Altauto-Verwertung in der Schweiz

Mit dem System der annullierten Fahrzeugausweise verfügt das Land angeblich über „eine der zuverlässigsten Statistiken über offiziell entsorgte Fahrzeuge“.

In der Schweiz werden jährlich etwa 300.000 Personenwagen, 25.000 leichte und 4.000 schwere Nutzfahrzeuge neu verkauft. Nach offiziellen Angaben wurden im letzten Jahr 241.000 Wagen stillgelegt, 125.000 exportiert, 115.000 in der Schweiz annulliert und 107.000 geschreddert. Somit werden jedes Jahr über 100.000 Altfahrzeuge verwertet, bei denen es sich um Unfallwagen oder ältere Fahrzeuge handelt, für die eine Reparatur nicht mehr lohnt. Nach Angaben der Stiftung Autorecycling Schweiz werden Altfahrzeuge zu 80 bis 85 Prozent recycelt; der Rest wird energetisch verwertet.

Die Schweizer Verwertungskette für Altautos umfasst 70 Autoverwerter und sieben Schredderwerke. Die Hauptaufgabe der Verwerter besteht in der Trockenlegung, der Vorbehandlung und dem Handel mit Ersatzteilen. 25 dieser Verwertungsunternehmen haben sich zur Vereinigung der offiziellen Autosammelstellen-Halter der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein (VASSO) zusammengeschlossen und verarbeiten etwa ein Drittel der bei den Autoverwertern anfallenden Altfahrzeuge.


Eisen, NE-Metalle und RESH

Quelle: EMAP/BAFU

Quelle: EMAP/BAFU

Die sieben Schweizer Schredderwerke zerkleinern normalerweise nicht nur Altfahrzeuge, sondern auch andere Metallabfälle wie Haushaltgroßgeräte, Metallschrotte und Blechabfälle. Dabei fallen die drei separaten Schredder-Hauptfraktionen Eisenmetalle, Nichteisenmetalle und nichtmetallische Reststoffe (RESH – Reststoffe aus Schredderanlagen) an. Hier können laut Stiftung Autorecycling Schweiz aus den Altfahrzeugen jährlich rund 70.000 Tonnen Eisen- und Stahlschrott neben 5.000 Tonnen NE-Metalle zurückgewonnen werden; 2011 wurden 65.000 Tonnen Eisen- und Stahlschrott und 7.000 Tonnen Nichteisenmetalle, hauptsächlich Aluminium, gewonnen und in den Stoffkreislauf zurückgeführt.

Hinzu kommen 20.000 Tonnen Schredderleichtfraktion/RESH. Die Metallfraktionen werden an Schmelzwerke im Ausland geliefert und können in der Regel gewinnbringend an Stahlwerke und Gießereien verkauft werden. Auto-RESH hingegen besteht hauptsächlich aus Kunststoffen (60 Prozent), Glas/Sand (Mineralik: 15 Prozent), Textilien/Leder/Holz (10,0 Prozent) sowie Lackstaub/Rost (10,0 Prozent) und Metallen (5,0 Prozent) und wird als Sonderabfall eingestuft.


Mitverbrennung seit 1996

Um die umweltgerechte Entsorgung von RESH sicherzustellen, gründeten die schweizerischen Automobilimporteure bereits 1992 die Stiftung Autorecycling Schweiz, kurz SARS. Die Stiftung finanziert sich über eine Abgabe, welche vom Neuwagenkäufer geleistet wird. Pro geschreddertem Altfahrzeug bezahlt SARS den Betreibern der Schredderwerke einen Beitrag an die RESH-Entsorgung (seit 2011: 18 CHF). Zur Kontrolle erhält SARS von den Betreibern die annullierten Fahrzeugausweise der geschredderten Fahrzeuge.

Aktuell wird RESH in mehreren der 29 schweizerischen Müllverbrennungsanlagen thermisch verwertet. Die Mitverbrennung von RESH in diesen Anlagen wird seit 1996 praktiziert und gilt in der Schweiz als bewährte, wirtschaftlich und ökologisch vertretbare, technisch robuste Entsorgungslösung, bescheinigte eine Studie des Paul Scherer Instituts im Jahr 2009. Allerdings sind die Konzentrationen toxischer Schwermetalle im RESH höher als in den Haushaltsabfällen. Das Beimischverhältnis zum Hauskehricht wurde vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) auf fünf Prozent festgelegt. Die entstehende Schlacke kann nach Ansicht der Stiftung Autorecycling Schweiz ohne Gefährdung der Umwelt in geordneten Deponien entsorgt werden. Unter Beteiligung von SARS läuft zurzeit ein Projekt beim Zentrum für nachhaltige Abfall- und Ressourcennutzung (ZAR) in Hinwil, das die erhöhte Rückgewinnung von Metallen aus der KVA-Schlacke zum Ziel hat.


