Neuer Schwung für Frankreichs Kreislaufwirtschaft

Die Flaute in der Industrie allgemein macht auch der Recyclingbranche des Landes zu schaffen. Der Reindustrialisierungsplan des französischen Wirtschaftsministeriums konzentrierte sich zu sehr auf die energetische Verwertung von Abfällen. Nach Kritik der Branche wurde und wird jetzt an einigen Stellen nach­gebessert.   

Wie die nationale Umweltagentur Ademe berichtet, hat die französische Abfallwirtschaft 2012 rund 21 Milliarden Euro umgesetzt. Davon entfielen 8,47 Milliarden Euro auf die Sammlung und die Behandlung von Abfällen und 11,26 Milliarden Euro auf die Wiedergewinnung von Wertstoffen. Weitere 0,85 Milliarden Euro wurden für Reinigungsmaßnahmen wie Bodensanierung ausgegeben. Die jährliche Abfallmenge betrug 2010 nach Angaben des Umweltministeriums und dem letzten Stand der Ermittlung 355 Millionen Tonnen. Pro Kopf waren es damit 5,5 Tonnen. EU-Durchschnitt: 5,0 Tonnen. Hauptverursacher ist das Baugewerbe mit 73,3 Prozent vor den Privathaushalten (8,3 Prozent), dem Dienstleistungssektor (7,2 Prozent), der Industrie (6,0 Prozent) und dem Bereich Abfall- und Abwasserentsorgung (4,5 Prozent). Nur einen geringen Anteil steuern in dieser Aufstellung die Land- und Forstwirtschaft sowie die Fischerei mit 0,5 Prozent bei, deren Abfälle wie Mist oder Gülle zum größten Teil wiederverwendet oder lokal entsorgt werden.

Umsatzminus von 9,5 Prozent

Die kommunalen Entsorgungsunternehmen sammelten 2012 pro Einwohner 534 Kilogramm Abfälle ein, 0,7 Prozent weniger als 2011. Frankreich liegt damit wiederum leicht über dem europäischen Durchschnitt von 487 Kilogramm. Der aktuelle französische „Plan National de Prévention des Déchets 2014-2020“ vom November 2013 und veröffentlicht im Amtsblatt „Journal Officiel“ am 28. August 2014 sieht die Verringerung der pro Haushalt anfallenden Abfallmenge bis 2020 um sieben Prozent gegenüber 2010 vor. Übergeordnete Zielsetzung ist die graduelle Abkoppelung der entstehenden Abfallmenge von der wirtschaftlichen Entwicklung. Im Jahr 2013 gab es 378 lokale Programme zur Abfallvermeidung (Programmes Locaux de Prévention), die insgesamt 65 Prozent der Bevölkerung Frankreichs erreichen. Die Entsorgungs-Infrastruktur umfasste 2012 für Haushaltsabfälle 236 Deponien für ungefährliche Abfälle, 126 Verbrennungs-, 574 Kompostier- und 368 Sortieranlagen. Gefährliche Abfälle – im Jahr 2010 circa 8,5 Millionen Tonnen – werden zu 40 Prozent einer Wiederverwertung zugeführt. Weitere 28 Prozent werden verbrannt und 32 Prozent deponiert. Der Umsatz der nationalen Recyclingindustrie sank im letzten Jahr um 9,5 Prozent auf 9,45 Milliarden Euro. Verantwortlich für das Minus war den nicht näher erläuterten Informationen zufolge vor allem die Rückgewinnung von Metallen, in geringerem Maße das Recycling von Papier und Pappe. Alle anderen Sparten konnten laut dem französischen Branchenverband Federec 2013 ihren Umsatz erhöhen.

Vieles landet in der Restmülltonne

33,7 Millionen Tonnen Abfälle wurden 2013 dem Recycling zugeführt, das waren 2,5 Prozent weniger als 2012. Der Ausstoß an wiedergewonnenen Rohstoffen lag 2013 bei 26,3 Millionen Tonnen und damit ebenfalls 2,5 Prozent unter dem Vorjahr. Daraus ergibt sich eine Rückgewinnungsquote von 78 Prozent. Von den auf den Markt gebrachten Sekundärrohstoffen waren 12,9 Millionen Tonnen Eisen und Stahl (49 Prozent), 5,8 Millionen Tonnen Papier und Pappe (22 Prozent), 1,9 Millionen Tonnen Glas (7,0 Prozent), 1,8 Millionen Tonnen NE-Metalle (7,0 Prozent) und 1,5 Millionen Tonnen Holz (6,0 Prozent). Ebenfalls etwa sieben Prozent entfielen auf Paletten sowie jeweils ein Prozent auf Kunststoffe, Textilien und Kompost. Die Wiederverwertung von Verpackungsabfällen organisiert in Frankreich die Umweltorganisation Eco-Emballages. Die Recyclingquote lag 2013 in diesem Bereich mit 67 Prozent auf dem Niveau des Vorjahres und variiert je nach Material deutlich. Um die Recyclingrate weiter zu steigern, will Eco-Emballages im Rahmen eines „Plan de relance du recyclage“ vor allem die Wiederverwendung von Kunststoffen erhöhen, die Abfallsammlung verbessern, vor Ort stärker informieren und mehr Kostentransparenz schaffen. 87 Prozent der Franzosen trennen ihren Abfall zwar, doch gehen hier nur 44 Prozent systematisch vor. Nach wie vor landen viele wiederverwendbare Materialien im Restmüll.

