Deutschlands Abfallwirtschaft im Ungleichgewicht

Lautet das Ergebnis einer Analyse der Prognos AG, die Bereichsleiter Holger Alwast auf der IFAT vorstellte.

Ausgangssituation: Bereits heute sind in Deutschland die Vorbehandlungsanlagen nur unzureichend mit Rest­abfällen der Kommunen ausgelastet. Den bundesweiten Mengen an behandlungsbedürftigen Restabfällen von 16,6 Millionen Tonnen im Jahr 2011 standen im Jahr 2013 Kapazitäten in Müllverbrennungsanlagen von 19,6 Millionen Tonnen und in mechanisch-biologischen Behandlungsanlagen von 6,1 Millionen Tonnen gegenüber. Die Auslastung dieser beiden Vorbehandlungsverfahren für Rest­abfälle betrug somit nur knapp 65 Prozent. Zudem sind mit 5,4 Millionen Tonnen im Jahr 2013 noch weitere Ersatzbrennstoff-Kraftwerkskapazitäten am Markt verfügbar, die – wie auch die Vorbehandlungsanlagen – insgesamt mit Restabfällen, Gewerbe- und Sekundärabfällen sowie zusätzlich mit EBS, inklusive Importe aus Drittstaaten, ausgelastet werden müssen.

Diese Auslastung wird jedoch nur mit einem Preisniveau erreicht, das nicht geeignet ist, die Anlagen kurz- bis mittelfristig wirtschaftlich zu betreiben oder mittel- bis langfristig modernisieren zu können. Konkret bewegen sich die Annahmepreise für Restabfälle der Kommunen unter 60 Euro pro Tonne im Westen und Norden sowie unter 35 Euro pro Tonne im Osten Deutschlands; bei frei handelbaren Gewerbeabfällen und EBS zeigt sich gegenwärtig sogar das niedrigste Preisniveau mit 10 bis 45 Euro pro Tonne ebenfalls im Osten Deutschlands. Von einem ökonomischen Gleichgewicht ist die Abfallwirtschaft bereits heute hier, aber auch in anderen Regionen weit entfernt.

Zukunftsszenarien

Die Prognos-Analyse geht darüber hinaus der Frage nach, was sich an der aktuellen Situation bis zum Jahr 2025 ändern könnte. Hierzu wurden in zwei Szenarien Annahmen für die Restabfallmengen im Markt sowie für die künftige Entwicklung der Behandlungskapazitäten getroffen.

Im ersten Szenario wird bis zum Jahr 2025 unter Berücksichtigung der Annahmen aus GemIni (Variante 1) sowie der demografischen Entwicklung die Restabfallmenge um 28 Prozent, die Kapazitäten zur Behandlung in MVA, EBS-Kraftwerken und MBA altersbedingt (Stilllegung von Linien thermischer Behandlungsanlagen älter 35 Jahren) um 26 Prozent beziehungsweise um 21 Prozent inklusive der EBS-Kraftwerke zurückgehen. Rest­abfälle werden die Anlagen (MVA/ MBA) zu 63 Prozent beziehungsweise 49 Prozent (inkl. EBS-Kraftwerke) auslasten können.

Im zweiten Szenario gehen die Rest­abfallmengen bis zum Jahr 2025 unter Berücksichtigung der Annahmen aus GemIni (Variante 2) sowie der demografischen Entwicklung um 32 Prozent sowie die Kapazitäten zur Behandlung durch die Schließung von Linien in MVA und EBS-Kraftwerken älter als 30 Jahre sogar um 45 Prozent für MVA/MBA beziehungsweise um 38 Prozent inklusive der EBS-Kraftwerke zurück. Die Restabfälle werden die Anlagen (MVA/MBA) in diesem Fall zu 80 Prozent beziehungsweise 58 Prozent (inkl. EBS-Kraftwerke) auslasten können. Dieses Szenario würde bezogen auf die IST-Situation der Vorbehandlungsanlagen auch die ökonomischen Randbedingungen im Markt deutlich verbessern. Das heutige ökonomische Ungleichgewicht könnte sich verringern.

Was zu tun wäre

Prognos schlägt die Initiierung eines offenen und lösungsorientierten Diskussions- und Umsetzungsprozesses vor, der alle kommunalen und privaten Akteure der Restabfallbehandlung, inklusive thermischer Behandlungsanlagen (MVA und EBS-Kraftwerke) und mechanisch-biologischer Behandlungsanlagen, integriert. Ziel des Diskussions- und Umsetzungsprozesses ist es, zunächst eine gemeinsame Festlegung von Anforderungen und Kriterien für ein „Stabilitätsprogramm Abfallwirtschaft“ zu entwickeln, das in der Zukunft für wirtschaftlich ausgewogene Verhältnisse in den regionalen abfallwirtschaftlichen Wertschöpfungsstufen sorgen soll. Darüber hinaus gilt es, ein nachhaltiges, regionales Konzept einer Abfallwirtschaft im Einklang mit der heutigen beziehungsweise künftigen europäischen Abfallpolitik zu entwickeln und zu realisieren.

Die Prognos AG kann zur Schaffung einer tragfähigen Datengrundlage durch die gemeinsame Weiterentwicklung der seit über 15 Jahren bestehenden, regionalen Abfallmodelle sowie durch die Moderation der Diskussions- und die Begleitung der Umsetzungsprozesse hierzu beitragen.

www.prognos.com
Foto: Petra Hoeß, FABION Markt + Medien / abfallbild.de