Auf Sand gebaut

„Krieg um Sand“ nannte der französische Journalist Denis Delestrac seinen Film, der bedrückend zeigt, dass Sand als Rohstoff nicht unendlich verfügbar ist. In Nordafrika und in Fernost gehen die natürlichen Vorräte bereits zur Neige. Die deutsche Bauindustrie hegt in dieser Hinsicht noch keine Bedenken. Doch wie sieht es zukünftig aus? Ist Deutschland in der Lage, mineralische Rohstoffe im Hochbau durch Recyclingbaustoffe zu ersetzen? 

Laut DERA-Rohstoffinformation wurden 2011 circa 253 Millionen Tonnen an Kies und Sand beziehungsweise 229 Millionen Tonnen an Naturstein-Körnungen produziert. Hinzu kamen noch etwa 10,5 Millionen Tonnen Quarzkies und -sand, die als Spezialkiese und -sande überwiegend von anderen Industriebereichen nachgefragt werden. Diese Menge ist, wie der Bundesverband Mineralische Rohstoffe e.V. (MIRO) betont, „bedarfsgerecht und verbrauchsnah“. Auch die Importe halten sich mit etwa 14,4 Millionen Tonnen und ebenso die Exporte mit 31,1 Millionen Tonnen sehr in Grenzen, insbesondere deshalb, weil sich der weitere Transport solcher Materialien meist finanziell nicht lohnt und die regionale Versorgung ohnehin gewährleistet ist. Die Versorgungslage stellt sich stabil dar.

Wieviel wird recycelt?

Im Jahr 2010 (neuere Detaildaten liegen nicht vor) entstanden 186,5 Millionen Tonnen mineralische Bauabfälle. Davon entfielen 105,7 Millionen Tonnen auf Boden und Steine, 53,1 Millionen Tonnen auf Bauschutt, 14,1 Millionen Tonnen auf Straßenaufbruch, 0,6 Millionen Tonnen auf Bauabfälle auf Gipsbasis und 13,0 Millionen Tonnen auf Baustellenabfälle.

  • In der Fraktion „Boden und Steine“ wurden von den angefallenen 105,7 Millionen Tonnen Bodenaushub, Baggergut und Gleisschotter insgesamt 83,4 Millionen Tonnen als bergbaufremdes Bodenmaterial in übertägigen Abgrabungen, im Deponie- sowie im Straßen- und Wegebau verwertet. Auf Deponien wurden 12,5 Millionen Tonnen beseitigt. Recyclingbaustoffe wurden 9,8 Millionen Tonnen (9,3 Prozent) hergestellt.
  • Von den angefallenen 53,1 Millionen Tonnen der Kategorie „Bauschutt“ wurden 41,6 Millionen Tonnen (78,4 Prozent) recycelt. Der Rest entfiel auf Verwertung auf Deponien, Verfüllung von Abgrabungen oder Beseitigung durch Deponierung.
  • Von den 14,1 Millionen Tonnen in der Fraktion „Straßenaufbruch“ wurden 13,5 Millionen Tonnen (95,7 Prozent) recycelt,
  • während die rund halbe Million Tonnen an „Bauabfällen auf Gipsbasis“ ausschließlich im Deponiebau und im Bergbau verwertet oder auf Deponien beseitigt wurde.
  • Von 13,0 Millionen Tonnen an „Baustellenabfällen“ wurden 12,3 Millionen Tonnen einer sonstigen Verwertung zugeführt. 0,4 Millionen Tonnen wurden auf Deponien beseitigt; lediglich 0,3 Millionen Tonnen (2,3 Prozent) konnten recycelt werden.

Lediglich zwei Prozent

Insgesamt ergeben sich daraus 65,2 Millionen Tonnen Recyclingbaustoffe für das Jahr 2010. Zusammen mit 239,0 Millionen Tonnen Kies und Sand, 208,0 Millionen Tonnen Natursteine und 31,5 Millionen Tonnen an industriellen Nebenprodukten (wie Aschen und Schlacken) fielen damit in Deutschland 543,7 Millionen Tonnen Gesteinskörnungen an, wozu Recyclingbaustoffe einen Anteil von 12,0 Prozent lieferten.

Nach Informationen der Initiative Kreislaufwirtschaft Bau fanden diese 65,2 Millionen Tonnen an RC-Baumaterialien zu 53,8 Prozent im Straßenbau, zu 22,4 Prozent im Erdbau und zu 6,9 Prozent überwiegend im Deponiebau Verwendung. 11,0 Millionen Tonnen beziehungsweise 16,9 Prozent wurden als Gesteinskörnung in der Asphalt- und Betonherstellung eingesetzt.

