Altfahrzeugverwertung: Herausforderungen und Lösungen

Damit die Verwertung von stillgelegten Altfahrzeugen auf einem hohen ökologischen Niveau erfolgt, müssen in der EU seit diesem Jahr 95 Prozent des Fahrzeuggewichts wiederverwendet oder verwertet werden.

Obwohl diese Quote eine Herausforderung für die Automobilrecycling-Branche bedeutet, kann sie erreicht werden. Das wurde während des 15. Internationalen Automobil-Recycling Kongresses IARC deutlich, der vom 25. bis 27. März dieses Jahres in Berlin stattfand und mit 252 Teilnehmern aus 24 Ländern auf eine große Resonanz aus den beteiligten Wirtschaftszweigen stieß. Eines der beherrschenden Themen dieser Veranstaltung war jedoch der Schwund von ausrangierten Altautos für das Recycling durch illegale Aktivitäten wie den Export in Länder außerhalb der Europäischen Union sowie die Behandlung durch nicht autorisierte Betriebe. Laut Artemis Hatzi-Hull von der EU-Kommission, in der Generaldirektion Umwelt zuständig für den Bereich Abfallentsorgung, hat die europäische Altfahrzeug-Direktive Vorteile für Umwelt sowie Wirtschaft gebracht und spiele auch eine Schlüsselrolle für ein ressourceneffizientes Europa. Die bislang – im Rahmen der Evaluierung von fünf Abfallströmen seitens der Kommission – identifizierten Probleme im Altautorecycling hätten hauptsächlich etwas mit der Umsetzung in den EU-Mitgliedsländern zu tun.

Um die Altfahrzeug-Verwertung weiter zu verbessern, dächten die EU-Kommissare über geeignete Maßnahmen nach, erläuterte Frau Hatzi-Hull nach ihrem Vortrag in einer Pressekonferenz. Dazu gehörten die Harmonisierung des Berichtsystems und der Kalkulationsmethoden innerhalb der EU-Länder, damit sich sowohl die Aussagekraft als auch die Zuverlässigkeit der Statistiken erhöhen. Auf diese Weise soll die Vergleichbarkeit der erfassten Daten realisiert werden. Außerdem gibt es Überlegungen, die Demontagebetriebe besser über recyclingfähige Materialien zu informieren. Zudem soll die fortschreitende Entwicklung der Fahrzeugtechnik in der Praxis des Altfahrzeug-Recycling berücksichtigt werden. Gedacht ist beispielsweise an neue Werkstoffe (wie Nanomaterialien) und Technologien (beispielsweise in Elektrofahrzeugen).

Manuel Burnand (Derichebourg Environnement): Die Autodemontage vor dem Schredderprozess liefert eine saubere E40-Fraktion mit niedrigem Kupferanteil und hoher Metallausbeute, so dass der Materialkreislauf geschlossen werden kann (Foto: ICM AG)

Manuel Burnand (Derichebourg Environnement): Die Autodemontage vor dem Schredderprozess liefert eine saubere E40-Fraktion mit niedrigem Kupferanteil und hoher Metallausbeute, so dass der Materialkreislauf geschlossen werden kann (Foto: ICM AG)

Die EU-Direktive in ihrer jetzigen Form wird von der europäischen Automobilindustrie nicht in Frage gestellt. Sie habe ihre Wirksamkeit unter Beweis gestellt, hatte Erik Jonnaert, Generalsekretär des Branchenverbands ACEA (Association des Constructeurs Européens d‘ Automobiles – European Automobile Manufacturer’s Association), schon in seinem Vortrag unterstrichen. Schwermetalle seien entweder verboten oder drastisch reduziert worden, die zunehmende Verwendung von Recyclingmaterialien drücke die Treibhausgas-Emissionen, die Recyclingfähigkeit eines Autos werde im Rahmen der Typgenehmigung nachgewiesen und Verbraucher könnten Altfahrzeuge kostenlos zurückgeben. Die Rechtsvorschriften wurden in den 1990er Jahren entwickelt, gab er in diesem Zusammenhang zu bedenken, und basierten auf gewissen Annahmen zu jener Zeit. Um nachhaltige Gestaltungsmöglichkeiten zu erleichtern, sei deshalb ein durchgängiges Konzept erforderlich.

Allerdings sehen auch die Fahrzeughersteller Verbesserungsmöglichkeiten im Hinblick auf das Automobilrecycling in der EU. Jonnaert sprach sich dafür aus, dass angesichts der lückenhaften Rückverfolgbarkeit ein Verwertungsnachweis die Regel sein sollte. Auch eine einheitliche Umsetzung der Richtlinie ist aus Verbandssicht notwendig, um gegen nicht autorisierte Betriebe vorzugehen und so Wettbewerbsgleichheit für alle ordnungsgemäß arbeitenden Anlagenbetreiber zu schaffen. Ferner sollten weitere Schritte unternommen werden, um die Post-Schredder-Technologie (PST) zu fördern, durch die sich Schredderrückstände sortenrein trennen lassen. Diese Behandlungstechnik sei die effektivste Methode, um komplexe Produkte wie Altfahrzeuge zu verwerten.

