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Mehr Auto-Elektronik, mehr Recycling, mehr Erlöse?

Die elektrische und elektronische Ausstattung von Fahrzeugen nimmt stetig zu. Neben traditionellen Radios und Servolenkungen werden immer mehr Komponenten wie Navigationssysteme, Klimaanlagen, Einparkhilfen, Abstandsradar oder Wegfahrsperren verbaut.

Lohnen sich Demontage und Recycling dieser zusätzlichen Materialpotenziale am Ende des Lebenszyklus? Das untersuchte im Auftrag des Umweltbundesamtes die Callparts Recycling GmbH in Kooperation mit der Ökopol GmbH und der ELPRO Elek­tronik-Produkt Recycling GmbH. Erste Ergebnisse stellte das Team auf der Berliner Recycling- und Rohstoffkonferenz im März vor.

Die erste VW Golf-Generation, die ab 1974 auf den Markt kam, verfügte über ein einziges  Steuergerät, der VW Golf 5 ab Baujahr 2003 bereits über 28, und der aktuelle VW Golf 7 enthält rund 60 elektr(on)ische Komponenten mit insgesamt 2,4 Kilogramm Leiterplatten. Neuere Fahrzeugmodelle bergen 20 bis 30 Gramm Kupfer, mehrere Gramm Platin oder Palladium, drei Gramm Silber, 0,3 Gramm Gold und zwischen zwei und 20 Gramm Neodym. Der durchschnittliche Gold-, Silber- Palladium-, Neodym- und Tantalgehalt eines europäischen Mittelklasse-Volvo liegt nach Darstellung der Untersuchung über dem gemittelten Gehalt aus 30 in Verkehr gebrachten Elektrogeräten. Lediglich hinsichtlich Kobalt, Indium und Yittrium sind Elektrogeräte metallhaltiger als Fahrzeuge.

Allerdings erfasst die heutige Altfahrzeug-Demontage weder Edel- noch Selten-Erd-Metalle, da die Schredderanlagen nicht auf deren Rückgewinnung fokussiert sind. Einer Studie zufolge gelangen über 90 Prozent an Gold und Neodym eines Shredder-Outputs in die Schredderleichtfraktion und den Siebdurchgang.

Zeit ist Geld

Um den Demontageablauf abzubilden, wählte das Team aus einer Liste von Fahrzeugelektronikteilen 30 Komponenten aus, die gezielt aus 10 + 1 „jungen“ Altfahrzeugen ausgebaut werden sollten. Die Extraktion erfolgte durch einen professionellen Kfz-Mechaniker, der möglichst schnell und wenn nötig rigoros zu Werke gehen sollte. Gemessen wurde die Zeit, die der Ausbau jedes speziellen Elektronikteils erforderte, sowie die benötigte Zeit, um beim Ausbau störende Aggregate zu entfernen. Die Ergebnisse differierten je nach Verbau der Komponenten und nach Fahrzeugtyp.

Die Wirtschaftlichkeit eines Rückbaus errechnet sich aus den Demontagekosten – Ausbauzeit multipliziert mit 35 Euro pro Stunde an Werkstattkosten sowie Logistikkosten von 30 Euro pro Tonne – und den Erlösen aus den Komponenten, die oftmals von Behandlungsanlagen zur stofflichen Verwertung von Elektroaltgeräten zu Marktpreisen angenommen werden. Um die Erlöspreise zu ermitteln, ließ das Team 131 der separierten Komponenten und zehn Sauerstoffsensoren in ihre Materialbestandteile zerlegen.

Knapp kalkuliert

In eine Matrix mit Demontagekosten und Komponentenerlösen eingetragen, ergab sich, dass die Separation von 57 der 141 Materialbestandteile wirtschaftlich vertretbar ist. Selbst dann, wenn die Zeit zum Ausbau störender Aggregate mit veranschlagt wurde, erwiesen sich die meisten Demontagen von Invertern, Start-Stopp-Komponenten, Motor- und Getriebesteuerungen, Unterhaltungselektronik und Lambdasonden als ökonomisch. Für etliche andere Bauteile galt dies, wenn die Arbeiten zum Ausbau von Störteilen nicht in die Kosten einflossen.

