Foto: Annamartha / pixelio.de (Reykjavik)

Islands Abfallwirtschaft: Vorwärts mit Ladehemmung

Seit 2010 gehört Island zu den EU-Beitrittskandidaten. Seine Abfallwirtschaft ist seit vielen Jahren Europa-orientiert, und vor zehn Jahren wurden mit einem Nationalen Abfallwirtschaftsplan auch die Leitplanken des weiteren Vorgehens fixiert. Bis die Weltwirtschaftskrise der Planung einen Strich durch die Rechnung machte. Lässt sich abschätzen, wo Islands Abfallwirtschaft heute steht? (Foto: Annamartha  / pixelio.de (Reykjavik)

In den 1970ern bestand die bevorzugte Methode der Abfallbeseitigung in Island im sogenannten „open-pit burning”, etwa mit „Freiluft-Müllverbrennung in Beton-Zisternen“ zu übersetzen. Einer von der UNEP veröffentlichten Karte zufolge waren entlang der isländischen Küste über 50 solcher, von den Kommunen eingerichteten Stätten in Benutzung. 20 Jahre später existierten im Land bereits sechs Deponien und drei Verbrennungsanlagen. Der größte Innovationsschub erfolgte aber durch den Beitritt Islands 1994 zum Europäischen Wirtschaftsraum und die Verpflichtung, die EU-Gesetzgebung inklusive der zur Abfallwirtschaft einzuführen. 2003 waren die offenen Verbrennungsgruben abgeschafft, und 29 Deponien und sieben Verbrennungsanlagen hatten ihre Arbeit unter Umweltauflagen aufgenommen.

Die Entwicklung der isländischen Abfallwirtschaft begann. Das Abfallaufkommen stieg zwischen 1995 und 2008 von 397.000 auf 690.000 Tonnen; im gleichen Zeitraum legte auch die Menge an getrennt erfassten Abfällen von 52.000 auf 507.000 Tonnen zu. Während dieser Jahre wuchs laut der offiziellen Statistik Islands die Wiederverwertungsmenge von 60.000 auf 430.000 Tonnen, die Menge thermisch verwerteter Abfälle von 5.000 auf 22.000 Tonnen, die Recyclingvolumina von 47.000 auf 332.000 Tonnen und die Kompostmenge von 2.000 auf 14.000 Tonnen.

Keine wilden Deponien seit 2006

Die vier Prozent Sonderabfälle setzten sich insbesondere aus Altölen, Autobatterien, Entwicklungschemikalien und ölbasierte Farbresten zusammen. Rund 9.000 Tonnen werden regional wiederverwertet, während 1.000 Tonnen in andere EU-Staaten exportiert werden, wenn sie in Island mit keinem umweltgerechten Verfahren behandelt werden können. Sonderabfälle werden in Island definitiv nicht deponiert, zumal hier keine Lagermöglichkeiten bestehen.Im Jahr 2007 gingen 177.000 Tonnen Siedlungsabfälle, 343.000 Tonnen Industrieabfälle, 10.000 Tonnen Sondermüll und 63.000 Tonnen anderer Abfälle in die Abfallbehandlung. Über 58 Prozent wurde auf unterschiedliche Arten der Wiederverwertung wie stoffliche Verwertung, Kompostierung oder Verbrennung mit Energierückgewinnung zugeführt; 42 Prozent wurden auf Deponien verbracht. Die Zahl der zugelassenen Deponien hatte sich zu diesem Zeitpunkt auf 229 reduziert und sank bis 2011 auf 160; wilde Müllplätze – 1995 waren es noch 69 – gab es schon seit 2006 nicht mehr.

Schwerer Schlag durch Wirtschaftskrise

Alles in allem verbuchte Island in den letzten 30 Jahren einen enormen Zuwachs an Materialverbrauch und folglich auch an Abfallmengen. Deren Zuwachsrate kletterte zwischen 1995 und 2008 um 84 Prozent, während Siedlungsabfälle um 39 Prozent anzogen. Die Recycling- und Kompostier-Raten stiegen von 13 auf 61 Prozent, und die Deponierungsquote fiel in diesem Zeitraum von 80 auf 36.

Daher traf die Wirtschaftskrise um das Jahr 2008 die isländische Wirtschaft und nicht zuletzt deren Abfallwirtschaft schwer. Die Abfallmengen sanken binnen zwei Jahren von 690.000 Tonnen auf 508.000 Tonnen. Die Wiederverwertung ging um 21 Prozent zurück, die thermische Verwertung ebenso wie das Recycling um 19 Prozent. Laut Euro­stat taumelte die Pro-Kopf-Produktion von 575 Kilogramm Anfang 2007 auf etwa 320 Kilogramm Anfang 2009. Der größte isländische Entsorger SORPA verlor 2008 mit 107.240 Tonnen an Abfällen neun Prozent gegenüber dem Vorjahr und musste 2009 noch einmal einen Rückgang von 26 Prozent gegenüber der Vorjahresquote verkraften. Lediglich die Haushaltabfälle gingen zu diesem Zeitpunkt nur um elf Prozent zurück.

