Foto: Harald Heinritz / abfallbild.de

Serbien: Umwandlung der Deponie Vinca nimmt Formen an

Die Kosten für das mit Abstand größte Einzelprojekt zur Modernisierung der Abfallwirtschaft des Landes in der Metropolregion Belgrad werden mit 250 Millionen Euro veranschlagt.

Auf dem Weg in die Europäische Union muss Beitrittskandidat Serbien noch einige Herausforderungen meistern. So gilt es im Bereich Abfallbehandlung, die rechtlichen Grundlagen den EU-Vorgaben anzupassen und modernen Umweltstandards in der Praxis zum Durchbruch zu verhelfen. Denn die Trennung, Sortierung, Wiederverwertung und nicht zuletzt das Recycling von Siedlungs-, Gewerbe- und Industrieabfällen steckt landesweit noch in den Kinderschuhen, wilde Müllkippen prägen vielerorts das Bild. Vor vier Jahren wurde damit begonnen, das Abfallmanagement für die serbische Hauptstadt und Metropolregion Belgrad mit knapp 1,7 Millionen Einwohnern neu zu ordnen.

Gegenstand des Abfallbewirtschaftungsplans 2011 bis 2020 für 14 der insgesamt 17 zu Belgrad zählenden Stadtbezirke und -gemeinden ist die Großdeponie Vinca. Sie soll langfristig im Rahmen einer strategischen Partnerschaft mit der Stadtverwaltung von einem privatwirtschaftlichen Unternehmen betrieben werden. Interessenten aus dem In- und Ausland hatten bis Anfang Februar Gelegenheit, sich dafür zu bewerben. Bis Jahresende 2015 könnte die Auftragsvergabe abgeschlossen sein. Federführend bei dem Vorhaben ist die International Finance Corporation (IFC) als Berater. Neben zwei Anwaltskanzleien aus dem Vereinigten Königreich und Serbien, die sich speziell rechtlichen Aspekten des Projektes widmen, ist zudem das in Stuttgart ansässige Planungs- und Beratungsunternehmen Fichtner als Consultant für technische Fragen eingebunden.

Unter einem Dach

Das Sammeln und Erfassen der Abfälle sowie deren Primärtransport innerhalb der Stadtgrenzen wird auch in Zukunft kommunalen Unternehmen obliegen. Bislang sind es derer sieben. Das größte ist hier die Firma Gradska Cistoca, die aktuell für etwa 85 Prozent des in Belgrad anfallenden Abfalls verantwortlich zeichnet. Im Zuge der Neuordnung des Abfallsektors gilt es als wahrscheinlich, dass die entsprechenden Dienste künftig unter einem Dach zusammengeführt werden. Die Deponie Vinca nimmt seit 1977 regelmäßig die Abfälle von 13 der 17 Stadtbezirke/-gemeinden Belgrads auf. Im Jahr 2013 sind nach Erhebungen von Gradska Cistoca etwa 708.000 Tonnen Abfall auf diese Deponie gelangt. Darunter entfiel auf Siedlungsabfall mit 74 Prozent (523.000 Tonnen) der größte Anteil. Bau- und Abrissschutt folgte mit 25 Prozent (180.000 Tonnen).

Verlagerung der Zuständigkeit

Die vier Vorstadtbezirke Sopot, Mladenovac, Obrenovac und Lazarevac sammeln ihre Haushalts- und Industrieabfälle gegenwärtig noch separat auf dort jeweils vorgehaltenen Deponien. Da diese den zwischenzeitlich verschärften Umweltstandards kaum noch gerecht werden, sollen sie schrittweise geschlossen und anschließend saniert und rekultiviert werden. Alternativ könnte das Abfallmanagement für die im Westen und Südwesten Belgrads gelegenen Vorstadtbezirke (Barajevo, Lazarevac und Obrenovac) auf den benachbarten Regionalverbund Kolubara übertragen werden. Für die anderen Belgrader Vorstadtbezirke, die ihren Abfall vorerst noch in eigener Regie verantworten, ist vorgesehen, die Zuständigkeit auf den Vinca-Komplex zu verlagern. Dabei soll die Deponie, die knapp 20 Kilometer außerhalb des unmittelbaren Stadtzentrums liegt und deren Areal bisher über eine Grundfläche von etwa 70 Hektar verfügt, mittelfristig stillgelegt sowie unter der Regie des noch zu bestimmenden strategischen Partners rückgebaut und durch eine neue, EU-konforme Deponie ersetzt werden.

