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Zukunft Abfallwirtschaft: „Wo Prognosen nicht möglich sind, müssen Ideen her“

Die zukünftige Abfallwirtschaft verlangt nach praktikablen und nachhaltigen Lösungen.

Natürlich kann man es sich leicht machen wie der TerraCycle-Gründer Tom Szaky und ein paar altbekannte Forderungen aufstellen, darunter Verbote für Kunststoffe, weniger Papierverbrauch und Verpflichtung zur Kompostierung. Oder wie The Guardian im Februar 2015 auf Schlagworte wie Überdenken des Kreislaufgedankens, Energiegewinnung aus Abfall, zunehmende Rezyklierbarkeit, Überzeugung der Kunden und Verantwortung der Einzelhändler zurückgreifen. Im Vergleich dazu ist die Idee, die die Süddeutsche im September 2014 veröffentlichte, zumindest deutlich origineller: die Kunststoffabfälle ins All zu schießen. Allerdings müsste ein Spaceshuttle etwa 30 Millionen Mal starten und landen, um die jährlich produzierten 300 Millionen Tonnen Plastikmüll extraterrestrisch zu entsorgen.

Das Zukunftsthema ist spannend und international wird nach Lösungen gesucht. Die Erforschung zukünftiger Abfälle und neuer Verwertungswege hat sich beispielsweise die Arbeitsgruppe „Future Waste Treatment“ an der Montanuniversität Leoben auf die Fahnen geschrieben. Suez mobilisierte in Partnerschaft mit MakeSense unter dem Titel „Future of Waste“ Organisationen und Start-ups. 2013 endete ein dreijähriges grenzüberschreitendes tschechisch-österreichisches Projekt mit gleichem Namen, das sich mit Verfahren zur Verbesserung der Abfallbehandlung befasste. In Kanada residiert eine Recyclingfirma namens „Waste Future Management“. Und das Dänische Umweltministerium präsentierte im Herbst 2016 das „Forsyning for fremtiden“-System zur „Versorgung für die Zukunft“: Es sollte ausländischen Unternehmen die Chance geben, auf dem dänischen Abfallmarkt um Kunden zu konkurrieren, den preiswertesten Anbieter für thermische Entsorgung auszuwählen und andere Verwertungsstrategien anzubieten als die Kommunen. In Deutschland handelt der Entsorger Remondis nach eigenem Bekunden bereits „im Auftrag der Zukunft“.

Was schwierig zu bewerkstelligen ist

Auch die Forschung trägt zur Zukunft des Recyclings bei. So arbeitete beispielsweise schon im April 2014 das Fraunhofer-Institut an dem „Übermorgen-Projekt ‚Mulecular Sorting‘“, proklamierte ein „Recycling der nächsten Generation“ und stellte dann auf der IFAT ihr „Recycling 2.0“ vor. Und gewann durch mikrobielle Erzlaugung kleine Mengen Edelmetall oder Seltene Erden wieder. Fraunhofer untersuchte, wie aus altem Flachglas wieder hochwertiges, farbstofffreies Glas werden kann, reinigte behandeltes Holz mit überkritischen Fluiden, um es besser recyceln zu können, zerlegte Beton durch ultrakurze Blitze. Und entwickelte keramische Filter zur Rückgewinnung von Germanium, Zink und Phosphor aus Verbrennungsabgasen.

Ebenso waren und sind die Forscherteams in der privaten Entsorgungswirtschaft aktiv. So ist unter anderem im „Abfallwirtschaft 4.0“-Magazin des österreichischen Entsorgers Saubermacher nachzulesen, wie sich die Hydrometallurgie nutzen lässt, um Kobalt aus alten Batterien zu separieren. Wie die Forscher Verwendungsmöglichkeiten für ein zweites Leben von ausgemusterten Lithium-Ionen-Batterien ausloten. Glasfaser-verstärkten Kunststoff zu recyceln versuchen. Und völliges Neuland betreten, um Ersatzbrennstoffe digital zu erfassen, die sich als Input nach Sortiertiefe, Feuchtigkeits- und Mahlgrad sowie Fremdstoffgehalt unterscheiden: „Das Inputmaterial automatisch zu erkennen und die notwendigen Maßnahmen durch die jeweiligen Maschinen selbstständig durchführen zu lassen, ist das Ziel der Forschung. Doch das ist noch nicht alles: Die Maschine soll auch erkennen, wenn im Prozess etwas schiefgeht – und selbstständig gegensteuern.“

Der Blick in die Zukunft der Entsorgung verlangt eine genaue Perspektive. Wie schwierig diese zu bewerkstelligen ist, musste schon im Oktober 2006 eine Forschergruppe beim VDI Technologiezentrum GmbH erfahren. Ihre Szenario-Analyse „Die Zukünfte der Siedlungsabfallwirtschaft“ endete nicht nur in einer „unkommentierten Präsentation der Ergebnisse“. Sondern sie machte vor allem deutlich, dass 26 Variablen an der Ausgestaltung der zukünftigen Abfallbranche beteiligt sind: Zwischen „Abfall als Ressource“ und „Wirtschaftswachstum“ müssen Faktoren wie öffentliche Akzeptanz, Energieverfügbarkeit, Globalisierung, regionale Wertschöpfung, soziale Struktur und Technologieentwicklung berücksichtigt und einkalkuliert werden – jede lässt verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten zu. So stehen zum Beispiel allein für Globalisierungstrends drei Alternativen zur Verfügung: erstens die totale Globalisierung mit weltweit unregulierten Rohstoffmärkten und verhandlungsoffenen Umweltstandards, zweitens die regulierte Globalisierung mit internationalisierten Standards, aber schwierigen Abstimmungsprozessen, und schließlich die Abschottung nationaler Märkte mit zeitweise hoher Investitionssicherheit, jedoch schwachen Exporten, teuer importierten Rohstoffen und hohen Kosten für die Abfallwirtschaft.

