Norwegens Wirtschaft nimmt (langsam) wieder Fahrt auf

Bei einem BIP-Wachstum von nur zwei Prozent im letzten Jahr hielt sich das verarbeitende Gewerbe mit Investitionen in neue Maschinen und Anlagen merklich zurück. 2014 sind wieder mehr und größere Aufträge zu erwarten. (Foto: Stephanie Hofschlaeger  / pixelio.de)

In Norwegen wurde Anfang des Jahres die Körperschaftsteuer um einen Prozentpunkt gesenkt, um die nationale Wirtschaft anzukurbeln. Doch soll das Bruttoinlandsprodukt (BIP) auch 2014 nur um etwa zwei Prozent zunehmen. Aufgrund gestiegener Auftragseingänge erwartet das verarbeitende Gewerbe, dessen Kapazitäten lediglich zu 80 Prozent ausgelastet sind, aber immerhin ein leichtes Produktionswachstum, meldete das norwegische Statistikamt (SSB) in einer „Business Tendency Survey“ vom letzten April.

Die Bruttoanlageinvestitionen im verarbeitenden Gewerbe sollen 2014 um sechs bis sieben Prozent zulegen, die von Versorgungsunternehmen sogar um acht bis neun Prozent. Im nächsten Jahr rechnen Beobachter indes mit einem Rückgang der Industrieproduktion.

Marktentwicklung und Absatzpotenzial

Ein sehr bedeutender Absatzmarkt für die Maschinenbaubranche ist die Öl- und Gasindustrie – Norwegens Konjunkturlokomotive der letzten Jahre. Die Investitionen in diesem Bereich fielen 2013 mit knapp 212 Milliarden Norwegischen Kronen (circa 27 Milliarden Euro) zehn Mal höher auf dem Festland aus, als im Bergbau und im verarbeitenden Gewerbe zusammengenommen. Wenngleich die Investitionen in die Öl- und Gasindustrie wohl weiterhin das nationale Wirtschaftswachstum stützen werden, dürfte sich ihr Zuwachs in näherer Zukunft aber abschwächen. Der Maschinen- und Anlagenbedarf der Offshore-Industrie (darunter Pumptechnik, Kompressoren, Ventil- und Leitungssysteme) soll trotzdem hoch bleiben. Da ein Großteil der vier Milliarden Euro, die die BASF-Tochter Wintershall in den nächsten fünf Jahren in den Ausbau ihres Öl- und Gasgeschäfts investieren will, nach Norwegen fließen dürfte, hoffen potenzielle Lieferanten aus dem deutschen Sprachraum auf Aufträge. Norwegens Chemieindus­trie, ein weiterer wichtiger Nachfrager von Maschinen und Anlagen, ist in den letzten Jahren vor allem wegen des gestiegenen Bedarfs der Öl- und Gas- sowie verwandter Industrien gewachsen. Seit 2011 verzeichnet der gesamte Branchenumsatz (19 bis 21 nach Industrieklassifikation NACE; damals gegenüber dem Vorjahr stark um fast 19 Prozent auf über 136 Milliarden Kronen angewachsen) aber wieder leichte Rückgänge und lag 2013 bei etwa 132,6 Milliarden Kronen. Ein wesentlicher Grund hierfür ist, dass durch die Krise der Solarindustrie die Nachfrage nach Silizium zurückgegangen war. So hat der norwegische Siliziumsolarzellen-Produzent Renewable Energy Corporation (REC) in den letzten Jahren sukzessive seine Waferproduktion und andere Produktionsstätten in Norwegen geschlossen und nach Singapur verlegt. Immerhin nahm die Herstellung von Basischemikalien im Jahresverlauf 2013 wieder an Fahrt auf. Wegen der steigenden Exportnachfrage zu Beginn 2014 ist die Sparte auch für das Gesamtjahr optimistisch.

Norwegens Bauwirtschaft sieht innerhalb der nächsten Jahre einem stabilen Wachstum entgegen. Die Hoch- und Tiefbauinvestitionen legten letztes Jahr um knapp vier Prozent zu. Größere Aufträge erhoffen sich die Maschinenbauer 2014 vom Infrastruktur- und Anlagenbau sowie aus dem Energiesektor. Für diese Bereiche erwarten Beobachter insgesamt ein Plus von sechs bis sieben Prozent. Anfang 2014 hat der schwäbische Anlagenbauer Stadler in Oslo seine weltweit erste vollautomatische Abfallsortieranlage in Betrieb genommen.

