Gesucht: der beste partnerschaftliche Software-Anbieter

Softwareanbieter gibt es wie Sand am Meer. Was in den von ihnen angepriesenen Programmen steckt, merkt man meist erst nach der Installation. Der Softwarekauf wird zur Glückssache. Interessierte Entsorgungs- und Recyclingunternehmen haben es daher schwer, einen für ihre Bedürfnisse geeigneten Partner zu finden.

Zeichenprogramme auf dem Computer für den Privatgebrauch beispielsweise reichen von simplen Malfunktionen über zusätzliche Filter bis hin zu komplexen Freistellungsmöglichkeiten. Es gibt sie umsonst zum Download, als Programme zu erschwinglichen Preisen und als mehrfunktionale Suiten auf jährlicher Mietbasis. Davon, wie solche Programmierungen arbeiten, hat der Benutzer keine Ahnung. Kaum jemand dürfte eine Vorstellung davon haben, was nach dem Aufspielen von Zeichen- und noch viel weniger von Antivirus-, Internet-Security- oder auch nur Update-Programmen im Computer passiert.

Die Qual der Wahl

Auch die Vielfalt bei Software für die Recyclingwirtschaft ist enorm. Das Wort „Recycling Software“ – mit und ohne Bindestrich eingegeben – liefert bei Google rund 115 Millionen Treffer und etwa 250.000 Angebote. Telematik-Software verzeichnet 1,7 Millionen Treffer; ihre Anbieter kommen auf eine Zahl von knapp 85.000. Programme zum Enterprise Resource Planning (ERP) für Recycling stehen über 51.000mal zum Verkauf. Selbst Software für das Fuhrparkmanagement wird über 31.000mal im Internet offeriert.

Der potenzielle Benutzer hat die Qual der Wahl, in diesem Angebots-Heuhaufen die Stecknadel-Software seiner Wahl zu finden. Je nach Aufgabenstellung des Unternehmens wird ein System gesucht, das die üblichen Funktionalitäten wie Auftragsabwicklung, Finanzbuchhaltung und Controlling abdeckt und zusätzlich eine verlässliche Verwaltung des Fuhrparks und die Disposition aller Fahrten ermöglicht. Zu bedenken ist dabei auch die Größe des Unternehmens: Start-ups brauchen eine zwar ausbaufähige, aber keineswegs „global“ ausgerichtete Software, wie sie beispielsweise Veolia Umweltservice für die Vielzahl ihrer Aufgaben benötigt.

Konnektivität und Kompatibilität?

Bei der Wahl kommen Anforderungen an die Konnektivität des Systems hinzu, das Telematik-Informationen in beiderlei Richtungen, Anbindungen an Messegeräte wie Fahrzeugwaagen und Schnittstellen zu den verschiedensten Datenbanken vorhalten und sich auf dem neuesten Stand befinden muss. Erzeuger und Entsorger haben es in der Abfallwirtschaft mit ungefähr 50 verschiedenen Schnittstellen zu tun, weiß Alexander Marschall vom ICT-Spezialisten Axians. Die wenigsten Programmanbieter erlauben jedoch im Internet eine Einschätzung, inwieweit ihr Produkt mit anderen elektronischen Produkten kompatibel ist. So kann beispielsweise die für einen Fuhrpark angebotene Telematik-Ausstattung eines Anbieters bei der Anbindung an die Bürosoftware eines anderen Anbieters Probleme bereiten. Telematikfirmen bieten daher gerne zu ihren Kernprodukten – intelligenten Fahrzeugsystemen – auch Software-Lösungen an für spezielle, branchentypische Aufgaben in Verwaltung, Planung und Auftragsmanagement, die ihrerseits nicht zwingend die optimale ERP-Lösung für das beauftragende Unternehmen darstellen müssen. Da kein Software-Hersteller in die Zukunft sehen kann, kann auch niemand garantieren, dass sein System bei neuen gesetzlichen Bestimmungen oder technischen Änderungen zur Abwicklung von Registrierungsvorgängen kommenden Anforderungen entspricht und – mit überschaubarem Aufwand – nachrüstbar ist. Konnten beispielsweise alle Programme hinsichtlich der seit Mai 2018 in Kraft getretenen Datenschutz-Grundverordnung upgedatet werden, um der gesetzlich vorgeschriebenen Auskunfts-, Lösch- und Datensicherungspflicht zu genügen?

