Eine scheinbar hohe Kunststoffverwertung

Die Konjunktur hat sich erholt, die Abfallmengen steigen leicht, die Verwertung liegt bei 99 Prozent: Wie die neue Consultic-Studie „Produktion, Verarbeitung und Verwertung von Kunststoffen in Deutschland 2013“ zeigt, funktioniert die Kunststoffverwertung im Prinzip gut.

An der Untersuchung hat unter anderem auch Dr. Thomas Probst, Referent im bvse-Fachverband Kunststoffrecycling, mitgearbeitet – und ist mit dem Verwertungsergebnis keineswegs zufrieden. „Wenn man die Zahlen hinterfragt, ergibt sich ein anderes Bild“, erklärt der Experte im Interview:

Herr Dr. Probst, die Kunststoffbranche hat 2013 von der besseren Konjunktur profitiert. Wie hat sich das auf das Kunststoffrecycling ausgewirkt?   

Dr. Thomas Probst (Foto: bvse)

Dr. Thomas Probst (Foto: bvse)

Das Kunststoffrecycling ist eng mit den Primärmärkten verbunden: Die Preisgestaltung und die Kunststoffmengen für das Recycling hängen mittelbar von den Primärmärkten ab. Ein Boom der Kunststoffbranche fördert letztlich immer auch das Kunststoffrecycling. Insbesondere der Absatz an Rezyklaten profitiert von einer hohen Kunststoffnachfrage. Das Kunststoffrecycling stabilisiert in besonderer Weise die Primärmärkte und erhöht die Materialverfügbarkeit. Das Kunststoffrecycling ist aber nicht in Konkurrenz zur Primärware zu sehen, sondern vielmehr als deren Ergänzung.

Welche Auswirkungen hatte die leichte Belebung auf die Abfallmengen?   

Die Kunststoffabfallmengen steigen seit 1994 von etwa 2,80 Millionen Tonnen kontinuierlich an und haben in 2013 immerhin 5,68 Millionen Tonnen erreicht. Damit hat sich die gesamte Kunststoffabfallmenge im Untersuchungszeitraum von 1994 bis 2013 in etwa verdoppelt. Der Anstieg von 5,45 Millionen Tonnen in 2011 auf 5,68 Millionen Tonnen in 2013 fällt aber geringer aus, als von mir erwartet. Das entspricht in zwei Jahren einem Anstieg von nur 230.000 Tonnen. Es wird beim Kunststoffrecycling zu einseitig auf den Verpackungsbereich gesehen; man muss aber wissen, dass immerhin die Hälfte aller Kunststoffabfälle aus dem gewerblichen Bereich stammt. Außerdem ist anzumerken, dass der erwähnte Anstieg auf den Mengen des Post-Consumer-Abfalls, also der endverbrauchernahen Kunststoffe beruht.

Der Anteil der Post-Industrial-Abfälle, das sind die Abfälle der Kunststofferzeugung und die Verarbeitungsabfälle, ist über die Jahre mit etwa einer Million Tonnen in ungefähr gleich bleibend.

Laut Studie wurden 99 Prozent aller Verpackungen verwertet. Sind Sie als Vertreter der Recyclingbranche damit nicht zufrieden?   

Ganz und gar nicht. Denn die 99-Prozent Verwertung kommt nur dadurch zustande, dass die stoffliche Verwertung und der energetische Anteil zusammengerechnet werden. Diese Änderung in der statistischen Einordnung wird deutlich beim Vergleich der Zahlen im Jahr 2003 mit denen im Jahre 2005. Seit dem Jahr 2005 werden die stoffliche Verwertung und der energetische Anteil zusammengezählt. Dies ergibt dann den scheinbar hohen Verwertungsanteil. Und diese scheinbar hohe Kunststoffverwertung wird dann auch als ganz besonderer deutscher Verwertungserfolg nach außen dargestellt. Wenn man aber die Zahlen hinterfragt, ergibt sich ein deutlich anderes Bild.

Wie sieht dieses Bild aus?  

