Recyclingquoten: Augenwischerei, Manipulation und Mengendruck?

Im Vorfeld eines kommenden Wertstoffgesetzes hat die Frage nach einer realistischen Abbildung der stofflichen Verwertungssituation an Bedeutung gewonnen. Damit rückte auch die Aussagekraft von Recyclingquoten ins Blickfeld. Sie waren auf den diesjährigen Münsteraner Abfallwirtschaftstagen ein Thema.

Für Heinz-Georg Baum von der Hochschule Fulda klafft zwischen Anspruch und Wirklichkeit von Recyclingquoten eine große Lücke. Denn die heutigen Quoten spiegeln nach seiner Meinung nicht die Wiedereinsatz-Menge in den Kreislauf wider, sondern lediglich die Menge, die einem Behandlungs- oder Aufbereitungsverfahren zugeführt wird. Durch Wasseraustritt während der Verwertung und durch thermisch zu nutzende Fraktionen entstehen gigantische Aufbereitungsverluste, die zahlenmäßig nicht berücksichtigt werden. Eine Recyclingquote von über 70 Prozent, wie sie das Bundeskartellamt ausweist, hält Baum für „Augenwischerei“.

Wie Baum anhand von Grafiken veranschaulichte, müssen zur Feststellung der realen Wiedereinsatzquote bei Leichtverpackungen die energetisch verwertbaren Sortierreste und Anteile der Misch-Kunststoff-Fraktion (MKF) in Höhe von 55,3 Prozent und Verluste in Höhe von 13,8 Prozent abgezogen werden. Bleiben 30,9 Prozent. Werden weitere Anteile der MKF aufgrund schlechter Qualität ausgesondert und die Fraktion der Eisen-Metalle, für deren Erfassung kein Duales System zwingend erforderlich ist, subtrahiert, schrumpft der Prozentsatz der wieder einsetzbaren Stoffe auf rund 20 Prozent.

In hohem Maße manipulationsfähig

Auch Lizenzmengen – also die Vertrags- oder Entpflichtungsmengen aller Dualen Systeme – hält Baum für wenig aussagekräftig. Sie geben die in Verkehr und auf den Markt gebrachten Quantitäten nicht wieder und sind nach seiner Ansicht „in hohem Maße manipulationsfähig“. Zudem senken sie die Verwertungsansprüche, weil enorm viel lizensierte Mengen im System auftauchen und intelligente Fehlwürfe vorkommen, die nicht in die Erfassungs-, sondern in die Lizenzmengen eingehen. In Wahrheit, so Baum, übersteigt die Erfassungsmenge an Leichtverpackungen aus der getrennten Sammlung die Lizenzmenge um mehr als das Doppelte. Das wäre noch tolerabel, wenn die Lizenzmenge in der getrennten Sammlung enthalten wäre. Das sei aber nur zu 60 Prozent der Fall, denn 40 Prozent der Lizenzmenge werde über den Restmüll abgeschöpft und lande nicht im Gebinde.

Vergleicht man die Kosten für Erfassung, Sortierung und Verwertung je Tonne, dann liegen sie in Deutschland bei lizensiertem Material doppelt so hoch wie bei erfasstem Material: 362 zu 184 Euro für die Erfassung und 191 zu 97 Euro für  die Vorbehandlung. Im Vergleich dazu nähern sich beim bisherigen ARA-System in Österreich die Kosten für die Erfassung mit 312 zu 273 und 89 zu 76 Euro für Vorbehandlung einander an und liegen tiefer als in Deutschland; dafür fallen hier zusätzlich 62 beziehungsweise 54 Euro für die Verwertung an. Derartige Kosten, die durch die energetische Verwertung von Sortierresten anfallen, werden in Deutschland den Sortierungskosten zugeschlagen, wodurch sie als „Verwertung“ nicht erscheinen. Baum schließt daraus, dass auch in Deutschland statt erhoffter Markterlöse Verwertungskosten anfallen. Mithin entstünden hier unter ökonomischer Perspektive Sekundärrohstoffe, die der Markt nicht will.