Abfallwirtschaftsplan und Recycling-Fonds

An der generellen Ausrichtung der isländischen Abfallwirtschaftspolitik änderte das wenig. Bereits seit 2004 bestand ein Nationaler Abfallwirtschaftsplan für 2004 bis 2016, der quantifizierte Zielvorgaben für Bioabfälle, Verpackungsabfälle, Elektro(nik)schrott, Altautos, C&D-Schutt, Haushaltsabfälle, Sondermüll sowie Altbatterien und -akkus vorgab. Außerdem definierte er einige generelle politische Ziele für die schrittweise Reduzierung von Abfällen und deren Deponierung durch Wiederverwendung und Recycling. (Der Plan wurde durch Regionale Abfallwirtschaftspläne erweitert und 2010 einer Revision unterzogen.)

Als Besonderheit wurde darüber hinaus im Jahr 2003 ein Isländischer Recycling-Fonds ins Leben gerufen. Die Regierung beschloss, keine Deponie- oder Verbrennungsgebühren – wie vielfach in Europa üblich – zu erheben. Man befürchtete, diese könnte die allgemeinen Abfallkosten nur steigern, ohne Vermeidung, Wiederverwendung oder Recycling zu fördern. Gemäß Gesetz 162/2002 und Nationalem Recycling-Fonds wurde nun eine Recyclinggebühr erhoben auf bestimmte Produkte wie Sonderabfälle, Altautos, Verbundverpackungen, landwirtschaftliche Silo-Folien und Altreifen, um deren Sammlung, Transport, Recycling oder Entsorgung zu finanzieren.
Phase langsamer Erholung

Mittlerweile hat sich die dortige Abfallwirtschaft wieder langsam von der Wirtschaftskrise erholt, wenngleich sie – nach den letzten Zahlen aus 2011 – noch längst nicht auf ihrem alten Stand angekommen ist. Die komplette Abfallmenge liegt bei immerhin 524.000, die getrennt erfassten Abfälle haben mit 397.000 beinahe die Höchstmarke von 2009 erreicht und die Recyclingquote hat sich mit 292.000 Tonnen an die alte Marge von 332.000 Tonnen in 2008 herangearbeitet.

Für Blaue Tonne motivieren

Allerdings gibt es Potenzial zur Verbesserung. So schrieb beispielsweise Íris María Stefánsdóttir an der niederländischen Aarhus School of Business 2010 ihre Magisterarbeit zum Thema „Wie die Bevölkerung Reykjavíks für die Blaue Tonne motiviert werden kann“ (Motivating citizens of Reykjavík to have the Blue Bin). Ihr Argument: Zurzeit landen 56.1 Prozent aller recycelbaren Papierabfälle aus Reykjavík auf der Deponie. Die haushaltsnahe Sammlung gibt es dort seit 2005 und sie wäre dafür geeignet. Die Reykjavíker Abfallwirtschaft bietet zwar die Blaue Tonne seit 2007 an, doch sind bislang lediglich 4,9 Prozent aller dortigen Haushalte an das System angeschlossen. Das zeigt, dass notwendigerweise Wege gefunden werden, das Papierrecycling anzukurbeln.

„Wir sind ein bisschen zurück“

Ein anderes Beispiel: Laut einem Papier der Vereinten Nationen liegt seit Jahren der Anteil der isländischen Bevölkerung, der durch Sammlung und Abfallbewirtschaftung abgedeckt war, bei hundert Prozent. Das trifft quantitativ zu, aber nicht qualitativ. So beklagten die „Ice News“ noch im August 2011: Reykjavík hinke nicht nur im europäischen Maßstab, sondern auch national hinterher. Erst jetzt würde die Stadt beschließen, ein Zwei-Container-System für Haushalte einzurichten – in Akureyri hingegen seien die Menschen längst angehalten, Papier, Karton, Glas und Metall separat zu sortieren, und die Behälter würden zusätzlich eine separate Sektion für Organik besitzen.