Demontage vor dem Schreddern verbessert die Qualität  

Zahlreiche Vorträge im Plenum und im Ausstellungsareal gaben den Kongressteilnehmern einen umfassenden Überblick über den aktuellen Stand des Altfahrzeugrecycling.

So berichtete Manuel Burnand vom französischen Schrott- und Stahlrecyclingunternehmen Derichebourg über die unternehmenseigenen Schredderinitiativen, die zusammen mit den Firmen ArcelorMittal, Constellium und IRT-M2P durchgeführt und ausgewertet wurden. In Frankreich hat das Unternehmen unterschiedlich alte Autos (17 und 4 Jahre) in zwei Schredderanlagen behandelt. Nach den Analysen stand fest, dass die Autodemontage vor dem Schredderprozess eine „sehr saubere“ E40-Fraktion (Schredderschrott Sorte 4) mit niedrigem Kupferanteil und hoher Metallausbeute liefert. Den Angaben zufolge erlaubt die Reinheit der Fraktionen das Schließen von Materialkreisläufen. Wenn die Altautos separat den Schredderprozess durchliefen, könne der Fe-Schrott aus demontierten Fahrzeugen beispielsweise für die Auto­blechproduktion verwendet werden.

Was NE-Metalle angeht, so erwartet Manuel Burnand, dass der Aluminium-Anteil in neueren Fahrzeugen steigen wird; die Separierung von Guss- und Knetlegierungen könnte seiner Ansicht nach interessant sein, um weitere Kreisläufe zu schließen. Die Rückgewinnung des Autoglases sollte in Kombination mit vorheriger Demontage erfolgen, meint der Redner. Das Glasrecycling mittels Post-Schredder-Technologie könne in Betracht gezogen werden, wenn die Altfahrzeuge getrennt von anderen Schrotten in den Schredder gelangten. Wie er weiter hervorhob, wird sich die Rückgewinnung von Kunststoffen auf einige leicht zu separierende Sorten konzentrieren. Der Kunststoffanteil in Autos sei mittlerweile gestiegen. Während die 17 Jahre alten Fahrzeuge etwa 87 Kilogramm Kunststoffe enthielten, brachten es die Kunststoffe in den vier Jahre alten Autos auf rund 118 Kilogramm, wobei 29 verschiedene Sorten gezählt wurden.

 

Heiner Guschall (Mitte) von der Sicon GmbH informierte in einem Vortrag über die Möglichkeit, alle Metallfraktionen aus Schredderrückständen wirtschaftlich zurückzugewinnen. Rechts im Bild sein Mitarbeiter Lars Daginnus (Foto: ICM AG)

Heiner Guschall (Mitte) von der Sicon GmbH informierte in einem Vortrag über die Möglichkeit, alle Metallfraktionen aus Schredderrückständen wirtschaftlich zurückzugewinnen. Rechts im Bild sein Mitarbeiter Lars Daginnus (Foto: ICM AG)

Stand der Technik: Post-Schredder-Technologien

Die Vorteile von Post-Schredder-Technologien (PST) sind heute allgemein anerkannt, zumal die Rückstände aus dem Schredderprozess mittels verschiedener Verfahren in verwertbare Fraktionen aufbereitet werden können, um das vorhandene Rohstoffpotenzial (wie NE-Metalle und nicht metallische Materialien) zu nutzen. Allerdings ist die Umsetzung des Altfahrzeugrecyclings in Kombination mit Post-Schredder-Technologien in den EU-Ländern unterschiedlich gelöst.

In den Niederlanden wird die geforderte Recyclingquote von 95 Prozent zwar erreicht, das System benötigt aber eine Anpassung im Hinblick auf die Finanzierung, so Arie de Jong von der niederländischen Organisation ARN, die 1995 als Auto Recycling Nederland gegründet wurde. Autorisierte Betriebe erhalten immer noch Prämien für Demontageleistungen, wobei der Schwerpunkt jedoch von der Masse zur Qualität verschoben wurde. In der PST-Anlage von ARN werden den Angaben zufolge die Schredderrückstände im Schreddergranulat für werkstoffliches und rohstoffliches Recycling, Schredderflusen und Schreddersand getrennt. Wie der Redner weiter berichtete, beeinflussen die ständig wechselnden Rechtsvorschriften (Verbrennung und Deponieabgaben) das Finanzergebnis der PST-Einrichtung.

In Griechenland existiert mit der Organisation EDOE (Alternative Management Vehicles Hellas) ein zugelassenes Rücknahmesystem mit offener Struktur, das über Verträge mit 145 Behandlungsanlagen, 26 Annahmestellen, sieben Schreddern und einer PST-Anlage ausgestattet ist. Laut Euripides Paul Korres vom griechischen Metallrecycler und Anbieter von Entsorgungsdienstleistungen Anamet S.A. ist ein Autoleben im Durchschnitt nach etwa 20 Jahren zu Ende, wobei eine beträchtliche Anzahl dieser Fahrzeuge entweder illegal verwertet oder exportiert wird. Außerdem seien die griechischen Daten über das Altautorecycling unzureichend und ungenau; von den sieben registrierten Schredderanlagen lieferten nur drei die anfallenden Schredderflusen an die einzige PST-Anlage des Landes. Anamet ist nach den Angaben seit 2009 im Autorecycling tätig und betreibt eine autorisierte Behandlungsanlage sowie einen Schredder in Athen. Schredderrückstände  werden zur PST-Anlage der Firma Aeiforos S.A. ins 500 Kilometer entfernte Thessaloniki gebracht. Euripides Paul Korres zeigte sich aber zuversichtlich, dass die Verwertungsquote von 95 Prozent aufgrund von Verbesserungen in der Recyclingkette noch in diesem Jahr erreicht wird.