Energiegewinnung, aber auch Recycling

Unter die Sanierungsmaßnahmen fällt der Bau eines Kraftwerks mit einer Leistung von vier Megawatt für die energetische Verwertung der Vinca-Deponiegase, des Weiteren der Bau und Betrieb einer Anlage zur mechanisch-biologischen Abfallbehandlung und Ersatzbrennstoffherstellung. Vor Ort soll dazu eine Anlage mit Kraft-Wärme-Kopplung und einer Leistung von 80 bis 90 Megawatt Wärme und zehn Megawatt Strom entstehen. Das Aufgabenspektrum im Rahmen des Vinca-Vorhabens umfasst außerdem Bau und Betrieb einer sogenannten Materialrückgewinnungsanlage für Siedlungsabfälle, Möglichkeiten zur Aufbereitung und Verwertung von Bau-/Abrissschutt und von Sperrmüll aus Haushalten sowie eine Kompostierungsanlage für Garten- und Grünabfälle. Den Bedarf an zusätzlichen Flächen am Standort Vinca will die Stadt Belgrad durch eine Grundstückserweiterung um etwa 65 Hek­tar sicherstellen.

Abfalltrennquote derzeit bei nur fünf Prozent

Zusätzliche Maßnahmen zielen auf das unmittelbare Stadtgebiet von Belgrad ab. Für dieses sind beispielsweise drei Abfallumschlagstationen geplant – eine für die Stadtbezirke Zemun, Surcin und Novi Beograd, eine weitere für Cukarica, Rakovica und Vozdovac sowie eine für die Vorstadtbezirke Sopot und Mladenovac. Hinzu kommen 14 über das gesamte Stadtgebiet verteilte Recyclinghöfe. Die Belgrader Stadtverwaltung beziffert den finanziellen Aufwand für das Vinca-Projekt auf insgesamt etwa 250 Millionen Euro. Der Belgrader Abfallbewirtschaftungsplan geht davon aus, dass der Anteil der Privathaushalte, in denen der Abfall mehr oder weniger organisiert eingesammelt wird, in der serbischen Hauptstadt zwischen 2013 und 2019 von 85 auf 100 Prozent zunimmt. Angestrebt wird, dass die Verursacher ihren Abfall gezielter als bisher trennen. Somit könnte die Quote von aktuell durchschnittlich fünf Prozent des in den Haushalten anfallenden Abfalls bis 2020 auf etwa 20 Prozent steigen. Der Plan unterstellt auch, dass sich die Abfallmenge in Belgrad alle vier bis fünf Jahre um zehn Prozent erhöht.

Für den Entsorgungs- und Verwertungskomplex Vinca würde dies im Jahr 2020 schätzungsweise auf ein Aufkommen an Abfällen von knapp 588.000 Tonnen und im Jahr 2032 auf etwa 686.000 Tonnen hinauslaufen. Die verfügbaren Schätzungen zur Entwicklung des für die Deponie Vinca relevanten Abfallaufkommens basieren auf Datenmaterial einer Erhebung für das Jahr 2009. Demnach haben seinerzeit rund 570.000 erfasste Privathaushalte im Einzugsbereich der Metropolregion Belgrad täglich insgesamt 1.801 Tonnen an Siedlungsabfällen „produziert“, was einer Menge von etwa 660.000 Tonnen auf Jahresbasis gleichkam. Bei einer Bevölkerung von damals rund 1,6 Millionen Einwohnern entsprach dies durchschnittlich 1,14 Kilogramm Abfall pro Kopf.

Das nationale Statistikamt bezifferte 2013 die Menge der in Serbien anfallenden Industrieabfälle auf 58,4 Millionen Tonnen – gegenüber 2012 eine Zunahme um 6,1 Prozent. Als Hauptverursacher galt der Bergbau, auf den allein ein Anteil von 87 Prozent entfiel. Mit einem Anteil von 98 Prozent gelangte 2013 das Gros der im Industriebereich anfallenden Abfallmengen auf Deponien. Die Recyclingquote für industrielle Abfälle belief sich auf lediglich knapp zwei Prozent.

Verfasser: Jan Triebel
Quelle: Germany Trade & Invest

Foto: Harald Heinritz / abfallbild.de

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