Foto: wikipedia / Cschopp (Blick über den Sewansee)

Armenien: Europas Abfall­management als Vorbild

Mit Unterstützung der EU ist vorgesehen, Systeme für Sammlung, Transport und Ablagerung von festen Siedlungsabfällen einzurichten. Die armenische Regierung geht das Thema Abfallmanagement erst seit wenigen Jahren praktisch an. In den Industrie- und Bergbauregionen Armeniens türmen sich riesige, ungenutzte Abraumhalden auf.

Nach Georgien und Aserbaidschan kommt nun in der dritten südkaukasischen Republik Armenien Bewegung in den Aufbau eines regionalen Abfallmanagements. Projekte sind in den armenischen Provinzen Kojtak und Lori geplant. Den Kapitalbedarf für eine landesweite Modernisierung und Neustrukturierung der kommunalen Abfallwirtschaft gibt die dänische Consulting-Gruppe COWI in Abhängigkeit von fünf möglichen Projektszenarien mit 140 bis 210 Millionen  Euro an.

In Kürze sollen erste regionale Projekte für ein kommunales Abfallmanagement nach europäischem Standard umgesetzt werden. Mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) und der EU ist vorgesehen, in sieben städtischen Gemeinden der zentralarmenischen Provinz Kotajk und in der Stadt Sewan in der Nachbarregion Gegharkunik Systeme für die Sammlung, den Transport und die Ablagerung von festen Siedlungsabfällen einzurichten. Eine entsprechende Kreditvereinbarung für das „Kotayk Solid Waste Managament Project“ (KSWMP) haben Vertreter der EBWE und von acht armenischen Städten Mitte Dezember 2014 unterzeichnet. In der Provinz Kotajk, dem nördlichen Teil des Speckgürtels der Hauptstadt Eriwan, leben 245.500 Menschen in sieben Städten, 60 Landgemeinden und in 62 ländlichen Siedlungen.
Ein besonders dringliches Müllproblem

Die Lösung von Sewans Müllproblem erscheint als besonders dringlich. Die 63 Kilometer von Eriwan entfernte Stadt liegt direkt am nordwestlichen Ufer des gleichnamigen Sewan-Sees. Sie gilt als eines der bedeutendsten Ziele des nationalen und internationalen Tourismus‘ in Armenien. Eine nahe am See befindliche Altdeponie soll schnellstens geschlossen und durch eine neue ersetzt werden. Im Einzelnen sind die Errichtung einer großen Entsorgungsanlage in Hrasdan sowie Investitionen in Müllsammelfahrzeuge und Müllbehälter geplant. Auf der neuen Deponie sollen die Siedlungsabfälle von allen acht Städten fachgerecht und kontrolliert gelagert werden. Die alten kommunalen Müllhalden in der Region Kotajk (sechs) und in Sewan (eine) werden geschlossen. Die Kosten für das Vorhaben belaufen sich auf 8,1 Millionen Euro. Hinter der Finanzierung von 7,0 Millionen Euro stehen jeweils hälftig die EBRD (Kredit) und die Nachbarschaftsinvestitionsfazilität der Europäischen Union (Zuschuss). Als Berater für das Projekt fungieren die Unternehmen COWI (Dänemark) und Transprojekt (Armenien).

Das zweite Projekt für die Errichtung eines integrierten regionalen Abfallmanagementsystems wird in der nordarmenischen Region Lori realisiert (Integrated Solid Waste Management System, Vanadzor, Armenia). Seine Vorbereitung ist bereits fortgeschritten. Für die technische Machbarkeitsstudie liegt nach Angaben des armenischen Ministeriums für Territorialverwaltung und Katstrophenschutz ein von den beteiligten Partnern bestätigter Abschlussbericht vor. Die Bundesrepublik Deutschland fördert das Projekt im Rahmen der Finanziellen Zusammenarbeit (Kredit der KfW Entwicklungsbank). Die Investitionen in das Vorhaben betragen voraussichtlich zehn Millionen Euro. Die Nachbarschaftsinvestitionsfazilität der EU gewährt einen Zuschuss (technische Hilfe) von zwei Millionen Euro. Ein Konsortium unter Federführung der deutschen Umwelt- und Managementberatung ERM GmbH betreut das Projekt als Consultant.

Hauptstandort des Vorhabens ist Wanadsor, die Hauptstadt der Provinz Lori und drittgrößte Stadt Armeniens. Hier soll eine große Mülldeponie für die Stadt und ihr weiteres Umland errichtet werden. Auf der Projektliste stehen zudem Investitionen in die Abfallsammlung (Beschaffung von Sammelfahrzeugen und -containern), die Rehabilitierung bestehender Deponien, Pilotprojekte zur Vermeidung von Abfall und das Recycling von Siedlungsabfällen. Anfang 2014 lebten in der Provinz Lori 230.800 Einwohner, darunter in Wanadsor 84.300 und in den beiden anderen „größeren“ Städten der Region jeweils rund 13.000 Menschen. Das Projekt erstreckt sich auch auf die in der benachbarten Provinz Tawusch gelegene Kurortstadt Dilidschan mit 17.700 Einwohnern.

