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E-Schrottrecycling: International noch weit von Standardisierung entfernt

„Wir sehen, dass unsere Industrie vor der Einführung und Durchsetzung einheitlicher, weltweiter Standards steht.“ Das schrieb Dr. Viktor Haefeli, der Vorsitzende des Organisationskomitees des 14. Internationalen Elektronik-Recycling Kongresses in Salzburg, im Vorwort zum Programmheft. Etwas zu optimistisch, wie die Vorträge zeigten, die einen Überblick über den internationalen Entwicklungsstand des E-Schrottrecyclings boten.

Zu den Nationen, in denen ganz offensichtlich das Elektroschrottrecycling blüht, zählt Finnland, wie Jyri Talja von Kuusakoski Oy zu berichten wusste. Das Familienunternehmen in vierter Generation betreibt nicht nur acht Shredder-Anlagen in Finnland, Schweden, Estland und Litauen, sondern auch insgesamt elf Anlagen zum Zerkleinern von Elektroschrott in Finnland, Schweden, Dänemark, dem Vereinigten Königreich, den Vereinigten Staaten und in Moskau. Hinzu kommen 20 in- und ausländische Terminals zur Behandlung von WEEE-Abfällen.

Die Abfälle bezieht das Unternehmen nach Übereinkunft von Konsumenten und Endverbrauchern, Abfallprodukte aus Business-to-Business-Quellen und Abfallmaterialien aus sekundären Business-to-Business-Fraktionen. Über eine Logistikkette gelangen so pro Jahr 150.000 bis 200.000 Tonnen in die Anlagen. Dann beginnen die Entfernung belasteter Materialien und die Vorsortierung durch manuelle Demontage, denen Vor-Brechen, erneute manuelle Sortierung und weitere mechanische Behandlung durch Brechen, Sortierung und schließlich Veredelung folgen. Zusätzlich verfügt Kuusakoski über ein Verfahren zur Verwertung von Röhrenbildschirmen: Nach Vorsortierung und Zerkleinerung wird unter Zuhilfenahme der Röntgenfluoreszenzanalyse das Bleiglas aussortiert, geschmolzen und letztendlich zu Bleibarren und Glaskomponenten verarbeitet.

Osteuropa: nur neun Prozent Anteil

Foto: Dr. Jürgen Kroll

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Der Entwicklungsstand in Finnland spiegelt jedoch keineswegs denjenigen des übrigen Europa wider. Das verdeutlichte Zbigniew Milkiewicz von der Elemental Holding mit Sitz in Warschau, der einen Vergleich der WEEE-Sammlung und -Behandlung in West- und Osteuropa zog. Die statistischen Unterschiede der Regionen sind evident: Während 2012 in der EU27 9.253.300 Tonnen an Elektroprodukten auf den Markt kamen, waren es im CEE-Raum lediglich 1.054.400 Tonnen. Und während in der Gesamt-EU 3.399.400 Tonnen an Elektroschrott anfielen, waren es in den Ländern Zentral- und Osteuropas lediglich 307.300 Tonnen, also ein Anteil von neun Prozent. Und während in Deutschland, Österreich und Skandinavien 2010 das Pro-Kopf-Aufkommen an WEEE-Abfällen zwischen 8,7 und 15,8 Kilogramm in Norwegen lag, kamen die osteuropäischen Staaten auf Werte zwischen 1,1 und 5,9 Kilogramm, womit etliche Länder die Sammelquote von vier Kilogramm pro Kopf und Jahr nicht erreichten.

Nicht nur Hang zum Deponieren

Zbigniew Milkiewicz ging es in seinem Vortrag jedoch weniger um die – meist bekannten – statistischen Differenzen, sondern um die wirtschaftspolitischen Faktoren, die letztlich die Unterschiede zwischen West und Ost begründen. So erwähnte er, dass in den CEE-Staaten das Bruttoinlandsprodukt schneller wächst, die Bevölkerung jünger ist und die Arbeitskräfte flexibler sind, allerdings für die Wirtschaft die EU-Finanzierung als wesentlich und Investitionen als notwendig erachtet werden. Die betreffenden Länder zeigten, so der Experte, eine deutliche „Deponie-Mentalität“. Hinzu kommen eine dünne Recycling-Infrastruktur und ein schwaches öffentliches Interesse am Thema. Offizielle Zahlen würden nur geringe Abfallvolumina ausweisen, weil viel gesammelt, aber auch viel nicht registriert werde, und schließlich hätten diese Länder die EU-Richtlinien erst spät umgesetzt oder seien noch in der Übergangsphase. Die Sammlung von WEEE-Abfällen, die in Westeuropa auf vielen Schultern ruht, steht in den CEE-Staaten vor Problemen. Die Kommunen erhalten dafür kaum Unterstützung, die Betreiber privater Sammelpunkte zeigen den gesetzlichen Bestimmungen gegenüber wenig Achtung, die Schrotthändler haben Schwierigkeiten mit den Mengen, und die Einzelhändler beklagen, dass zu wenig Geräte auf dem Markt sind, und sind nicht ausreichend über das Sammeln informiert.

