Baustoffrecycling: „Unser Weg geht nur über die Qualität“

Seit gut zehn Jahren wird in Deutschland um die Mantelverordnung gerungen. Österreich brauchte gerade einmal drei Jahre, um eine Recycling-Baustoffverordnung auszuarbeiten, die, wird sie verabschiedet, vorbildhaft für Europa erscheint. Was macht der Nachbar anders und besser, während das Brennpunktthema Baustoffrecycling „zerredet“ wird? Antworten gab der 2. bvse-Mineraliktag/Baustoff Recycling Forum in Herzogenaurach.

Wenn auch im Umgang mit Superlativen Vorsicht geboten ist – laut dem legendären Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs nutzen sie sich leicht ab –, so ist dieser doch zutreffend: Der bvse-Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e.V. ist jetzt mit 825 Mitgliedern die größte mittelständische Interessenvertretung der Recyclingbranche in Deutschland und Europa. Möglich wurde das mit einem starken Kooperationspartner: Seit Januar ist der Baustoff Recycling Bayern e.V. (BRBayern) offizielles Mitglied im bvse. Wie BRBayern-Präsident Matthias Moosleitner und bvse-Hauptgeschäftsführer Eric Rehbock in ihren Ansprachen zum Auftakt der gemeinsamen Veranstaltung mit etwa 180 Teilnehmern betonten, werden beide Verbände fortan eng zusammenarbeiten und sich für den Mittelstand einsetzen. Und der Mittelstand kann in der Tat ein politisches Gewicht in Berlin und Brüssel gebrauchen: „Es wird für unsere Unternehmen nicht einfacher werden“, konstatierte Rehbock in diesem Zusammenhang.

bvse-Hauptgeschäftsführer Eric Rehbock verspricht sich vom Planspiel einen konsensfähigen Referentenentwurf zur Mantelverordnung (Foto: Marc Szombathy)

bvse-Hauptgeschäftsführer Eric Rehbock verspricht sich vom Planspiel einen konsensfähigen Referentenentwurf zur Mantelverordnung (Foto: Marc Szombathy)

Moosleitner und Rehbock berichteten zugleich von konstruktiven und fortschrittlichen Gesprächen, die Ende 2014 mit dem Bund, den Ländern und Wirtschaftsakteuren geführt wurden. Nachdem die Beratungen zur neuen Mantelverordnung für die Bereiche Wasser, Boden und Baustoffrecycling im letzten Jahr ins Stocken gerieten, tut sich offenbar wieder etwas. Aber dazu später mehr: Die von Jürgen Weber, Vorsitzender des bvse-Fachverbands Mineralik, moderierte Vortragsreihe auf Mineraliktag und Baustoff Recycling Forum in Herzogenaurach eröffnete ein Beitrag zur Entsorgungspraxis der Wilhelm Geiger GmbH & Co. KG, die in den Landkreisen Neuburg-Schrobenhausen und Eichstätt in Bayern zwei Tongruben für mineralische Bau- und Abbruchabfälle der Belastungskategorie Z1.2 betreibt.

Erfahrungen eines Grubenbetreibers  

Referent Martin Haberstock informierte hierzu, dass im Freistaat im Jahr 2012 – dem letzten Stand der Statistik – 45,5 Millionen Tonnen mineralische Bauabfälle anfielen. Davon wurden 24,7 Millionen Tonnen Bodenaushub (54 Prozent) und 2,3 Millionen Tonnen Bauschutt (5,0 Prozent) der Belastungskategorien Z0 bis Z2 in Gruben, Brüchen und Tagebauen verfüllt. 7,1 Millionen Tonnen (16 Prozent) gingen in Bauschuttrecyclinganlagen und 3,0 Millionen Tonnen (7,0 Prozent) in Asphaltmischanlagen. 4,1 Millionen Tonnen Bauabfälle (9,0 Prozent) wurden deponiert und 4,3 Millionen Tonnen (9,0 Prozent) sonstig verwertet: im Deponiebau (DK-0 bis DK-3), in technischen Bauwerken, in Bodenbehandlungsanlagen, im Bergversatz. Verbesserungsbedarf sieht Haberstock bei den Regelungen zum Umgang mit organikhaltigen Böden: Sie seien nicht praktikabel für die Grubenbetreiber und stifteten auch Verwirrung. Gleiches gelte für die Behandlung von arsenbelasteten Böden. Die Ersatzbaustoffverordnung hat für den Diplomchemiker hingegen keine großen Auswirkungen auf die Verfüllungspraxis. In der neuen Mantelverordnung, die eine Z0-Material-Grenze für die Verfüllung in Gruben, Brüchen und Tagebauen vorsieht, müssten ausreichend lange Übergangsfristen und ein Bestandsschutz für ältere Z1 und Z2 Gruben gewährleistet sein.
Erfahrungen eines Fremdüberwachers

