Lateinamerika: Mittel- und langfristige Geschäftschancen

China, Indien, Türkei – die IFAT 2014 beleuchtete den globalen Wassersektor ausführlich. Die Situation der außereuropäischen Abfallwirtschaft erfuhr wesentlich geringere Aufmerksamkeit. Dabei lag, verstreut über mehrere Veranstaltungen, der Schwerpunkt eindeutig auf das Entwicklungspotenzial von Lateinamerika.

So berichtete Carlos RV Silva Filho (ABRELPE – Brazilian Association for Solid Waste) über Herausforderungen und Perspektiven der brasilianischen Abfallwirtschaft. Brasilien liegt demnach schon heute an der Spitze der verstädterten Nationen: 86,5 Prozent der Bevölkerung wohnt in Städten, während vergleichsweise Deutschland auf rund 74 Prozent, China auf knapp 45 Prozent und Vietnam auf nicht einmal 29 Prozent kommen.

In dem südamerikanischen Land wird pro Einwohner und Tag rund ein Kilogramm Abfall produziert. Von den 62,7 Millionen Tonnen an kommunalen Abfällen im Jahr 2012, die zu 85 Prozent an der Ostküste anfielen, wurden 56,5 Tonnen gesammelt. Die Menge an festen Siedlungsabfällen und Bioabfällen stieg zwischen 2003 und 2012 von 166.000 Tonnen pro Tag auf etwas über 200.000 Tonnen. 2012 wurden von den durch Sammlungen erfassten Mengen 32,8 Millionen Tonnen (58 Prozent) ordnungsgemäß entsorgt, während 23,7 Millionen Tonnen (42 Prozent) im informellen Sektor behandelt wurden. Auch hierbei bestehen enorme regionale Unterschiede: Während im Südwesten und Süden das Verhältnis von „adäquater“ zu „inadäquater“ Entsorgung grob gesprochen bei 70 zu 30 liegt, ist es in den übrigen Landesteilen umgekehrt: Im Zentralosten werden nur 29,4 Prozent der erfassten Abfälle regelkonform entsorgt.

4,8 Milliarden Euro nötig

Um eine flächendeckende Sammlung und eine ordnungsgemäße Verbringung auf kontrollierte Deponien zu gewährleisten, sind nach Angabe von Silva insgesamt 6,7 Milliarden Brasilialischer Reais (4,8 Milliarden Euro) nötig: umgerechnet 635 Millionen Euro für die Erfassung und 4,2 Milliarden Euro für die Deponierung, wobei der Nordosten und der Süden mit knapp zwei beziehungsweise 1,5 Milliarden Euro den Löwenanteil benötigen.

Als erste Schritte zur Realisierung des „Neue Vor­ge­hens­weise“-Gesetzes 12.305/10 werden neben Sammlung und Deponierung der Aufbau von Kapazitäten, die Einbeziehung aller Interessenvertreter, eine an den Gegebenheiten orientierte Finanzierung sowie die Implementierung einer strategischen Planung ins Auge gefasst. Alles in allem, fasste Silva zusammen, sollte in Brasilien ein Paradigmenwechsel von einem linearen zu einem Kreislaufsystem stattfinden.

Recyclinganteil unter einem Prozent

Im Rahmen des Themenblocks zur „Intelligenten Verstädterung“ sprach José Ramón Ardavín Ituarte, Geschäftsführender Direktor der Cespedes, der Comisión de Estudios del Sector Privado para el Desarrollo Sustentable, über Chancen und Erfahrungen in Mexiko. Das Land gehört laut UNEP-Statistik hinsichtlich des Bruttoinlandsprodukts zum unteren Viertel aller Nationen und entspricht mit rund 350 Kilogramm Siedlungsabfällen pro Einwohner und Jahr etwa der Marge von Brasilien.

Allerdings übertrifft gemäß McKinsey-Index das Abfall­aufkommen von Mexico City den Benchmark-Index von Helsinki, New York, Singapur und Toronto um 54 Prozent. Darüber hinaus ist die Deponierung in Mexiko noch immer die überwiegende Entsorgungsmethode, während der Prozentsatz von Recycling und Kompostierung unter einem Prozent rangiert.

