Steigender Altpapierbedarf: Vor- und Nachteile

Als der bvse-Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung am 23. April in Berlin den mittlerweile 18. Internationalen Altpapiertag veranstaltete, hörten die rund 500 Teilnehmer aus 18 Ländern nicht nur positive Nachrichten.

Gleich zu Beginn der Veranstaltung beschrieb der Vorsitzende des bvse-Fachverbandes Papierrecycling Reinhold Schmidt die Schattenseiten der deutschen Altpapierwirtschaft: „Unsere Unternehmen stehen unter höchstem wirtschaftlichen Druck, der keinen Millimeter Spielraum mehr lässt für eine weitere Verschlechterung.“  Schmidt, der auch als bvse-Vizepräsident fungiert, kritisierte bei dieser Gelegenheit den politischen Stillstand im Hinblick auf das Wertstoffgesetz. Seit mehr als fünf Jahren werde diese Diskussion geführt, schilderte er die Situation. Momentan sei es wieder völlig offen, ob in dieser Legislaturperiode ein solches Gesetz verabschiedet werde. Die latent vorhandene Unsicherheit in dieser Frage lähme die Branche und sei sicherlich auch ein Grund für die seit Jahren festzustellende geringe Investitionsneigung. Die Verabschiedung der 7. Novelle der Verpackungsverordnung bewertete er als einen Schritt in die richtige Richtung.

Wenig Beifall findet auch der vorliegende Entwurf der Gewerbeabfallverordnung. „Alles dreht sich momentan darum, die stoffliche Verwertung, also das Recycling, zu stärken. Allerdings scheiden sich die Geister, wenn es darum geht, einen Weg zu finden, diese Zielsetzung auch tatsächlich umzusetzen“, sagte Schmidt. „Wir haben schon im letzten Jahr darauf hingewiesen: Das Kernproblem liegt darin, dass aufgrund der hohen Müllverbrennungskapazitäten die Verbrennungspreise im Verhältnis zu den Recyclingkosten zu niedrig sind.“ Hierzu äußere sich der Entwurf nicht. In der Kritik steht auch, dass gemischt anfallende Abfälle, die sich für eine stoffliche Verwertung nicht mehr eignen, den öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgern anzudienen sind. Der Verband befürchtet eine weitere Kommunalisierung.

Besseres Wirtschaftsklima

In wirtschaftlicher Hinsicht konnte Prof. Dr.  Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo-Instituts, von einem Lichtblick berichten. Seinen Worten zufolge hat sich die Weltwirtschaft nach der jüngsten Rezession 2008/2009 wieder gefangen. Aufgrund des leichten Wachstums in den vergangenen beiden Jahren gehe er von einem weiteren positiven Trend auch für 2016 aus. Eine ähnlich günstige Entwicklung prognostizierte er auch für die USA.
Nach dem wirtschaftlichen Einbruch aufgrund der Ukraine-Krise zeigt die Konjunkturkurve jetzt auch in Deutschland wieder nach oben, wofür laut Sinn die rege Exporttätigkeit verantwortlich ist. Die Prognosen für ein Wirtschaftswachstum lägen für 2015 bei plus 2,1 Prozent und auch für 2016 würde immerhin noch eine Steigerung um 1,8 Prozent erwartet, so der ifo-Präsident.  Als Ursachen für die anziehende Konjunktur nannte Sinn unter anderem den Rückgang der Rohstoffpreise (wie Rohöl, Roheisen, Eisenerz), was sich wiederum positiv auf den Konsumgüterkauf und damit verbunden die Exportgeschäfte auswirke.

Altpapier bleibt ein begehrter Rohstoff

Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Wirtschaftsentwicklung und der Papierverbrauch in enger Beziehung zueinander stehen. Deshalb war es wenig verwunderlich, dass Per-Ove Nordström, Experte für Global Basic Materials Practice bei McKinsey & Company in Schweden, in seinem Vortrag über Altpapierpreise und  -verfügbarkeit von einer weltweit zunehmenden Nachfrage ausging. Seinen Angaben zufolge sind die Preise für Kaufhausware und gemischte Papiere zum Beispiel in den USA innerhalb der zurückliegenden zwölf Jahre schneller gestiegen (um jährlich 2,5 Prozent) als diejenigen für Marktzellstoff (um jährlich 0,3 Prozent). Parallel hierzu erhöhte sich in allen Regionen der Welt die Altpapiererfassung, deren Quote – global betrachtet – von rund 42 Prozent (1995) auf rund 65 Prozent (2014) zugenommen hat.

