Schrottmarktbericht Juni 2015: Durchgehandelt

Die Abschlussgespräche im Mai begannen etwas zäh, da die Abnehmer bestrebt waren, die zum Teil im Handel vorhandene Euphorie auf weiter steigende Preise zu dämpfen. Sie zögerten die Zukäufe zum Teil bis zur 20. Kalenderwoche hinaus, kauften dann jedoch zügig innerhalb von drei Tagen.

Bei weitgehend unveränderten Preisen blieb der Markt fest, obwohl einige Händler Altverträge zu bedienen hatten. Der Handel bezeichnete die Nachfrage im Berichtsmonat Mai als gut, wobei das leicht verbesserte Aufkommen an Sammelschrott generell durchgehandelt wurde. Dennoch besteht nach wie vor ein Angebotsdefizit bei bestimmten Altschrottsorten, und wie bereits im Vormonat verlief die Schrottbeschaffung nicht in allen Regionen komplikationslos. Je nach Region, Werk und Sorte kam es zu leichten Preisanpassungen nach oben oder unten. Im Osten Deutschlands zahlten die Verbraucher je nach Werk und Sorte 0 bis 5 Euro pro Tonne mehr als im Vormonat, wobei einige Verbraucher von der gegenüber dem Vormonat verbesserten Lieferbereitschaft der polnischen Schrottanbieter profitieren konnten.

Berechnet auf der Basis der Durchschnittspreise in Euro/Tonne für die Länder Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Großbritannien. (Basisjahr 2001 = 100), Quelle: EUROFER

Berechnet auf der Basis der Durchschnittspreise in Euro/Tonne für die Länder Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Großbritannien. (Basisjahr 2001 = 100), Quelle: EUROFER

Anscheinend zogen die polnischen Lieferanten die sichere Bezahlung deutscher Abnehmer der schlechteren Zahlungsmoral im eigenen Land vor. Im Norden, Nordwesten und Westen Deutschlands waren die Preise unverändert, obwohl einige Verbraucher am Monatsanfang versucht hatten, Preisreduzierungen durchzusetzen. Der Bedarf der Westwerke am Rhein war noch geringer als im Vormonat. Neben einer Erhöhung der Walzkapazität durch den Einsatz von aus Brasilien gelieferten Halbzeugen, einer roheisenintensiveren Produktionsweise und einem sehr geringen Bedarf an Fremdschrotten kamen technische Probleme in dem anderen Werk hinzu.

Die erfreulich rege Nachfrage im Südwesten, in deren Folge die Preise bis zu 5 Euro pro Tonne angestiegen sind, hatte Auswirkungen auf angrenzende Regionen. Insgesamt war der Handel mit der Schrottnachfrage der Elektrostahlwerke zufrieden. Deren Auftragslage scheint zumindest bis zur Sommerpause das derzeitige Niveau halten zu können.

Nachbarländer
Mit ihrer Preissenkung von 5 Euro pro Tonne gegenüber den inländischen Lieferanten zeigten die italienischen Verbraucher gleich zum Monatsanfang, dass gewünschte Preiserhöhungen der ausländischen Anbieter nicht zur Debatte standen. Bei wenig Verhandlungsbereitschaft, einem verringerten Bedarf und in Abhängigkeit vom Preisniveau im April reduzierten die Stahlwerke die Preise bis zu 5 Euro pro Tonne. Die Stahlwerke in der Schweiz deckten ihren Bedarf im Mai zu unveränderten Preisen ein. Spürbar war der vorerwähnte leichte Preisdruck aus dem Südwesten Deutschlands und aus Frankreich. Den Schrottbedarf eines wichtigen Schrottverbrauchers in Frankreich bezeichneten deutsche Händler als gut, sodass er bei leicht erhöhten Angebotspreisen Mengen an sich ziehen konnte. Belgische, niederländische und der luxemburgische Abnehmer hielten die Einkaufspreise stabil. Marktteilnehmer aus den betreffenden Regionen berichteten von einem verbesserten Schrottzulauf zu den Lagern. Die frachtgünstig gelegenen Abnehmer konnten den schwachen Bedarf an der Rheinschiene für ihre Beschaffung nutzen. Auf die unveränderten bis leicht negativen Einkaufspreise, die die polnischen und tschechischen Schrottverbraucher dem Handel anboten, reagierten die entsprechenden deutschen Werke mit leichten Preiserhöhungen, was die Lieferwilligkeit positiv beeinflusst hat.