Vor allem im informellen Sektor

Trotzdem hat sich in der mexikanischen Abfallpolitik der letzten Jahrzehnte einiges getan. So liegt nach Angabe des Instituto Nacional de Estadística, Geografía e Informática (INEGI) die Abfall-Erfassungsquote bei 84 Prozent. Die Abfalldeponien dienen der ordnungsgemäßen Lagerung von Siedlungsabfällen: Die Endlagerung von über der Hälfte der mexikanischen Kommunalabfälle erfolgt auf kontrollierten Plätzen. In mittleren Städten und Metropolen stehen 40 regelkonforme Deponien, in Kleinstädten 13 Deponien zur Verfügung.

Ein Großteil der erfassten Abfallmengen wird aber weiterhin aufgrund eines fehlenden Marktes, hoher Betriebskosten oder schlechter Produktqualität nicht adäquat behandelt und vorwiegend verbrannt. Recycling, erläuterte der Cespedes-Direktor, erfolgt vor allem im informellen Sektor, also durch Abfallsortierer, Straßenreiniger oder angestellte Reinigungskräfte. Der Hauptanteil der mexikanischen Siedlungsabfälle besteht aus Organik – ihre Verwendung durch Kompostierung steckt noch in den Kinderschuhen.

Für Mexico City – hier besteht ein „Städtisches Reinigungssystem“ – werden andere Werte gemeldet. Für die täglichen 12.500 Tonnen an Abfällen, die die neun Millionen Bewohner täglich produzieren, sind 17.000 städtische Arbeiter und über 2.000 Fahrzeuge im Einsatz. Annähernd zwölf Prozent aller festen Abfälle werden recycelt.

Im Oktober 2013 nahm die mexikanische Kommission für Umwelt in Ballungsräumen („Environmental Megalopolis Commission“) ihre Arbeit auf: Sie repräsentiert 16 Stadtgemeinden und 224 Kommunen bei Planung und Durchführung eines flexiblen Umweltprogramms mit Blick auf Erfahrungen mit erfolgreichen internationalen Umsetzungen. Dennoch, konstatierte Ardavín Ituarte abschließend, seien enorme Investitionen notwendig, um Mexiko auf den Stand der entwickelten Nationen zu bringen, die ihre Abfälle erfolgreich behandeln und recyceln.

Sehr unterschiedliche Sammelquoten

Auf dem Lateinamerika-Special des Umweltcluster.Bayern berichtete Luisa M. Díaz Sánchez über Zentralamerika. Dabei unterstrich die Beraterin für Wettbewerbsfähigkeit und Umwelt bei der Industrie- und Handelskammer Costa Rica, dass die Abfallquoten der sechs zentralamerikanischen Staaten sehr unterschiedlich ausfallen. Demnach beträgt die Produktion fester Abfälle in Guatemala und El Salvador rund ein halbes Kilogramm pro Einwohner und Tag, während die Mengen in Costa Rica und Panamá etwa doppelt so hoch ausfallen. Und während die Erfassungsquote für feste Abfälle in El Salvador lediglich bei 60 Prozent liegt, erreicht sie nach amtlichen Angaben in Guatemala 80 Prozent und in Costa Rica und Panamá 90 Prozent. Für Honduras und Nicaragua liegen keinerlei Zahlen vor.

Die Abfallwirtschaft in Costa Rica unterliegt laut Díaz Sánchez einem eigenen Gesetz und Regularien wie der Erweiterten Produzentenverantwortlichkeit. Besondere Vorgaben bestehen für elektronische und Haushaltsabfälle; Sonderabfälle unterliegen der Basler Konvention. Für Reifen und Schmieröle bestehen Vorschriften, ebenso für Kühlmittel, Polystyrene und bleihaltige Batterien, für die jedoch im Land keine Wiederverwertungs-Technologien existieren. Den Angaben nach sollen in den Jahren 2009 bis 2013 an Kunststoffen, Papier, Pappe, Glas und Aluminium „10 MT“ zurückgewonnen worden sein, darüber hinaus „2.000 MT“ an Elektroschrott (die Relationen sind anzuzweifeln).

Best-Practices am überzeugendsten

Wie deutsche und europäische Umwelttechnologie in Schwellen- und Entwicklungsländern zum Einsatz kommen kann, beleuchtete ein Diskussionsgespräch mit dem Thema „Internationale Kreislaufwirtschaft – internationale Kooperationen“. Hier stellten die German RETech Partnership (RETech) und die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) zwar in erster Linie ihre Aufgabenbereiche vor, berichteten jedoch – aus erster Hand – auch über Erfahrungen beim Wissens- und Technologietransfer in außereuropäische Länder.