Nur die werkstoffliche Verwertung, also das Kunststoffrecycling im engeren Sinne erhält die Kunststoffe in vollem Umfang. Und wenn wir uns dann noch die Anteile der stofflichen Verwertung mit 42 Prozent zur energetischen Nutzung mit 57 Prozent anschauen, macht mich dies äußerst unzufrieden. Das Bild zeigt, dass nach wie vor die meisten Kunststoffe – und dies auch noch mit steigender Tendenz – verbrannt werden. Die Verbrennung von Kunststoffabfällen ist eine ganz erhebliche Ressourcenverschwendung!

Bei den Post-Industrial-Abfällen liegt die stoffliche Verwertungsquote deutlich höher. Woran liegt das?  

Die Recyclingquote der Post-Industrial-Abfälle mit 86 Prozent ist deswegen so hoch, da dies die besseren Qualitäten sind, die wir in den Abfallmärkten haben. In der Consultic-Studie werden unter dem Begriff „Post Industrial“ nur die Abfälle aus der Kunststoffneuherstellung und aus der Kunststoffverarbeitung verstanden. Hier liegen nur geringe Verunreinigungen und Vermischungen vor. Hohe Verunreinigungen haben wir typischerweise im Post-Consumer-Bereich wie im Gelben Sack beziehungsweise der gelben Tonne. Die Post-Industrial-Kunststoffe können nach einigen wenigen Aufbereitungsschritten direkt zu neuen Erzeugnissen verarbeitet werden.

Wie könnte das stoffliche Recycling von Post-Consumer-Abfällen denn Ihrer Meinung nach gesteigert werden?

Leider kommen viele Kunststoffe deswegen nicht im Kunststoffrecycling an, da diese im erheblichen Umfange nicht getrennt erfasst werden. So finden sich immer noch viel zu viele Kunststoffe in der Restmülltonne oder in vermischten Bau- und Gewerbeabfällen, die für das Kunststoffrecycling hervorragend geeignet wären.

Oder anders ausgedrückt: Die Getrennterfassung von Kunststoffabfällen ist die Voraussetzung für eine nachfolgende hochwertige Kunststoffverwertung. Darüber hinaus wären Quotenerhöhungen beim Recycling von Verpackungen hilfreich. Auch die Kunststoffe aus der Wertstofftonne, die sogenannten stoffgleichen Nichtverpackungen, sollten den Weg in das Kunststoffrecycling finden.

Wie sieht es mit der Verwertung im Bereich der Mischkunststoffe aus?  

Das ist tatsächlich ein weiteres interessantes Feld für die Kunststoffverwertung. Die Mischkunststoffverwertung deckt nämlich zwei Bereiche der Kunststoffverwertung ab: die stoffliche Verwertung und die EBS/SBS-Schiene. Bei der Mischkunststoffverwertung spielt die Kunststoffsortierung eine zentrale Rolle, da sie gute Qualitäten für die weitere Verarbeitung schaffen soll. Schließlich ist es für die Kunststoffverwertung in Deutschland wichtig, neben den Rücknahmesystemen für Verpackungen sich weitere Verarbeitungsmengen zu erschließen. Das sind sicherlich die Kunststoffe aus Gewerbe und Industrie, aus der Landwirtschaft sowie aus dem Sperrmüll. Leider verlieren wir zu viele recycelbare Kunststoffe durch die nach wie vor zu niedrigen Verbrennungspreise der Müllverbrennungsanlagen. Gerade im Bereich der Mischkunststoffe schadet dies dem Recycling enorm.
Die recycelten Kunststoffe werden als Sekundärrohstoff wieder eingesetzt. Wo finden die Rezyklate derzeit überwiegend Verwendung?

