Etappensiege: Europas Abfallwirtschaft bewegt sich – schrittweise

Die Recyclingraten in den europäischen Mitgliedstaaten sind – offiziellen Zahlen zufolge – innerhalb der letzten Dekade deutlich gestiegen. Doch noch immer verschwendet Europa durch die Entsorgung über Abfalldeponien enorme Mengen wertvoller Ressourcen. Wo und wodurch ist Europas Abfallwirtschaft stark? Und welche Aussichten bestehen für die schwächeren Länder? Die Europäische Umweltagentur (EEA) hat dazu einen Überblick erstellt.

Zwischen 2004 und 2014 verringerte sich das gesamte Siedlungsaufkommen im Europäischen Wirtschaftsraum um drei Prozent und die durchschnittliche Abfallproduktion pro Person um sieben Prozentpunkte. Doch dahinter steckt kein gemeinsamer Trend: In 16 Ländern stieg, in 19 Ländern sank die Menge der Kommunalabfälle in diesem Zeitraum. Im Jahr 2014 lag die Abfallproduktion pro Person in Dänemark und der Schweiz am höchsten; das Schlusslicht bildeten Rumänien, Polen und Serbien. Das zeigt, dass wohlhabendere Nationen zu einer höheren Pro-Kopf-Produktion an Siedlungsabfällen tendieren, doch auch der Tourismus trägt zu einem höheren Aufkommen in Zypern und Malta bei. (Die Daten sind allerdings unterschiedlich zu interpretieren, weil sich die Definitionen von Kommunalabfällen und die Daten-Erfassungsmethoden der einzelnen Länder unterscheiden.)

Abfallvermeidung auf dem Vormarsch

Alles in allem gestalten sich mittlerweile Produktion und Konsumption in Europa weniger Abfall-intensiv. So hat in der EU-28 und in Norwegen beispielsweise die Abfallentstehung im produzierenden Gewerbe zwischen 2004 und 2012 um 25 Prozent in absoluten Zahlen abgenommen, ungeachtet eines Anstiegs von sieben Prozent an sektoraler wirtschaftlicher Leistung. Im gleichen Zeitraum reduzierte sich das Abfallaufkommen im Dienstleistungssektor um 23 Prozent, trotzdem hier die Wirtschaftsleistung um 13 Prozent zulegte. Und obwohl die tatsächlichen Haushaltsausgaben im Zeitraum von 2004 bis 2012 um sieben Prozent stiegen, sank insgesamt die Menge an Kommunalabfällen in den Wirtschaftsraum-Staaten um zwei Prozent – von durchschnittlich 503 auf 478 Kilogramm pro Person.

Recyclingrate steigend, aber uneinheitlich

Eine Erfolgsgeschichte der europäischen Umweltpolitik schrieb die steigende Recyclingrate von Kommunalabfällen – inklusive Materialrecycling, Kompostieren und Vergärung von Bioabfällen: Die Staaten des Europäischen Wirtschaftsraums erreichten 2014 eine durchschnittliche Recyclingquote von 33 Prozent, die 2004 noch bei 23 Prozent lag. Die Quoten der EU 27 für diesen Zeitraum  lagen zwischen 31 beziehungsweise 44 Prozent.

Die folgende Aufstellung zeigt jedoch deutliche Leistungsunterschiede zwischen den europäischen Mitgliedstaaten:
■    2014 recycelten Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande und Schweden mindestens die Hälfte ihrer Kommunalabfälle.
■    Zwischen 2004 und 2014 verzeichneten Litauen, Polen, Italien, das Vereinigte Königreich und die Tschechische Republik 20 bis 20 Prozentpunkte.
■    In 15 der 32 Staaten stiegen in diesem Zeitraum die Recyclingquoten um wenigstens zehn Prozentpunkte.
■    In sieben Ländern blieb der Anteil an recycelten Kommunalabfällen unverändert; in zweien verringerte er sich etwas.

Deponierung immer weniger gefragt

Das Ansteigen von Recycling- und Verbrennungsquoten hängt ersichtlich mit der  Reduzierung von Deponierungen zusammen. Gewöhnlich sinkt die Ablagerung wesentlich stärker als das Recycling steigt, da Abfallwirtschaftsstrategien sich bei Abkehr von der Deponierung meistens auf eine Kombination von Recycling und Verbrennung, in etlichen Fällen auch auf eine mechanisch-biologische Behandlung zubewegen.

Die Ablagerungsquote fiel im Zeitraum von 2004 bis 2014 innerhalb der 32 Wirtschaftsraum-Staaten von 49 auf 34 Prozent – ebenso mit unterschiedlicher Leistung. In Österreich, Belgien, Dänemark, Deutschland, Niederlanden, Norwegen, Schweden und Schweiz wurden nahezu keine Kommunalabfälle auf die Deponie geschickt. Andererseits lagerten Zypern, Kroatien, Griechenland, Lettland, Malta und die Türkei weiterhin über drei Viertel ihrer Siedlungsabfälle ab. Insgesamt verringerte sich zwischen 2004 und 2014 in 27 von 32 Ländern die Deponierungsquote. Die größten  Änderungen erreichten Estland (57 Prozentpunkte) sowie Finnland, Slowenien und das Vereinigte Königreich mit je 41 Prozentpunkten. Die Menge an deponierten Abfällen differierte in 2014 von 102 Kilogramm pro Person in Slowenien bis zu 480 Kilogramm pro Person in Malta; die durchschnittliche Menge lag bei 270 Kilogramm pro Person.