Kosten von über drei Milliarden Euro

Die Kosten der dualen Verpackungsentsorgung ergeben sich aus vorgehaltenem Lagerraum und Zeitverlust für die Bürger, aus Erfassung und Sortierung, Nebenentgelten für Kommunen, Gemeinkosten und Gewinnen des Dualen Systems und Transaktionskosten – in der Summe 3.148 Millionen Euro, zu denen die (verdeckten) Verwertungskosten hinzukommen. Je nach Output rechnet Baum mit Wertschöpfungskosten (ohne Verwertungskosten) von 4 bis 6 Euro pro Kilogramm Wiedereinsatzmenge. Auch der Hinweis von Systembetreibern und Bundeskartellamt, die Gesamt-Systemkosten seien durch den Wettbewerb mehrerer Systembetreibern um über 50 Prozent gesunken, überzeugt nicht: Beim monopolistischen Systembetreiber ARA sanken die Kosten in Österreich um knapp 60 Prozent.

Lieber real als geträumt

Wie lassen sich Recyclingquoten realistisch abbilden? Für Heinz-Georg Baum wäre eine output-orientierte Berechnung der Wiedereinsatzmenge geteilt durch Erfassungsmenge „etwas reales“ mit hoher Indikatorvalidität. Reelle 36, 38 oder 40 Prozent hielte er für „ambitioniert“, da er lieber eine realistische und moderat angesetzte Quote sieht, „als von 80 oder 85 Prozent zu träumen“. Das Argument, dass mit steigender Quote die Qualität der Rezyklate sinkt, lässt er gelten. Doch steige die Quote schon jetzt hemmungslos. Die Fixierung auf hohe Quoten verleitet zu geringerer Sortiertiefe – Hauptsache, die Materialien würden in die Verwertungsmaßnahmen hineingegeben. Das, resümierte Baum, liefere zurzeit keinen Impuls für hochwertiges Recycling. Die HTP Ingenieursgesellschaft und das Ökoinstitut haben eine andere Berechnungsweise vorgelegt, die von einer modifizierten Inputquote ausgeht. So liegt beispielsweise der Kunststoffanteil der getrennten Sammlung bei rund 55 bis 60 Prozent, woraus sich für das Jahr 2011 eine modifizierte Erfassungsmenge von 1.350 kMg ergibt. Von der Sortierungs-Output-Menge müssen Sortierreste und 50 Prozent der Misch-Kunststoff-Fraktion, die als Ersatzbrennstoff Verwendung finden, abgezogen werden, sodass insgesamt 770 kMg übrig bleiben. Daraus ergibt sich eine Quote von 57 Prozent.

Alle Wertstoffe berechnen

Eine andere Methode, um Erfassungsmengen und Recyclingquoten zu erfassen, hat das Institut für Abfall, Abwasser und Infrastrukturmanagement (INFA) – im Auftrag der Gemeinschaftsinitiative – erarbeitet und vorgelegt. Einer der Mitautoren, Klaus Gellenbeck, stellte die Methodik auf dem Münsteraner Kongress vor. Das Berechnungsverfahren zielt auf alle Wertstoffe, nicht nur auf verpackungsrelevante Materialien, um zunächst Vorgaben für die zu erfassenden Wertstoffmengen abzuleiten. Zugrunde gelegt wurden die derzeit getrennt erfassten Wertstoffmengen sowie die Potenziale im Restabfall. Als Basis dienten bundesweite Daten der öffentlich-rechtlichen Entsorger aus den Abfallbilanzen 2011 und Daten aus INFA-Abfallsortieranalysen, aufgeschlüsselt nach Kilogramm pro Einwohner und Jahr sowie der jeweiligen Einwohnerdichte.

Die Differenzierung nach Einwohnern pro Fläche empfiehlt sich, da die erfassten Stoffmengen stark von der Gebietsstruktur abhängen und sich unterschiedlich in der Abfallbilanz niederschlagen. Somit muss für jeden Wertstoff die Mindest-Erfassungsmenge und die Menge im Restabfall, getrennt nach Bevölkerungsdichte, ermittelt werden.