Reinhold Schmidt: Die Altpapierbranche ist in schwierigen Zeiten (Foto: Brigitte Weber)

Reinhold Schmidt: Die Altpapierbranche ist in schwierigen Zeiten (Foto: Brigitte Weber)

Angesichts dieser Entwicklung habe der Rückgang der chinesischen Importe im Jahr 2014 kurzfristig zu einem Altpapierüberangebot geführt, erklärte der Fachmann, der während dieser Zeit in anderen Regionen keine Anhaltspunkte für einen nachlassenden Altpapierkonsum feststellen konnte. Im Gegenteil: Nach Einschätzung von Experten wird der weltweite Papier- und Kartonbedarf von 404 Millionen Tonnen im Jahr 2013 auf 473 Millionen Tonnen im Jahr 2023 zunehmen. Dabei sollen vor allem die Kapazitäten im Verpackungsbereich wachsen, was nach der Prognose den Altpapierbedarf weiter nach oben schrauben wird. Im Bereich der Wellpappenrohpapiere steige der Altpapierverbrauch durch neue Werke in Asien, Nordamerika und Europa bis 2017 um mehr als zwölf Millionen Tonnen. Dass Chinas geringeres Wirtschaftswachstum von etwa 7,5 Prozent nicht der einzige Grund für die gesunkene Importtätigkeit der Volksrepublik ist, erfuhren die Tagungsteilnehmer von Ranjit Singh Baxi, Chef der J & H Sales International Ltd. in Großbritannien. Mittlerweile seien Papierfabriken geschlossen worden, weil sie den strengeren Umweltgesetzen nicht entsprechen, informierte der Marktkenner. Infolgedessen habe das Land 2014 mit 27,3 Millionen Tonnen etwa vier Millionen Tonnen weniger Altpapier aus dem Ausland bezogen als im Vorjahr (31,6 Millionen Tonnen). Gleichzeitig werde verstärkt Altpapier gesammelt. Wenn die Altpapiererfassung in China und anderen asiatischen Ländern so schnell steige wie angenommen, werde die Volksrepublik in etwa fünf Jahren einige untere Altpapiersorten exportieren, ist der Experte überzeugt.  Daneben hob Baxi hervor, dass in China auch aufgrund der „Green Fence“-Politik Wert auf hohe Altpapierqualität gelegt wird, zumal diese in engem Zusammenhang mit den Kosten steht. Er gab deshalb den Rat, eng mit den asiatischen Altpapierkäufern zusammenzuarbeiten, um sowohl die Exportvolumina als auch eine akzeptable Rohstoffqualität zu einem global wettbewerbsfähigen Preis aufrechtzuerhalten. Altpapier sei ein weltweit gehandelter Rohstoff, und Europa könne es sich nicht leisten, ihn isoliert zu betrachten.

Neue Norm zur Qualitätskontrolle

Die künftigen Qualitätskontrollen waren ebenfalls ein wichtiges Thema beim Internationalen Altpapiertag. Die aktuelle europäische Altpapiersortenliste EN643 enthält zwar Vorgaben mit präzisen prozentualen Werten für Feuchte- und Fremdstoffobergrenzen jeder Altpapiersorte; es fehlt jedoch bislang an objektiven Messmethoden, informierte Andreas Uriel, Mitglied im Vorstand des bvse-Fachverbandes Papierrecycling und Delegierter des Verbands im Europäischen Altpapierverband (ERPA). Eine zweite Norm solle diese Lücke schließen. Nun befürchteten die Altpapierlieferanten, dass die damit einhergehenden Investitionszwänge in Anlagentechnik einseitig zu ihren Lasten gehen werden.

Per-Ove Nordström: Die Nachfrage nach Sekundärfasern wird weiter steigen (Foto: Brigitte Weber)

Per-Ove Nordström: Die Nachfrage nach Sekundärfasern wird weiter steigen (Foto: Brigitte Weber)

Ausgehend von den tolerierten Werten (unerwünschte Materialien, papierfremde Komponenten, Feuchtigkeit) in der Altpapiersortenliste EN643 erläuterte Barry Read von der britischen Vereinigung PITA (The Paper Industry Technical Association) und Obmann des Ausschusses CEN/TC 172, welche Messungen notwendig sein werden. In diesem Zusammenhang empfiehlt er einen Probennahmeplan für die Durchführung der Stichproben. Bei Ballen bieten sich den Angaben zufolge „Kernbohrungen“ an, wobei eine Probe gezogen beziehungsweise eine Sonde eingeführt wird. Laut Read können so die Kontrollen automatisiert werden. Lose Ware lasse sich auf diese Weise allerdings nicht testen. Was die Probengröße angeht, rät der Fachmann zu einem „Macro-Sample“ von 50 bis 200 Kilogramm, um eine optische Inspektion, die Kontrolle der unerwünschten Bestandteile  sowie die Feuchtigkeitsmessung durchzuführen. Für letztere stehen mit den Normen ISO 638 und ISO 287 (Ofentrocknung) entsprechende Standards zur Verfügung; schnelle Testverfahren müssen eine Korrelation mit der genannten Trocknungsmethode aufweisen. Barry Read rechnet damit, dass die geplante neue Norm CEN/TC 172/WG 2 (Standardsorten von Altpapier) wahrscheinlich erst 2019 angewendet werden kann, zumal bislang noch kein Normenentwurf existiert; der soll im Juli dieses Jahres bei einem Treffen in Budapest erarbeitet werden.

