Schwenter an die Mitglieder im Publikum. „Konstruktive Anregungen und Kritik helfen uns weiter.“


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Ein symbiotisches Verhältnis

Stellte die Studie „Zukunft Stahlschrott“ vor: Dr.-Ing. Markus Hiebel, Fraunhofer Umsicht (Foto: Michael Schuff/BDSV)

Stellte die Studie „Zukunft Stahlschrott“ vor: Dr.-Ing. Markus Hiebel, Fraunhofer Umsicht (Foto: Michael Schuff/BDSV)

Weiter im Programm ging es mit der BDSV-Auftragsstudie „Zukunft Stahlschrott“, die von Dr.-Ing. Markus Hiebel vom Fraunhofer-Institut Umsicht präsentiert wurde und sich mit den technischen, ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Faktoren von Stahl- und Edelstahlschrott befasst. Die wichtigsten Erkenntnisse: Die deutsche Stahlrecyclingwirtschaft leistet einen maßgeblichen Beitrag zum Fortbestand der deutschen Stahlindustrie. Die Branche ist zentraler Dienstleister in der Wertschöpfungskette der Stahlindustrie und nimmt in Zukunft eine noch bedeutendere Rolle bei der Entwicklung der zirkulären Wirtschaft ein. Der derzeitige und zukünftige Rohstoffbedarf der Stahlindustrie ist allein aus Primärmaterial nicht zu decken. Know-how und Qualitätssicherung der Stahlrecyclingwirtschaft werden wegen zunehmend  komplexerer Produktzusammensetzungen und Stoffströme immer wichtiger. Hiebel sprach hier von einem symbiotischen Verhältnis zwischen Stahlproduzenten und Stahlrecyclingunternehmen. Die Produktion von 12,6 Millionen Tonnen Rohstahl auf Basis des Sekundärrohstoffs Stahlschrott trage über die Elektrostahlroute dazu bei, dass in Deutschland rund 17 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden können.

Wie Andreas Schwenter beim Presselunch mit Vertretern der Fachmedien betonte, wurde die Untersuchung vom Verband ergebnisoffen beauftragt und mit der Wirtschaftsvereinigung Stahl abgestimmt: „Fraunhofer macht keine Gefälligkeitsstudien.“ Und die Studienprognose überraschte den BDSV-Präsidenten: „In 80 Jahren werden wir weltweit weit über 50 Prozent der Stahlproduktion mit Schrott decken.“ Ein Anlass, die breite Öffentlichkeit, die von der Branche ein verzerrtes Bild habe, für das Thema Recycling zu sensibilisieren: „Wir werden immer mit neuen Regularien überhäuft und keiner sieht die Gesamtbilanz, was unsere Branche für die Umwelt leistet.“ Die Studie steht auf der BDSV-Webseite (www.bdsv.org) in Kurz- und Langfassung zur Verfügung und geht zusammen mit einem Forderungskatalog an Abgeordnete des Bundestages. Die Branche möchte in der Gesellschaft als umweltfreundlich wahrgenommen werden, was auch im neuen BDSV-Logo mit der zusätzlichen Farbe Grün im sonst stahlblauen Erscheinungsbild zum Ausdruck kommt.

Die Krise scheint durchschritten

Hinsichtlich der Marktlage zeichnet sich laut Dr. Rainer Cosson eine Entspannung ab: „Die Krise scheint durchschritten und man hat das Gefühl, der Markt stabilisiert sich ein bisschen.“ Und Stephan Karle zufolge benötigt die Stahlindustrie tendenziell wieder mehr Schrott, wobei die Anforderungen an qualitätsüberwachten Schrott noch steigen werden.

Die Auftragslage der Stahlindustrie ist dem Vernehmen nach gut. Allerdings verharrt seit zwei Jahren der Schrottabsatz auf niedrigem Niveau und das Margenproblem wird bestehen bleiben. Die Exportpreise zeigen zwar wieder in eine Form, „die wir schon länger nicht gehabt haben“, doch drückt die Konkurrenzsituation durch chinesische Exporte weiter auf die Stimmung. „Nach wie vor drängen Halbfertigerzeugnisse aus China zu Dumpingpreisen in den europäischen Markt“, erklärte Cosson. Auf die Frage, ob bereits Betriebe in Deutschland Insolvenz anmelden mussten und stillgelegt wurden, antwortete Stephan Karle, dass die Kapazitäten weitestgehend erhalten geblieben sind. Also keine Bereinigung der Kapazitäten. Und kleinere Betriebe, „die keine Luft mehr hatten“, haben sich an größere angegliedert.

Eugen Weinberg geht davon aus, dass Chinas Wachstum nachlassen wird (Foto: Michael Schuff/BDSV)

Eugen Weinberg geht davon aus, dass Chinas Wachstum nachlassen wird (Foto: Michael Schuff/BDSV)

Warum spricht man so viel über China?  