Deutschland, Basisjahr 2010 = 100, Quelle: Statistisches Bundesamt/Destatis

Deutschland, Basisjahr 2010 = 100, Quelle: Statistisches Bundesamt/Destatis

Optimismus verflogen
Obwohl die türkischen Abnehmer im Berichtszeitraum kontinuierlich und mit Preisen von bis über 280 US-Dollar pro Tonne für die Sorte HMS 1/2 (80:20) CFR Türkei eingekauft haben, lagen die nachgefragten Mengen für die Juniproduktion deutlich unter denen für die Maiproduktion. Der Exportmarkt sah sich starken Wechselkursschwankungen ausgesetzt, die das Ein- und Verkaufsverhalten beeinflussten. Der Kurs Euro zu US-Dollar bewegte sich in der bvse-Marktberichtsperiode von 1,07 Euro für 1 US-Dollar am 22. Mai 2014 über 1,14 Euro am 14. Mai und hat sich bis zum Redaktionsschluss um 0,02 Euro wieder leicht abgeschwächt. Damit war die Preisflexibilität der europä­ischen Exporteure begrenzt, denn immer noch liegen die Exportpreise unter den im Inland gezahlten Preisen. Zudem mussten sich die meisten Exporteure um die Erfüllung beziehungsweise die Eindeckung der laufenden Verträge kümmern, und hielten sich bei neuen Angeboten weitgehend zurück. Vorerst haben sich die türkischen Schrottverbraucher vom Markt zurückgezogen, um abzuwarten, wie sich die Absatzmöglichkeiten für ihre Fertigstähle entwickeln. Sowohl in Markt- als auch in Analystenkreisen wird viel über die weitere Entwicklung des wichtigsten internationalen Schrottimporteurs im Rahmen seiner internationalen Wettbewerbsfähigkeit diskutiert. Um beim Preiskampf im globalen Markt mithalten zu können, erhöhen einige türkische Stahlwerke den Zukauf an Knüppeln zulasten der eigenen Produktion via Elektroofen auf Basis von Schrott.

Laut internationalen Berichten haben türkische Werke im Mai große Mengen chinesische Knüppel zu 360 bis 370 US-Dollar pro Tonne CFR gekauft, um damit ab Juli ihren Betonstahl kostengünstiger anbieten zu können, als dies über das Einschmelzen von Schrott im eigenen Elektroofen möglich ist. Diese Entwicklung verstärkt sich mit der steigenden Aggressivität der chinesischen Anbieter im Weltmarkt und ist deutlich seit Jahresbeginn zu verfolgen (siehe bvse-Grafik). Es bleibt abzuwarten, wie sich der Schrottverbrauch in der Türkei im Sommer entwickelt.

Grafik: bvse

Grafik: bvse

Gießereien
Die befragten Händler zeigten sich mit der Nachfrage vieler Gießereien zufrieden, da der Bedarf über dem Niveau des Vormonats lag und Sorten nachgefragt wurden, deren Verkauf noch im Vormonat eher schleppend war, denn für die Hersteller von Grauguss scheint sich die konjunkturelle Lage verbessert zu haben. Je nach Gießerei und Sorte einigten sich Anbieter und Nachfrager auf Preise, die gegenüber dem Vormonat zwischen gleichbleibend und bis etwa 5 Euro pro Tonne höher lagen, sofern es sich um Abnehmer handelte, die an keinen Preisindex gebunden sind. Zu der Nachhaltigkeit der Entwicklung wollte sich jedoch niemand äußern, da es nach wie vor Gießereien gibt, deren Auslastungsgrad nicht auskömmlich ist.

Aussichten
Für Juni gehen die Marktteilnehmer von weitgehend stabilen Preisen aus. Gerade die Elektrostahlwerke melden bis zur Sommerpause im Juli/August eine gute Auslastung und damit einen gleichbleibenden, wenn nicht sogar besseren Schrottbedarf als im Mai. Mit der verbesserten Auftragslage scheint aber keine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation verbunden zu sein. Die vorhandenen Stahlüberkapazitäten europa- und weltweit lassen den Druck im Markt steigen.

Redaktionsschluss 22.05.2015, BG-J/bvse

(Alle Angaben/Zahlen ohne Gewähr)

Foto: O. Kürth

(EUR0615S32)