Markus Lücke, Projektleiter von SWEEP-Net, dem Regionalen Netzwerk für Integrierte Abfallwirtschaft im MENA-Raum, resümierte: „Die größte Überzeugungskraft haben wir immer erreicht mit Best-Practices. Zwar gibt es immer mal Wunderheiler, die durch die Region stürmen und Lösungen anbieten, die letztlich keine sind. Deswegen sind konkrete Vorhaben, die im Pilotmaßstab umgesetzt wurden, der beste Ansatz, um auch auf politischer Ebene zu überzeugen. Wir sind, in Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft, daran interessiert, solche Lösungsansätze zum Beispiel auf kommunaler Ebene zusammen mit unseren Partnern zu entwickeln, dann auf Pilotmaßstab umzusetzen und über unsere Netzwerkplattform wieder regional zu verbreiten. Der wesentliche Aspekt in der Region ist nicht so sehr die Umwelt, sondern die Schaffung von Arbeitsplätzen. Wenn man das intelligent miteinander verbinden kann, dann hat man viel gewonnen.“
Auch Johannes Frommann, GIZ-Seniorberater für Abfallwirtschaft, beklagte, dass in vielen Partnerländern Versprechungen für eine wundersame Gesamtlösung für alle Abfallwirtschaftsprobleme – beispielsweise durch thermische Verfahren wie Pyrolyse – gemacht werden. Die Fachleute vor Ort würden nicht gefragt. Es sei mehr Koordination und Kommunikation nötig, um an die Gegebenheiten angepasste Technologien gemeinsam zu entwickeln und zu betreiben.

Frommann: „Es kann keine Lösung darin bestehen, dass die wunderbaren, hochautomatisierten, komplexen, effizienten Technologien beispielsweise im Bereich Abfallsortierung unbedingt dorthin exportiert werden.“ Oder dass Unternehmen ihre „ollen Kamellen von vorgestern“ auspacken und in die Partnerländer verkaufen. „Sondern sie sollen sich auf die Notwendigkeiten und Bedürfnisse und den Ausgangspunkt dieser Partner einlassen. Daraus entstehen – nicht kurzfristig, aber mittel- und langfristig – auch gute und sehr gute Geschäftsmöglichkeiten.“

Seriös und technologieneutral beraten

Für den RETech-Vorstandsvorsitzenden Dr. Armin Vogel ist es in erster Linie wichtig, seriös zu beraten, technologieneutral zu sein, sich ans Land anzupassen, zu adaptieren und nicht einfach alte Technik zu verkaufen. „Wunderheiler bieten in aller Regel nicht nur Techniken an, die meistens gar nicht passend sind, sondern die irgendwann mal finanziert werden. Da wird dann irgendein Budget ausgeaast, wobei es auch noch Sickerverluste gibt, weil diese unseriösen Lösungen meist unseriöse Geschäftspraktiken als Paten haben.“ Das Problem der Korruption, so Vogel, könne man im Grunde nur dadurch umgehen, dass Projekte sehr hochrangig angesiedelt werden und sehr viel öffentliche Aufmerksamkeit erzeugt wird. Werde dieses Bewusstsein im politischen Bereich verankert und würden viele Leute mitgenommen, gäbe es eine konkrete Chance, mit dem Thema Korruption nicht immer behelligt zu werden.

Keine Finanzierung für kommunale Projekte

Große Probleme sah Vogel allerdings in der Projekt-Finanzierung. Zwar gebe es hervorragende Instrumente der Exportförderung und KfW-geförderte Projekte. Aber: „Uns fehlt in Deutschland ein zentrales Instrument zur Absicherung für kommunale Geschäfte.“ In der Praxis laufe das so ab, dass Interessenten eingeladen und ihnen Modell-Projekte in Deutschland gezeigt werden. Es stünden sehr hohe Vorlaufkosten durch Einladen, Know-how-Transfer und Capacity Building, und am Schluss werde dieses Projekt international ausgeschrieben und der niedrigste Bieter gewinne.

Dieses Problem sei auch mit Hermes nicht zu beheben, da es kaum Chancen gebe, eine Hermes-Absicherung für eine Kommune zu erhalten. Vogel wörtlich: „Solange die Finanzierung nicht sichergestellt ist, werden wir nie Dienstleistungen oder Technik ins Ausland bringen. Wir brauchen ein Abwicklungsinstrument, und wenn wir das nicht haben, können wir noch 500 Initiativen gründen und sind auch nicht besser.“

(EUR0614S16-18)
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