Wie viel Ressourcenaufwand wirklich in Produkten steckt

Welche Mengen an Rohöl oder Eisenerz werden benötigt, um Kunststoffe, Metalle und andere Alltagsmaterialien herzustellen? Und wie viel davon lässt sich durch Recycling einsparen? Fraunhofer Umsicht hat ein Verfahren entwickelt, mit dem diese Fragen, wie es heißt, erstmals neutral und fundiert beantwortet werden können.

Im Auftrag der ALBA Group ermittelt das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (Fraunhofer Umsicht) bereits seit einigen Jahren, welchen konkreten entlastenden Effekt die Recyclingaktivitäten der Unternehmensgruppe auf die Umwelt haben. Zunächst ging es dabei um die Einsparung von Treibhausgasen durch Kreislaufführung. Eine aktuelle Studie mit dem Titel „Resources Saved By Recycling“ weist nun den vollen Umfang der Ressourcenschonung aus. Zu diesem Zweck entwickelte Fraunhofer Umsicht eine neue Methodik, mit der sich der gesamte Recyclingprozess Schritt für Schritt nachmodellieren lässt. Das Ergebnis wird mit dem Rohstoffaufwand verglichen, der bei der Herstellung eines vergleichbaren Produkts auf Basis von Primärressourcen entsteht. Beispiel Aluminium: Für die Herstellung einer Tonne Aluminium aus Primärrohstoffen werden durchschnittlich 26 Tonnen Aluminiumerz, Abraum, Kohle etc. genutzt. Für eine Tonne Sekundäraluminium hingegen werden lediglich vier Tonnen Rohstoffe benötigt.

Die Differenz ist „enorm“

Dr.-Ing. Hartmut Pflaum, Abteilungsleiter Ressourcen- und Innovationsmanagement Fraunhofer Umsicht, erläutert: „Das Herzstück unseres Verfahrens ist das Ökobilanzsystem GaBi – Ganzheitliche Bilanzierung –, in das wir alle relevanten Daten einspeisen und in dem wir spezifische Prozesse modellieren. Zunächst berechnen wir hier den Primärprozess und greifen dafür sowohl auf eigene Daten als auch auf internationale Datenbanken zurück. Um im nächsten Schritt den Sekundärprozess zu kalkulieren, sammeln wir detaillierte Angaben aus dem ALBA Group-Recyclingprozess – von den verwerteten Stoffmengen über die verbrauchten Kilowattstunden einzelner Aggregate bis zu den durchschnittlichen Lieferwegen, Maßen und dem Spritverbrauch der eingesetzten Lkw oder Containerschiffe. Auf diese Weise können wir den Recyclingprozess tatsächlich 1 : 1 nachmodellieren. Unser System berechnet dann genau, welcher Rohstoffaufwand im Primärprozess, welcher im Recyclingprozess entsteht. Am Ende müssen beide Werte nur noch verglichen werden.“

Und die Differenz sei in jedem Fall „enorm“ – zugunsten des Recyclings. Bei ALBA wurden folgenden Stoffströme auf ihre Ressourcenersparnis hin betrachtet: Metalle, Elektroaltgeräte, Papier/Pappe/Karton, Glas, Leichtverpackungen, Kunststoffe und Holz. Die Studie zeigt, dass im Jahr 2013 durch die Kreislaufführung des Dienstleisters von etwa 6,2 Millionen Tonnen an Wertstoffen 51 Millionen Tonnen Primärrohstoffe eingespart werden konnten. Und wodurch unterscheidet sich das Verfahren von anderen, etablierten Verfahren wie das des „Ökologischen Rucksacks“? Für Dr. Pflaum ist das Modell des Ökologischen Rucksacks (Begriffserklärung siehe Kasten) zu allgemein; seiner Ansicht nach lässt es sich nicht ohne Weiteres auf einzelne wie komplexe Stoffströme oder gar die Anstrengungen eines Recyclingunternehmens übertragen.

Mit dem von Fraunhofer Umsicht entwickelten Verfahren werde hingegen erstmals individuell ausgewiesen, welchen Rohstoffaufwand die Herstellung eines Sekundärrohstoffs mit sich bringt. Folglich, welche Menge an Primärressourcen der Natur unmittelbar für einen spezifischen Produktionsprozess entnommen werden, ganz gleich ob es sich um ein Primär- oder ein Sekundärprodukt handelt. Basierend auf wissenschaftlichen Analysen und Industriedaten, seien die Ergebnisse daher belastbarer und detaillierter als je zuvor.


 

Ökologischer Rucksack

Das Modell des Ökologischen Rucksacks geht auf den deutschen Chemiker und Umweltforscher Friedrich Schmidt-Bleek zurück. 1994 im Rahmen des MIPS-Konzepts (MIPS = Material-Input pro Serviceeinheit) entwickelt, stellt es sinnbildlich die Menge an Ressourcen dar, die bei der Herstellung, dem Gebrauch und der Entsorgung eines Produktes oder einer Serviceleistung verbraucht werden. Es dient zugleich als Vergleichsmaßstab: Verdeutlicht wird, welche ökologischen Folgen die Bereitstellung bestimmter Güter verursacht. Das MIPS-Konzept wiederum erfasst jegliche Energie- und Materialströme, welche innerhalb des Lebenszyklus eines Produktes oder einer Serviceleistung verwendet werden. (Definition nach Wikipedia)


 
Vom Abfallprodukt zum Sekundärrohstoff (Abb./Foto: Fraunhofer Umsicht)

www.umsicht.fraunhofer.de

(EUR1114S32)