Der unabhängige Sachverständige Andreas Ther schilderte im Anschluss seine Erfahrungen als Fremdüberwacher. Aktuell betreut das Büro des Diplomgeologen mit Sitz in Oberammergau bayernweit 17 Gruben und versteht sich hier vor allem als Berater und Vermittler zwischen dem Betreiber und den Behörden. Die Stichprobenuntersuchungen vor Ort finden in der Regel zweimal im Jahr statt. Kontrolliert werden bei diesen Terminen das tatsächlich verbaute Material und die Materialien, die an die Grube geliefert und dort angenommen werden.

Zum Sinn und Zweck der Fremdüberwachung führte Ther aus, dass diese den Gruben als Beweissicherung gegenüber Dritten dient – wenn ein Lieferant falschdeklarierte, unsaubere, belastete Materialfraktionen dorthin verbringt, wofür er in Haftung genommen werden kann. Einheitliche Qualitätsanforderungen und dass der Betrieb nicht „vor sich hin wurstelt“ sollen demnach sichergestellt werden. Behördliche Kontrollen können darüber hinaus entfallen und das Procedere insgesamt vereinfachen. Die Fremd­überwachung prüft dabei die Einhaltung der Umweltauf­lagen und gesetzlichen Anforderungen zum Schutz des Grundwassers und des Bodens und inwieweit der Betreiber selber und eigenständig dafür Sorge und Rechnung trägt: Wird bei jeder Fuhre gründlich kontrolliert; stimmt die Deklaration des Lieferanten mit dem Material auf dem Lkw überein; ist dieses homogen und unbelastet; werden zur Feststellung Materialproben entnommen und weitest analysiert; werden sämtliche Anlieferungen und Materialprüfungsergebnisse transparent und nachvollziehbar für den Fremdüberwacher und die Behörden protokolliert und in einem Betriebstagebuch dokumentiert?

Soweit der Idealfall. In der Praxis, so Ther, zeigt sich, dass das Personal in den Gruben oft nicht über die nötige Qualifikation verfügt, um ein angeliefertes Material zur Verfüllung eindeutig als unbelastet, unbedenklich oder kontaminiert zuordnen zu können, und damit auch überfordert ist. Es ist für solche Untersuchungen vielfach nicht geschult. Der Betreiber muss dann Abhilfe schaffen und Schulungen und Fortbildungsmaßnahmen, wie sie das Büro von Andreas Ther anbietet, für seine Mitarbeiter ermöglichen. Hoch die Schranke und dem Lkw-Fahrer den Platz zuweisen, wo er seine Fuhre abkippen soll – das geht längst nicht mehr. Ein regelkonformer Prüfvorgang beginnt an der Waage und endet an der Grubenkante. Werden die festgelegten Grenzwerte bei der Verfüllung überschritten, droht dem Grubenbetreiber, dass er das bereits verbaute Material wieder abtragen und teuer entsorgen muss.

Der dritte Arbeitsentwurf

Frühestens 2016 könnte die neue Mantelverordnung Gesetz werden: Dr. Michael Paul vom Bundesumweltministerium (Foto: Marc Szombathy)

Frühestens 2016 könnte die neue Mantelverordnung Gesetz werden: Dr. Michael Paul vom Bundesumweltministerium (Foto: Marc Szombathy)

Mit Spannung erwartet wurden die Verlautbarungen von Dr. Michael Paul vom Bundesumweltministerium zum Stand der Mantelverordnung. Auf der Abendveranstaltung zum Mineraliktag und Baustoff Recycling Forum war bereits bekannt gegeben worden, dass diesbezüglich der dritte Arbeitsentwurf unmittelbar vorliegt. Die Vorstände der Verbände hätten schon Einsicht in das Werk, hieß es. Einzelheiten zum dritten Arbeitsentwurf waren vom Referenten nicht zu erfahren, der Vortrag beschränkte sich auf inhaltliche Eckpunkte:

Vereinfachungen für die Praxis, zum Beispiel:
■    Lieferscheinverfahren bei EBV
■    Einheitliche Probenahme- und Untersuchungsverfahren in EBV und BBodSchV
■    Zuordnung von MEB-Materialklassen zu Deponieklassen ohne erneute Untersuchung

Grundwasserverordnung (GrwV):
■    Keine grundsätzliche Privilegierung von „Norm-Baustoffen“ bei Kontakt zum Grundwasser
■    Aber Erleichterungen für bekannte Baustoffe (Beton, Anstriche, Injektionsmaterial)

Ersatzbaustoffverordnung (EBV):
■    Reduzierung der zulässigen Einbauweisen von 24 auf 17
■    Mindesteinbauvolumen für bestimmte mineralische Ersatzbaustoffe, um langfristig schädliche Bodenverunreinigungen bei Kleinstanwendungen zu verhindern
■    Getrennthaltungspflicht beim Rückbau von technischen Bauwerken
■    Getrennthaltungspflicht beim Rückbau von technischen Bauwerken mit mineralischen Ersatzbaustoffen (eventuell in der Gewerbeabfallverordnung)
■    Sulfatwerte orientiert an LAGA M 20 – bei RC-1: 600 Milligramm pro Liter (statt 450 mg/l), bei RC-2: 1.000 Milligramm pro Liter
■    Mobile Recycling-Aufarbeitungsanlagen: Eignungsnachweis bei Standortwechsel

Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung (BBod­SchV):
■    keine Verfüllung von mineralischen Ersatzbaustoffen (MEB), außer Boden und bodenähnlichem Material
■    Anzeige bei Auf- und Einbringen von mehr als 800 Kubikmetern Material (statt Genehmigung ab zwei Meter Mächtigkeit)

Wie Paul erklärte, reagieren die vorgesehenen Änderungen auf die Hauptkritikpunkte am zweiten Arbeitsentwurf zur Mantelverordnung: große Verschiebungen von Stoffströmen, von der Verwertung hin zur Deponierung – laut einer Prognos-Erhebung aus dem Jahr 2011 bis zu 50 Millionen Tonnen pro Jahr, vor allem wegen Sulfat- und PAK-Werten. Die Ersatzbaustoffverordnung und die Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung weisen unterschiedliche Probennahmen und Untersuchungen auf und schafft dadurch „Schnittstellen-Probleme“. Die Umrechnung in der Deponieverordnung von Eluatkonzentrationen mit unterschiedlichen Wasser-Feststoff-Verhältnissen führt zu inakzeptablen Ergebnissen.

Vom Planspiel zum Gesetz

Und wie geht es nach Stellungnahme und Anhörung weiter? Frühestens 2016 könnte die neue Mantelverordnung Gesetz werden. Die im dritten Arbeitsentwurf gefassten Regelungen sollen vorab in verschiedenen Szenarien von allen Wirtschaftsbeteiligten durchgespielt werden: ein Planspiel vom Abbruch, über Logistik, Aufbereitung und Veredelung zu Recyclingbaustoffen und anschließenden Einbau der Materialien.

Eric Rehbock begrüßte das: „Wir versprechen uns von dem Planspiel, dass in der Folge ein Referentenentwurf einer Mantelverordnung zur Entscheidung vorliegt, der Sub­stanz hat und konsensfähig ist.“ Der dritte Arbeitsentwurf berücksichtige die Anwendung von Maßnahmen des selektiven Abbruchs und Rückbaus, soweit diese ihrerseits technisch möglich und wirtschaftlich zumutbar sind. Erstmalig würden auch Pflichten zur grundsätzlich getrennten Erfassung von sonstigen Abfällen (zum Beispiel Schlacken und Aschen), die beim Rückbau, bei der Sanierung oder der Reparatur technischer Bauwerke anfallen, und deren Zuführung zur Aufbereitung festgelegt. „Damit wird ein wichtiger Stoffstrom auch im Rahmen der Gewerbeabfallverordnung, die ebenfalls jetzt als Entwurf vorliegt, thematisiert.“ Und das sei für den bvse zuerst einmal eine gute Nachricht.