Mit dieser Frage beschäftigte sich der Gastvortrag von Eugen Weinberg im Rahmen der ordentlichen Mitgliederversammlung. Und der Rohstoffanalyst der Commerzbank AG dämpfte die Erwartungen der Stahlschrottrecyclingbranche, dass sich die Marktlage für sie bessert: Die Entwicklung der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt bestimmt den globalen Rohstoffmarkt. Bei Metallen macht China über die Hälfte der gesamten Nachfrage aus.

Weinberg schließt zweistellige Wachstumsraten in China in Zukunft aus – seit 1980 ist die Volksrepublik jährlich um zehn Prozent gewachsen – und glaubt, dass chinesische Regierung und Zentralbank den Renminbi weiter und im zweistelligen Bereich abwerten wird. Die Landeswährung sei viel zu stark. Für die Konjunktur keine guten Nachrichten: Im letzten Jahr hat eine kleine, gesteuerte Abwertung der Währung um drei Prozent zu einem Absturz des DAX um 20 Prozentpunkte geführt. Wenn die Nachfrage dadurch nicht mehr so stark ist, wird China nicht mehr so viele Rohstoffe beziehen. Ein Warnzeichen sind für den Experten dabei die Überkapazitäten in fast allen Bereichen. So herrscht im Bausektor eine regelrechte Bauwut. Ganze Städte, konzipiert für zwei Millionen Menschen und mit allem Drum und Dran, werden aus dem Boden gestampft. Dabei ziehen nicht einmal zehntausend Menschen dorthin. Weinberg: „Die Chinesen haben in den vergangenen zwei Jahren fünf Milliarden Tonnen Zement produziert und verbraucht. Das ist so viel, wie die Amerikaner im gesamten 20. Jahrhundert verbraucht haben.“

Von dem Bau-Boom seien direkt und indirekt unzählige Arbeitsplätze abhängig. „Wenn man eine Verlangsamung des Wachstums zulässt“, schlussfolgerte Weinberg, „bedeutet das, dass hunderte Millionen Menschen arbeitslos werden. Davor hat die Regierung Angst.“ Bei Preisen von mittlerweile 7.000 Euro pro Quadratmeter in den Neubauarealen werde aber eine Immobilienblase immer wahrscheinlicher. Denn die Hälfte aller Kredite, die in den letzten Jahren in China aufgenommen wurden, seien Hypothekenkredite. Weinberg rechnet mit einem Platzen der Blase innerhalb der nächsten zwölf Monate.

Zentralbanken als Jedi-Ritter   

Die Umweltverschmutzung und die Korruption sind weitere Probleme in der Volksrepublik: 379 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter wurden in Shanghai vor einem Jahr gemessen und im Raum Peking sogar 600 Mikrogramm. Schon 30 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter stellen ein Gesundheitsrisiko dar. Und über 200.000 chinesische Funktionäre geraten jedes Jahr unter Korruptionsverdacht. Das alles lässt Projekte verzögern. Viele Projekte sind erst durch Schmiergelder realisiert worden und die Regierung hat versprochen, die Korruption zu bekämpfen. Wenn die Regierung diese Probleme angeht, bedeute das ein deutlich geringeres Wachstum und damit Absatzprobleme für die Rohstofflieferanten. „China ist ein Klotz am Bein und kein Motor“, urteilte Weinberg.

Waren es die Finanzmärkte, die die Rohstoffpreise nach unten bewegt haben? Diese Frage beantwortete der Referent mit einem klaren „Ja“ und kritisierte in diesem Zusammenhang das Zutun der Zentralbanken: „Bedingt durch die unsichere politische Lage in aller Welt sind sie zu Politikern und zu mächtig geworden. Sie halten sich für Jedi-Ritter, die die Probleme lösen könnten. Indem sie einfach die Zinsen weiter und weiter senken und formal für Liquidität sorgen, schieben sie die Probleme in die Zukunft. Wenn Wachstum zurückgeht, sagen sie, können wir die Zinsen noch weiter senken, um Wettbewerbsvorteile zu sichern. Jeder macht das. Aber es ist dadurch zu viel Geld im Umlauf. Die Europäische Zentralbank zum Beispiel schießt Geld raus, das gar nicht benötigt wird. Und Investoren gehen die Finanzmarktanlagen aus. Wir werden noch einen weiteren Anstieg der Vermögenswerte sehen. Das wird zu höheren Spekulationen im Rohstoffbereich führen.“

BDSV-Präsident Andreas Schwenter und Moderatorin Petra Bindl (Foto: Michael Schuff/BDSV)

BDSV-Präsident Andreas Schwenter und Moderatorin Petra Bindl (Foto: Michael Schuff/BDSV)

