Foto: Harald Heinritz / abfallbild.de

Abfallwirtschaft ist noch längst keine Kreislaufwirtschaft

Die Abfallwirtschaft verzeichnete in Deutschland frühe Erfolge und setzte wichtige Richtungsentscheidungen zur Entlastung der Umwelt um. Doch greift nach Ansicht des Rates für Nachhaltige Entwicklung heute Deutschlands Abfallwirtschaft noch zu kurz. Es sei erforderlich, die Kreislaufwirtschaft neu zu begründen und die sich bietenden Chancen zu ergreifen.

Vor diesem Hintergrund bat der Nachhaltigkeitsrat Dr. Henning Friege um einen Bericht, der Sachstand und Perspektiven aufzeigt. Einige der Ergebnisse des Challenger-Berichts zu „Ressourcenmanagement und Siedlungsabfallwirtschaft“ sind nachfolgend – in aller Kürze – skizziert.

Gute Erfolge beim Recycling sind bei jenen Materialien zu verzeichnen, die nicht knapp sind: Papier und Glas, Kupfer und Batterien. Vergleichsweise schlecht sind sie ausgerechnet bei raren Gütern wie vielen Nichteisen-Metallen und Seltenen Erden. Speziell im E-Schrott-Sektor lässt die Rückgewinnung noch erheblich zu wünschen übrig, treten doch hier Verluste auf durch Entwendung oder Zerstörung bei der Altgeräte-Sammlung, illegale Exporte, fehlerhafte Aufbereitung mit der Folge geringer Rückgewinnungsquoten an seltenen Metallen, schwache Neigung des Handels zur Rücknahme von Altgeräten sowie ein wenig an Reparierbarkeit und Recyclingfähigkeit orientiertes Geräte-Design. Darüber hinaus ist der Aufwand, um aus Kunststoff- und Verbundverpackungen Sekundärrohstoffen zu erzeugen, höher als für die Primärrohstoffe – die mit dem System verbundenen Transaktionskosten eingerechnet.

31 statt 63 Prozent Recyclingquote

Die Quote des Recyclings ist eine wichtige Leitgröße für die Kreislaufwirtschaft. Doch sie misst nur den Input von Abfällen in die Sortierung, nicht den tatsächlichen Output an Recycling. 2009 errechnete die Bundesregierung eine Recyclingquote von 63 Prozent; die vom Gesetzgeber angestrebte Verwertungsquote liegt bei 65 Prozent, die als fast erreicht gelten kann. Die Deutsche Gesellschaft für Abfallwirtschaft berücksichtigt dagegen Verluste im Prozess durch Verunreinigungen, Fehlwürfe, stoffliche Unverwertbarkeit, Faserlängenverlust bei Altpapier, Störstoffe in MBA-Komposten und nicht erfasste Schrotte in MVA-Asche. Sie schätzt eine erreichte Recyclingquote von aktuell 31 bis 41 Prozent als realistisch ein.

Was die Produzentenverantwortung betrifft, so hat der Grundsatz der Verantwortung des Herstellers für sein Produkt nach Nutzung in Europa, Nordamerika und Ostasien als „Extended Producer Responsibility“ (EPR) große Bedeutung erlangt. Bei den Verpackungen wird diese Verantwortung „kollektiv“ durch duale Systeme wahrgenommen. Doch auch deren Entwicklung zeitigte laut Henning Friege „gravierende Probleme“, darunter mangelnde Transparenz, hohe Anfangskosten, geringes Interesse an hochwertigen Recyclingwegen, Scheinentsorgung, Trittbrettfahrer-Mentalität, missbräuchliche Nutzung des Leichtverpackung-Sammelsystems durch Restmüll und Duldung selbst hoher Fehlwurfquoten.

