Mit Verzögerung – Spaniens Abfallwirtschaft erholt sich

Den Unternehmen machten zuletzt das sinkende Abfallaufkommen und ein hoher Preisdruck im Land zu schaffen. Nach schwierigen Jahren hofft die Branche 2015 auf eine Trendwende. Impulse für Investitionen kommen aus dem aufgestockten Haushalt des spanischen Umweltministeriums und frischen EU-Fördermitteln. Handlungsbedarf gibt es besonders bei den Siedlungsabfällen und der Reduzierung der Deponielagerung.

Die spanische Volkswirtschaft ist 2014 auf den Wachstumspfad zurückgekehrt: mit einer Zunahme des Bruttoinlandsprodukts von etwa 1,4 Prozent und einer für 2015 prognostizierten Beschleunigung auf 2,4 Prozent. Während die Erholung bereits 2014 Industrie und Handel erfasste, macht sie sich in der Abfallwirtschaft, die am Ende der Kette steht, erst mit Verzögerung bemerkbar. Die Spanische Föderation für Rückgewinnung und Recycling (FER) rechnet 2015 mit einer moderaten Trendwende.

Das Abfallaufkommen in Spanien ist seit 2007 rückläufig und erreichte 2012 nach den letztverfügbaren Daten von Eurostat 118,6 Millionen Tonnen. Vor dem Hintergrund der EU-Vorgaben besteht vor allem bei Siedlungsabfällen akuter Handlungsbedarf. Laut Eurostat landeten 2012 immer noch 63 Prozent der kommunalen Abfälle auf Deponien. EU-Schnitt: 34 Prozent. Die verbliebenen 27 Prozent wurden recycelt oder kompostiert und verbrannt. Investitionen in Systeme zur Getrenntsammlung, Sortierung und Behandlung sind nötig, besonders im Bereich biologisch abbaubarer Bestandteile. So fehlt in Madrid immer noch eine Biotonne; hier werden – anders als in Katalonien und im Baskenland – Restmüll und Bioabfälle zusammengeworfen. Zentrales Thema ist die Nachrüstung mechanisch-biologischer Systeme, etwa durch die Integration von Kompostier- und Vergärungsanlagen. Ab 2015 fließen neue EU-Fördermittel in solche Projekte.

30 Deponien müssen geschlossen werden

Spaniens Deponiequote lag 2012 mit 43 Prozent deutlich über dem geschätzten EU-Schnitt von 28 Prozent. Das Land muss rund 30 Deponien schließen, wenn es Sanktionen der EU-Kommission vermeiden will. Auch bei Systemen zur Erhebung der gesammelten Mengen und zum Nachweis über deren Verbleib wird Verbesserungsbedarf ausgemacht. In der Krise haben sich nach Aussagen von Branchenvertretern unfaire Praktiken ausgebreitet, die unter anderem die gefährlichen Abfälle betreffen, dem Sektor Geschäft entziehen und zu mangelnder Auslastung der Anlagen führen. Nach letzten Angaben des Spanischen Statistikamtes INE wurden 2012 fast 45 Millionen Tonnen an Abfällen behandelt, das waren 3,4 Prozent weniger als 2011. Insgesamt wurden 54 Prozent recycelt, fast 40 Prozent auf Deponien abgelagert und nicht ganz sieben Prozent verbrannt.

Vier strategische Linien zur Abfallvermeidung

Gesetzliche Grundlage bildet seit Juli 2011 das Gesetz für Abfälle und kontaminierte Böden (Ley de residuos y suelos contaminados 22/2011), das sich an der EU-Richtlinie 2008/98/EG orientiert. Es zielt auf eine verbesserte Koordination innerhalb des stark dezentralisierten Staatsaufbaus ab und definiert die Verpflichtungen auf den Ebenen der Hersteller sowie des Abfallmanagements. Die Autonomen Regionen, die in Spanien die Kompetenz in Sachen Abfall haben, hatten drei Jahre Zeit, die Ausführungsbestimmungen zu erlassen.

Instrument zur Erreichung der EU-Ziele ist das Staatsprogramm zur Abfallvermeidung 2014 bis 2020 (Programa Estatal de Prevención de Residuos) vom 13. Dezember 2013. Es definiert vier strategische Linien zur Abfallvermeidung: Verringerung der generierten Menge, Wiederverwendung und Verlängerung der Nutzungsdauer, Verringerung der in Produkten und Materialien enthaltenen Schadstoffe sowie Reduzierung der negativen Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt. Dazu gilt es, Hersteller, Distributionskanäle, Verbraucher und öffentliche Verwaltung einzubinden. Das Programm entwickelt sich im Rahmen des Nationalen Abfallplans 2008 bis 2015 (Plan Nacional Integrado de Residuos PNIR), der Anfang 2015 überarbeitet wurde. Auch ein Gesetz zur Umsetzung der verschärften EU-Vorschriften für die Entsorgung alter Elektro- und Elektronikgeräte (2012/19/EU) befand sich kurz vor der Verabschiedung.

Bei Verpackungen 17 Prozentpunkte über EU-Ziel

Durch die Umsetzung der Verpackungsrichtlinie hat die stoffliche Verwertung von Verpackungen in den letzten Jahren zugenommen. Spanien lag nach Eurostat 2012 mit einem Anteil von 66,5 Prozent über dem EU-Schnitt von 64,3 Prozent. Das liegt vor allem an der weit überdurchschnittlichen Verwertung von Metall- und Holzverpackungen. Laut Ecoembes, der Non-Profit-Gesellschaft, die das privatwirtschaftliche Sammelsystem von Verpackungen verantwortet, wurden 2013 fast 1,7 Millionen Tonnen leichte Verpackungen aus Kunststoff und Karton eingesammelt und 1,2 Millionen Tonnen verwertet. Mit diesem Anteil von 72 Prozent liege Spanien 17 Prozentpunkte über dem EU-Ziel, heißt es. Bis 2020 will Ecoembes 80 Prozent erreichen. Die Gesellschaft hat im Land 565.000 Container aufgestellt. Die Verpackungen werden in 96 Anlagen (50 davon automatisiert) weiter ausgelesen.