Mit anderen Worten: Lediglich zwei Prozent aller in Deutschland produzierten Gesteinskörnungen, die im Hochbau eingesetzt werden könnten, entstammen dem Recycling. (Ohnehin gelangen insgesamt nur fünf Prozent der recycelten Stoffe in den Hochbau.) Eine wirksame und realistische Substitution natürlicher Materialien durch Sekundärbaustoffe ist damit zurzeit ausgeschlossen.

Den Grund für die schwache Anwendungsquote weiß Jürgen Klingler, Technischer Leiter bei der Wolfgang Rohr GmbH in Waldsee: „Recyclingsand hat zu viele Verunreinigungen. Diese zu entfernen, ist aufwändig und macht das Material auf dem Markt unattraktiv.“

sand2Kein prinzipielles Problem

Der Bundesverband Mineralische Rohstoffe (MIRO) sieht in der geringen Recyclingsand-Ausbeute kein prinzipielles Problem. Aufgabe des Verbandes ist nach eigenem Bekunden, „so viel Nutzbares wie technisch machbar aus dem naturgegebenen Bodenschatz herauszuholen“. Er räumt auch offen ein, „dass Recyclingmaterial oder alternative Baustoffe nicht in jedem Fall das zu leisten in der Lage sind, was der Markt quantitativ und qualitativ verlangt.“ Zudem sei – geologisch bedingt – nicht immer das richtige Material am gewünschten Ort zu finden. Dennoch: „Auf Deutschland lässt sich ein solches Knappheitsszenario [wie in der Sand-Dokumentation] nicht anwenden.“

Tatsächlich bescheinigt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in ihrer „Rohstoffsituation 2012“, dass der heimische Bedarf an Steine und Erden überwiegend aus eigener Produktion gedeckt wird. Und der aktuelle MIRO Geschäftsbericht für 2010 (aktuellere Zahlen liegen aus offiziellen Veröffentlichungen nicht vor) unterstreicht das, indem er lediglich Importe von 2,1 Millionen Tonnen Kies/Sand etc. aus Frankreich und Exporte von annähernd 13 Millionen Tonnen in die Niederlande bekundet.

90 Prozent verwertet beziehungsweise recycelt

Zudem verweist die Branche auf ihre hervorragenden Verwertungs- und Recyclingquoten. Sie setzt pro Jahr rund 90 Millionen Sekundärrohstoffe ein. Mineralische Bauabfälle, so die BGR, würden heute zu 90 Prozent verwertet beziehungsweise recycelt. Gemäß der Initiative Kreislaufwirtschaft Bau werden von den durchschnittlich 8,1 Millionen Tonnen Baustellenabfällen, die jährlich anfallen, im Mittel 1,1 Millionen Tonnen (13,6 Prozent) Recyclingbaustoffe hergestellt, während 5,0 Millionen Tonnen (61,9 Prozent) ohne Aufbereitung verwertet werden. Lediglich 2,0 Millionen Tonnen (24,5 Prozent) Baustellenabfälle würden auf Deponien beseitigt. Für MIRO ist es ein Erfolg, dass bei einer fast vollständigen und qualitätsgerechten Verwertung der jährlich anfallenden Massen ein Anteil von zehn bis zwölf Prozent des gesamten Bedarfs durch rezyklierte Gesteinskörnungen und etwa sechs Prozent durch indus­trielle Nebenprodukte gedeckt werden können.

Michael Stoll von der Bundesvereinigung Recycling-Baustoffe e.V. sieht die Verwertungsquote von 96,4 Prozent zusammen mit der entsprechenden Deponierungsquote von 3,6 Prozent auf einem solchen Niveau, „dass eine nennenswerte Steigerung nicht möglich erscheint.“ Allerdings muss er einräumen, dass nur sehr geringe Mengen von RC-Baustoffen im Hochbau als Zuschlag bei der Betonherstellung zum Einsatz kommen: Im Jahr 2010 waren es lediglich 500.000 oder 0,77 Prozent aller RC-Baustoffe.