Darüber hinaus rechnet die Baubranche mit einer Belebung im Sozialbau, vor allem Schulen und Kindergärten, aber auch Gesundheitseinrichtungen. In anderen öffentlichen Baubereichen sowie im Gewerbe- und Industriebau zeichnet sich hingegen eine Stagnation ab. Der Wohnungsbau könnte sogar deutlich einknicken. Durch die strengeren Eigenkapitalvorschriften für die Banken ist mit einem Anstieg der Hypothekenzinsen zu rechnen. Die Immobilienpreise stagnieren allmählich.

In der norwegischen Nahrungsmittel-, Getränke- und Tabakindustrie als weiterem wichtigen Zielmarkt der Maschinenbauer entwickelten sich die Investitionen in den letzten beiden Jahren rückläufig: 2012 und 2013 um jeweils minus zwölf Prozent (5,8 Milliarden Kronen in 2013 gegenüber 7,5 Milliarden in 2011). Im Jahr 2014 soll die Produktion wieder anziehen. Mit großem Abstand sind Fischprodukte die bedeutendste Warengruppe dieses Zweigs. Zukünftig werden größere Investitionen von Fischfarmen im Rahmen einer sukzessiven Verlagerung von Betriebstätten in nördlichere Landesteile aufgrund der Wassererwärmung erwartet.

Der Produzent von Holzfaserplatten Hunton will an seinem Standort im südwestnorwegischen Ort Gjövik für 80 bis 100 Millionen Kronen ein neues Dämmstoffwerk bauen. Ansonsten sind in der Holz- und Papierindustrie gegenwärtig keine größeren Ausrüstungsbestellungen in Sicht. Der Ausstoß der Papier- und Zellstoffindustrie ging angesichts der Konzentration auf grafische Papiere (starker Nachfragerückgang in Europa) über mehrere Jahre in Folge zurück und betrug 2013 nur noch etwa 8,9 Milliarden Kronen. Die Situation in der Holzindustrie hat sich dagegen etwas beruhigt. Ihr Produktionswert erreichte 2013 etwa 17,3 Milliarden Kronen und veränderte sich damit seit 2011 kaum.

Technologiebasiert und forschungsintensiv

Norwegens Maschinenbau ist stark technologiebasiert und forschungsintensiv. Die Schwerpunkte der lokalen Fertigung liegen bei Ausrüstungen für den Öl- und Gassektor, die Werft- und die Nahrungsmittelindustrie. Der Industriezweig ist weitgehend durch kleine und mittelständische Unternehmen geprägt. Von den deutschen Firmen, die im Land Aufträge ausführen, arbeiten viele auf Projektbasis.
Zu den größten Maschinen- und Anlagenbauern (Jahresumsatz über eine Milliarde Euro) in dem nordischen Land gehören National Oilwell Varco Norway (Erdölexploration und Ölfeldservice) und Rolls-Royce Marine (Schiffstechnik). Weitere Zulieferer für die Offshore- und die Werftindustrie sind Onesubsea Processing, TTS Group, Dresser-Rand, Cameron Sense, Frank Mohn Fusa und Frank Mohn Flatoy, Macgregor Norway, Aker Pusnes und I. P. Huse. Zu bedeutenden Maschinenbauern aus anderen Bereichen zählen Tomra Systems (Technologien zur automatisierten Rücknahme und Weiterverarbeitung von Wertstoffen), Kverneland Group Operations Norway (Landtechnik) und Atlas Copco Anlegg- og Gruveteknikk (Bau- und Bergbautechnik).

Norwegen hat 2013 etwa fünf Prozent mehr Maschinen und Anlagen der SITC-Positionen 72 bis 74 im Wert von 61,1 Milliarden Kronen importiert. Deutschland ist mit einem Lieferanteil von etwa 17,6 Prozent das wichtigste Ursprungsland vor Schweden (12,7 %). Auf den weiteren Plätzen folgen das Vereinigte Königreich (12,1 %) und Italien (6,9 %). Aus Deutschland wurden vor allem mehr Arbeits- und Metallbearbeitungsmaschinen bezogen. Während die Einfuhr von Bau-, Baustoff- und Bergbaumaschinen 2013 um knapp fünf Prozent zurückgegangen ist, hat das nordische Land sowohl deutlich mehr Pumpen und Kompressoren (+9 %) als auch Fördertechnik (+15 %) importiert. Für Einfuhrfragen sind die Zollbehörde (www.toll.no) und die Normenstelle Standard Norge (www.standard.no) zuständig.

Verfasser: Heiko Steinacher
Quelle: Germany Trade & Invest

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