Brückenbauer mit sozialem Auftrag

In Bayern firmiert eine caritative Einrichtung namentlich nach einem schlauen Vogel, der von Natur aus eigentlich schwarz gefiedert ist: der Weiße Rabe. Am Standort Aschheim-Dornach beschäftigt und betreut das gemeinnützige Unternehmen sozialer Betriebe und Dienste unterstützungsbedürftige Menschen im E-Schrottrecycling. Ziel ist es, sie wieder im regulären Arbeitsmarkt  zu integrieren und ihnen neue berufliche Chancen zu eröffnen. 

„Weiße Raben und treue Freunde findet man selten“, lautet ein Sprichwort. Und es war einer Erzählung nach Apollon, der die einst weißen Raben dazu verdammte, für alle Zeiten schwarz zu sein. In vielen Mythologien, Sagen, Märchen dieser Welt spielen die hochintelligenten Tiere eine wichtige Rolle: als Boten, Beschützer, weise Ratgeber von Göttern und Königen. Verirrten Wanderern wiesen sie zugleich den richtigen Weg. Auch die Bibel berichtet davon, wie Raben dem hungerleidenden Propheten Elias zu Hilfe kamen und ihn mit Essen versorgten.

Es ist wohl nicht zufällig der Geschichten und Legenden wegen, die sich um den schlauen Vogel ranken, dass einmal eine deutsche Literaturzeitschrift für Vers und Prosa „Der weiße Rabe“ hieß. Der polnische Buchautor Andrzej Stasiuk benannte einen Roman so, der Musiker Heinz Rudolf Kunze ein Lied über den Schriftsteller Edgar Allan Poe und die Regisseurin Carolin Otto einen Dokumentarfilm über den Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer. Seit 1988 firmiert außerdem eines der größten Integrations- und Beschäftigungsunternehmen in Bayern unter diesem Namen, der dem freien Verständnis nach synonym „kümmern, helfen, betreuen“ bedeuten kann: Die Weißer Rabe soziale Betriebe und Dienste GmbH.

Träger der gemeinnützigen Einrichtung der Wohlfahrtspflege ist der Caritasverband der Erzdiözese München und Freising e.V., Roland Ulrich leitet hier den Betrieb Recycling. Kennengelernt hatten wir uns auf dem Neujahrsempfang des bvse in München. Anfang Juli klappte es dann mit einem Besuch in Aschheim-Dornach, unweit der Isar-Metropole. Als wir eintreffen, erkundigt sich noch rasch eine Kollegin bei Roland Ulrich, in welcher Abteilung ein Neuzugang beginnen soll. Wir nehmen zunächst Platz im Besprechungsraum und kommen zum Thema: Der Weiße Rabe beschäftigt, begleitet und betreut unterstützungsbedürftige Menschen in schwierigen Situationen. Ziel des „sozialen Auftrags und wirtschaftlichen Engagements“ ist es, sie wieder im regulären, das heißt ersten Arbeitsmarkt zu integrieren und ihnen neue berufliche und gesellschaftliche Chancen und Perspektiven zu eröffnen.

Marc Szombathy (EU-Recyling) und Betriebsleiter Roland Ulrich

Marc Szombathy (EU-Recyling) und Betriebsleiter Roland Ulrich

Auf der Seite derer, die keine Lobby haben

Gegenwärtig sind in den elf Betrieben im Raum München und Rosenheim etwa 400 Langzeitarbeitslose, psychisch- und suchtkranke sowie Menschen mit körperlichen und sprachlichen Einschränkungen und Behinderungen beschäftigt. Darunter Menschen ohne Schulabschluss oder Ausbildung. Vom einfachen Arbeiter bis zum Manager – alle Berufs- und Altersgruppen sind vertreten. So hat Roland Ulrich derzeit einen Piloten in seinem Team, nicht selten auch Ingenieure wie überhaupt hochqualifizierte Akademiker. Burnout ist oft die Ursache, dass gerade sehr gebildete Menschen in Kreativberufen und verantwortungsvollen Führungspositionen den Halt verlieren und vom Weißen Raben aufgefangen werden. Und davon gibt es immer mehr.