Vorsicht bei Digitalisierungsversprechen

Völlig unbekanntes Terrain betritt ein Unternehmen, das sich für Software zur Digitalisierung seiner Produktpalette interessiert. Zwar stehen hierfür bei Google über 70.000 Angebote zur Disposition. Für einzelne Produktgruppen mag hierin eine Zukunft liegen; so sieht sich die spezielle Software wie myMetals schon als „Antwort auf die Digitalisierung der Schrottbranche“. Offerten gegenüber, die ein umfassendes Programm zur Digitalisierung der Dienstleistungen in der Entsorgungs- und Recyclingwirtschaft anbieten, sollten Interessenten jedoch vorsichtig sein.

Zwar hat die Industrie 4.0 vor allem in der Entsorgungslogistik Einzug gehalten, wie der Bundesverband BDE in einer umfassenden Broschüre (www.bde.de/assets/public/Dokumente/Logistik/BDE-VKU-Mobile-IT-Systeme.pdf) dargelegt hat. Hierfür gibt es im Markt bereits ausreichend entwickelte Programme verschiedenster Anbieter. Software-Versprechungen für die „vertikale Integration von Abläufen“ oder ein „Internet der Dinge“ sind jedoch mit Vorsicht zu genießen: Sie sind in der Recyclingbranche bestenfalls Zukunftsmusik. Die Auswahl der hier seriös infrage kommenden Software für spezifische – und zumeist noch in der Entwicklung befindliche – Aufgabenbereiche der Entsorger ist gering und das Anbieterfeld folglich sehr eng begrenzt.

Kaum Vergleichsmöglichkeiten

Um potenziellen Käufern von Recycling-Software Hilfestellung zu geben, stehen verschwindend wenige Vergleichsportale zur Verfügung. Darunter beispielsweise die Webseite GetApp (www.getapp.de/directory/1319/recycling/software), die lediglich drei Anbieter aus dem Recyclingbereich vorstellt, deren Programme nur mit ERP-Anbietern anderer Sparten verglichen werden. Capterra (www.capterra.com/recycling-software) stellt 16, vorwiegend US-amerikanische Unternehmen mit einigen spezifischen Produktdetails und Kundenbewertungen vor und wägt deren Vorteile und Schwachstellen ab. Interaktiv können außerdem mehrere dieser Programme parallel auf Preise und Leistungsumfang miteinander verglichen werden. Und die deutschsprachige Softguide-Webseite (www.softguide.de/software/recycling) will ihren Besuchern eine „umfassende Marktübersicht mit Branchensoftware, Programmen und Lösungen für Recyclingunternehmen und Entsorgungsbetriebe“ bieten. Sie präsentiert immerhin 33 Programme mit Kurzdarstellungen, Links für Infomaterial zum Download sowie etlichen technischen Details. Wer sich übrigens online nach „unabhängigen Beratungsstellen“ erkundigen will, die ihm bei der Produktwahl helfen könnten, wird noch enttäuschter als bei der Suche nach Vergleichsportalen sein: Es gibt sie kaum, und die vorgeblich produktneutralen Beratungen entpuppen sich nur allzu schnell als direktes Productplacement.

Demnach gilt bis zum Vertragsabschluss mit einem Anbieter die abgewandelte Devise: „Augen auf bei der Software-Wahl!“ Fällt diese wunschgemäß aus, dann wird das beauftragende Unternehmen letztendlich ebenso zu zufrieden sein wie beispielsweise das folgende, das sich für das Programm eines für den Telematik-Preis 2018 nominierten Anbieters entschieden hatte: Dieser habe „unsere Anforderungen in kürzester Zeit umgesetzt; selbst Sonderprogrammierungen wurden schnell und kostengünstig realisiert. Das Preis-/Leistungsverhältnis ist unschlagbar […]“

Foto: pixabay

(EU-Recycling 10/2018, Seite 16)

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