Zwischen 2008 und 2012 ist auch das kommunale Abfall­aufkommen deutlich um fast 15 Prozent auf 22,4 Millionen Tonnen zurückgegangen. Die Sammlung und Behandlung von Siedlungsabfällen obliegt den Kommunen, die diese Dienstleistungen häufig an private Unternehmen delegiert haben. Die Hauptstadtverwaltung etwa wird 2015 die bislang in zwei getrennten Verträgen laufende Abfallsammlung für Madrid und seine Peripherieviertel in einem großen Tender zusammenfassend ausschreiben.

Die Kreditklemme löst sich

Die Investitionen der Industrie in das Abfallmanagement entwickelten sich 2012 laut INE uneinheitlich. So fielen die Investitionen in unabhängige Ausrüstungen und Anlagen um 11,4 Prozent auf 23,3 Millionen Euro. In integrierte Ausrüstungen und Anlagen hingegen wurden 43,4 Millionen Euro investiert, fast ein Fünftel mehr als 2011. Die Kreditklemme, die in der Krise viele Unternehmen gefangen hielt, löst sich seit 2014 – ein Prozess, der 2015 neuen Atem für Investitionen geben könnte. Im kommunalen Bereich existieren auf der Ebene der 17 Autonomen Regionen, zum Teil auch einzelner Provinzen, Abfallwirtschaftsprogramme, deren Investitionen über mehrere Jahre festgeschrieben sind. Katalonien strebt mit seinem 2014 eigens für die Entsorgungsinfrastruktur verabschiedeten Plan (Pinfrecat 20), der bis 2020 Investitionen von über 400 Millionen Euro vorsieht, eine Reduzierung der generierten Abfälle um 15 Prozent an und will 60 Prozent der Siedlungsabfälle getrennt einsammeln. Zu den Projekten mit Finanzierungszusage gehören vier Abfallbehandlungszentren für Restmüll und organische Abfälle. Künftige Projekte betreffen die Verbesserung der Energieeffizienz der Verbrennungsanlagen, die Kapazitätssteigerung bestehender Behandlungszentren oder die Integration von mechanisch-biologischen und Kompostieranlagen.

Im Baskenland setzt die Provinz Gipuzkoa ein eigenes Abfallprogramm um und baut 2015/2016 ein Abfallverwertungszentrum, das die Verbrennungsanlage ersetzen soll. Das Projekt besteht aus drei Kompostieranlagen und einer zur mechanisch-biologischen Behandlung. Die Investitionskosten betragen 131 Millionen Euro. Auch die Umwandlung von Abfall in Wärmeenergie ist ein Investitionsfeld. So plant das Unternehmen Ebioss Energy 2015 oder 2016 den Bau einer thermischen Gasifizierungsanlage.

Baukonzerne dominieren den Markt

Der spanische Entsorgungs- und Recyclingsektor (NACE 38) besteht laut INE aus 3.090 Firmen (2014), von denen fast ein Fünftel keine Angestellten hat und mehr als die Hälfte (54 Prozent) Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten sind; ein Viertel sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU), und nur 20 Unternehmen haben 500 und mehr Mitarbeiter. Der Umfrage des INE zufolge setzte die Branche 2013 rund 9,8 Milliarden Euro um. Ein Vergleich zu den Vorjahren lässt sich nicht anstellen, da 2013 die Erfassungsbasis erweitert wurde. Im Markt dominieren die großen spanischen Baukonzerne mit ihren Tochterfirmen, die breitgefächerte Umweltdienstleistungen anbieten, wie Urbaser (Baukonzern ACS), Cespa (Ferrovial), FCC Ambito oder die Umweltdienstleistungssparte von Sacyr. Eine Studie über kommunale Abfallbehandlungs- und Beseitigungsanlagen der Analysegesellschaft DBK kommt zu dem Ergebnis, dass es 2013 in Spanien 375 solcher Anlagen gab. Den Umsatz aus ihrer Tätigkeit bezifferte DBK mit 1,25 Milliarden Euro; das waren vier Prozent weniger als 2012. Über 60 Prozent dieses Volumens entfiel auf fünf Marktakteure.

Fest in spanischer Hand

Der lokale Markt für Entsorgung und Recycling befindet sich fest in spanischer Hand. Ein Einstieg ausländischer Unternehmen gilt – auch wegen der dezentralen Lizenzvergabe – als schwierig. In der Krise ist der Wettbewerbsdruck weiter gestiegen. Präsenz vor Ort und Kontakte zu den ausschreibenden Stellen sind daher von großer Bedeutung.

Es gibt keinen übergeordneten Verband, sondern Interessensvertretungen der einzelnen Abfallsegmente. Größte Branchenorganisation ist die Spanische Föderation für Wiedergewinnung und Recycling (FER), die rund 250 Mitglieder zählt und die Behandlung und Rückgewinnung von Eisen und Nichteisenmetallen, Altreifen, Fahrzeugen und Elektroschrott abdeckt. Der spanische Verband der Wiederverwerter von Papier und Karton, Repacar, vertritt mehr als 110 Unternehmen. Asegre vereint 70 Unternehmen für die Behandlung spezieller Abfälle.

Verfasserin: Miriam Neubert
Quelle: Germany Trade & Invest

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