Sieben Grenzsteine

Insgesamt macht der Nachhaltigkeits-Berater Henning Friege „sieben Grenzsteine“ für Ressourcenschonung und Ressourcenrückgewinnung aus, an denen sich eine Optimierung der Abfallwirtschaft (ent)scheidet. So schafft unter anderem der Ressourcenverbrauch der Überflussgesellschaft zunehmend irreversible Stoff- und Produktströme, die von der Gewinnung aus Rohstofflagern über den Verbrauch in Industrie und Gesellschaft zur letztendlichen Quelle von Abfallströmen wandern. Zu den Problemfeldern zählt auch die millionenfache „Dissipation“ von Produkten und Stoffen, die idealerweise an den Erzeuger im Sinne der Kreislaufwirtschaft zurückgehen sollten. Die Entropie der Produkte nimmt durch eine Vielzahl von Komponenten und deren verschiedenen Inhaltsstoffe zu und erschwert tendenziell ihre Rückgewinnung als Sekundärrohstoffe. Die Belastung mit Schadstoffen könnte kumulativ zunehmen, falls Recycling um jeden Preis die Materialien im Kreislauf hielte. Ökonomisch unterschiedliche Interessen der beteiligten Akteure entlang der Stoffstromkette – vom Produzenten über den Verbraucher bis zum Entsorger – verhindern gemeinschaftliche abfallwirtschaftliche Problemlösungen. Des Weiteren fehlt laut Friege in der Abfallwirtschaft ein Akteur, der an der Qualität des Stoffs oder Produkts interessiert ist und nicht primär am Umgang mit Materialien oder Erzeugnissen. Und schließlich besteht eine Ungleichzeitigkeit des Ressourcenbedarfs für die Produktion und des Angebots an Sekundärmaterialien: Wird eine seltene Ressource in großem Umfang in Produkten verarbeitet, steht sie im Bedarfsfall als Sekundärmaterial zunächst nicht zur Verfügung – also genau dann, wenn sie am dringendsten gebraucht wird. Frieges Zwischenbilanz: „Angesichts dieser Fakten erinnert die verbale Wandlung der Abfallwirtschaft zur Kreislaufwirtschaft an Hans Christian Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern.“

Vielfältige Verbesserungspotenziale

Die Verbesserungspotenziale, über die der Report-Autor nachdachte, sind vielfältig. Darunter fallen neben der recycling-freundlichen Geräteproduktion im „Design for Repair“ auch neue Sortiertechniken, die allerdings nicht nur an klare physikalische und metallurgische Grenzen stoßen, sondern auch an der mangelnden Wirtschaftlichkeit der Sekundärmaterialien auf den Märkten scheitern können. Ebenso nähern sich die Qualitätsanforderungen an Recyclingwerkstoffe von Kunststoffen bis Beton denen für Primärware an – was gleichzeitig Downcycling oder Rezyklatmischungen vermindern hilft –, auch wenn Sekundärmaterialien aus Baureststoffen sowie Abbruchmaterial heutzutage vielfach nur als Füllmaterial im Straßenbau Verwendung finden. Und als empfehlenswert gilt auch Urban Mining, dort, wo eine Konzentrierung bestimmter Abfallarten, eine genaue Orts- und Materialkenntnis und ein technisch einfacher Zugang vorhanden sind – Bedingungen, die aber die wenigsten Deponien erfüllen.

Der mangelnden Wertschätzung für gebrauchte Produkte könnte eine längere Nutzung der Geräte durch Verbesserung der Zerlegbarkeit und die Verfügbarkeit von Ersatzteilen entgegenarbeiten. Nötig sind nach Ansicht Frieges bessere Nachhaltigkeits- und Rohstoffproduktivitäts-Indikatoren, um einen schärferen Blick auf die Stoffströme zu werfen. Zu den notwendigen Veränderungen gehört auch eine europaweit einheitliche Definition von Recycling sowie die Einführung von Sortierquoten, die am Output der Sortieranlagen beziehungsweise der stofflich verwerteten Menge – der Netto-Quote – gemessen werden. Darüber hinaus könnten auch neue Geschäftsmodelle wie kurzfristig verfügbare Angebote (zum Beispiel Carsharing), längere Nutzung oder Wiederverwendung (ReUse) von Elektronikgeräten oder Rücknahmegarantien für Altprodukte zur Ressourcenschonung beitragen.

