Produktion von Papier und Kartons in Russland steigt

Trotz der derzeitigen Konjunkturschwäche und Sanktionen sind die Aussichten für die nationale Industrie positiv: Bei der Zellstoffproduktion wird bis 2030 ein Wachstum um das 1,6- bis 1,9-fache und bei der Papier- und Kartonerzeugung um das 1,9- bis 3,3-fache prognostiziert. Altpapier wird zunehmend nachgefragt und eingesetzt.

Allerdings machen sich in Russland die zurückgehenden Auflagen der Printmedien bemerkbar. Zellstoffhersteller klagen zudem über Lieferstockungen beim Ausgangsmaterial aus der Holz- und Forstwirtschaft. Wenn auch eine Reihe von Projekten in Planung ist, so hat sich doch die Kreditaufnahme zum Vorantreiben von Modernisierungsvorhaben für die gesamte russische Papierindustrie erschwert.

Eröffnung fünf neuer Fabriken

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO geht davon aus, dass die russischen Zellstofffabrikanten 62,5 Prozent ihres Ausstoßes im Haus zu höherwertigen Produkten wie Papier und Karton weiterverarbeiten. Die verbleibenden 37,5 Prozent stehen zum Absatz im In- und Ausland zur Verfügung. Das Volumen des Inlandsmarktes von Zellstoff wird voraussichtlich von derzeit 0,6 Millionen Tonnen auf 1,0 Millionen Tonnen im Jahr 2030 steigen. Dieses Wachstum wird vorrangig aus eigenen Ressourcen heraus bedient werden, wogegen der Import nur leicht zulegen dürfte. Dafür werden die Ausfuhren bis 2030 um etwa 60 Prozent zunehmen. Die russische Papier- und Zellstoffindustrie bedient den Inlandsbedarf nicht nur bei Zellstoff und Viskose, sondern auch bei Zeitungs- und Packpapier annähernd vollständig. Ausgehend vom Bedarf hält die FAO einen Produktionsanstieg bei den genannten Papierarten bis 2020 von etwa 35 Prozent, bis 2025 um 90 Prozent und bis 2030 von 165 Prozent für möglich. Dadurch würde Russland in die Lage versetzt, den Abstand beim Pro-Kopf-Verbrauch von Papier und Karton zu den führenden Industrieländern signifikant zu verringern. Der Pro-Kopf-Verbrauch lag 2010 bei 46,8 Kilogramm. Bis 2030 soll er auf 141 Kilogramm zunehmen.

Die jüngsten Konjunkturzahlen aus dem ersten Halbjahr 2014 scheinen der FAO Recht zu geben. So wuchs bei allen wichtigen Positionen, außer bei Schreibpapier und ungestrichenen Pappkartons, die Produktionsmenge im Vergleich zum ersten Halbjahr 2013. Mit über 500 Prozent erreichten die Hersteller von Wellpappe und recyceltem Papier sogar einen Rekord. Hier schlug sich die Eröffnung gleich fünf neuer Fabriken im Vorjahr positiv in den Statistiken nieder. Die Papier- und Zellstoffindustrie in Karelien hat das erste Halbjahr allerdings mit Verlusten von 801 Millionen Rubel abgeschlossen und belegte damit im regionalen Vergleich einen hinteren Platz. Einbußen von 725 Millionen Rubel entfielen allein auf ein einziges Unternehmen, OAO Kondopoga, bei einem Umsatz von 3,6 Milliarden Rubel. An dem Ergebnis sind nach Unternehmensangaben die hohen Selbstkosten schuld. Das Schiedsgericht Karelien hat den Hersteller am 20. Juni 2014 bereits unter Zwangsverwaltung gestellt. Die OAO Kondopoga verarbeitet aktuell fast nur noch Zellstoff des Anbieters OOO Karelia Pulp zu Zeitungspapier.

Nachholbedarf bei hochwertigen Sorten

Russland hat einen hohen Nachholbedarf bei der Herstellung qualitativ hochwertiger Papier- und Kartonsorten für die Druckindustrie, die Lebensmittelverarbeitung und die Herstellung von medizinischen Verbrauchsmaterialien und Hygieneartikeln. Im Zuge der verkündeten Regierungsstrategie zur Importsubstitution sind nun mehr Investitionen in die Modernisierung und Ausweitung bestehender Kapazitäten zu erwarten.