Vom Nachzüglervorteil profitieren

  • Als hauptsächliche Unterschiede zwischen West und Ost sind daher auszumachen:
  • Eine schwächere Recycling-Infrastruktur bei nur geringer Unterstützung der Kommunen
  • Weniger Abfall-Quantität aufgrund längerer Lebenszyklen, höherer Reparatur-Rate und weniger Geräten auf dem Markt
  • Geringere Abfall-Qualität aufgrund von Lumpensammlern, die Material für sich abzweigen
  • Geringeres Umweltbewusstsein
  • Weniger Überwachung durch die Behörden, für die Abfall ein untergeordnetes Thema darstellt
  • Fehlende innerstaatliche Gesetzgebung und Politik

 

Dennoch vermochte Milkiewicz den östlichen Ländern positive Aspekte abzugewinnen. Sie seien an Schocktherapien gewohnt, könnten sich schneller auf Wechsel einstellen, hätten eine lange Tradition im Wiederverwenden und profitierten – gesetzt den Fall, dass neue Investitionen in den Ländern getätigt würden – vom Nachzüglervorteil.

20 Prozent Wachstum pro Jahr

Als einen „heranreifenden Markt“ bezeichnete Eric Harris vom Institute of Scrap Recycling Industries (ISRI) die US-amerikanische Abfallwirtschaft. Immerhin wurden hier 130 Millionen Tonnen im Jahr 2013 produziert und 87 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Im gleichen Jahr exportierten die USA 42,8 Millionen Tonnen im Wert von 23,7 Milliarden US-Dollar in 160 Länder. Die Elektro(nik)-Recycling-Branche behandelte über vier Milliarden Tonnen, setzte dabei über 20 Milliarden US-Dollar um und beschäftigte direkt oder indirekt 45.000 Mitarbeiter. Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate liegt bei rund 20 Prozent. Von 2002 bis 2011 stieg das Volumen der recycelten Altgeräte rapide: von 0,7 Millionen auf über 4,4 Millionen Tonnen, was einen Umsatz von 20,6 Billionen US-Dollar pro Jahr ergibt. Hauptlieferant von WEEE-Abfällen ist mit über 70 Volumenprozent die Wirtschaft.

Von den Elektroaltgeräten, die jedes Jahr in den USA gesammelt werden, werden über 80 Prozent im Inland recycelt, wiederverwendet oder aufgearbeitet, während 17,2 Gewichtprozent in den Export gehen. Von diesen 17,2 Prozent dienen insgesamt 70,2 Prozent als Test- oder Arbeitsgeräte, Standard-Rohstoffe oder für Reparaturen auf Garantie. 29,8 Prozent der Exporte beziehungsweise 5,1 Prozent aller erfassten Elektroaltgeräte sind vorgesehen für Recycling oder Entsorgung am Bestimmungsort außerhalb der USA oder für eine endgültige Deponierung.

Zunehmende Zertifizierung

Zu den wesentlichen Entwicklungstrends der US-amerikanischen E-Recyclingbranche zählt Eric Harris, dass erfasste Altgeräte überwiegend im Inland behandelt werden, die Wiederverwendung (Re-Use) auf dem Vormarsch ist, und weiterhin zu große Mengen – rund drei Millionen Tonnen jährlich – auf Deponien landen. Die Zertifizierung nimmt zu und wird zunehmend von Recyclern verlangt. Das öffentliche Bewusstsein für Elektroschrott könnte noch verbessert werden. Einer Studie der Consumer Elec­tronics Association zufolge entsorgten zwischen 2011 und 2014 gut 44 Prozent der amerikanischen Haushalte einen Röhrenmonitor. Auch wenn die Relationen nicht ganz stimmen (denn 45 + 41 + 20 Prozent = 106 Prozent), gaben davon 45 Prozent an, sie hätten ihn verschenkt oder weggegeben, 41 Prozent wollten ihn ins Recycling gegeben haben, und 20 Prozent warfen ihn auf den Müll.