Der Nachholbedarf ist gewaltig

Auf mittlere und längere Sicht sind in den übrigen Landesteilen Armeniens ebenfalls Aktivitäten im kommunalen Abfallmanagement zu erwarten. Das von einem Team des dänischen Ingenieurberatungsunternehmens COWI erarbeitete Konzept für eine moderne flächendeckende Abfallwirtschaft sieht vor, das drei Millionen Einwohner zählende Kaukasusland in fünf Zonen einzuteilen. In jeder Zone soll eine große zentrale Deponie (20 Hektar) für eine Nutzungsdauer von 20 Jahren errichtet werden. Der Aufbau eines landesweiten integrierten Abfallmanagements in Armenien erfordert jedoch Zeit. Die Kommunen sind nur sehr schwach mit Kapital ausgestattet. Tariferhöhungen sind aufgrund der hohen Armutsquote von über 30 Prozent nur behutsam möglich.

Der Nachholbedarf Armeniens bei der Neustrukturierung seiner kommunalen Abfallwirtschaft ist gewaltig. Gegenwärtig wird nur in 50 Städten und drei Dutzend der 900 Gemeinden organisiert Abfall eingesammelt und auf Müllhalden verbracht. Die circa 60 kommunalen Deponien entsprechen keinerlei sanitären und ökologischen Anforderungen. Experten zufolge werden auf diesen Halden jährlich um die 600.000 Tonnen (1,5 Millionen Kubikmeter) feste Siedlungsabfälle abgelagert. Landesweit gibt es mehr als 500 wilde Müllkippen, auf denen schätzungsweise 30 Prozent des alljährlich anfallenden Hausabfalls und Bauschutts landen. Auf diesen Halden lagern auch gefährliche Abfälle wie chemische und medizinische Stoffe oder Akkumulatoren.

Frühere Initiativen blieben Makulatur

Die armenische Regierung geht das Thema Abfallmanagement erst seit wenigen Jahren praktisch an. Viele der in den 1990er Jahren und in der ersten Dekade 2000 verabschiedeten Dokumente (staatliche Pläne für Ökologie, gesetzliche und andere normative Regelungen) blieben mehr oder weniger Makulatur. Bewegung in die Branche kam erst mit dem von der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) finanzierten Beratungsprogramm für eine Zustandsbeschreibung und Identifizierung möglicher Pilotprojekte. Fachlich und finanziell kooperierten im ADB-Projekt die EBWE, die KfW Entwicklungsbank und andere internationale Institute. Parallel dazu liefen weitere kleinere Beratungsproprojekte an.

Die EU und die OECD unterstützten finanziell einzelne Forschungsvorhaben für feste Siedlungsabfälle in den Regionen Ararat, Wajoz Dsor, Schirak und Lori. Die Weltbank förderte die Erarbeitung eines Projektes für Abfallmanagement in der Hauptstadt Eriwan. Die ADB vereinbarte mit der armenischen Regierung, ein Investitionsprojekt für die Rehabilitierung des Sewan-Sees und seiner Infrastruktur zu erstellen. Dieses soll auch die lokale Abfallwirtschaft einbeziehen.

Bewegung erst durch internationales Engagement

Erst das internationale Engagement in der armenischen Abfallbranche führte dazu, dass Armenien am 23. Juni 2011 ein Gesetz über die Abfallwirtschaft verabschiedete. Seit Anfang 2012 müssen alle Abfallverursacher Müllgebühren zahlen. Die Tarife sind jedoch angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage im Land sehr gering. Erheblich ist der Nachholbedarf bei der industriellen Verarbeitung von Siedlungsabfällen. Bisher prägen dieses Marktsegment nur etwa 30 Akteure, vorwiegend kleine und sehr kleine Betriebe. Der Bürgermeister der Hauptstadt Eriwan kündigte 2014 an, mit interessierten Partnern über den Bau einer Abfallverwertungsanlage in der Stadt zu verhandeln. Konkrete Ergebnisse sind bisher nicht bekannt.

