Etwas Schwund ist immer: Rebound-Effekt und dissipative Verluste

Ein nachhaltiger Materialkreislauf ist nur bei einer absoluten Entkopplung des Rohstoffverbrauchs von der wirtschaftlichen Entwicklung zu realisieren. Ein System, dessen Wirtschaftswachstum eine wachsende Nachfrage nach sich zieht, würde auch bei 100-prozentigem Materialkreislauf den Rohstoffbedarf nicht decken können.

Zu den Faktoren, die die völlige Entkopplung verhindern, gehören der Rebound-Effekt und die sogenannten dissipativen Verluste. Martin Faulstich, Mitglied des Sachverständigenrats für Umweltfragen, stellte beide Phänomene auf dem 27. Kasseler Abfall- und Bioenergieforum vor: Der Rebound-Effekt lässt sich als „Effekt des gesteigerten Konsums als Folge verringerter Nutzungshürden für eine Technologie“ umschreiben. Er ist dadurch zu erklären, dass durch Steigerung der Ressourceneffizienz Produkte günstiger werden, sodass durch massenhafte Anschaffung oder häufigere Neuanschaffung des Produkts der spezifische Materialverbrauch steigt. So hat sich zwischen 1997 und 2005 der Goldgehalt von Mobiltelefonen halbiert, wodurch sich – neben dem zunehmend geringeren Gewicht dieser Geräte – die Nachfrage und der Verkauf von Handys um 700 Prozent steigerten. Die Folge: Der Goldverbrauch für die neuen Mobiltelefone stieg insgesamt um 300 Prozent, der ursprüngliche Einspareffekt wurde durch Effizienzsteigerung kompensiert und verkehrte sich ins Gegenteil. Die Steigerung der Ressourceneffizienz kann zudem den negativen Effekt haben, dass durch Miniaturisierung oder Legierung die Materialeffizienz sinkt, da die Rückgewinnung der Wertstoffe aufwändiger wird.

Schon infolge der Herstellung von Produkten entstehen unwiederbringliche Materialverluste, da sie so kompakt oder komplex gebaut werden, dass ein Recycling technisch nicht möglich oder wirtschaftlich unrentabel ist. In diese Kategorie fallen diverse Elektrogeräte, Metallfolien und Einwegprodukte (Rasierer, Kugelschreiber etc.). Andere Materialien wie Dünger, Pharmazeutika, Kosmetika sowie Partikel von Autolacken, Hausanstrichen oder Schiffsfarben diffundieren bei ihrem bestimmungsgemäßen Verbrauch in die Umwelt und entziehen sich jeglicher Wiederverwendung. Derart gehen beispielsweise über Pestizide, Dünger, Futtermittel und Pigmente pro Jahr etwa 8.000 Tonnen Kupfer verloren.

Zu den Verursachern von Dissipation zählt auch die Korrosion an Fahrzeugen, Schiffen oder Metallbauten durch Luft, Regenwasser, Salze oder andere chemische Reaktionen. Die weltweiten Verluste an Eisen durch Korrosion werden auf 16 Millionen Tonnen pro Jahr beziffert. Bei Schienennetzen kommt zur Korrosion noch Abrasion hinzu: Der nutzungsbedingte Verschleiß ist darüber hinaus auch bei Bahnrädern, Bremsscheiben und Fahrdrähten ein bekanntes Phänomen. Staubemissionen im Schienenverkehr sind auf Abrasion in erster Linie von Eisen, aber auch Blei, Kupfer, Mangan, Nickel, Chrom und Zinn zurückzuführen. Für das deutsche Schienennetz wird von Gesamtemissionen durch Abrasion in Höhe von 13.000 Tonnen Metall ausgegangen.

Einbußen selbst beim Recycling

Wertstoffe gehen auch durch nicht-nachhaltige Produktgestaltung verloren, derzufolge  Alufolien, RFID-Chips oder fest verbaute Akkus nicht stoffgerecht erfasst und recycelt werden. Gleiches erfolgt bei Nutzerfehlern oder falschem Konsumentenverhalten, wenn etwa Elektrogeräte, Kunststoffteile oder RFID-Chips über die Restmülltonne entsorgt werden und aufgrund technischer und/oder wirtschaftlicher Grenzen in den Aufbereitungsanlagen keine entsprechende Separation erfahren. Allein für RFID-Tags wird der Materialverlust bis 2020 auf 1.000 Tonnen Kupfer, Aluminium und Silber pro Jahr geschätzt. Und durch schlechte Sortierung von Elektroschrott gehen jährlich 1,59 Tonnen Gold und 0,48 Tonnen Platin verloren.

Verluste sind selbst im Recyclingprozess nicht zu vermeiden. So erleiden bei der Wiederaufbereitung von Stahlschrott unter Einsatz von Zinn sowohl Stahl wie Zinn Qualitätseinbußen. Und bei der Rückgewinnung von Zink aus Stahlwerkstäuben kann das Metall am Ende des Wälzverfahrens zwar zu 95 Prozent zurückgewonnen werden; die restlichen fünf Prozent werden jedoch erst mit der Schlacke ausgeschieden und finden unter anderem Verwendung im Straßenbau. Die Verluste beim Zinkrecycling aus Filterstäuben werden auf über 6.000 Tonnen pro Jahr veranschlagt. Andere Verfahren verursachen noch weitaus höhere Schlackenrückstände. Aufgrund thermo-dynamischer Eigenschaften spielen sie auch bei der Behandlung nicht trennbarer Legierungen, metallurgischen Prozessen oder katalytischen Verfahren eine Rolle und führen zu dissipativen Materialverlusten.

Aus diesen Fakten und Zahlen lässt sich der Schluss ziehen, dass ein vollständig geschlossener Materialkreislauf nicht realisierbar ist, zumal die Notwendigkeit zu Schadstoffsenken nicht außer Acht gelassen werden darf. Dennoch muss das Ziel weiterhin darin bestehen, das bisherige Recycling in Qualität, Quantität und hinsichtlich der Palette möglichst vieler Rohstoffe zu optimieren. Das geht, wie aus den aufgezählten Materialverlust-Quellen abzuleiten ist, nicht ohne zusätzliche Instrumente und erweiterte Handlungsansätze. Hierzu gehören unter anderem die Reduzierung des Materialeinsatzes, eine Verlängerung der Nutzungsdauer im Sinne einer verminderten Obsoleszenz, die Substitution von Produkten und Materialien und eine allgemeine Veränderung der Konsumgewohnheiten.  Und auch die Abfallwirtschaft kann – das entsprechende Abfallrecht und eine Subventionspolitik für Sekundärrohstoffe vorausgesetzt – auf eine verbesserte Kreislaufführung hinarbeiten: durch Mindest-Recycling-Anteile, stärkere Produktverantwortung, Pfandsysteme, Rohstoffkataster und innovative Technologien.


 

Literaturhinweis: „Wie viel Recycling braucht eine nachhaltige Wirtschaft?“, in: Bio- und Sekundärrohstoffverwertung, Band X, hrsg. Von Klaus Wiemer u.a., Witzenhausen 2015, ISBN 3-928673-70-X.


 

Foto: O. Kürth

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