Die Consultic-Studie 2013/2014 weist zum ersten Mal die Verwendung der Kunststoffrecyklate aus. Dies ist ein ganz wichtiger Schritt, um die Erfolge des Kunststoffrecyclings zu dokumentieren. Die Hauptbereiche für den Rezyklateinsatz sind Verpackungen mit 25 Prozent, Bau mit 39 Prozent, Landwirtschaft mit zehn Prozent und Fahrzeuge mit acht Prozent. Darüber hinaus lässt sich aber auch antworten, dass die Rezyklate einerseits die Primärware hervorragend ergänzen und anderseits mit anderen Materialien im Wettbewerb stehen. Bei ersterem bedeutet das, dass sich die Rezyklate in nahezu allen Bereichen der Kunststoffverarbeitung finden. Im zweiten Fall finden Rezyklate Verwendung als Ersatz für Holz, Beton oder Stahl. Als Anwendungsbeispiele sind hier Bauzaun- und Bakenfüße, Rasengitter, Lärmschutzwände, Buhnenpfähle, Pfosten und Bretter, Verschalungen und Rohre zu nennen.

Welche Einsatzgebiete könnten Sie sich noch gut vorstellen?  

Die Folienverwertung könnte meines Erachtens in Deutschland noch weiter ausgebaut werden. Bei der Folienverwertung können über geeignete Rücknahmesysteme quantitative und qualitative Fortschritte erzielt werden. Häufig verlieren wir große Mengen an Folien an Fernost. Bei einer verstärkten Rückgewinnung von Rezyklaten aus Elektro- und Elektronikaltgeräten würden mehr Kunststoffe für technische Anwendungen zur Verfügung stehen. Hier ergeben sich neue Anwendungsbereiche, die bisher nur gering erschlossen sind. Darüber hinaus sollten Kunststoffcomposite, wie sie beispielsweise in Windkraftanlagen eingesetzt werden, künftig verstärkt einer stofflichen Verwendung zugeführt werden. Bisher werden diese Hochleistungsmaterialien häufig zu EBS/SBS aufbereitet oder in der MVA verbrannt.

Herr Dr. Probst, vielen Dank für das Interview!
(Quelle: bvse)


 

Was die Studie ergeben hat

Die in der Branche als „Consultic-Studie“ bekannte Erhebung wird alle zwei Jahre durchgeführt und liefert seit 1998 verlässliche Strukturdaten für die gesamte Kunststoff-Wertschöpfungskette. Auftraggeber sind die BKV GmbH, PlasticsEurope Deutschland e.V., der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e.V. (bvse), der Fachverband Kunststoff- und Gummimaschinen im VDMA sowie die Industrievereinigung Kunststoffverpackungen (IK).

Zusammenfassend ergibt sich aus der Studie für das Jahr 2013 folgendes Bild: In Deutschland wurden 19,8 Millionen Tonnen Kunststoff erzeugt. Zur Herstellung von Kunststoffprodukten wurden im Inland 10,5 Millionen Tonnen Kunststoff genutzt. Die Kunststoffabfallmenge betrug 5,7 Millionen Tonnen. Obwohl die verarbeitete Menge im Vergleich zu 2011 etwas geringer war, stieg die Recyclingmenge auf 2,3 Millionen Tonnen (+ 1,3 %). Die Kunststoff-Verwertungsquote lag im Jahr 2013 wie schon im Jahr 2011 bei 99 Prozent. Dabei wurden die zu Abfall gewordenen Kunststoffe zu 41 Prozent werkstofflich, ein Prozent rohstofflich und 57 Prozent energetisch verwertet. Erstmalig wurde in der Studie erhoben, wo die aus Produktions-, Verarbeitungs- und Post-Consumer-Abfällen gewonnenen Rezyklate eingesetzt werden. So in erster Linie im Baubereich, etwa für Fensterrahmen, Rohre oder Profilbretter. Im Verpackungsbereich entstehen aus den Rezyklaten Paletten, Eimer, Transportbehälter und ähnliches mehr. In geringerem Umfang sind Recyclingkunststoffe auch in landwirtschaftlichen und technischen Anwendungen zu finden.

Eine Kurzfassung der Consultic-Studie steht auf den Websites der Auftraggeber zum Download bereit. Die komplette Studie „Produktion, Verarbeitung und Verwertung von Kunststoffen in Deutschland 2013“ mit ausführlichen Tabellen, Definitionen und vertiefenden Informationen ist bei der BKV (www.bkv-gmbh.de) zum Preis von 495,- Euro (inklusive der gesetzlichen Mehrwertsteuer) zu erwerben.


 

Foto: O. Kürth

(EUR1214S34)