Quelle: MIRO – Zahlen-Daten-Fakten

Quelle: MIRO – Zahlen-Daten-Faktencyclingsand

Verwertungsquote: 35 Prozent

Auf diese Ungleichgewichtung ging auch Stefan Schmidmeyer in seinem Marktbericht zu „Mineralischen Nebenprodukten und Abfällen“ auf der Berliner Konferenz ein. Zum einen kritisierte er, dass die gewerbliche und private Bauwirtschaft Recyclingbaustoffe nachfragt, die öffentliche Hand ihnen hingegen ablehnend gegenübersteht. Des Weiteren gab er zu bedenken, dass sich der Markt nur auf drei Materialgruppen konzentriert: auf kostengünstige Recyclingbaustoffe als Alternative zu Naturmaterialien; die beste Einbauklasse 1/Z 1.1. anstelle höher belasteter Recyclingbaustoffe; und vorwiegend sortenreine Materialien wie Beton, Ziegel, Gleisschotter und Steine, ebenso wie Gemische mit geringen Beimengungen.

Hingegen würden qualitativ hochwertige RC-Baustoffe wie Schottertragschicht, Frostschutzschotter oder Zuschlagstoffe selten nachgefragt und der erhöhte Aufwand durch Aufbereitung und Güteüberwachung nicht honoriert. Außerdem sei die Gleichstellung von Recyclingmaterialien nicht anerkannt. Als Konsequenz würden solche Bauabfälle unaufbereitet oder als Reststoffe verfüllt oder deponiert. Schmidmeyer: „Dadurch wird ein Großteil des in Bauabfällen vorhandenen Nutzungspotenzials verschwendet.“

Dass Materialien wie Klinker, Ziegel, Steinzeug, Kalksandstein, Mörtel, Gips und Dämmstoffe keine ausreichenden Verwertungsoptionen erhalten, wiegen nach Ansicht von Stefan Schmidmeyer die hervorragenden Recyclingquoten von Bauschutt (78,3 Prozent) und von Straßenaufbruch (95,7 Prozent) nicht auf. Mengenmäßig betrachtet, erreichen Bau- und Abbruchabfälle lediglich eine Recyclingquote von 35 Prozent, während Verfüllung (40 Prozent), Verwertung/ Deponierung (17 Prozent) und Beseitigung (acht Prozent) einen Quotienten von 65 Prozent ausmachen. Schmidmeyers Fazit: „Mehr Abfälle können aufbereitet und vorhandene Märkte besser und neue Märkte erschlossen werden.“

Ein riesiger Materialfluss

Das beklagte im Oktober 2010 auch Volker Thome vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP angesichts von rund 130 Millionen Tonnen Altbeton: „Das ist ein riesiger Materialfluss, aber es gibt momentan kein effektives Recyclingverfahren für Betonabbruch.“ Derzeit werde Altbeton unter enormer Staubentwicklung zerschreddert, wobei die Gesteinsbrocken bestenfalls als Belag unter der Straße landen. Das sei „Downcycling“. Ebenso musste die Weimarer Professorin Anette Müller noch Ende 2011 eingestehen, dass der Wiedereinsatz von aufbereitetem Betonbruch für die Betonherstellung bisher eine eher untergeordnete Rolle spielt und für Bauabfälle aus Mauerwerkbruch bislang noch keine technischen Lösungen für eine hochwertige Verwertung zur Verfügung stehen.

Doch inzwischen hat die Wissenschaft die Probleme erkannt. Mittlerweile konnte Annette Müller im Rahmen des BMBF-geförderten Forschungsprojekts zeigen, dass sich Granulate aus Mauerbruchwerk als Material zur Herstellung hochwertiger leichter Gesteinskörnungen eignen. Auch wurde inzwischen an der Bauhaus-Universität Weimar die Verwertung für Mauerwerkbruch im Einsatz in RC-Blockmodulen als Zuschlag für Normalbeton untersucht. Hier wurde geforscht, ob Brechsande – zu feinpartikulären Mehlen zermahlen – als Zementsubstitut oder als Zusatzstoff im Beton ohne Festigkeitsverluste eingesetzt werden können.

Hier stecken noch Potentiale

Zurzeit, ist der Webseite der BetonMarketing Deutschland GmbH zu entnehmen, reicht das Angebot an rezyklierten Gesteinskörnungen für die Betonherstellung bestenfalls aus, um kleinere Mengen des Bedarfs zu decken. Doch konnte auf der Berliner Mineralabfälle-Konferenz Florian Knappe vom ifeu-Institut für Energie- und Umweltforschung berichten, dass RC-Beton oder treffender: R-Beton im Südwesten Deutschlands bereits im Rahmen von Pilotprojekten Einsatz findet. In der Entwicklungsphase wurden auch neue Betonrezepturen entwickelt und eine Aufbereitungsstrategie für große Massenströme konzipiert. Hier stecken noch Potenziale, sollte es gelingen, den Anteil an Mauerwerkschutt im Ausgangsmaterial zu erhöhen.