Erzeugnis aus der Schredderleichtfraktion

Dass aus der Schredderleichtfraktion nützliche Produkte entstehen können, berichtete Elisa Bonaldi von der französischen Firma Federal-Mogul Systems Protection SAS. In Zusammenarbeit mit Partnern – darunter der Automobilhersteller Renault und die international tätige Zertifizierungsfirma Ecocert – wurde aus dem Gemisch (Polyethylen, Polyethylenterephthalat, Polyamid, Baumwolle, Polybutylensuccinat, Polyurethan etc.) mittels Thermoforming ein neues Produkt zur Geräuschunterdrückung entwickelt. „QuietShield“ wird unter der Marke Bentley-Harris vertrieben und ist nach Herstellerangaben im Internet eine Alternative zu geräuschdämmenden Vliesmaterialien für Kofferraum, Fahrzeughimmel, Instrumententafel und Türfüllung. Es wird unter anderem darauf hingewiesen, dass diese Dämmung aus Sekundärmaterialien besteht, Geräusche effektiv unterdrückt und den Spezifikationen der Industrie entspricht.

Laut Elisa Bonaldi haben Vergleiche gezeigt, dass „Quiet­Shield“ mit seinen Eigenschaften sowohl herkömmlichen Materialien wie primärem PET als auch Konkurrenzprodukten überlegen ist und im Hinblick auf Umweltfreundlichkeit Pluspunkte vorweisen kann. Mittlerweile hat Federal-Mogul mit „ProtexxShield“ ein weiteres Recyclingprodukt entwickelt. Den Angaben zufolge schützt das Isoliermaterial Batterien vor hohen Temperaturen im Motorraum und verlängert so ihre Lebensdauer.


 

Kritik aus der Recyclingbranche

Ganz so positiv wird die europäische Altfahrzeug-Direktive in der Recyclingwirtschaft jedoch nicht beurteilt. Wenn es nach der Unternehmensgruppe Scholz ginge, würde die europäische Richtlinie überarbeitet, um vor allem die illegalen Exporte zu stoppen. Experten schätzten das Aufkommen von Altfahrzeugen in Deutschland auf eins bis 1,5 Millionen Tonnen, aber tatsächlich werde weniger als die Hälfte im Land verwertet, so Scholz-Sprecherin Beate Kummer während der Pressekonferenz. Ihr lägen etliche Beweise für illegale Entsorgungsaktivitäten aus Deutschland, Österreich, Slowenien und Kroatien vor. Solche Umstände seien Gift für die Bereitschaft der Recyclingbranche, in Aufbereitungsanlagen zu investieren, zumal auf diese Weise ein kalkulierbarer Input fehle.

Darüber hinaus wünscht sich Scholz in einer überarbeiteten Fassung der Altfahrzeug-Richtlinie nicht nur eine exaktere Definition der Begriffe „Altfahrzeug“ und „Gebrauchtwagen“. Außerdem sollten künftig „die Exporteure nachweisen müssen, dass es sich bei dem Exportgut um einen Gebrauchtwagen und um kein Altfahrzeug handelt“, forderte die Unternehmenssprecherin. Bislang liege die Beweislast bei den Zollbehörden. Auf der Scholz-Wunschliste stehen auch Maßnahmen zur Erhöhung der Altautoerfassung in den Ländern der Europä­ischen Union.


 

Vollständige Metall-Rückgewinnung

Über die Möglichkeit, alle Metallfraktionen aus den Schredderrückständen wirtschaftlich zurückzugewinnen, informierte Heiner Guschall von der Sicon GmbH im Ausstellungsbereich. Das Unternehmen, das zusammen mit der Volkswagen AG das patentierte VW-Sicon-Verfahren*) entwickelt hat, kann den Angaben zufolge mit seinen modular aufgebauten Anlagensystemen sowohl die Metallrückgewinnung in sortenreinen Fraktionen realisieren als auch Kunststoffe und Fasern in einer Form bereitstellen, die eine weitere Verwertung ermöglichen. Das System SICON-120 ist beispielsweise in der Lage, die Schredderleicht- und -schwerfraktion zusammen aufzubereiten, was die allgemeinen Betriebskosten der Schredderanlage senkt.

*) Anm. d. Red.: PST-Anlagen aus dem Hause Sicon arbeiten unter anderem in Belgien, Deutschland, Frankreich, Griechenland und den USA.


Brigitte Weber

Foto: © Ulrich Müller / fotolia.com

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