Foto: Dr. Jürgen Kroll

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Gesetze zur Exportregelung fehlen

Elektroschrottrecycling ist in den USA vielfach durch Gesetze geregelt. 25 Bundesstaaten schreiben die Rücknahme von Altgeräten vor, und eine Reihe von juristischen Vorgaben wie der Resource Conservation and Recovery Act, Occupational Safety and Health Act and Regulations, der Competition and Consumer Act, der Clean Water Act und die föderale Cathode Ray Tube Rule geben Regularien vor. Hinzu kommt die Nationale Rahmenstrategie Barack Obamas, die Verbesserung, Reparatur und Wiederverwertung von Geräten vereinfachen, den sicheren Umgang mit Elektroschrott zunehmend erhöhen und die Einbeziehung zertifizierter Recycler steigern helfen soll.

Allerdings fehlen notwendige Gesetze für den Export von Elektroschrott. Der H.R.2791 – der Responsible Electronics Recycling Act – ist dafür nicht adäquat, da er auf älteren Daten aufbaut, US-Handelsauflagen verletzt, das Material wie Sonderabfall reguliert und politisch kaum realisierbar ist. Auch die Basel Convention kann nicht zur Anwendung kommen, da ihr die USA nicht beigetreten sind, H.R.2791 restriktiver ist und die Exporte zur Wiederverwendung und Reparatur mit unbelastetem Material erfolgen.
Vereinheiten durch Standardisierung

Hinzu kommt eine uneinheitliche Produzentenverantwortung. Sie wurde zwar in den erwähnten 25 Bundesstaaten angenommen, und in den meisten Bundesstaaten werden die Originalhersteller angehalten, für Sammlung und Recycling bestimmter gebrauchter Elektroaltgeräte zu zahlen. Dennoch bleibt nach Ansicht von Eric Harris noch viel zu tun. So hält er eine Einschätzung und Beurteilung der Branche Sektor für Sektor für notwendig. Auch spricht er sich für Flexibilität für verschiedene Produktlinien aus, damit beispielsweise das Glas alter Fernseher anders als Laptops, Desktops oder Spielkonsolen behandelt wird. Harris warnt vor „Mini-Monopolen“, tritt für mehr Transparenz und mehr Wettbewerb ein, lehnt Wettbewerbsverzerrungen auf dem Markt für Fernseh-Bildschirme ab. Und besteht auf einem landesweiten Verbot, Röhrenmonitore zu deponieren.

Die beste Lösung für eine zukünftige, bundesweite Vereinheitlichung im Umgang mit Elektroschrott sieht Eric Harris in der Kombination von Standards für Wirtschaftssysteme – beispielsweise ISO-Normen, den Recycling Industry Operating Standard (RIOS) oder das Eco-Management and Audit Scheme (EMAS) – und spezifischen Standards für die Elektro(nik)-Branche wie e-stewards, R2 oder Weeelabex. Seiner Ansicht nach sind bereits 95 Anlagen in den USA nach R2/RIOS zertifiziert, während aktuell 205 Anlagen den Zertifizierungsprozess durchlaufen.

Kaum Standards in Afrika

Gänzlich anders sieht es auf dem afrikanischen Kontinent aus, dessen Herausforderungen und Möglichkeiten zum Recyceln von Elektro(nik)schrott Margaret Bates von der University of Northampton skizzierte. Ihrer Darstellung nach ist die Gesetzgebung für E-Schrott bestenfalls im Entstehen: In Südafrika sind Regulierungen in Kraft, in Nigeria und Kenia wurden welche veröffentlicht, und in sieben weiteren Nationen gibt es entsprechende Entwürfe. Internationale Standards sollen lediglich in Südafrika und Kenia vorhanden sein. Für die restlichen rund 50 Länder Afrikas liegen keine Erkenntnisse vor.

Elektroschrott gilt in Afrika als werthaltige Ressource, weswegen seine Sammlung keineswegs als Problem angesehen wird, auch wenn Gesundheits- und Umweltstandards nur schwach ausgeprägt sind. Eine einheitliche Lösung, die auf alle afrikanischen Länder anwendbar ist, gibt es allerdings nicht: Die Abfallwirtschaft muss sich an den jeweiligen lokalen Bedingungen ausrichten. Eine große Rolle spielt dabei der informelle Sektor, in dem die Sammler Netzwerke gebildet haben. Hier gilt es, den Wissensstand über Gesundheit, Sicherheit und Umwelt zu erhöhen, Hilfe und Anleitungen zur Verfügung zu stellen und Anreize zu bieten, die Wiederverwertung aller E-Schrott-Fraktionen zu befördern. Zudem werden bislang „problematische“ Materialien negativ bewertet und ihre Sammlung und Verwertung vernachlässigt.