„Wir haben uns angenähert“

BRBayern-Geschäftsführer Stefan Schmidmeyer mahnte Rechtssicherheit und Rechtsverbindlichkeit für die Branche an (Foto: Marc Szombathy)

BRBayern-Geschäftsführer Stefan Schmidmeyer mahnte Rechtssicherheit und Rechtsverbindlichkeit für die Branche an (Foto: Marc Szombathy)

Dem pflichtete Stefan Schmidmeyer für den Baustoff Recycling Bayern e.V. bei. „Wir sind uns ein gutes Stück des Weges entgegengekommen, die Politik und unsere Branche haben sich angenähert und Kompromisslinien ausgelotet“, sagte der Geschäftsführer des Verbandes in der Diskussionsrunde mit Dr. Michael Paul, der hier konfrontiert mit kritischen Fragen aus dem Publikum regelrecht ins „Kreuzverhör“ genommen wurde. „Vor einem Jahr sah das noch anders aus.“ Schmidmeyers Vortrag widmete sich dann kurz der Grundwasserverordnung, die nicht über das Ziel der EU-Vorgaben hinaus schießen sollte. Sie müsse 1:1 umgesetzt werden, eine Verschärfung werde abgelehnt.

Bei der Ersatzbaustoffverordnung fordern BRBayern und bvse eine bundeseinheitliche Regelung. „Denn jeder versteht etwas anderes darunter, wendet sie verschiedentlich an – von Bundesland zu Bundesland, von Landkreis zu Landkreis, von Kommune zu Kommune“, mahnte Schmidmeyer Rechtssicherheit und Rechtsverbindlichkeit für die betroffenen Unternehmen an. Noch eindeutig zu klären sei auch, was mit unaufbereitetem Bauschutt geschieht und welcher Grenzwert für Fremdstoffanteile gelten soll. Unaufbereiteter Bauschutt ist nach Auffassung der Branche kein mineralischer Ersatzbaustoff. „Es heißt immer, der Fremdstoffanteil müsse gering sein. Wann sind wir im Bereich gering?“ Schmidmeyer ist das zu wenig. Ein ganz wichtiger Punkt ist für ihn zudem die Qualitätssicherung für stationäre und mobile Aufbereitungsanlagen. Es dürfe keine Ausnahme- und Bagatell-Mengenregelungen mehr geben. Alle Betreiber müssten gleich behandelt werden.

Kippt die Anzeigenpflicht?

Wie Schmidmeyer des Weiteren und launig erzählte, ist ihm sprichwörtlich die Kinnlade heruntergefallen, als bei einem Gespräch Mitte Februar im Bayerischen Umweltministerium die Vertreter der Länder nahezu unisono signalisierten, dass auf die in der Diskussion um die Mantelverordnung angedachte Anzeigepflicht für Bauherren und Verwender von Ersatzbaustoffen verzichtet werden könnte: wenn über die Verbände und deren Mitgliedsunternehmen sichergestellt ist, dass die Behörden alle Informationen zu einem selektiven Abbruch-/Rückbauprojekt schon im Vorfeld, vor dem eigentlichen Prozessbeginn bekommen. Das wäre eine deutliche Erleichterung: Vonseiten der Branche wird die Anzeigepflicht als enorme zusätzliche Belastung empfunden. Nur größere Bauvorhaben sollten eventuell mit einer Anzeigepflicht belegt werden.

BRBayern und bvse haben bereits im letzten Jahr zusammen ein eigenes Konzept für das Recycling und die Verwertung mineralischer Abfälle und Stoffe erarbeitet. Das Konzept schlägt eine Harmonisierung der verschiedenen Begriffsdefinitionen vor und entwickelt ein qualitätsorientiertes Verwertungs- und Verfüllungsschema, das als Leitfaden für den Umgang mit mineralischen Abfällen dienen kann. Die künftige Mantelverordnung sollte zudem ein einheitliches Analyseverfahren für alle Materialien vorsehen – ob sie nun in die Verfüllung oder in die Deponierung gehen. Dies wäre ein erster Schritt für bessere Marktbedingungen.