Unter dem Leitbild „Nah. Am Nächsten“ steht die Caritas-Tochter auf der Seite derer, die in unserer Ellenbogen-Gesellschaft keine Lobby haben. „Wir kümmern uns um die, um die sich keiner kümmert“, sagt Roland Ulrich mit Nachklang. Der gelernte Kfz-Mechaniker-Meister war lange in der Automobilzulieferindustrie tätig, bevor er beim Weißen Raben als Produktions- und später Betriebsleiter seine wahre Berufung fand. Die „gestrandeten“ Menschen werden als Hausmeister, Verkäufer, Maler, Schreiner, Schneider, Waldarbeiter, Fahrer, Umzugshelfer beschäftigt, unter anderem für Entrümpelungen, Wohnungsauflösungen, Garten-, Reinigungs-, Handwerks- und Reparaturarbeiten (zum Beispiel Fahrräder) sowie als Servicepersonal in Gas­tronomiebetrieben und im Einzelhandel eingesetzt und für diese Dienstleistungen auch angelernt.

Rund 60 festangestellte Fachkräfte und Sozialpädagogen der Einrichtung motivieren und unterstützen hier die Menschen, wieder in einen Alltag, beruflich wie privat in ein geregeltes Leben zu finden. Sie bieten und vermitteln ihnen in realistischen Arbeitssituationen theoretische und praktische Kenntnisse, trainieren soziale Kompetenzen, bauen Brücken bei der Suche nach regulären Beschäftigungsverhältnissen. Je nach ihren individuellen Fähigkeiten und Qualifikationen kann der Sprung in den ersten Arbeitsmarkt gelingen. Die Vermittlungsquote liegt bei ermutigenden 20 bis 30 Prozent, wobei Rückfälle nicht auszuschließen sind. Für diesen Erfolg ist Der Weiße Rabe auf Fördermittel, Sponsoren, Spender und Auftraggeber aus der freien Wirtschaft angewiesen.

Einer der modernsten manuellen Demontagebetriebe

Im März 2013 wurde der neue Standort Aschheim-Dornach offiziell eingeweiht. Dort sind gut 70 Menschen im Elektroschrottrecycling beschäftigt. Mit der Gründung des Weißen Raben vor 26 Jahren entstand alsbald der Beschäftigungs- und Integrationsbetrieb Recycling, der früher in Aubing bei München ansässig war und Mitglied der RPG-Recyclings-Partner-Genossenschaft ist: ein Verband für Sozialbetriebe und Werkstätten im Elektroschrottrecycling mit Sitz in Tübingen. Voraus ging damals eine Studenteninitiative, die medizinische Geräte sammelte, um sie ins Ausland zu verbringen. Doch das Projekt lief nicht wie gewünscht. Es wurde daraufhin ein eigenständiger Zerlege- und Wiederverwertungsbetrieb für Elektro- und Elektronikaltgeräte aufgebaut.

Heute stellt der Standort einen der modernsten manuellen Demontagebetriebe Deutschlands für Elektroschrott überwiegend der Sammelgruppe 3 (Informations- und Telekommunikationsgeräte, Unterhaltungselektronik) und 5 (Haushaltskleingeräte, Beleuchtungskörper, elektrische und elektronische Werkzeuge, Spielzeuge) dar. Herzstück ist hier ein circa 50 Meter langes Förderband, entlang dem sich 36 Tisch-Arbeitsplätze reihen. Das Band (die Materialien können nicht verrutschen und herunterfallen) ist speziell und zusammen mit Partnern aus dem Maschinenbau entwickelt und konstruiert worden. Es stoppt bei den Tischen, sodass sich die Mitarbeiter den Input einfach holen können. Die Mitarbeiter haben am Band freie Platzwahl und können diesen untereinander jederzeit wechseln. Sie werden nicht zugeteilt. Alle Mitarbeiter sind hier mit einem einheitlichen Werkzeugkoffer ausgerüstet.