20 Kilogramm Gold, 365 Kilogramm Silber

Quelle: EMAP/BAFU

Quelle: EMAP/BAFU

Laut einer Studie der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) fallen in den rund 100.000 Altfahrzeugen zur Verwertung gut 20 Kilogramm Gold mit einem Wert von über 800.000 Franken (665.000 Euro) und 365 Kilogramm Silber mit einem Gesamtwert von 230.000 Franken (190.000 Euro) an. Die Summe der Seltenen Erden beträgt 736 Kilogramm, also durchschnittlich 7,36 Gramm je Fahrzeug. Aus den Altfahrzeugen ließen sich über 75.000 Tonnen an Metallen zurückgewinnen.

Um Altreifen kümmert sich in der Schweiz der Reifen-Verband der Schweiz (RVS), der die Förderung runderneuerter Reifen und Altreifenentsorgung als „Aktiven Beitrag zum Umweltschutz“ in seine Agenda aufgenommen hat. Ihm gehören 15 Altreifen-Entsorger an. Über die erfassten und verarbeiteten Mengen schweigt sich der Verband aus: Auf seiner Webseite findet sich unter der „Statistik Altreifen-Entsorgung“ lediglich ein Formular, in dem die Quartalszahlen gemeldet werden können. Laut Statistik der ETRMA, der European Tyre & Manufacturers` Asssociation, verzeichnete die Schweiz 2010 ein geschätztes Aufkommen von 53.000 Tonnen gebrauchter Reifen, darunter 45.000 Tonnen an Altreifen, die weder wiederverwendet, exportiert noch runderneuert wurden. Insgesamt wurden den Angaben zufolge 13.000 Tonnen recycelt, 13.000 Tonnen wiederverwertet und 32.000 Tonnen energetisch verwertet.


Differenz zwischen annulliert und geschreddert

Schweizerische Autos sind wegen ihres noch relativ guten Zustandes im Ausland begehrt. 2013 verließen 125.300 Fahrzeuge als Gebrauchtwagen die Schweiz: 63 Prozent Richtung Afrika, 15 Prozent nach Osteuropa und zehn Prozent verblieben in Westeuropa. Vor zehn Jahren waren es lediglich 37 Prozent für Afrika, 21 Prozent für Osteuropa und 23 Prozent für den Nahen Osten. Gemäß der Eidgenössischen Zollverwaltung legte im Zeitraum von 2009 bis 2013 die Zahl der Exporte von 82.967 auf 125.325 zu.

Offiziellen Angaben des Bundesamtes für Straßen (ASTRA) und des Bundesamt für Statistik (BFS) zufolge sank die Zahl der in der Schweiz annullierten Fahrzeuge von 162.424 im Jahr 2009 auf 115.701 im Jahr 2013. Die Zahl der geschredderten Fahrzeuge stieg von 58.279 im Jahr 2009 auf 107.282 im Jahr 2013. Daraus ergibt sich – bemerkte die Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) – für das Jahr 2010 eine Differenz von annullierten zu geschredderten Einheiten in Höhe von 55.000 Fahrzeugen, deren Verbleib unklar ist. Daher kam die EMPA-Studie zum naheliegenden Schluss, dass, da beim Export und bei der Entsorgung ein gewisser Anteil der Fahrzeuge nicht gemeldet wird, nicht alle Materialströme zuverlässig geschätzt werden können.


Illegale Exporte?

Die Schere zwischen der Zahl annullierter zu geschredderten Fahrzeugen hat sich inzwischen weitestgehend geschlossen: 2011 betrug die Differenz noch 41.902, 2012 noch 10.521 und 2013 lediglich 8.419 Fahrzeuge. Dennoch gelten nach wie vor die Vermutungen der EMPA, was mit den fehlenden Fahrzeugen geschehen sein könnte: Sie könnten privat gelagert, temporär bei den Autoverwertern als Quelle für Ersatzteile aufbewahrt oder aufgrund fehlender Fahrzeugausweise statistisch nicht verwertet worden sein. Oder sie wurden bei der Fahrt über den Zoll nicht gemeldet und können folglich in keiner Statistik erfasst werden.

Wäre Letzteres der Fall, hätte die Schweiz, obwohl sie laut EMPA mit dem System der annullierten Fahrzeugausweise „eine der zuverlässigsten Statistiken über offiziell entsorgte Fahrzeuge“ verfügt, vermutlich ein Problem, von dem auch die übrigen europäischen Staaten betroffen sind: illegale Exporte.

Foto: Marc Weigert

(EUR1214S30)