An der Gleichwertigkeit von Recyclingbaustoffen gegenüber Primärrohstoffen und an einem weiteren Ausbau der Qualitätsüberwachung sollte in der neuen Mantelverordnung ebenfalls festgehalten werden, um Unsicherheiten beim Einbau entgegenzuwirken. Produktdatenblätter für güteüberwachte Recyclingbaustoffe aus Baurestmassen würden hier mehr Transparenz schaffen. Sie könnten für eine Vielzahl Recyclingbaustoffe entwickelt werden. Die Hürden für die Verfüllung dürften außerdem nicht zu hoch angelegt werden, da dies nach Überzeugung zu Deponieengpässen führen wird. Baukostensteigerungen aufgrund des ohnehin knappen Deponieraumes seien ehedem schon Fakt. Ein vermehrter Einsatz von Recyclingbaustoffen könnte den vorhandenen Deponieengpass zumindest entschärfen. Stefan Schmidmeyer: „Es muss dringend gehandelt werden, wir brauchen praxisnahe Lösungen.“

Deponiesituation – was sagen die Statistiken?

Thorsten Thörner (Prognos AG) hält neue DK I-Deponievolumina für notwendig (Foto: Marc Szombathy)

Thorsten Thörner (Prognos AG) hält neue DK I-Deponievolumina für notwendig (Foto: Marc Szombathy)

Was sagen die Statistiken zur Deponiesituation in Deutschland? Thorsten Thörner präsentierte hier die Erkenntnisse der Prognos AG: Von den 158 bundesweiten Deponien der Klasse I (Stand 2012) haben 50 eine verbleibende Betriebsdauer von zwei Jahren. Bei 23 Deponien liegt sie bei drei bis fünf Jahren, bei 23 bei sechs bis zehn Jahren, bei 16 bei elf bis 15 Jahren, bei 16 bei 16 bis 20 Jahren und bei 30 Deponien mehr als 20 Jahren. Die Vorlaufzeit für die Genehmigung und die Inbetriebnahme für Deponien beträgt acht bis zehn Jahre. Bei einer Ablagerungsmenge von 12,7 Millionen Tonnen pro Jahr ergibt sich eine durchschnittliche Restlaufzeit von 24 Jahren.

81 DK-1-Deponien haben ein Restvolumen von rund zwölf Millionen Kubikmeter, 17 Deponien knapp 16 Millionen Kubikmeter, acht Deponien etwa 25,7 Millionen Kubikmeter und 48 Deponien 260.000 Kubikmeter. Ohne die vier Kraftwerksreststoffdeponien in Nordrhein-Westfalen, die ausschließlich Rückstände aus Braunkohlekraftwerken ablagern, beträgt das gesamte Restvolumen der DK I-Deponien 54 Millionen Kubikmeter. Die Laufzeit ohne die Kraftwerksreststoffdeponien reduziert sich auf zwölf Jahre. Zusätzlich zu der Ablagerungsmenge wurden im Jahr 2012 auf 79 der 158 DK-I Deponien 4,3 Millionen Tonnen zu Deponiebaumaßnahmen eingebaut.

Auf der Ebene der Bundesländer ergeben sich gemäß der Prognos-Studie teilweise deutlich geringere Reichweiten der DK I-Deponiekapazitäten. So liegt in Baden-Württemberg die theoretische Restlaufzeit (inklusive Planungen) bei vier Jahren, in Niedersachsen bei 3,5 Jahren, in Thüringen bei acht Jahren, in Sachsen-Anhalt bei neun Jahren, in Nordrhein-Westfalen bei fünf Jahren, in Schleswig-Holstein bei unter zehn Jahren und in Rheinland-Pfalz bei fünf Jahren. Mecklenburg-Vorpommern und Bayern lassen ihren Deponiebedarf derzeit untersuchen.