Es ist davon auszugehen, dass neue Zellstoff- und Papierfabriken sich in relativer Nähe zur Ressource Holz ansiedeln werden. Große Wälder gibt es unter anderem in Sibirien und im Fernen Osten. Dies würde auch der politisch gewollten industriellen Erschließung dieser Regionen entgegenkommen. Hierunter fallen die Gebiete Krasnojarsk, Transbaikal, Chabarowsk, Tomsk und Amur. Allein im Föderalbezirk Sibirien werden Kapazitäten zur Herstellung von 2,8 Millionen Jahrestonnen Papier und Karton geplant. Wegen der anhaltenden Sanktionen seitens der Europäischen Union, der USA und weiterer Staaten kündigte die Gruppe Ilim, die in den Gebieten Leningrad, Archangelsk und Irkutsk mit Produktionen vertreten ist, eine vorläufige Pause ihres finanziellen Engagements an. Konkret ist das Projekt „Bolschoi Ust-Ilimsk“ betroffen, das heißt die Modernisierung des Holzverarbeitungswerks Ust-Ilimsk in der Region Irkutsk.
Finanzierungsprobleme durch Sanktionen

Als Begründung wurden die angespannten Handelsbeziehungen zwischen der EU und der Russischen Föderation genannt. Dadurch haben sich die wirtschaftlichen Risiken für das Vorhaben erhöht, wie ein Unternehmenssprecher mitteilte. Die Sanktionen verursachen auch Finanzierungsprobleme. Insbesondere seien die Möglichkeiten zur technischen Abwicklung von Finanzströmen über die Bankwirtschaft vor Ort eingeschränkt. Geplant war ursprünglich, im Rahmen von Bolschoi Ust-Ilimsk den Zellstoffausstoß auf eine Million Jahrestonnen heraufzufahren. Damit läge das Werk in punkto Produktionsmenge auf einem Niveau mit dem Zellstoffwerk in Bratsk. Mit allen russischen Standorten zusammen kontrolliert Ilim 70 Prozent des Marktes für Zellstoff und 20 Prozent des Marktes für Karton. Auf den Gehaltslisten stehen russlandweit 19.000 Mitarbeiter. Sollten die derzeitigen Ausfuhren von jährlich 0,4 Millionen Jahrestonnen Zellstoff in die EU aus handelspolitischen Gründen nicht mehr im vollen Umfang realisiert werden können, würde Ilim nach eigenen Angaben diese Mengen relativ problemfrei in die Volksrepublik China umleiten können. Die OOO Pulp Mill Holding mit Mutterhaus in Österreich kündigte im Juni 2014 an, die Dividenden in Höhe von einer Milliarde Rubel komplett für die Modernisierung des Papier- und Zellulosewerkes Archangelsk reinvestieren zu wollen. In Archangelsk werden Karton und Zellstoff gefertigt, ebenfalls verschiedene Papiersorten. Bei Etikettenpapier kontrolliert der Hersteller 65 Prozent des russischen Marktes.

Investitionshilfen seitens der Regierung

Das Zellstoff-Kartonwerk Selenginsk, OOO Bail, hat Investitionsabsichten, nachdem die Produktion von Karton im Januar 2014 wieder aufgenommen wurde. Zuvor hatte es eine längere Ruhephase und einen Wechsel des Geschäftsführers gegeben. So sollen 2014 und 2015 insgesamt 5,2 Milliarden Rubel für Modernisierungsmaßnahmen ausgegeben werden. Nach erfolgter Umrüstung soll der Jahresumsatz von 1,5 Milliarden Rubel auf zehn Milliarden Rubel steigen. Da Kredite aktuell aber schwer erhältlich sind, wurde bei der Regierung ein Antrag auf Investitionshilfen von 1,5 Milliarden Rubel gestellt. Auch Verhandlungen zur Umschichtung der Altschulden wurden aufgenommen.Russlands Regierung will Investitionen zur Modernisierung und zum Ausbau der Papier- und Zellstoffindustrie unterstützen. In diesem Zusammenhang bot das Ministerium für Industrie und Handel im Juni 2014 an, für Investitionen ab einer Höhe von 1,5 Milliarden Rubel die Zinsen auf die Investitionskredite zu subventionieren. Bis dahin lag die Untergrenze für Subventionen bei drei Milliarden Rubel. Das neue Angebot ist eine gemeinsame Initiative des Ressorts zusammen mit dem Finanzministerium und dem Regionalministerium, das allerdings am 9. September aufgelöst wurde.