Weitere Einsatzmöglichkeiten von R-Beton bieten sich für die Optimierung im Straßen- und Wegebau an. In der Praxis haben seit vier Jahren vier Betonwerke R-Beton in ihr Standardprogramm übernommen, und drei Recyclingwerke liefern die entsprechenden Gesteinskörnungen, die zwar höheren Aufwand machen, aber bei gleichmäßigem Absatz für gute Erlöse sorgen. In der Schweiz hat die Nachfrage nach ressourcenschonendem Beton bereits sieben Prozent erreicht, und die Stadt Zürich strebt an, zukünftig grundsätzlich RC-Beton einzusetzen.

sand4Bis zu 30 Prozent Neugips ersetzen

Auch für Gips existierten bislang kaum hochwertige Verwendungsmöglichkeiten als Recyclingbaustoff, obwohl er zwischen 3,6 bis zu zehn Prozent an der Gebäudemasse betragen kann. Maßgeblich dafür sind Verunreinigungen der Gipsabfälle, aber auch deren Sulfatgehalt sowie Löslichkeit und Reaktionsfähigkeit des Materials. Jürgen Klingler bezeichnet gipshaltigen Bauschutt aus Privathaushalten daher als „praktisch unverkäuflich“.

Dennoch mehren sich die Interessenten, die dieses Material wertstofflich zu erhalten versuchen. Der Bundesverband der Gipsindustrie e.V. (BV Gips) führt aktuell Gespräche mit der Entsorgungswirtschaft, um sicherzustellen, dass die Entsorgungspartner möglichst Gipsplatten sammeln, zwischenlagern und qualitativ so gut aufbereiten, damit das Recyclingmaterial bestimmten Gipswerken zur Wiederverarbeitung zugeführt werden kann. Das in den Niederlanden, Dänemark und den Vereinigten Staaten tätige Unternehmen Gypsum Recycling bietet sich sogar an, sämtliche Arten von Verunreinigungen derart aus Gipsabfällen zu beseitigen, dass ein hochwertiges Gips-Pulver entsteht. Die Gipsplatten-Hersteller könnten über 30 Prozent Neugips durch gebrauchten Gips ersetzen.

Einen Anteil bis zu 30 Prozent strebt auch das EU Life+ Projekt „GtoG – Gips zu Gips“ an, das auf der Berliner Konferenz von Jörg Demmich, dem Vorsitzenden des Arbeitsausschusses Rohstoffe und Umwelt des Bundesverbandes der Gipsindustrie, vorgestellt wurde. Das mit 3,6 Millionen Euro geförderte Projekt soll die Sortenreinheit von Gipsplattenabfällen optimieren, die bestehenden Recyclingtechnologien weiterentwickeln und schließlich in Großversuchen den Einsatz von recyceltem Gips in ausgewählten Gipswerken auf bis zu 30 Massenprozent zu steigern versuchen. Das Ziel: EU-harmonisierte und einheitliche Rahmenbedingungen für die Wiederverwendung von Gipsplattenabfällen.

Die Gesetzgebung bremst

Angesichts solcher Erfolge in Theorie und Praxis des Bauschuttsrecyclings im Bereich Hochbau ist dennoch für Euphorie kein Platz. Denn es gibt eine Reihe von rechtlichen Hindernissen, die den vermehrten Einsatz von RC-Baustoffen bremsen. Obwohl diese Materialien einen umweltpolitisch hohen Stellenwert besitzen, bewirken juristische Regelwerke aus Umweltschutzgründen teilweise genau das Gegenteil. Zweifellos muss bei der Verwendung von mineralischen Recyclingstoffen zwischen Schonung natürlicher Ressourcen auf der einen und Emissions-, Boden- und Grundwasserschutz-Interessen auf der anderen Seite abgewogen werden – unter Berücksichtigung eines gewissen Sicherheitszuschlags.