„Wo nichts ist, kann auch nichts hin“

Thorsten Thörners nüchternes Fazit: „Wo nichts ist, kann auch nichts hin.“ Kurz- bis mittelfristig werden seiner Meinung nach in Deutschland neue DK I-Deponievolumina notwendig. Unter Berücksichtigung der Zeiträume für die Realisierung neuer Deponien beziehungsweise die Errichtung oder Wiederinbetriebnahme vorhandener Deponien – die Genehmigungsverfahren können bis zu zehn Jahre dauern – zeige sich, dass bereits jetzt weitere DK I-Deponieplanungen erforderlich seien. Und dafür braucht es für den Prognos-Experten eine bundesweite, regionalisierte Bedarfsanalyse, „da die regionale Verfügbarkeit relevant ist“. Das Inkrafttreten der Mantelverordnung – mit zu erwartenden strengeren Einbauregeln – werde die Laufzeit vorhandener Deponien voraussichtlich deutlich reduzieren. Erhebliche Deponierungsengpässe seien unausweichlich.

Zum Thema „Nachhaltiges Bauen“ folgte ein Beitrag von Prof. Christoph Kuhn von der Technischen Universität Darmstadt. Recyclingbaustoffe kamen darin allerdings nicht vor, und auch auf Nachfragen, ob und wo in Bauprojekten Recyclingbaustoffe Verwendung finden, reagierte der Architekt ausweichend und wenig der Fachtagung dienlich. Es bestätigte sich indirekt die Kritik der Branche an der mangelnden Bereitschaft öffentlicher und privater Bauherren, Recyclingbaustoffe bei Bauvorhaben einzusetzen. BRBayern-Präsident Matthias Moosleitner forderte in diesem Zusammenhang einmal mehr die öffentliche Hand dazu auf, hier endlich mit gutem Beispiel voranzugehen und schon in den öffentlichen Ausschreibungen der Einsatz von Recyclingbaustoffen ausdrücklich zuzulassen.

Baustoffrecycling in Österreich  

Stellte den Entwurf der geplanten Recycling-Baustoffverordnung in Österreich vor: Roland Starke (BMLFUW) (Foto: Marc Szombathy)

Stellte den Entwurf der geplanten Recycling-Baustoffverordnung in Österreich vor: Roland Starke (BMLFUW) (Foto: Marc Szombathy)

Den letzten Programmpunkt der Tagung gestaltete Roland Starke vom Österreichischen Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (BMLFUW). Österreich legte Ende 2014 den Entwurf einer Recycling-Baustoffverordnung vor – und brauchte für das ganze Procedere gerade mal drei Jahre, während die Bundesrepublik an der Mantelverordnung schon gut zehn Jahre herumdoktern. Erstmals werden damit in der Europäischen Union per Verordnung eines Mitgliedstaates der Einsatz mineralischer Ersatzbaustoffe geregelt und ein Abfallende für bestimmte Recyclingbaustoffe vorgesehen, bei denen durch das vorzeitige Ende der Abfalleigenschaft im Hinblick auf Umwelt- und Gesundheitsschutz keine negativen Auswirkungen zu erwarten sind.

Die geplante Recycling-Baustoffverordnung soll folgende Bereiche regeln: die Durchführung von (jeder Art von) Abbrüchen und Sanierungen als verwertungsorientierter Rückbau; die Trennpflicht von Abfällen auf Baustellen, das Recycling von Materialien, die zuvor als Baustoff eingesetzt waren (rezyklierte Gesteinskörnung) – Betonabbruch, Ausbauasphalt, Bauschutt, technisches Schüttmaterial, Gleisschotter etc.; das Recycling von Stahlwerksschlacken aus der Produktion (industriell hergestellte Gesteinskörnung) – ausgenommen Edelstahlschlacken; und die Verwertung von Einkehrsplitt. Nicht geregelt ist die Herstellung von natürlichen Gesteinskörnungen aus Abfällen, zum Beispiel  Bodenaushubmaterial und Tunnelausbruch.