Einschließlich Wertstoffgehalt im Restabfall

Vorgaben für Erfassungsmengen, beispielsweise für Bio- und Grünabfälle in einem Gebiet mit einer Bevölkerungsdichte von 500 bis 1.000 Einwohnern pro Quadratkilometern, werden folgendermaßen errechnet: Laut Abfallbilanz liegt hier der jährliche Mittelwert bei 124 Kilogramm pro Einwohner und Jahr; die gemittelte bekannte Organikmenge im Restabfall beträgt 59 Kilogramm. Je Cluster wird (in „Variante 1“) eine zusätzlich abzuschöpfende Abfallstoffmenge definiert, abgeleitet aus der Maximalmenge im Restabfall. Somit ergibt sich als Vorgabe für die mindeste Erfassungsmenge 124 + 24 Kilogramm = 148 Kilogramm (aufgerundet 150 Kilogramm).

Die 35 Kilogramm, das heißt der maximale Wertstoffgehalt im Restabfall wird zusätzlich aufgelistet. Er kann, sollte die Erfassungsmenge nicht erreicht werden, zum alternativen Nachweis der hinreichenden Abschöpfung herangezogen werden. Als „Prüfschritt 2“ dient er als Beleg dafür, dass sich weniger als die Maximalmenge im Restabfall befindet. So lässt sich beispielsweise in Gebieten mit viel Eigenkompostierung auch berücksichtigen, dass relativ wenig Organik im Restabfall vorhanden ist.

Verwertende durch erfasste Menge

Die Vorteile dieser Berechnungsmethode sieht Klaus Gellenbeck darin, dass es ein einfaches Modell darstellt, das nach Einwohnerdichte differenziert, Vorgabewerte aus der Praxis ableitet und stoffspezifische Betrachtungen ermöglicht. Darüber hinaus bietet sie in der mittelfristigen „Variante 2“ die Möglichkeit zu einem Benchmarking der derzeitigen Erfassungsmengen innerhalb eines Clusters. Dabei wird als Sollwert das 75 Prozent-Quartil angesetzt: 25 Prozent der öffentlich-rechtlichen Entsorger des Clusters erreichen die Mengenvorgaben, die restlichen drei Viertel nicht.

Am Beispiel von Altpapier erläuterte Gellenbeck die Berechnung der entsprechenden Recyclingquote. Aus einer Sammelmenge von 76 Kilogramm pro Einwohner und Jahr werden durch PPK-Sortierung rund vier Kilogramm Störstoffe entfernt. Die resultierende Altpapiermenge von 72 Kilogramm wird zur stofflichen Verwertung der Papierfabrik zugeliefert. Hier befindet sich die Schnittstelle, an der die Quote ermittelt wird, die sich aus der stofflich zu verwertenden Menge und der erfassten Menge berechnet. Im konkreten Fall 72 : 76 = 95 Prozent. Die systembedingt bei der Aufbereitung anfallenden Rejekte, Spuckstoffe und sonstigen Reststoffe gehen – eben so wenig wie Massenverluste bei Kompostierung oder Vergärung – nicht in die Berechnung der Recyclingquote ein.

Hin zum qualitätsorientierten Ansatz

Für Heinz-Georg Baum hat die INFA-Methode ihre Vorteile, da die Ergebnisse einem Benchmark entstammen und Quoten enthalten, die durch abfallbewusste Gemeinden redigiert werden. Doch hält er andererseits die Zahlen für fraglich, da sie nicht abbilden, was letztendlich an Wertstoffen aus den Abfällen gewonnen wird. Und ein großes Fragezeichen bleibt für ihn, ob nicht die Qualität der Verwertung hinter der Quantität verschwindet.

Baum plädiert hingegen für eine Abkehr von der reinen Quotenfixierung hin zu einem qualitätsorientierten Ansatz. Dazu zählt für ihn eine Verbesserung des Input-Materials: Indem die Kommunen durch Standardkostensatz und Zuschläge oder Abzüge je nach Fehlwurf-Anteilen angereizt werden, ließe sich eine Reduzierung der Fehlwurfquote in der getrennten Sammlung erreichen. Darüber hinaus sollte es auch im Lizensierungsverfahren für Produkte eine Bonus-/Malus-Regelung geben, die sich an der Verwertungseignung der Produkte orientiert. Und schließlich gehört laut Baum der Umgang mit Recyclingstoffen in „wettbewerbliche Hände, denn Verwertung ist kein kommunales Spielfeld“.

In jedem Fall müsse bei allen Kosten am Ende ein Stoff stehen, der positiven Marktwert besitzt. Und das erfordere einen neuen Ansatz.

Foto: O. Kürth

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