Die Reykjavík Grapevine monierte „beklagenswert viele fehlende Abfallbehälter“ und zitierte Karl Sigurðsson, den Leiter des städtischen Umwelt- und Verkehrskomitee: „Wir haben Mitarbeiter, die ständig an Ideen (fürs Recycling) arbeiten. Wir sind ein bisschen zurück, aber wir werden den Anschluss finden. Wir möchten nicht die Witzfiguren Europas werden.“ Im Juli 2012 meldete die Stadt Reykjavík, dass sie im „nächsten Herbst“ die „allgemeine Klassifizierung von Papier aus Haushaltsabfällen steigern“ wolle; schließlich würde man dadurch geschätzte 43 Millionen Isländischer Kronen (278.000 Euro) an Deponiekosten sparen.

Sorpa: Recycling hat zugenommen

Die Abfall-Situation in Reykjavík – Islands Hauptstadt mit knapp 200.000 Einwohnern oder zwei Drittel der isländischen Bevölkerung – ist eng mit der Arbeit der SORPA verbunden. 1991 gegründet, koordiniert das Unternehmen für die Hauptstadt und fünf andere Gemeinden die Entsorgung fester Abfälle. Leider stehen die Abfallbilanzen in den Jahresberichten der SORPA nur auf Isländisch zur Verfügung. Und die einzige auf Englisch verfasste Image­broschüre des Unternehmens resümiert ebenso lapidar wie nichtssagend: „In 16 Jahren hat das Recycling von acht auf 41 Prozent zugenommen, und die Recycling-Kategorien sind von 1 auf 15 gesprungen.“

Allerdings lässt sich aus einer Tabelle im Geschäftsbericht für 2013 einiges über die Entwicklung des Pro-Kopf-Aufkommens von Haushaltsabfällen entnehmen. So sank in Reykjavík das Papier- und Pappe-Aufkommen von 2011 bis 2013 von 42 auf 14 Kilogramm, während Küchenabfälle von 71 auf 77 Kilogramm und auch Kunststoffe um drei Kilogramm pro Kopf stiegen. Die übrigen Werte blieben über die drei Jahre etwa gleich, sodass insgesamt das Abfallaufkommen pro Einwohner von 175,8 auf 159,7 Kilogramm sank. Dabei sank die Menge der organischen Abfälle von 130 auf 110 Kilogramm, während die anorganischen Abfälle leicht zulegten.

Und einer Tabelle, die die durch SORPA erfassten Abfallmengen zusammenfasst, ist unter anderem zu entnehmen, dass gemischte Haushaltsabfälle insgesamt von 2012 bis 2013 von 4.059 auf 7.472 Kilogramm stiegen, Kunststoffe von 180 auf 919 Kilogramm und Metalle von 3.788 auf 18.468 Kilogramm. Worauf diese Änderungen zurückzuführen sind, wird nicht erklärt; Trendaussagen lassen die Zahlen nicht zu.

Keine zufriedenstellenden Zuwachsraten

Eine momentane Situationsbeschreibung der isländischen Abfallwirtschaft fällt daher schwer. Die offizielle staatliche Statistik endet im Jahr 2011, das Umweltministerium veröffentlicht keine Zahlen auf seiner Homepage, und die Daten des größten Entsorgungsunternehmen des Landes lassen keine weiteren Interpretationen zu. Vielleicht hat sich die isländische Wirtschaft von den Rückschlägen der Wirtschaftskrise inzwischen erholt und in den letzten zwei beziehungsweise drei Jahren den Motor auch für die Abfallbranche wieder angeworfen; die nächsten Zahlen werden es zeigen.

Solange muss aber auf die letzte Untersuchung zum Thema zurückgegriffen werden, in der die Europäische Umwelt-Agentur bilanzierte: „Vorliegende Zahlen unterstreichen die Tatsache, dass keine der Zuwachsraten zufriedenstellend ist, und es wird außergewöhnlicher Anstrengungen bedürfen, das 50-Prozent-Ziel der EU-Gesetzgebung für 2020 zu erreichen. Selbst bei den besten angenommenen Voraussetzungen – die Zuwachsraten von 2001 bis 2004 zugrunde gelegt – enden die Hochrechnungen nur bei einem Recyclingniveau von 38 Prozent im Jahr 2020.“

Die EU-Kommission kommentierte die Entwicklung des Beitrittskandidaten Islands im letzten Acquis-Bericht knapp mit: „Fortschritte sind nur in den Bereichen Abfallmanagement, Chemikalien und Klimawandel festzustellen. Island ist nicht an die Richtlinien für Kraftstoffqualität und die geologische Speicherung von Karbondioxid gebunden, und hat auch weder die Espoo Konvention noch die Richtlinie zur Umweltkriminalität ratifiziert.“

Foto: Annamartha  / pixelio.de (Reykjavik)
 
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