Doch wie Michael Stoll in seinem Beitrag zur Berliner Konferenz ausführte, erfolgt in der Praxis „dieser Sicherheitszuschlag zu grob und zu pauschal, dabei im Übrigen nicht nur zulasten der Industrie, sondern auch zulasten der Kreislaufwirtschaft, die ja bekanntlich auch ein Ziel des Umweltschutzes ist.“ Hierzu zählen nach Einschätzung Stolls die Ersatzbaustoffverordnung, deren strenge Grundwasserschutzmaßstäbe – jahrelang aufwändig von Fachleuten ermittelt – von öffentlichen Stellen nicht anerkannt und noch zusätzlich verschärft werden sowie die Verordnung über Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen (AwSV), die in einigen Bundesländern selbst die dortige beste Qualität von RC-Baustoffen als allgemein wassergefährdend einstuft – gerade in solchen Bundesländern, in denen dieses Recycling auf hohem Niveau vorgenommen wird.

Außerdem besteht die Möglichkeit, dass in den Vorschlägen der EU-Kommission zur „Classification, Labelling and Packaging“-Verordnung bestimmte beim Baustoffrecycling entstehende Stäube unter das Gefährlichkeitskriterium HP5 („gesundheitsschädlich“) fallen. Welche Hemmnisse die 2007 vorgestellte und seitdem umstrittene Mantelverordnung mit sich bringen wird, ist dabei noch außer Acht gelassen. Michael Stolls Fazit: „Eine Vielzahl neuer gesetzlicher Regelungen erschwert die Produktion und den Einsatz von RC-Baustoffen.“ Und mit dem Satz „Mangelnde Akzeptanz und Unkenntnis sowie unzureichende Ausschreibungsregelungen/-praxis haben eher zu- als abgenommen“ bilanzierte der Experte die zögerliche bis ablehnende Haltung öffentlicher, insbesondere kommunaler Stellen und die fehlende Rechtslage zur Priorisierung von Recyclingmaterialien.

Das moniert auch die Neusser Baustofffirma Enreba. In einem aktuellen Thesenpapier kritisiert das Unternehmen: „Wegen des Abfallstatus und der Überreglementierung von Recyclingbaustoffen scheuen viele öffentliche Auftraggeber, überhaupt die Verwendung von RC-Baustoffen zuzulassen, geschweige denn in ihrer Ausschreibung zu berücksichtigen. Gerade in Nordrhein-Westfalen ignoriert eine zunehmende Zahl von Landkreisen und Kommunen den Kreislaufwirtschaftsgedanken und schreibt alternativlos Primärbaustoffe aus.“

In der Zwickmühle

Ein weiteres Problem bereitet den Unternehmen in der RC-Branche zunehmend Kopfzerbrechen: die Deponierung. Baustoffrecycling kommt nicht ohne Schadstoffsenke und ohne Deponierung aus. Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2011 rund 19 Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle auf Deponien verbracht – bei einem durchschnittlichen Aufkommen an mineralischen Bauabfällen von jährlich 207,0 Millionen Tonnen gut ein Zehntel der Gesamtmenge. Allerdings steht Deponieraum in Deutschland nicht in unbegrenzter Menge zur Verfügung: Wurden 2004 noch an die 2.500 Deponien mit einem Input von insgesamt 56,7 Millionen Tonnen vorgehalten, lag im Jahr 2011 der Input von 1.180 Deponien bei nur 36,9 Millionen Tonnen.

Dazu gegenläufig wird sich der Bedarf an Deponieraum entwickeln. Die Mantelverordnung, wie auch immer sie konkret ausfallen mag, wird eine Reihe von umweltrelevanten Verordnungen weitreichend und tiefgreifend verändern. Sie wird die Verwertungsbedingungen derart drastisch verschlechtern, dass viele heute noch verwertbare mineralische Abfälle nur noch als Abfälle zur Beseitigung gelten. Das wird sich auf den Bedarf nach Deponiekapazitäten auswirken, wie Holger Alwast (Prognos AG) auf dem 14. Baustoff-Recycling-Tag im Oktober 2011 zeigte. Seiner Einschätzung nach beträgt der aktuelle Deponiebedarf für mineralische Abfälle zur Beseitigung etwa zwölf Millionen Kubikmeter. Er könnte in den nächsten Jahren auf 27,1 bis 43,4 Millionen Kubikmeter jedes Jahr ansteigen. Der Deponiebedarf für mineralische Abfälle erhöht sich somit im Minimum um 100 Prozent und im Maximum um etwas über 250 Prozent – verursacht durch die Einführung einer Ersatzbaustoff- und einer Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung.