Abbruch und Sanierung

Mit der ÖNORM B 3151 „Rückbau von Bauwerken als Standardabbruchmethode“ wurden in Österreich am 1. Dezember 2014 neue Vorgaben für Abbruch und Sanierungsmaßnahmen veröffentlicht: verpflichtender Rückbau von Bauwerken im Hoch- und Tiefbau einschließlich Linienbauwerken und befestigten Flächen für sortenreine Abfallfraktionen, die möglichst frei von Schad- und Störstoffen sind; orientierende Schadstofferkundung durch rückbaukundige Person bei Abbruch- oder Sanierungsvorhaben, bei denen mehr als 100 Tonnen Bau- und Abbruchabfälle anfallen; umfassende Schadstofferkundung durch externe befugte Fachperson; rückbaukundige Person bei Abbruchvorhaben von mehr als 3.500 Kubikmeter umbautem Raum; Entfernung der ermittelten Schad- und Störstoffen vor dem maschinellen Abbruch. Für Abbruch oder Sanierungsmaßnahmen, bei denen weniger als 100 Tonnen Bau- oder Abbruchabfälle anfallen, gelten die Vorgaben hinsichtlich der Abtrennung von Schad- und Störstoffen sinngemäß; eine Dokumentation ist jedoch nicht erforderlich. Unter einer „rückbaukundigen Person“ wird eine Person verstanden, die eine „bautechnische oder chemische Ausbildung besitzt und Kenntnisse über Abbrucharbeiten, Abfall- und Bauchemie sowie Abfallrecht aufweist“. Der dokumentierte Rückbau (Schadstofferkundung, Rückbaukonzept und Freigabeprotokoll) ist Voraussetzung für ein Baustoffrecycling. Der Bauherr und das Bauunternehmen sind für die ordnungsgemäße Durchführung des Rückbaus verantwortlich.

Herstellungskriterien für Recyclingbaustoffe  

Recyclingbaustoffe kamen in seinem Vortrag „Nachhaltiges Bauen“ nicht vor: Prof. Christoph Kuhn von der TU Darmstadt (Foto: Marc Szombathy)

Recyclingbaustoffe kamen in seinem Vortrag „Nachhaltiges Bauen“ nicht vor: Prof. Christoph Kuhn von der TU Darmstadt (Foto: Marc Szombathy)

Die Vorgaben für die Herstellung von Recyclingbaustoffen umfassen: die Festlegung zulässiger Eingangsmaterialien für die Herstellung von Recyclingbaustoffen (Schlüsselnummern-Liste), Eingangskontrollen für die Herstellung von Recyclingbaustoffen, Qualitätsanforderungen für Recyclingbaustoffe (je eine Parameter- und Grenzwerttabelle für Recyclingbaustoffe für den ungebundenen, hydraulischen sowie bituminös gebundenen Einsatz), Qualitätssicherung (externe Güteüberwachung, werkseigene Produktionskontrolle, spezielle Verfahren, zum Beispiel für Ausbauasphalt oder Stahlwerkschlacken), Kennzeichnungs-, Aufzeichnungs- und Meldepflichten, Einsatzbereiche und Verwendungsverbote für Recyclingbaustoffe, das vorzeitige Abfallende mit der Übergabe an Dritte für Recyclingbaustoffe der österreichischen Qualitätsklasse U-A.

Inputstoffe sind Bauschutt, technisches Schüttmaterial, Betonabbruch, Altasphalt, Gleisschottermaterial, LD- und Elektroofenschlacke (ausgenommen Edelstahlschlacke). Die Verarbeitung von Bodenaushubmaterialien zu Recyclingbaustoffen („Natürliche Gesteinskörnung“ gemäß europäischer Bauproduktenormung) soll im Zuge der geplanten Bodenverwertungsverordnung in Österreich geregelt werden.

Anwendungsbeschränkungen und Auflagen

Zu den Anwendungsbeschränkungen führte Roland Starke aus, dass die ungebundene Anwendung nur für Material der Qualitätsklasse U-A und U-B zulässig ist, jedoch nicht im Grundwasserschwankungsbereich (unter dem höchsten Grundwasserstand) sowie in Wasserschutzgebieten und Kernzonen von Wasserschongebieten. Für die Qualitätsklasse U-B ist zusätzlich eine gering durchlässige Deckschicht aufzubringen. Materialien der österreichischen Qualitätsklassen H-B dürfen nur zur Herstellung von Beton verwendet werden. Und Materialien der Qualitätsklassen B-B, B-C und B-D nur zur Herstellung von Asphaltmischgut. Für den hergestellten Beton sowie das hergestellte Asphaltmischgut gibt es keine Anwendungsbeschränkungen, ausgenommen Asphaltmischgut der Klasse D (Schlackenasphalt): Hier ist nur eine Verwendung im Straßenbau höherrangiger Straßen (Bundes- und Landesstraßen) zulässig. Das Material der Qualitätsklassen U-A und U-B darf dabei auch für die Beton-/Asphalterzeugung verwendet werden. Wird Material, das die Abfalleigenschaft vorzeitig verloren hat (Klasse U-A), falsch verwendet (zum Beispiel unter dem höchsten Grundwasserstand), so wird es wieder zu Abfall.