Bisherige Gesetze = eine Summe von Einzelmaßnahmen

Wie schnell vom einen zum anderen System folgenreich gewechselt werden kann oder muss, zeigen die Sanktionen der EU gegenüber der Sowjetunion, die Aufkündigung von langjährigen Verträgen infolge des Brexit und die Entwertung jahrzehntelanger Handelspartnerschaften durch den jetzigen US-Präsidenten. Die Experten, die der VDI-Abteilung „Zukünftige Technologien Consulting“ angehörten, mussten schließlich auch Jahre später noch zugeben: „Bislang kann niemand die Situation der Abfallwirtschaft in zehn bis 15 Jahren vorhersagen.“ Wo Prognosen nicht möglich sind, müssen Ideen her. Allerdings nützen die bisherigen gesetzgeberischen und programmatischen Initiativen für eine Kreislaufwirtschaft nichts. Diese seien bislang lediglich eine Summe von Einzelmaßnahmen, urteilte Gottfried Jung, Abteilungsleiter im rheinland-pfälzischen Umweltministerium. Und gab stattdessen auf dem vorletzten Kasseler Abfall- und Bioenergie-Kongress zu bedenken: „Zu einer einheitlichen Gesamtstrategie, die den Blick für das Ganze schärft, die alle öffentlichen beziehungsweise privaten Akteure motiviert und ihnen eine Aufbruchstimmung vermittelt, hat diese Einzelmaßnahmen bisher niemand zusammengefügt.“ Demgegenüber hätte ein Kreislaufwirtschaftsgesetz, flankiert durch ein Kreislaufwirtschaftsprogramm, dafür eine Chance geboten. „Aber es ist geprägt von Verordnungsermächtigungen, die obendrein nur schleppend oder gar nicht genutzt werden.“ Die programmatische Klammer für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft könnte das bieten, was Martin Faulstich, Geschäftsführer der Cutec GmbH, in einer Verbindung von Energie- und Ressourcenwende sieht und „Perspektive bis 2050“ nennt. Dabei würde sich Recycling ausschließlich auf endliche Ressourcen wie Metalle, Seltene Erden und Phosphor konzentrieren, während die Versorgung von Haushalten, Verkehr und Industrie mit Strom und Wärme nur noch aus regenerativen Quellen erfolgt. Schadstoffkreisläufe für Organika und Stickstoff sollen unterbrochen und die landwirtschaftliche Klärschlammentsorgung zugunsten Monoverbrennungsanlagen für Klärschlamm aufgegeben werden. Anlagen und Standorte für thermische Behandlungskapazitäten blieben weitgehend bestehen, wären aber auch knapp und teuer. Recyclingbetriebe müssen selbst Entsorgungssicherheit schaffen und eigene Verbrennungskapazitäten aufbauen. So könnte sich aus einer fossilen Industriegesellschaft mit ungebrochener Wachstumsdynamik eine nachhaltige entwickeln.

Das alles könnte klappen

Dazu braucht es laut Gottfried Jung neben Geduld und Zeit viele engagierte Vorreiter und „eine wachsende Zahl von Menschen, die den Weg in die Kreislaufwirtschaft auch in ihrem persönlichen Lebensumfeld mitgehen“. Zu einem nachhaltigeren Alltag gehört unter anderem eine zunehmende Sharing Economy, die auf Benutzen statt auf Besitzen aufbaut, auf Mieten statt Kaufen. Oder wie es der Cradle-to-Cradle-Vordenker Michael Braungart ausdrückte: „Ich kaufe keine Glühbirnen, sondern 1.000 Stunden Licht. Und ich brauche keine Waschmaschine, sondern 100 Kleiderwäschen.“ Dann werden sich auch Hersteller und Händler darum bemühen, ihre Produkte so wirtschaftlich wie möglich einzusetzen, den Stoffkreislauf so gut als realisierbar zu schließen und aus Eigeninteresse ihre Produktverantwortlichkeit wahrnehmen. Und es sind – um noch einmal Martin Faulstich zu zitieren – „politisch verlässliche Rahmenbedingungen jenseits der Fünfjahresperioden von Regierungen und Aktiengesellschaften“ erforderlich. Die resultierende wirtschaftspolitische Richtungsstabilität ermöglicht den marktwirtschaftlich tätigen Unternehmen notwendige Infrastrukturen, Technologien und Dienstleistungen.

Das alles könnte unter Umständen klappen und bewirken, dass sich Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch erstmals seit Bestehen der Industriegesellschaft entkoppeln. Allerdings ist Deutschland keine Insel, die sich von der Weltökonomie abschotten will oder kann. Sondern sie ist ein Teil der Weltwirtschaft und Mitspieler in der Geopolitik. Und damit als Wirtschaftsnation abhängig von den auf dem Weltmarkt angebotenen Ressourcen, die – wie die DERA-Studie „Rohstoffe für Zukunftstechnologien 2016“ ausweist – knapp und – wie die Südwind-Studie zur „Rohstoffwende 2049“ nahelegt – nicht immer unter Wahrung internationaler Regeln gewonnen und gehandelt werden. Wie sich deren Ökonomie langfristig entwickeln und Einfluss auf die europäische und deutsche Abfallwirtschaft nehmen wird, vermag niemand vorherzusagen. Ohnehin weiß man spätestens seit Mark Twain: „Prognosen sind eine schwierige Sache. Vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“

Foto: franz12 / fotolia.com

(EU-Recycling 01/2018, Seite 24)

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