wr3Größtmögliche Rückgewinnung, bestmögliche Schadstoffentfrachtung

Der Jahres-Input an Elektroschrott in dem zertifizierten Vorzeigebetrieb, der die Umweltauflagen erfüllt, liegt bei 2.000 Tonnen: Fernseher, Radios, Hi-Fi-Anlagen, PCs, Laptops, Großrechner, Drucker, Tonerkartuschen, Kopierer, Telefone, Faxgeräte samt Batterien und vieles mehr. Die zwei Lager für das angelieferte Material über die Wertstoffhöfe der Stadt und des Landkreises München sowie von Gewerbetreibenden (bayernweit Firmenkunden) befinden sich dabei im Innenbereich des Betriebsgeländes. Ein wichtiges Kriterium bei der Suche nach dem neuen Standort, die sich als sehr schwierig erwies.

Die Demontage der Geräte und Baugruppen, Festplatten, Platinen etc. erfolgt, wie es in diesem Zusammenhang heißt, unter dem Aspekt der größtmöglichen, sortenreinen Rohstoffrückgewinnung nach Materialfraktionen und der bestmöglichen Entfrachtung und Entsorgung der enthaltenen Schadstoffe. Sämtliche Netzteile und Stecker gehen dabei direkt in die Wiederverwendung.

Was geht, geht ins Gebrauchtwarenhaus

Der Rundgang durch die für Rollstuhlfahrer barrierefreie Betriebshalle führt weiter in den automatisierten Produktionsbereich. Zu sehen sind ein Kabelshredder, eine Separationsanlage zur Trennung von Kupfer und PVC und nicht zuletzt eine Maschine, die Kupferdrähte aus Kabeln zieht – eine patentierte Eigenentwicklung. Es gibt außerdem eine Maschine, die Kupferkerne herauspresst, wie sie in Computern vorhanden sind. Die Aluminiumprofile werden dabei getrennt. Der Weiße Rabe vermarktet alle gewonnenen Sekundärrohstoffe selber. So das Kupfer über Großhändler an Kupferhütten. Das PVC bezieht ein Unternehmen im tschechischen Pilsen, das daraus Kabelbrücken und Schilder herstellt. Roland Ulrich zeigt uns zugleich eine Gitterbox mit minderwertigen Kabeln, Billigware. Er nennt es „Chinesisches Kabel“: Eisendraht, der kupferfarbig lackiert ist.

Bei der Materialanlieferung (gegen Gebühr wird der Schrott auch abgeholt) fallen immer wieder funktionierende, neuwertige sowie Elektrogeräte als Produktionsausschussware der Hersteller an. „Man möchte es nicht glauben, wie leichtfertig viele Verbraucher ein Gerät einfach wegschmeißen. Und das nur, weil zum Beispiel ein Staubsauger mit Tannennadeln verstopft ist und deshalb nicht mehr richtig saugt“, wundert sich Roland Ulrich über das Verhalten so mancher Wohlstandsbürger. Die Geräte werden von einem Elektriker im Betrieb auf ihre Funktionsweise hin geprüft, aber nicht repariert. Was einwandfrei geht, geht dann ins Gebrauchtwarenhaus des Weißen Raben. In München gibt es zwei davon. Das Sortiment umfasst in guten Qualitäten zu fairen Preisen Secondhand-Möbel und -Waren aller Art.

Auf dem Weg zurück in das Bürogebäude kommen wir auf die Führungen zu sprechen, die Roland Ulrich regelmäßig für Schulklassen ab der vierten Jahrgangsstufe zu den Themen Abfallverwertung, Rohstoffwirtschaft, Nachhaltigkeit organisiert und veranstaltet. Das liegt ihm neben seinen Aufgaben im Betrieb besonders am Herzen. Beim Weißen Raben Recycling wurde dazu extra ein Schulungsraum eingerichtet – mit einem Musterschrank voller Anschauungsobjekte aus dem Bereich Elektroschrott. „Da kriegen die Kinder immer ganz große, leuchtende Augen“, freut sich Roland Ulrich über das Interesse der Schüler, die er auch gerne bei Referaten unterstützt.