Der Preiskampf hält an

Die Rohstoffpreise würden derzeit nicht durch die Nachfrage bestimmt, sondern durch das Angebot seitens der Minen: „Bei Nickel hatten wir in den letzten Jahren einen Überschuss. Das hat dazu geführt, dass in diesem Jahr die Preise auf 7.000 US-Dollar pro Tonne gefallen sind. 2016 werden wir zum ersten Mal seit vielen Jahren ein Defizit haben. Und das nicht aufgrund der Nachfrage, sondern aufgrund einer geringeren Produktion von insbesondere Nickel-Gusseisen in China, weil den Chinesen das Erz ausgeht. Die Indonesier verkaufen schon seit zweieinhalb Jahren kein Erz mehr nach China. Und das lässt die Preise stürzen. Ein Großteil der Minen ist bei den aktuellen Preisen gar nicht profitabel. Nur ein Drittel der Minen kann sich noch über Wasser halten. Es wird in den nächsten zwei Jahren wahrscheinlich einen weiteren Rückgang der Produktion geben. Indonesien wird voraussichtlich im nächsten Jahr 170.000 bis 200.000 Tonnen an Nickel Pig Iron liefern.“

Bei Eisenerz werde der seit drei Jahren tobende Preiskampf unter den großen Produzenten anhalten. Vor allem die australischen und brasilianischen Produzenten sorgten mit einem Überangebot in den vergangenen Jahren dafür, dass die Preise so günstig sind. Die großen Produzenten seien zu jeder Zeit bereit, die Konkurrenz aus den Philippinen, Indonesien,  Usbekistan, der Mongolei zu unterbieten, weshalb die Preise sehr wahrscheinlich unter Druck bleiben werden. Der Preisanstieg sei spekulativ getrieben worden. Im März und April dieses Jahres wurden an den Börsen in Asien täglich 250 Millionen Tonnen Stahl gehandelt. Weinbergs Analyse zufolge wird die chinesische Regierung über kurz oder lang der Spekulation ein Ende bereiten und höhere Sicherheitsleistungen von den Spekulanten verlangen. Gleiches gelte für Energiekohle. Ende 2017 würden hier die Preise zu 20 Prozent tiefer gehandelt.

(Foto: Michael Schuff/BDSV)

(Foto: Michael Schuff/BDSV)

„Schwankend, aber eher abwärts“

Eugen Weinberg geht davon aus, dass Chinas Wachstum nachlassen wird. Die Preise für Eisenerz, Stahl und Kohle waren in der Volksrepublik spekulativ überhitzt. Die chinesische Regierung werde diese Spekulation eindämmen. „Das heißt, kurzfristig werden die Bäume nicht in den Himmel wachsen“, konstatierte der Experte. „Wir werden einen Rückgang der Preise in den kommenden Monaten sehen. Schwankend, aber eher abwärts. Die 400 Millionen Tonnen Stahlüberkapazitäten in China – doppelt so viel, wie in der EU in einem Jahr produziert wird – sollen bis 2020 um 200 Millionen Tonnen abgebaut werden, aber das wird meines Erachtens deutlich geringer erfolgen. Das Thema Überkapazitäten wird weiter beschäftigen.“ Die aufstrebenden Volkswirtschaften Indien, Pakistan und Bangladesch könnten die schwindenden Wachstumsraten in China nicht ersetzen. Diese Länder seien zwei Schritte hinter China. So macht zum Beispiel Indien nur sieben Prozent der Nachfrage aus.

Zum Abschluss der BDSV-Jahrestagung in Mannheim stellte sich Verbandspräsident Andreas Schwenter den Fragen der bekannten Moderatorin Petra Bindl zu aktuellen Themen der Stahlrecyclingbranche. Dabei berichtete Schwenter auch über persönliche Erfahrungen in seinem ersten Amtsjahr im parteipolitischen Gepräge: „Ich habe den Eindruck gehabt, wer lauter schreit, der wird öfter gehört. Und wer die erfolgreichen Konzepte hat und ein bisschen leiser ist, der wird nicht so gehört.“ Im Mittelpunkt des weiteren Gesprächs stand die verstärkte Positionierung der BDSV in der Politik und in der Gesellschaft.

Foto: EU-R Archiv


Michael Schuy neuer Präsident der EuRIC

Dominique Maguin kandidierte nicht mehr für das Ehrenamt.  

Michael Schuy ist neuer Präsident der European Recycling Industries‘ Confederation (EuRIC), dem europäischen Dachverband der Recyclingverbände. In der Mitgliederversammlung am 16. November in Brüssel wählten ihn die Delegierten der nationalen Verbände einstimmig. Schuy löst den Franzosen Dominique Maguin ab, der das Präsidentenamt zwei Jahre innehatte und nicht mehr kandidierte.

Schuy ist seit vielen Jahren Präsidiumsmitglied in der BDSV und hat sich dort seit jeher europäischen Belangen gewidmet. Die BDSV hatte ihn für das Ehrenamt in der EuRIC nominiert. VDM und bvse unterstützten die Kandidatur. Schuy ist mittelständischer Recyclingunternehmer in Limburg/Lahn und konnte Anfang 2016 seinen 60. Geburtstag feiern.


(EUR1216S13)

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