Produktionskontrolle: Charge für Charge

Um die Einhaltung der Qualitätskriterien zu wahren, muss jede Charge eines Recyclingbaustoffs im Zuge der Fremd­überwachung (durch befugte Fachperson oder Fachanstalt und mindestens einmal im Jahr Jahr) und durch werkseigene Produktionskontrolle untersucht werden. Eine Charge entspricht maximal einer Wochenproduktionsmenge: Fünf Tage oder 50 Produktionsstunden. Bis zum Abschluss der Untersuchung ist die Charge zwischenzulagern. Erst dann kann eine Weitergabe an Dritte, das Inverkehrbringen, erfolgen. Jede Charge ist einer bestimmten Qualitätsklasse zuzuordnen – unter Einhaltung aller Grenzwerte. Die CE-Kennzeichnung des Recyclingbaustoffs enthält einen vierstelligen Code:  Der erste Code bezeichnet das Material. Zum Beispiel RA für rezykliertes, gebrochenes Asphaltgranulat oder RG für rezykliertes Granulat aus Gestein. Der zweite Code stellt die bautechnische Güteklasse dar (Frostbeständigkeit, Widerstand gegen Zertrümmerung etc.) Der dritte Code den Sieblinienbereich (zum Beispiel 0/90 oder 0/32 Millimeter) und der vierte die Qualitätsklasse der Umweltverträglichkeit: A+, A, B oder C. Durch diese Kennzeichnung sind die bautechnischen und umwelttechnischen Anwendungsmöglichkeiten eindeutig ableitbar, so Starke.

Übergabe an Dritte

Wie der Diplomingenieur erläuterte, verlieren Recyclingbaustoffe der Qualitätsklassen U-A mit der Übergabe an Dritte (Inverkehrbringen) ihre Abfalleigenschaft und werden zum Recyclingbaustoffprodukt. Die Hersteller von Recyclingbaustoffen müssen die Produktion und das Inverkehrbringen von Recyclingbaustoffen und Recyclingbaustoffprodukten melden und bilanzieren. Gleiches gilt für Abfall-Ersterzeuger, die Recyclingbaustoffprodukte in Umlauf bringen. Eine Sammler-/Behandlererlaubnis beziehungsweise eine Bilanzierung anderer Abfälle ist nicht notwendig.

Die Übergangsbestimmungen für Recyclingbaustoffe, die bereits vor Inkrafttreten der Verordnung erzeugt wurden, sehen eine Verwertung nach den Vorgaben des österreichischen Abfallwirtschaftsplanes von 2011 (ohne vorzeitiges Abfallende) bis spätestens zum 31. Dezember 2017 vor. Alternativ kann eine Qualitätssicherung der Baustoffe gemäß der Recycling-Baustoffverordnung erfolgen. Bis zum 31. Dezember 2017 können Stahlwerkschlacken und stahlwerkschlackenhaltiger Straßenaufbruch auch ungebunden unter einer Deckschicht verwendet werden. Chemische Analysen dürfen während der Übergangsfrist von dafür nicht akkreditierten Labors durchgeführt werden. Eine Schadstofferkundung und der Rückbau sind erst bei nach dem Inkrafttreten genehmigten Abbrüchen oder Sanierungen verpflichtend.

„Unser Weg geht nur über die Qualität“, brachte Roland Starke die Vorteile der künftigen österreichischen Recycling-Baustoffverordnung, die im Herbst 2015 verabschiedet werden soll, auf den Punkt. Und Jürgen Weber zollte dem Referenten dafür Anerkennung und Respekt: In relativ kurzer Zeit habe Österreich das Thema Baustoffrecycling zielführend vorangetrieben und zusammen mit allen Akteuren einen rundum vernünftigen Entwurf erarbeitet, der vorbildhaft für Europa erscheint. Warum tun wir uns in Deutschland nur so schwer mit der Mantelverordnung? Diese Frage wird die Branche hoffentlich nicht noch länger beschäftigen.

Foto: O Kürth

(EUR0415S16)