Freikauf von Rücknahmepflichten

Neben anderen Schwierigkeiten sieht der Autor ein grundsätzliches ökonomisches Problem in der Art, wie Hersteller ihre Verantwortung für Abfälle wahrnehmen. Erzeuger von Waren sind primär am Verkauf ihrer Produkte interessiert. Ihnen liegt an Recycling, weil eine bestimmte Quote verpflichtend vorgegeben ist; Wiederverwendung schlägt sich in ihrem Umsatz negativ nieder. Folglich könne eine kollektiv realisierte Produzentenverantwortung „zum bloßen Freikauf von Rücknahmepflichten genutzt“ werden, die noch dazu Ausweichreaktionen wie illegale Beseitigung oder Umdeklarierung von Abfällen nicht ausschließt, sondern eher befördert. Da somit der Erzeuger das Recycling – so billig wie möglich – bezahlt, würden auch andere Akteure wie Abfallerzeuger oder Kommunen keine Notwendigkeit sehen, auf besser verwertbare oder wieder verwendbare Produkte hinzuarbeiten. Wie soll aber dann ein Mehr an Wiederverwendung beziehungsweise Verwertung erreicht werden?

Für individuelle Produzentenverantwortung

Aus dem jetzigen Blickwinkel hat der Hersteller an einem Produkt mit einem möglichst recycling-freundlichen Design nur wenig Interesse: Das dies in der Abfallphase Kosten spart, kommt ihm – zumal bei wechselhaften Wertstoffpreisen – nicht direkt zugute. Anders wäre es, wenn der Hersteller sein Produkt nicht verkauft, sondern vermietet oder nach Gebrauch zurücknimmt. Eine solche – wie sie der Gutachter nennt – „individuelle Produzentenverantwortung“ könnte auch durch Leasing oder Verpflichtung zur Rücknahme erzielt werden, im Idealfall flankiert durch die gesellschaftliche Neuorientierung auf „Nutzen statt Besitzen“.

Die Erweiterte Produzenten-Verantwortlichkeit sollte somit weit über die Verantwortung des Produzenten für die Abfallphase ausgeweitet werden und weitere Akteure ins Boot holen. Die neuen Konzepte, die auf unterschiedliche Warengruppen beziehungsweise Marketing zugeschnitten sind, machen das Mitwirken aller Akteure entlang des Produktlebenswegs und staatlich vorgegebene Ziele im Ressourcenmanagement unverzichtbar. Hätte andernfalls der Hersteller kein direktes Interesse an der Rückgewinnung von Modulen oder Materialien, würde sich der Prozess so kostengünstig wie möglich gestalten und höherwertige Recyclingwege abschneiden.

Kreislauf ist vielfach nur Fiktion

Der Autor des Reports empfiehlt daher: „Nachhaltige Abfallwirtschaft heißt nicht, die ökologischen Ziele obenan zu stellen, sondern diese mit volkswirtschaftlichen Chancen und Risiken sowie sozialen Belangen ins Verhältnis zu setzen und insgesamt zu optimieren. Deutschland kann viele Themen bei Ressourcenmanagement und Abfallwirtschaft nur im europäischen Kontext angehen.“ Und er warnt davor, sich angesichts der bisherigen Entwicklung auf den Lorbeeren auszuruhen: „Der ‚Kreislauf‘ ist bei vielen Abfällen nur Fiktion – wir haben viel erreicht, müssen aber feststellen, dass die Verwertung von Abfällen zur Rückgewinnung wertvoller Ressourcen deutlich vorangebracht werden muss.“

Der vollständige Challenger Report zu „Ressourcenmanagement und Siedlungsabfallwirtschaft“ kann unter www.nachhaltigkeitsrat.de/dokumente/studien/studien/texte-nr-48-januar-2015/ heruntergeladen werden.

Foto: Harald Heinritz / abfallbild.de

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