Konkreter gesprochen: Die Verwertung der Inverter von Hybridfahrzeugen erwirtschaftet mit über zwölf Euro den größten Gewinn, das Kupfer von Lichtmaschinen wirft Erlöse von drei bis vier Euro pro Stück ab, und mit Getriebesteuergeräten können mehr als zwei Euro Gewinn gemacht werden. Für die übrigen Komponenten rangieren die Erlöse unter zwei bis einem Euro. Verlängert sich jedoch die Separationszeit für eine solche Komponente – was bei sehr alten Fahrzeugen leicht vorkommen kann –, so erhöht sich bei Werkstattkosten von 35 Euro pro Stunde der Aufwand pro Minute um 58 Cent. Das Team geht davon aus, dass „eine solch minutenscharfe Organisation der Vorgänge praktisch kaum möglich“ ist. Auf 84 der 141 untersuchten Bauteile trifft das zu: Hier muss bei einer soliden Kostenkalkulation davon ausgegangen werden, dass die Erlöse die Demontagekosten nicht decken.

Neodym möglicherweise wirtschaftlich

Auch die Wirtschaftlichkeit eines Recyclings von Neodym wurde berechnet. Dabei kommen auf Seiten der Demontagekosten zu den erwähnten Werkstattkosten noch Behandlungskosten in Höhe von geschätzten 200 Euro pro Tonne und Logistikkosten in Höhe von 30 Euro pro Tonne für den Elektrogeräte-Behandler hinzu. Bei den Erlösen schlug der Neodym-Börsenpreis im April 2014 mit 89,35 Euro pro Kilogramm bei einer angenommenen Recyclingeffizienz von 80 Prozent zu Buche.

In elf der 131 Komponenten konnte dieses Seltene-Erd-Metall ausgemacht werden, von denen jedoch neun ohne Berücksichtigung des Neodyms nicht wirtschaftlich behandelt werden können. Bei möglicher Vermarktung des Selten-Erd-Metalls sieht das Team für Servomotoren und Lautsprechern Erlöse, die wirtschaftlich lohnenswert sein könnten. Der Konjunktiv an dieser Stelle ist angebracht: Neodym fiel von Februar 2014 bis Januar 2015 um knapp 38 Prozent und stand im Januar 2015 bei 79,65 Euro; die jetzige Dotierung dürfte die Erlösmarge deutlich drücken.

Information und Kooperation verbessern

Aufgrund dieser Berechnungen kommt die Untersuchung für das Umweltbundesamt zu dem Schluss, dass zwei Handlungsfelder optimiert werden müssen, um Demontage und Verwertung wirtschaftlich zu gestalten. Das erste besteht in der Verbesserung der Informationslage für die Fahrzeugelektronik demontierenden Unternehmen. Hierzu gehören unter anderem die Erstellung modellscharfer Informationen, die farbliche Kennzeichnung relevanter Komponenten sowie eine Weiterentwicklung der existierenden Informationsdatenbank IDIS.

Das zweite Handlungsfeld zielt auf eine verbesserte Abstimmung und Kooperation zwischen Altfahrzeug- und Komponentenverwertern, die durch Netzwerke ausgebaut werden könnte. Für kleinere Demontagebetriebe, die nur geringere Materialmengen bearbeiten und liefern können, empfiehlt sich die Bündelung von Abfallströmen, um Sammlung und Transporte effizienter zu gestalten. Als kurzfristige Maßnahme rät die Untersuchung, sich auf die zurzeit erlösreichen Kupfer-Metalle zu konzentrieren und zukünftig auch die Verwertung weiterer Elemente wie Seltene Erden, Gallium, Indium oder Tantal mit einzubeziehen.

Der vollständige Artikel über „Perspektiven der zunehmenden Fahrzeugelektronik für das Altfahrzeugrecycling“ kann nachgelesen werden in: Recycling und Rohstoffe, Band 8, hrsg. von Karl J. Thomé-Kozmiensky und Daniel Goldmann, Neruppin 2015, ISBN 978-3-944310-20-6.

Foto: O. Kürth

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