Das große Abwracken

Viele Nordsee-Bohrinseln stehen zur Demontage an.

Die Fördermengen in der Nordsee haben ihren Zenit überschritten. Seit dem Jahr 2000 ist die Ölproduktion um über die Hälfte zurückgegangen, und auch die Gasproduktion sinkt, wenn auch verhaltener. Die großen Ölkonzerne haben sich aus der Region zurückgezogen, und kleinere Unternehmen haben mit diversen Problemen zu kämpfen. Die Folge: Nach und nach muss der Großteil der Förder-Infrastruktur im Nordatlantik im Laufe der nächsten 30 Jahre entsorgt werden, legt eine neue Studie von Greenpeace Deutschland nahe.

Die Demontage von Bohrinseln ist seit 20 Jahren nicht mehr so einfach wie früher. Dafür hat die OSPAR-Konvention – ein völkerrechtlicher Vertrag zum Schutz der Nordsee und des Nord­ostatlantiks – gesorgt. Denn seit 1998 ist das Auflassen sowie das Versenken von stillgelegten Anlagen am Ort generell verboten, von gut begründeten Ausnahmen abgesehen. Plattformen, sogenannte Topsides, müssen ausnahmslos entfernt werden. Nur Betonstrukturen sowie Stahlkonstruktionen mit einem Gewicht von über 10.000 Tonnen sind von der grundsätzlichen Abbaupflicht ausgenommen.

Mit dem Gewicht von 768 Eiffeltürmen

Der Anlagenpark der überflüssig gewordenen Bohrfelder ist gewaltig. Allein im norwegischen Kontinentalschelf finden sich zwölf große Zementkonstruktionen sowie 19 schwimmende und 88 stationäre Stahlplattformen. Hinzu kommen 350 Anlagen auf dem Meeresboden. Insgesamt wiegen diese Anlagen 6,9 Millionen Tonnen, was umgerechnet dem Gewicht von 768 Eiffeltürmen entsprechen soll. Die Kosten für Stilllegung und Abwrackung des norwegischen Materialparks trägt indirekt der Staat zu drei Vierteln (78 Prozent). Doch im Gegensatz zu stillgelegten US-Anlagen, die an aussichtsreicheren Bohrplätzen wieder eingesetzt werden, sind die norwegischen Konstruktionen spezieller und weniger wiederverwendbar: In den meisten Fällen bleibt für sie nur der Weg ins Recycling. Recycling legt auch das Alter der Bohrtechnologie nahe. Die Anlagen im Vereinigten Königreich sind durchschnittlich 26 Jahre alt, die der Niederlande und Norwegen 24, während jene in dänischem Hoheitsgebiet 22 Jahre betragen. Zurzeit sind in der Nordsee 245 Einrichtungen mit einem Alter über 30 Jahre im Einsatz.

Aktuell 142 Anlagen auf der Liste

Laut aktueller Bestandsliste der OSPAR-Konvention gelten 142 Kon­struktionen als abgewrackt oder stehen zu diesem Zweck auf der Warteliste. Davon liegen 47 unter Wasser, und weitere sieben Bohrinseln kamen aufgrund ihrer Masse von über 200.000 Tonnen in den Genuss von Ausnahmeregelungen. Von den übrigen 88 Stahlplattformen, die über die Meeresoberfläche ragen, wurden insgesamt 56 an Land entsorgt.

Die meisten der 715 Anlagen in der Nordsee, die sich oberhalb der Wasseroberfläche befinden und daher in den nächsten Jahren zur Entsorgung anfallen, bestehen zu durchschnittlich 83 Prozent aus Stahl. Dennoch stellen die anfallenden Altlast-Mengen ein Materialgemisch aus Stahl, Beton, Kunststoff, Restölen und anderen Stoffen dar – in einer Masse, die je nach der weniger als 100 Tonnen und bis zu 500.000 Tonnen großen Infrastruktur variiert.

Zu 98 Prozent verwertet

Ein gut dokumentiertes Beispiel einer Demontage ist die North West Hutton Plattform, die einstmals 130 Kilometer nordöstlich der Shetland Inseln für BP ihren Dienst bis 2002 versah. Bis zum Ende der Verschrottung konnten über 98 Prozent der erfassten 28.427 Tonnen einer Verwertung zugeführt werden: 20.925 Tonnen (73,61 Prozent) wurden recycelt und 7.029 Tonnen (24,73 Prozent) wiederverwendet, und nur 473 Tonnen (1,66 Prozent) mussten entsorgt werden. Das gewonnene Material enthielt 28.010 Tonnen gemischte Metalle und 80 Tonnen Anoden, aber auch fünf Tonnen Asbest, 21 Tonnen Klärschlämme, knapp zehn Tonnen Chemikalien und 21 Tonnen Altöle und öliges Wasser.

Für die Plattform Brent Delta bestehen aktuell ebenfalls Abwrackpläne. Sie sehen vor, nur den Stahloberbau der Shell-Plattform mit einem Gewicht von 23.500 Tonnen zu entfernen – in einem Stück –, an Land zu transportieren und dort weiter zu behandeln. Shell geht davon aus, dass dabei 97 Prozent des geborgenen Materials wiederverwendet oder recycelt werden können. Allerdings wird kalkuliert, dass der gesamte Abbau zehn Jahre dauern dürfte, die Demontage der beiden anderen Brent-Plattformen Alpha und Bravo nicht mitgerechnet.

Kosten von mindestens 43,6 Milliarden Euro

Über die Abfallmengen, die durch die Demontage der Nordsee-Infrastrukturen entstehen werden, gehen die Schätzungen auseinander. Laut Oil & Gas UK sollen von 2014 bis 2023 insgesamt 927 Ölbrunnen in Nord- und Irischer See die Produktion einstellen. Dann gelte es, 246 Aufbauten von 104 Plattformen mit einem Gesamtgewicht von 281.600 Tonnen und 134.000 Tonnen Unterwasser-Konstruktionen zu entfernen und zu behandeln, zuzüglich zu mehr als 3.000 Kilometern an Pipelines. Die Beratungsagentur ARUP nennt in ihrer Studie für Decom North Sea und Scottish Enterprise andere Zahlen. Nach ihrer Darstellung beträgt das Gewicht der Infrastrukturen im Vereinigten Königreich rund drei Millionen Tonnen an Aufbauten (vorwiegend Stahl) und 1,687 Tonnen an Unterkonstruktionen (hauptsächlich Beton); für Norwegen nennt das Unternehmen 985.000 beziehungsweise 675.000 Tonnen, für die Niederlande 215.000 beziehungsweise 127.000 Tonnen und für Dänemark 155.000 beziehungsweise 87.000 Tonnen. Greenpeace schätzt, dass bis 2040 allein in der britischen Nordsee fast alle verbliebenen 470 Plattformen, etwa 10.000 Kilometer Pipelines und 5.000 Bohrlöcher stillgelegt und größtenteils abgebaut werden. Die Kosten sollen sich auf mindestens 31,5 Milliarden Pfund (43,6 Mrd. Euro), für die Nordsee insgesamt auf 47,5 Milliarden Pfund (65,7 Mrd. Euro) belaufen.Die vollständige Studie befasst sich –  „20 Jahre nach Brent Spar“ – mit der „Offshore Öl- und Gasförderung im Nordostatlantik“ und ist verfügbar unter  www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/20_jahre_nach_brent_spar_report_28-04-2015.pdf

Foto: Siemens AG

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