Preisanstieg durch Mangel an Altpapier

Die Kapazitäten zur Verarbeitung von Altpapier und Altpappe zu Verpackungskarton wurden besonders 2011 bis 2013 intensiv aufgestockt. Allein 2013 nahmen fünf Fabriken ihre Arbeit auf, darunter in Kamensk und in Penza. Was in der Anfangszeit noch als Risiko galt, hat sich inzwischen als ein relativ sicheres Geschäft erwiesen, wie der Verband „Liga der Altpapierverarbeitung“ resümiert. Inzwischen reicht sogar das anfallende Altpapier im Umfang von zwei Millionen Jahrestonnen nicht mehr aus, um die neu eingerichteten Verarbeitungsbetriebe voll auszulasten. Von den 2013 erzeugten 3,2 Millionen Tonnen Verpackungskarton stammten 47 Prozent aus verarbeiteten Papierabfällen.

Doch der Mangel an Altpapier hat zwangsläufig zu einem Anstieg der Beschaffungspreise für den Ausgangsstoff geführt. Betriebe zur Papierverarbeitung müssen daher an ihre Kalkulationen mit gespitztem Bleistift herangehen. Aber nicht nur Knappheitsverhältnisse, auch intransparente Strukturen im Zwischenhandel – mit anderen Worten die Spekulation mit dem inzwischen knappen Ausgangsmaterial – haben für einen sprunghaften Preisanstieg gesorgt.

Im Jahr 2013 betrug der Marktumfang für Verpackungen aus sämtlichen Materialien 16,5 Milliarden US-Dollar. Davon entfielen 36 Prozent beziehungsweise 5,94 Milliarden US-Dollar auf Verpackungen aus Papier oder Pappe. Für das Gesamtjahr 2014 kann aufgrund der stagnierenden Indus­trieproduktion und der nachlassenden Zuwachsraten im Einzelhandel mit Konsumgütern nur mit einem leichten Anstieg bei Papierverpackungen gerechnet werden. Für Aufwind bei der Nachfrage nach Verpackungen könnte das Anfang August erlassene Einfuhrverbot für europäische und US-amerikanische Nahrungsmittel sorgen. Dadurch gelangen weniger komplett abgepackte Importlebensmittel, dafür mehr vor Ort erzeugte Frischwaren in die Supermärkte. Die neue Ware wird zwangsläufig in Russland zum Versand und zum Verkauf verpackt werden müssen.

Verluste im Markt für Zeitungspapier

Auf dem Markt für Zeitungspapier gab es einige Bewegung: Die in Karelien angesiedelte OAO Kondopoga verlor aufgrund innerbetrieblicher Probleme Marktanteile an den Wettbewerber OAO Wolga. Der Marktanteil von Kondopoga fiel 2013 auf 15 Prozent. Die OAO Wolga legte dagegen auf 47 Prozent zu. Dahinter folgten die OAO Mondi SLPK mit 21 Prozent und die OAO Solikamskbumprom mit 17 Prozent. Doch auch der OAO Wolga ging es im ersten Halbjahr 2014 wirtschaftlich nicht wirklich gut. Nach Unternehmensangaben sank der Umsatz in diesem Zeitraum um 5,8 Prozent auf 4,47 Milliarden Rubel. Insbesondere die Verkäufe von Zeitungspapier fielen, was einen Verlust von 362,04 Millionen Rubel verursachte. Insgesamt lieferte die OAO Wolga im genannten Zeitraum 229,85 Millionen Tonnen Zeitungspapier aus. Als Hauptgrund für die rückläufige Papierproduktion wurden ausgefallene Lieferungen von Ausgangsmaterial aus der Holz- und Forstwirtschaft genannt. Aus diesem Grund musste eine Papiermaschine zeitweise angehalten werden.

Beim OAO Karton- und Druckkombinat Sankt Petersburg stieg der Ausstoß an bedrucktem Karton im ersten Halbjahr 2014 um 5,2 Prozent auf 2,84 Milliarden Rubel. Damit wurde ein Gewinn nach Steuern von 177,39 Millionen Rubel erwirtschaftet. Dieser war aber um das 2,3-fache geringer als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Hierfür wird die gesunkene Nachfragemenge nach bedruckten Kartons – zum einen in Folge des sich verschärfenden Wettbewerbs und zum anderen wegen der allgemein schwachen Industriekonjunktur – als Ursache genannt. Generell ist der Betrieb mit einem Jahresausstoß von 0,2 Millionen Tonnen der wichtigste Anbieter von bedrucktem Karton. Als Ausgangsmaterial dienen Altpapier und Altpappe. Die Belegschaft zählt etwas mehr als 1.000 Mitarbeiter.

Internetadressen
Liga der Altpapierverarbeitung www.liga-pm.ru
Gemeinschaft der Papier-Großhändler www.sbo-paper.ru
Verband der Zellstoff- und Papierindustrie www.bumprom.ru
Nationaler Verband der Verpackungshersteller www.ncpack.ru

Verfasser: Ullrich Umann
Quelle: Germany Trade & Invest

Foto: CEPI

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