Abfallwirtschaft in Tunesien: Ein Sektor mit Handlungsbedarf

Für die Bewältigung des bereits hohen und für die nächsten Jahrzehnte weiter steigenden Aufkommens von Haushaltsabfällen ist die Einführung einer angemessenen Abfallwirtschaft zwingend erforderlich.

Von zentraler Bedeutung ist dabei, inwiefern zukünftig die Überfüllung von Abfalldeponien durch eine verbesserte Gestaltung der Abfallsammlung, -trennung und -behandlung vermieden werden kann.

Aktuelle Umweltstudien zeigen, dass die Abfallentsorgung eine soziale, ökologische und wirtschaftliche Herausforderung ersten Grades darstellt. Es handelt sich dabei um eine Aufgabe, von der die zukünftige Lebensqualität, die Verfügbarkeit der natürlichen Ressourcen und die allgemeine Entwicklung des Landes abhängen werden. Dies zwingt die öffentliche tunesische Hand, nun endlich Programme zur Abfallverwaltung zu verwirklichen, um die unausweichlichen negativen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt zu reduzieren. Für Tunesien ist es höchste Zeit, an die teils gewaltigen budgetären Anstrengungen vieler anderer Staaten anzuknüpfen, die mithilfe diverser Aktionsprogramme um eine Verbesserung der Umweltbedingungen bemüht sind, die sonst durch das Gefährdungspotenzial langfristig nicht absehbarer Auswirkungen vieler Abfälle von Bevölkerung und Industrie in Mitleidenschaft gezogen würden.

Quelle/Grafik: Deutsch-Tunesische IHK

Quelle/Grafik: Deutsch-Tunesische IHK

Symptomatisch: Mangelhafte Sammlung

Laut der staatlichen Abfallbehörde „Agence Nationale de Gestion des Déchets – ANGed“ betrug die jährliche Menge an Haushaltsabfällen im Jahr 2012 geschätzte 2,4 Millionen Tonnen. Das Hausabfallaufkommen in städtischen Gebieten machte 0,65 bis 0,85 Kilogramm pro Tag und Person aus, während es auf dem Land lediglich 0,10 bis 0,25 Kilogramm pro Tag und Person waren. Insgesamt fielen 53.000 Tonnen Abfall aus Verpackungsmaterialen an. Der organische Anteil der Haushaltsabfälle betrug 68 Prozent. Insbesondere in diesem Bereich bestehen wirtschaftliche Potenziale für Lagerung, Abtransport und Weiterverwertung für beispielsweise Biogas oder kommunale Kompostierung. Im Rahmen eines nationalen Strategieprogramms führt die ANGed seit 2013 Projekte für individuelle Kompostierungslösungen von organischen Küchen- und Gartenabfällen in Schulen und Wohngebieten durch.

Wie aus einer letzten Sweepnetstudie (Sweep­­net: Rapport sur la gestion des déchets solides en Tunisie) vom April 2014 hervorgeht, wird sich das Hausabfallaufkommen bis zum Jahr 2025 insbesondere in urbanen Gebieten weiterhin verstärken. Von etwas mehr als 1,7 Millionen Tonnen im Jahr 2000 wird laut der Studie ein Anstieg auf über drei Millionen Tonnen für das Jahr 2025 angenommen. Im Jahr 2012 konnten lediglich 70 Prozent des gesamten Hausabfallaufkommens auf kontrollierten Deponien gelagert werden. Restliche Abfälle wurden auf wilde Deponien ausgelagert. Dies ist symptomatisch für das mangelhafte Abfallsammelsystem, das, so Sweepnet, derzeit in städtischen Gebieten durchschnittlich lediglich 80 Prozent abdeckt und auf dem Land fast vollständig fehlt.

Entwicklung des zukünftigen Hausmüll­aufkommens (MT/Jahr), Quelle/Grafik: Deutsch-Tunesische IHK

Entwicklung des zukünftigen Hausmüll­aufkommens (MT/Jahr), Quelle/Grafik: Deutsch-Tunesische IHK

Politischer Wille zur Abhilfe

Neben diesen Logistikproblemen bestehen die Hauptprobleme der tunesischen Abfallentsorgung zudem in fehlenden Entsorgungsmöglichkeiten für bestimmte Abfallarten, mangelhaften Recyclingpraktiken sowie fehlenden Systemen für die Deckung der Abfallentsorgungskosten. Derzeit sind konkrete Aktionen im Bereich der Abfallentsorgung unter anderem für die wichtigsten industriellen Zentren Tunesiens geplant. Auch seitens der Politik ist der Wille zu spüren, nach der Revolution nun den politischen Druck zu erhöhen und neue Wege zu beschreiten.

Im Bereich der Siedlungsabfälle erfolgen Sammlung und Transport bisher zu zehn Prozent durch private Unternehmen. Dieser Anteil soll in den kommenden Jahren bis auf 25 Prozent ausgebaut werden. Deutsch-französische Spezialisten wie Veolia oder Onyx sind diesbezüglich sehr aktiv. Der Deponiebau erfolgt staatlich, der Betrieb jedoch zunehmend privat. Derzeit sind mehr als 15 Deponien und 48 Umschlagstationen in 83 Kommunen im Betrieb. Darüber hinaus befinden sich zehn weitere Deponien und mehr als 100 Umschlagstationen in 98 Kommunen in Planung.

Verglichen mit der Aktivität französischer Unternehmen ist bisher allerdings eine geringe Aktivität deutscher Unternehmen zu beobachten. Als aktive Branche sind derzeit Ingenieurbüros zu nennen, die daran beteiligt sind, verschiedenste Konzepte für tunesische Unternehmen zu erstellen. Die Deutsch-Tunesische Industrie- & Handelskammer unterstützt interessierte Unternehmen bei einem Markteintritt. Für Rückfragen oder bei Wunsch nach mehr Informationen steht Dr. Makram Ben Hamida m.benhamida@ahktunis.org gerne zur Verfügung.

Abbildung: Wikipedia

(EUR1114S22)