Mit Arsen, Blei, Kadmium, Chrom belastet

Siedlungsabfälle stellen in Armenien nur einen relativ kleinen Teil der landesweiten Abfälle dar. Weit größerer Handlungsbedarf besteht bei der Bewirtschaftung von Abfällen (Abraum, Deck- und taubes Gestein sowie Rückstände), die bei der Erkundung, beim Abbau und bei der Aufbereitung von mineralischen Rohstoffen anfallen. Die Auswirkungen der mangelhaften Bewirtschaftung solcher Abfälle auf die Umwelt sind für die mineralgewinnenden Regionen des Landes schon heute zum Teil verheerend. Eine 2013 veröffentliche Untersuchung, an der die Ministerien für Gesundheitswesen und Umweltschutz, das Akopyan-Umweltzentrum (Forschungszentrum der Amerikanischen Universität Armeniens) und die Schule für öffentliche Gesundheit bei der Amerikanischen Universität Armeniens mitwirkten, listet 25 toxische Halden in fünf Bergbau- und Industrieregionen auf. Die dortigen Abraum- und Schuttablageplätze sind unter anderen mit Schwermetallen wie Arsen, Blei, Kadmium oder Chrom belastet. Und müssen dringend gereinigt werden.

Mehr als 1,5 Milliarden Tonnen Bergbauabfälle

Bei der Förderung und Verarbeitung von Mineralien entstehenden zum Teil Materialverluste im zweistelligen Bereich. Sie betragen zum Beispiel in zwei der bedeutendsten Sparten des armenischen Gesteinsabbaus, bei Basalt und Tuff (2013: 317.000 und 164.000 Kubikmeter), jeweils um die 18 Prozent, bei der Verarbeitung der Steine um die 20 Prozent und bei deren Nutzung in der Bauwirtschaft noch einmal mehr als ein Zehntel. Riesige Berge von Abraum türmten sich allein bei der Gewinnung von Kupfer- und Molybdänerzen auf. Fördervolumen 2013: 20,83 Millionen Tonnen. Der Vorsitzende des Verbandes der einheimischen Warenproduzenten Vazgen Safaryan vermutet, dass sich auf Halden mehr als 1,5 Milliarden Tonnen Bergbauabfälle angehäuft haben. Der Geologe der Nationalen Akademie der Wissenschaften Armeniens, Gratschja Awagyan, schätzt das wirtschaftlich nutzbare Potenzial der Abraumhalden allein am Hauptstandort der Kupfer- und Molybdänerzförderung Kadscharan auf rund zehn Milliarden US-Dollar. Er verweist dabei auf die hier 1951 bis 2009 geförderten und verarbeiteten Erze (318,2 Millionen Tonnen). Diese beträchtlichen Ressourcen auf den Bergbauhalden Armeniens werden zur Gewinnung von Kupfer, Eisen, Schwefel, Tellur, Gold, Silber und anderen Mineralien bisher nicht genutzt.

Hoffnung, dass sich das Blatt wendet

Doch es gibt Hoffnung, dass sich die Lage zum Besseren wendet. Im Herbst 2014 hat die Regierung Armeniens ein Memorandum bestätigt, das die Errichtung einer Fabrik für die Gewinnung von Rohstoffen aus Erzbergbauhalden vorsieht. Partner sind die Unternehmen Chronimet Mining, Kupfer- und Molybdänkombinat Sangesur (größtes armenisches Bergbauunternehmen), VSEI Operations Group und Alyotig LLC. Derzeit werde, heißt es aus dem armenischen Ministerium für Energie und natürliche Ressourcen, an einer Machbarkeitsstudie und einer Projektdokumentation gearbeitet. Nach den ersten Planungen sollen in dem Werk bis zu 1.800 Mitarbeiter beschäftigt werden.

Die Gesellschaft Alyotig (Gründer und einziger Teilhaber: Vardan Schachnasaryan) will die konservierten Bergbauhalden Voghdschi und Puchrut vom Kombinat Sangesur und die Halde Artswanik (nach deren Konservierung) übernehmen. Schachnasaryan beabsichtigt, den Abraum nach einer selbst entwickelten Technologie in einer neuen Fabrik aufzubereiten und zu verarbeiten. Die ukrainische Unternehmensgruppe VS Energy International Ukraine tritt als Hauptinvestor für das Projekt auf und plant, zunächst 200 Millionen US-Dollar in Projektierung, Bau und Betrieb der Fabrik zu investieren.


 

Kontaktanschriften:
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Ministry of Nature Protection of the Republic of Armenia, Government House 3, Republic Square, 0010-Yerevan/Armenien, Tel. 00374 10/51 61 03, www.mnp.am
Union of Communities of Armenia, 1 Charents street, 0025-Yerevan/Armenien, Tel. 00374 10/57-45 01, Fax -52 19, info@caa.am, www.caa.am
COWI A/S, Parallelvej 2, 2800 Kopenhagen/Dänemark, Tel. 0045/56 40-00 00, -21 98, www.cowi.com
Transproject CJSC, 23 David Anhaghti, 00142-Yerevan/Armenien, Tel. 00374 10/24-16 42, Fax -11 91, transproject@mail.ru


Verfasser: Uwe Strohbach
Quelle: Germany Trade & Invest

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