wr4Für ein Jahr und auf Dauer

Uns interessiert noch, wie die Unterscheidung Beschäftigungs- und Integrationsbetrieb zu verstehen ist: Der Beschäftigungsbetrieb stellt Arbeitsplätze, die von der Landeshauptstadt München bezuschusst werden. Er darf daher keine Gewinne erwirtschaften. Über die Agentur für Arbeit werden sogenannte Ein-Euro-Jobber aus dem Raum München für maximal ein Jahr beschäftigt. Die Probezeit der Langzeitarbeitslosen, die nicht mehr als 180 Euro im Monat zusätzlich zu ihren Sozialleistungen verdienen dürfen, macht dabei sechs Monate aus. Abzüglich der Fahrt-, Verpflegungs- und sonstigen -kosten bezüglich ihres Arbeitsplatzes, die Der Weiße Rabe nicht übernimmt, bleibt ihnen ein Verdienst von etwa 100 Euro im Monat. Nach dem Ablauf dieser Förderung können sie erst ein halbes Jahr später eine Verlängerung beanspruchen und wieder im Elektroschrottrecycling beschäftigt werden. Vorausgesetzt, es konnte kein anderer Job im ersten Arbeitsmarkt gefunden werden.

Der Integrationsbetrieb bietet Dauerarbeitsplätze für Menschen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung oder körperlichen Einschränkung (zum Beispiel Bandscheibenvorfall) arbeitslos geworden sind und daher nicht mehr in der freien Wirtschaft zu vermitteln sind. Unterhalten werden diese Arbeitsplätze durch die Erlöse aus dem Verwertungsgeschäft mit Elektroschrott und Ausgleichszahlungen des Bezirks Oberbayern, der dafür zuständig ist. Der Integrationsbetrieb ist ein Dienstleister für gewerbliche Kunden und mit den Worten von Roland Ulrich ziemlich nah am ersten Arbeitsmarkt tätig. Der Beschäftigungsbetrieb wiederum ist für den Integrationsbetrieb Dienstleister.

wr5Zuversichtlich, dass es weitergeht

Die Regelarbeitszeit beträgt Montag bis Donnerstag achteinhalb Stunden, am Freitag sechs Stunden. Je nach Einschränkung arbeiten einige Beschäftigte aber auch nur drei oder fünf Stunden am Tag, der meistens um 16.30 Uhr endet. Wer alkoholisiert zur Arbeit erscheint, wird heimgeschickt. Es sind aber laut Roland Ulrich sehr motivierte Leute dabei, vor allem unter den älteren Mitarbeitern: „Bei den Jüngeren muss man schon eher den Daumen draufhalten. Manche haben einen gesetzlichen Betreuer, weil sie nichts auf die Reihe kriegen. Immer wieder ein Problem ist zum Beispiel, dass sie zu Hause einen zu hohen Stromverbrauch haben und dann die Rechnungen nicht bezahlen können.“ Für einkommensschwache Haushalte, Empfänger von Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe oder Wohngeld gibt es deshalb das von der Stadt München mit Anreizen geförderte Projekt „Stromspar-Check“.

Unruhe in den Betrieb brachte zuletzt die Ankündigung der Stadt München, den Auftrag für die Elektroschrott-Entsorgung für das nächste Jahr neu ausschreiben zu wollen. Dabei könnte Der Weiße Rabe leer ausgehen – mit schwerwiegenden Folgen. Unterstützung signalisierte indes Ministerialdirigentin Monika Kratzer vom Bayerischen Umweltministerium, die den Beschäftigungs- und Inte­grationsbetrieb Recycling besuchte. Sie versprach, sich für den Erhalt der bedrohten Arbeitsplätze einzusetzen. Auch Betriebsleiter Roland Ulrich ist zuversichtlich, dass es weitergeht.

www.weisser-rabe.de

(EUR0814S20)
Fotos: O. Kürth