Zum Beispiel: EACR

Als Beispiel für die Implementierung von E-Schrott-Behandlung in Kenia stellte Margaret Bates das Projekt „East African Compliant Recycling“ (EACR) vor. Dieses Wirtschaftsmodell umfasst eine zentrale Recyclinganlage, ein landesweites Netz von Sammelpunkten und Menschen, die bislang im informellen Sektor tätig waren. Mögliche Mitarbeiter an den Sammelpunkten, wo die Abfälle weder demontiert noch recycelt werden, unterziehen sich einem Training, in dem sie in Arbeitsschutz und Sicherheit, Umweltschutz, Umgang mit Quecksilber und ähnlichem ausgebildet werden, und erhalten erst dann einen Arbeitsvertrag. Das System soll sicherstellen, dass der Wert der behandelten Materialien für die Schaffung von Arbeitsplätzen und Wohlstand verwandt wird. Obendrein soll es eine Alternative darstellen zu unsicheren Recyclingpraktiken und den Materialfluss in saubere Recyclingkanäle anschieben.

Foto: O. Kürth

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Keine Shredder-Anlage

Die Ergebnisse, die für EACR nach einem Jahr vorliegen, sind wenig zufriedenstellend. Nur wenige Sammelstellen lieferten Recyclingstoffe, und das Gewicht des monatlich erfassten E-Schrotts erreichte nur selten die 20.000-Tonnen-Marke. Zu den Problempunkten des Projekts zählen hohe Vorlaufkosten für Anlagen und Schulungen, Verzögerungen im Ablauf, Verpflichtungen zum Sammeln negativ besetzter Fraktionen, gemischte Abfallströme und uneinheitliche Mengen. Als Erfolg verbucht das Unternehmen den Dialog mit Regierung und Interessenvertretern, die Sammlung aller Wertstoffe, die Einführung strikter Standards und die Integration des informellen Sektors.

Auf Rückfrage musste Margaret Bates allerdings einräumen, dass die erfassten E-Schrottmengen in Kenia nur vorbehandelt werden. Eine Anlage zum Schreddern solcher Abfälle existiere nicht in Afrika. Tatsächlich weist die weltweite Liste der CHWMEG, die aktuell 217 dezidiert E-Schrott-verarbeitende Anlagen zählt, keine einzige auf dem afrikanischen Kontinent aus.

Das Beste aus beiden Welten

Wie es in Afrika möglich ist, Sammlung, Behandlung und Absatz von WEEE-Abfällen anzuschieben, verdeutlichte auch Barbara Toorens. Das von ihr vorgestellte WorldLoop-Projekt mit Sitz in Belgien versucht, durch Bilden von „Kreuzpartnerschaften“ das bisherige unwirtschaftliche und gesundheitsschädliche Recyceln von WEEE neu zu organisieren. Der dahinterliegende Ansatz des „Das Beste aus beiden Welten“ („Best of 2 worlds“) sieht nach der Sammlung und Separierung von Altgeräten die lokale Demontage vor, das werthaltige Material wird daraus gewonnen und am Ort verkauft, während die toxischen Bestandteile nach Europa verbracht und mit neuester Technologie behandelt werden.

WorldLoop kümmert sich um die Startfinanzierung, bietet technische Unterstützung an und kümmert sich um das ordnungsgemäße Recycling der belasteten Materialfraktionen. Die Fondsgelder werden neben der Anschubfinanzierung für örtliche Medien- und Sammelkampagnen verwendet und zur Sicherstellung, dass alle Elektroschrott-Fraktionen zu hundert Prozent umweltgerecht behandelt werden. Mit Zertifizierungsprogrammen soll das Herauspicken wertvoller und das Vernachlässigen weniger werthaltiger Abfälle verhindert und mit entsprechendem Projektmanagement die Anzeigeverfahren für das jeweilige Material verbessert werden. Strategische Partnerschaften helfen zudem, Logistikprobleme und geringe Volumina zu bewältigen. Für den richtigen Cashflow sorgen vorfinanzierte Transporte. Mittlerweile unterstützt WorldLoop 15 Projekte und plant sechs weitere, hat über 130 „grüne“ Arbeitsplätze geschaffen, wobei über 1.500 Tonnen E-Schrott gesammelt und über 225 Tonnen gemischter Materialien vor der Deponie gerettet wurden.

In seinem Schlusswort zur Vortragsreihe „Standardisierung“ auf dem 14. Internationalen Elektronik-Recycling Kongress konstatierte Dr. Viktor Haefeli, dass „die Industrialisierung der gesamten Elektro-Abfall-Wirtschaft – geregelt durch weltweite, klare, einfache und effektive Prozesse und Standards – bereits begonnen hat“. Ja. Doch nur begonnen. Und keinesfalls weltweit.

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