Wie wichtig die Verfügbarkeit exakter qualitätsrelevanter Informationen innerhalb der Altpapierlieferkette ist, erläuterte Dr.-Ing. Johannes Kappen, Leiter Marketing und Vertrieb bei der PTS-Papiertechnischen Stiftung in Heidenau. Die Situation, die er schilderte, ist bekannt: Das Verbraucherverhalten entscheidet über die Altpapiermengen, die verarbeitet werden können. Gleichzeitig ist das Produktportfolio der Industrie geprägt von starken Veränderungen, was viele Akteure entlang der Wertschöpfungskette gefährdet. Hinzu kommt, dass Qualität eine relative Größe ist, weil es keine einheitliche Auslegung gibt und Qualität oft nur bilateral definiert wird. Außerdem existiere bei den Akteuren eine enorme Bandbreite im Hinblick auf Größe und dem Grad an operationaler Freiheit, während Altpapier weltweit gehandelt werde. In verschiedenen Ländern versuchten die führenden Player gemeinsam, auf Testroutinen basierende Qualitätskontrollen in Übereinstimmung mit der EN643 zu etablieren. Ferner ist auch der politische Einfluss zu berücksichtigen, zumal das Material einem Teil der Lieferkette zugeteilt wird und als Abfall nicht ohne Weiteres international gehandelt werden darf.

Angesichts dieser Tatsachen ist es laut Kappen sinnvoll, die Altpapierqualität zu überprüfen.  So würden unter anderem Messungen durchgeführt, um den Wert des Rohstoffs zu ermitteln, seine Übereinstimmung mit den Standards und Vereinbarungen festzustellen und Schwankungen in den Prozessen zu kontrollieren. Darüber hinaus ermöglichten verlässliche Daten Leistungs- und Prozessverbesserungen sowie eine gesicherte Produktqualität. Last but not least würden solche Messungen helfen, ungeeignetes Material zu identifizieren und Lieferanten zu beurteilen.

Ranjit Baxi: In einigen Jahren wird China Altpapier exportieren (Foto: bvse)

Ranjit Baxi: In einigen Jahren wird China Altpapier exportieren (Foto: bvse)

Aus der Sicht eines Herstellers erläuterte Henri Vermeulen, Vizepräsident Altpapier  der Smurfit Kappa Group, Vorsitzender des Europäischen Altpapierrats (ERPC) und Mitglied im Rohmaterial-Ausschuss von CEPI (Confederation of European Paper Industries), warum Qualitätskontrollen ab 2018 in allen europäischen Fabriken des Verpackungsproduzenten durchgeführt werden. Den Angaben zufolge hat auch die irische Smurfit Kappa Group, die jährlich rund fünf Millionen Tonnen Altpapier verbraucht, mit der sinkenden Altpapierqualität zu kämpfen. Der Anteil unerwünschter Materialien nehme zu, so Vermeulen, der dafür unter anderem die Erfassung zusammen mit anderen Materialien verantwortlich macht. Außerdem sei Europa fast an seinem „Recycling-Limit“ angekommen, was unter anderem bedeute, dass zuerst die sauberen und verfügbaren Altpapiermengen gesammelt werden und danach die teureren und qualitativ schlechteren. Zur Gewährleistung der benötigten Rohstoffqualität will der Hersteller die Werke mit Kernbohrgeräten ausstatten, um Proben zu entnehmen, die anschließend mit Nahinfrarot-Sensoren analysiert werden sollen. Die so realisierten Qualitätskon­trollen sollen sicher, objektiv, zeiteffizient und automatisch sein sowie alle Ladungen treffen können.


Produktstatus für aufbereitetes Altpapier gefordert

Während der Tagung wurde das mangelnde Verständnis – gerade auch der politischen Entscheidungsträger – beklagt, dass Altpapier ein weltweit gehandelter Rohstoff ist. Altpapier sei eben nicht in jedem Teil der Welt in dem Maße verfügbar, wie er von der international aufgestellten Papierindustrie gebraucht werde. Deshalb benötige man einen Ausgleich zwischen den Märkten zum Nutzen aller Marktteilnehmer. Um dies zu erreichen, sei ein freier und fairer Markt erforderlich, der jedoch immer wieder von der EU-Kommission, aber auch von Gruppierungen mit Partikularinteressen in Frage gestellt werde. Nicht zuletzt deshalb forderte Andreas Otto, Geschäftsführer der Melosch Export GmbH, für die Altpapier-Entsorgungswirtschaft das Ende der Abfalleigenschaft für qualitativ aufbereitetes Altpapier und damit schnellstens den Wegfall abfallrechtlicher Vorschriften für Altpapier wie beispielsweise den Annex VII.


Brigitte Weber

Foto: bvse; Diskutierten über die Altpapier-Qualität: Henri Vermeulen, Dr.-Ing. Johannes Kappen, Andreas Uriel, Barry Read und Moderator Michael Brocker (v.l.n.r.)

(EUR0615S11)