Baustoffrecycler befinden sich dann in der Zwickmühle zwischen sinkenden Deponiekapazitäten und steigenden Abfallmengen zur Beseitigung. Der Zeitpunkt dafür steht noch nicht fest; aber er rückt näher: Die ersten Bundesländer befürchten bereits jetzt Engpässe und wollen auf bundesweite Bedarfsanalysen nicht warten. Niedersachsen hält die „kritische Restlaufzeit von fünf Jahren“ für seine Deponien bereits für unterschritten.

Weiterhin gefragt

Werden zukünftig Recyclingsande also nur noch auf der Deponie landen? Aus zwei Gründen wird dies so bald nicht geschehen.

Erstens bleiben Sekundärsande – in verschiedenen Körnungen – als Beimischung in der Bauindustrie oder für andere Produkte durchaus gefragt. 50 Verwendungsarten listet der Industrieverband Steine und Erden e.V. Neustadt/Weinstraße auf, bei denen Kies und Sand eingesetzt werden: Davon dürfte ein nicht geringer Teil durch Sekundärrohstoffe substituierbar sein. So findet beispielsweise wiederaufbereiteter Gießereisand Verwendung in Asphaltmischungen, Zement, Zementbeton oder Mauermörtel-Mischungen, und etliche Gesteinskörnungen werden in Privatgärten, in Parkanlagen oder auf Spielplätzen benötigt. Bis heute liegen für diese Materialien aber keine Stoffstromanalysen vor: Die Bauschutt-Unternehmen hüten sie als Betriebsgeheimnis, da sie sich auf bestimmte Produkte spezialisieren und Konkurrenz befürchten, und die öffentliche Statistik verzichtet auf eine Datenerfassung. Für Michael Spitznagel, Referatsleiter im Bayerischen Umweltministerium, wäre deshalb die Erstellung von Baustoffstrom-Analysen „eine Aufgabe für mehrere Diplomarbeiten“.

Innovative Produktideen

Zweitens ist, nach Ansicht von Ulrich Teipel, noch längst nicht alles versucht worden, um aus Sekundärrohstoffen der Bauindustrie innovative hochwertige Produkte herzustellen und diese in Konkurrenz zu Primärstoffen am Markt zu platzieren. Um einen Baustoff mit speziellen Produkteigenschaften herzustellen, wäre eine auf das Material abgestimmte Aufbereitungstechnik vonnöten. Zudem müssten die stofflichen Besonderheiten des Recyclingmaterials erkannt und beachtet werden. Als Beispiel führte Teipel auf dem Berliner Kongress ein (fiktives) Produkt aus Mauerwerksbruch – vornehmlich Ziegel und Beton – an. Nach einer Grobzerkleinerung wäre zu überlegen, für welche späteren Material-Parameter welche spezifischen Zerkleinerungsverfahren geeignet sind. Das resultierende Material wird unter Zugabe von Bindemitteln gemischt und dadurch homogenisiert, danach für den jeweiligen Einsatzzweck in der gewünschten Weise granuliert. Im letzten Schritt stabilisiert eine thermische oder hydrothermale Behandlung die Granulate.

Das Neue an diesem Verfahren: Das Abbruchmaterial wird nicht im vorhandenen Anlagenpark erst zerkleinert und dann nach einem Verwendungszweck gesucht, sondern zunächst seine endgültige Verwendung oder Einsatzmöglichkeit projiziert und dann das entsprechende Instrumentarium ausgewählt. Fantasie für den Zweck und Originalität in den Mitteln – so lässt sich das von Ulrich Teipel vorgeschlagene Rezept zusammenfassen. Es bietet die Chance, neue Produkte mit neuen Eigenschaften auf den Markt zu bringen. Und sicherlich lässt sich dadurch auch die eine oder andere neue Verwendung für anfallende Recyclingsande entdecken.

Noch herrscht kein Mangel

Viele Faktoren spielen bei der Entwicklung der Baurecycling-Industrie in Deutschland eine Rolle. Die Zukunft wird zeigen, inwieweit Bau- und Recycling-Industrie, Wissenschaft, Gesetzgebung und öffentliche Auftraggeber es ermöglichen (wollen), mehr Primärmaterialien im Hochbau durch Sekundärrohstoffe zu ersetzen. Noch herrscht kein Mangel an mineralischen Rohstoffen.

Die Vorträge zur Berliner Konferenz können in „Mineralische Nebenprodukte und Abfälle“, hrsg. Von Karl J. Thomé-Kozmiensky, TK Verlag, ISBN 978-3-944310-11-4 nachgelesen werden.

(EUR0814S11)
Fotos: Dr . Jürgem Kroll