Exporte vervielfacht

Angetrieben von Handelsgesetzen und Recyclingzielen der EU und in Zusammenhang mit sprunghaft erhöhtem Ressourcenbedarf in den schnell wachsenden asiatischen Staaten, stiegen auch die europäischen Ausfuhrmengen an Abfall signifikant. Die Exportquoten von Alteisen und Stahl-, Kupfer-, Aluminium- und Nickel-Schrott verdoppelten sich von der Jahrhundertwende bis 2011. Die Ausfuhr von Edelmetall-Abfällen stieg um den Faktor drei, jene von Kunststoff-Abfällen um den Faktor fünf. Auch verdoppelten sich binnen zehn Jahren die Exporte von Sonderanfällen, auch wenn diese überwiegend innerhalb der EU stattfanden.

Die grenzüberschreitende Verbringung von Abfällen haben Recycling- oder Deponierungs-Möglichkeiten eröffnet, die im Quellenland nicht zur Verfügung standen oder wesentlich teurer ausfielen – unter dem Strich bedeutete das geringere Kosten für die Abfallwirtschaft und eventuell weniger Umweltausgaben. Andererseits erhöhten sich bei grenzüberschreitenden Abfalltransporten unter Umständen Kosten und Risiken – man denke nur an die illegalen Bewegungen von belasteten Elektro(nik)schrotten. Darüber hinaus konnten aus Überführungen in Entwicklungsländer erkennbare Umweltbelastungen, Gefahrenpotenziale für die örtliche Bevölkerung und der Verlust wertvoller Materialien resultieren.

Das komplette Spektrum erfüllen

Schätzungen der EU zufolge könnte die vollständige Umsetzung der bestehenden EU-Abfallgesetze bis 2020 rund 74 Milliarden Euro sparen, 400.000 Arbeitsplätze schaffen und im Abfallwirtschafts- und Recyclingsektor einen jährliche Umsatz von 42 Milliarden Euro generieren. Verbesserte Infrastrukturen für Recycling, Sammlungen und Recyclingraten könnten die Versorgungssicherheit kritischer, in neuen Technologien einzusetzender Ressourcen fördern. Um diese mögliche Steigerung zu sichern, müssen die Mitgliedstaaten das komplette Spektrum der EU-Abfallziel-Vorgaben erfüllen.

Die Aussichten, das bis 20120 gesteckte Recyclingziel von 50 Prozent zu erreichen, sind unterschiedlich. Sechs Nationen haben – nach der anspruchsvollsten Methode berechnet – diese Marke überschritten. Etliche Länder müssen sich hingegen anstrengen, insbesondere jene fünf, die momentan noch immer weniger als ein Fünftel ihrer Kommunalabfälle recyceln. Allerdings erlaubt die Richtlinie 2011/753/EC den Nationen, zwischen vier verschiedenen Methoden zur Berechnung der Recyclingraten zu wählen, was zu unterschiedlichen Resultaten führen kann.

Die neuen Ziele der Europäischen Kommission, die für Recycling und die Vorbereitung zur Wiederverwendung bis 2025 eine Quote von 60 Prozent und bis 2030 von 65 Prozent vorschreiben, sind noch ambitionierter. Und das Erreichen zusätzlicher Zielvorstellungen wie die „Beinahe Null- Deponierung“ bis 2020 verlangt zusätzlich deutlich geänderte Lösungsvorschläge für Praktiken der Abfallbewirtschaftung. Jenseits der bestehenden politischen Ziele setzen der „Fahrplan für ein ressourceneffizientes Europa“ und das 7. Umweltaktions-Programm neue Stufen im Bestreben, die Logik der Abfallhierarchie anzuwenden, mit zusätzlichen Vorgaben zur Abfallvermeidung und der Verwendung von Abfall als Ressource.

Politische Maßnahmen sind gefordert

Politische Maßnahmen wie die Einführung von Gebühren oder Verboten für spezifische Abfälle oder Vorgehensweisen, Zahle-So-viel-Wie-Du-Wegwirfst-Systeme oder die Erweiterte Produzenten-Verantwortlichkeit können Verschiebungen auf ein höheres Level der Abfallhierarchie bewirken. Die großen Unterschiede hinsichtlich Abfallbewirtschaftung und Zielfortschritte innerhalb Europas unterstreichen die Wichtigkeit solch nationaler und lokaler Instrumente. Zwar können sie auch zu gegenteiligen Effekten führen wie illegalen Abfalldeponien oder zu unerwünschten Alternativen wie exzessiven Verbrennungskapazitäten oder minderwertiger mechanisch-biologischer Behandlung von Mischabfällen. Instrumente wie Deponieabgaben müssen daher durch zusätzliche Maßnahmen wie einer umfassenden Überwachung oder Anreizsystemen für bevorzugte Abfallwirtschaftsstrategien ergänzt werden.

Außerdem sind nach Ansicht der EEA verbesserte Abfalldaten und harmonisierte nationale Berichtsmethoden vonnöten, da Unsicherheiten in der Vergleichbarkeit nationaler Daten zu einer Barriere für die Einschätzung von Fortschritt und Effektivität politischer Maßnahmen werden.

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