Investitionsneigung dürfte hoch bleiben

Die Investitionen der französischen Recyclingindustrie beliefen sich 2013 auf 420 Millionen Euro – 4,4 Prozent des Umsatzes. Davon entfielen 72 Prozent auf Maschinen und Anlagen sowie 14 Prozent auf Ausrüstungen der Informations- und Kommunikationstechnik. Die Investitionsneigung dürfte mittelfristig hoch bleiben. Da immer mehr Abfälle in den Stoffkreislauf einbezogen werden, steigen die technischen Anforderungen. „Recycling und grüne Materialien“ ist eines der 34 Themenfelder, die das französische Wirtschaftsministerium im Rahmen des im Herbst 2013 präsentierten nationalen Reindustrialisierungsplans „Nouvelle France Industrielle“ besonders fördern will. Und die dafür eingesetzte Arbeitsgruppe machte im Juli 2014 ihre Vorstellungen öffentlich: Insgesamt 111 Projekte zur Verbesserung, Ausweitung und Neueinrichtung der Abfallsortierung sowie der Verwertung und Transformation von Abfällen mit einem Gesamtvolumen von 785 Millionen Euro wurden identifiziert. Die Recyclingbranche kritisierte hier, dass sich die Planungen zu sehr auf die energetische Verwertung von Abfällen konzentrierten, worauf an einigen Stellen nachgebessert wurde. Insbesondere die stoffliche Verwertung von Kunststoffen, Bauabfällen, Verbundmaterialien und elektronischen Karten soll jetzt gefördert werden.

Zunehmend mehr Einrichtungen

Um Forschung und Entwicklung im Recycling zu intensivieren, hat Frankreich 2010 einen „Pôle de Compétitivité“ in der Region Nord-Pas-de-Calais geschaffen. Ziel des „Pôle Team2“ genannten Clusters (www.team2.fr) ist die Verbesserung der Wiederverwertbarkeit und Nutzung von aufbereiteten Rohstoffen in Industrieprodukten. Aber auch andere Kompetenzzentren tangieren den Bereich wie etwa Axelera (Chemie und Materialien, www.axelera.org), IAR (Agro-Ressourcen, Biorohstoffe, www.iar-pole.com), Plastipolis (Kunststoffe, www.plastipolis.fr) oder Techtera (Materialforschung, www.techtera.org). Im Zuge der erheblich ausgeweiteten Differenzierung und Wiederverwertung von Abfallstoffen hat die Anzahl der Einrichtungen, die mit Entsorgung und Recycling befasst sind, in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Insgesamt zählt die Branche rund 6.700 Unternehmen.

Tendenz zur Professionalisierung

Der französische Branchenverband für das Recycling Federec repräsentiert über 1.300 Unternehmen mit 26.000 Beschäftigten und 2.500 Betrieben. Die meisten Firmen sind in mehreren Zweigen gleichzeitig aktiv. Nach gegenüber den Vorjahren zum Teil erheblich veränderten Daten von Federec arbeiten in der Verwertung von Eisen und Stahl 1.200 Betriebe, von NE-Metallen 1.050, Papier und Pappe 700, Kunststoffen 700, Fahrzeugen 268, Holzabfällen 450, Textilien 100, Glas 150, Chemikalien 49, Federn und Daunen elf sowie sonstigen Materialien 410. In der Branche ist eine Tendenz zur Professionalisierung zu erkennen – mit einem steigenden Anteil an Fachkräften. An der Spitze der französischen Abfallwirtschaft stehen die weltweit aktiven Großkonzerne Veolia Propreté (Veolia Environnement) und Sita (Suez Environnement) sowie mit Derichebourg, Paprec und Séché drei auch auf europäischer Ebene bedeutende mittelgroße Firmen. Dahinter folgt eine Vielzahl kleiner und mittlerer Familienunternehmen. Während die beiden Großen etwa 70 Prozent Marktanteil bei der Müllverbrennung haben, sind sie nur mit circa 15 Prozent an der Recyclingwirtschaft beteiligt, die vor allem mittelständisch geprägt ist. Veolia und Suez haben daher mehr Einfluss im Verband der Abfallwirtschaft Fnade; bei Federec dominieren kleinere Unternehmen.

Rücknahmesysteme für jedes Segment

Im Rahmen des Programms zur „Erweiterten Verantwortung der Hersteller“ (responsabilité élargie du producteur, REP) werden sukzessive immer mehr Branchen in die Sammlung und Wiederverwertung von Rohstoffen eingebunden. In einigen Bereichen wurden aufgrund europäischer Richtlinien oder französischer Gesetze verpflichtende, in weiteren Feldern freiwillige Ziele vereinbart. Zur ersten Gruppe gehören unter anderem Elektro- und Elektronikabfälle, Batterien, Altautos, Medikamente, Lösungsmittel, Kühlflüssigkeiten und Verpackungen. Auf nationaler Ebene eingeschlossen sind beispielsweise Reifen, Möbel, Textilien und Haushaltschemikalien. Freiwillige Vereinbarungen existieren etwa für pflanzliche Heilstoffe, Druckerpatronen sowie Verpackungen von Saatgut und Düngemitteln. In der Regel gibt es für jedes Segment ein oder mehrere Rücknahmesysteme (éco-organisme), die meistens von den Herstellern getragen werden.

Besondere Hürden bei der Auftragserlangung für deutsche Unternehmen existieren in Frankreich nicht. Die Ausschreibungspraxis folgt den EU-Richtlinien. Die Umweltabteilung der Deutsch-Französischen Industrie- und Handelskammer kann bezüglich der Verpflichtungen gegenüber den Rücknahmesystemen unterstützen und die Meldung der verwendeten Verpackungen und Materialien übernehmen.

Verfasser: Dr. Marcus Knupp
Quelle: Germany Trade & Invest

Foto: Marc Szombathy

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