Wenn Versorgungsrisiken zum Unsicherheitsfaktor werden

Deutschland ist ein Exportland, aber auch hochgradig von Rohstoff-Importen abhängig. Insbesondere Metalle und Hightech-Rohstoffe sind für die hiesige Industrie von existenzieller Bedeutung. Doch sie unterliegen Liefer- und Preisschwankungen im internationalen Markt, gegen die sich die Unternehmen absichern müssen.

Das machen etliche eher schlecht als recht, erklärte Dr. Hubertus Bardt vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft auf den 14. Münsteraner Abfallwirtschaftstagen. Es gibt eine Reihe von Rohstoffrisiken, die die deutsche Wirtschaft betreffen. Dazu zählt die durch starkes globales Wirtschaftswachstum gestiegene Nachfrage, der zufolge Rohstoffe nur begrenzt verfügbar sind und zudem hohen Preisschwankungen unterliegen. Hinzu kommen steigende Kosten von Abbau und Förderung, nicht zuletzt dadurch, dass sich Rohstoffvorkommen häufig konzentriert in Risikoländern finden und/oder als Instrumente strategischer Industriepolitik eingesetzt werden. Und Rohstoffe gelten zwar als Basis zur Entwicklung von Zukunftstechnologien; dennoch sind sie nur zum Teil substituierbar, und ihr Recycling ist aus Kostengründen problematisch. Diese Risiken, die sich in Preissteigerungen oder Lieferausfällen niederschlagen können, gelten nicht nur für die direkten Rohstoffnutzer, sondern auch für die über Lieferverflechtungen eingebundenen Rohstoffbranchen und die metallverarbeitende Industrie.

Bemerkenswerte Aspekte

Eine Befragung des IW-Zukunftspanel im Jahr 2013 ergab, dass beim Bezug von Metallrohstoffen vor allem Preissteigerungen und -schwankungen sowie kurzfristige Lieferausfälle als größtes Unternehmensrisiko angesehen werden. Unterschiede ergeben sich zwischen den Aussagen von Firmen, die aus höchstens zwei beziehungsweise mindestens drei Rohstoffquellen beliefert werden. Unternehmen mit maximal zwei Lieferanten bewerten sämtliche Risiken als bedeutender und beurteilen insbesondere bürokratischem Aufwand und Handelsschranken als schwerwiegender. Bardt vermutet in den beiden letzten Faktoren Gründe, die die Akquisition von weiteren Lieferanten erschweren. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass eine Verteilung auf mehrere Lieferanten das Risiko senkt und die Sicherheit erhöht. Denn wie eine Untersuchung der IW Consult GmbH ergab, könnte nur ein Drittel der Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes den Ausfall eines Lieferanten ohne Probleme verschmerzen; zwei Drittel befürchten hingegen negative Folgen für ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Bemerkenswerte Aspekte förderte das IW-Zukunftspanel beim Vergleich von Absicherungsstrategien zutage, die kleine und große Unternehmen gegen Versorgungsengpässe ergreifen. Zwar sind sich Firmen aller Größen darin einig, dass langfristige Lieferverträge und die Einbindung mehrerer Lieferanten den besten Schutz gegen Versorgungsrisiken bilden. Doch während Unternehmen mit einem Umsatz bis zu einer Million Euro diese Maßnahmen zu rund einem Drittel als zutreffend beurteilen, stimmen ihnen zu 69,2 Prozent größere beziehungsweise 57,0 Prozent der großen Unternehmen ab 50 Millionen Euro Umsatz zu. Darüber hinaus bestehen signifikante Differenzen in der Beurteilung von Maßnahmen zur Preisabsicherung: Kleine Unternehmen halten sie zu 9,5 Prozent für eine wichtige Strategie, große hingegen zu 47,7 Prozent.

In der Konsequenz bedeutet das, dass Unternehmen mit zunehmender Größe danach trachten, sich von Lieferungen und Lieferanten unabhängig zu machen, dadurch Versorgungsschwierigkeiten nach Möglichkeit zu vermeiden und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Bardt begründet das weniger umsichtige Verhalten von Kleinunternehmen mit der aufwändigen Absicherung durch Fachleute, die sich nur größere Betriebe leisten können, und den Vertragslaufzeiten, deren Länge kleinere Firmen schlechter abschätzen können. Unterschiede macht er auch zwischen den Unternehmergruppen für Standardmetalle (zum Beispiel Edelmetalle) und für Spezialmetalle (zum Beispiel Seltene Erden) aus, weil die erste Branche vor allem Preisrisiken ausgesetzt ist, während für die zweite in erster Linie Versorgungsrisiken zum Unsicherheitsfaktor werden. Dabei ist die Versorgung mit Spezialmetallen sehr viel kritischer, da diese geopolitischen Bedingungen und deren Veränderungen unterliegen, vielfach der Gefahrenklasse I der Rohstoffe zugehören und überdies umso gefragter sind, je kritischer sie eingestuft werden. Dennoch greifen die davon betroffenen Unternehmen kaum häufiger als die Standardmetall-Sparte auf Absicherungsstrategien zurück. Zu diesen zählen der verstärkte Einsatz von Substitutions- oder Sekundärstoffen, die Stärkung von Forschung und Entwicklung und der Aufbau von Produktionskapazitäten oder Direktinvestitionen in den Rohstoffländern.

Allerdings sichern 19 Prozent der Unternehmen, die auf Spezialmetalle angewiesen sind, ihre Materialzulieferung nicht durch Maßnahmen ab, im Gegensatz zu den Beziehern von Standardmetallen, die dies nur zu rund acht Prozent tun. Bardt sieht daher in Teilen bei den Unternehmen Informationslücken, die geschlossen werden müssen, zumal selbst große Betriebe Stärkung von Forschung und Entwicklung nur zu 28,0 Prozent und den verstärkten Einsatz von Sekundärrohstoffen lediglich zu 18,6 Prozent favorisieren. Bei kleinen Unternehmen liegt die Zustimmung zu solchen Maßnahmen sogar nur im einstelligen Bereich. Hinzu kommt, dass im Produzierenden Gewerbe das Vermeiden von Ausschuss und Verschnitt (68,2 und 57,9 Prozent) wesentlich wirkungsvoller zur Steigerung der Materialeffizienz angesehen wird als der Bezug von Recyclingstoffen (15,2 Prozent). Hier vermutet Hubertus Bardt einerseits Informationsbedarf, aber andererseits auch schlummernde Potenziale, die durch Optimierungen in den Betrieben, durch Netzwerke und Verbundforschung auf mittlerer Ebene und durch Rohstoffstrategien und -partnerschaften auf wirtschaftspolitischer Ebene gehoben werden könnten.

Grafik: JARI BANAS / QuRec

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