Wertstoffgesetz: Entwurf voraussichtlich im Herbst

Diese – einigermaßen überraschende – Ankündigung während des 18. Inter­nationalen Altkunststofftages in Bad Neuenahr lässt in der Branche Hoffnung aufkeimen, dass anspruchsvolle Verwertungsvorgaben das Recycling weiter fördern.

Dr. Helge Wendenburg vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit geht davon aus, dass der Gesetzesentwurf nach der Sommerpause diskutiert werden kann. Das zukünftige Gesetz soll Quotenvorgaben festsetzen, berichtete der Vertreter des Ministeriums bei der Veranstaltung, die vom bvse-Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung und der BKV GmbH als Repräsentant der Kunststoffindustrie ausgerichtet wurde. Als recycelt beziehungsweise verwertet sollen jene Abfallmengen gelten, die von einer Sortieranlage in eine Verarbeitungsanlage gehen und letztere als Sekundärrohstoffe verlassen. Es werde auch klare Regeln für duale Systeme und Lizenzentgelte geben, erläuterte Wendenburg. Zudem solle die Aufsicht deutlich gestärkt werden; eine zentrale Stelle sei ebenfalls vorgesehen.

Dr. Helge Wendenburg (rechts): Der Entwurf zum Wertstoffgesetzt kann wahrscheinlich im Herbst diskutiert werden (Foto: bvse)

Dr. Helge Wendenburg (rechts): Der Entwurf zum Wertstoffgesetzt kann wahrscheinlich im Herbst diskutiert werden (Foto: bvse)

Es sieht also so aus, als würde in absehbarer Zeit der Wunsch des bvse doch noch in Erfüllung gehen und mit Hilfe des geplanten Wertstoffgesetzes manche Probleme der Unternehmen in der Kunststoffrecycling-Branche gelöst werden können. Nicht umsonst wies bvse-Hauptgeschäftsführer Eric Rehbock in seinem Vortrag auf das „enorme Wertstoffpotenzial“ hin, das in Deutschland und Europa brach liege. Bei dieser Gelegenheit hob er auch hervor, dass für das Kunststoffrecycling keine Märkte geschaffen werden müssten, denn die gebe es längst und sie funktionierten hervorragend. Das Hauptproblem der Kunststoffrecycler sei der Mangel an Material in ausreichender Qualität.

Die aktuelle Situation

Die im bvse organisierten Unternehmen unternähmen vielseitige Anstrengungen, um genügend und geeignetes Inputmaterial für ihre Anlagen zu generieren, unterstrich Herbert Snell, Vizepräsident des Verbandes, im Rahmen eines Pressegesprächs am Rande der Veranstaltung. „Derzeit müssen wir im Ausland unsere Rohstoffe beschaffen. Das geht so lange gut, bis dort eine Recyclingindustrie aufgebaut ist. Dann sitzen wir auf dem Trockenen und müssen unsere Anlagen schließen.“

Für die akute Materialknappheit sind nach Verbandsangaben die sinkenden Lizenzmengen im Verpackungsbereich verantwortlich, denn die absolute Menge der für das werkstoffliche Recycling zur Verfügung stehenden Kunststoffabfälle habe abgenommen. In Deutschland werden jährlich mehr als zwei Millionen Tonnen Leichtverpackungen erfasst; fast die Hälfte dieser Menge – 980.000 Tonnen – besteht aus Kunststoffen.

Die qualitativ guten Mengen würden von dualen Systemen in eigenen Anlagen verarbeitet, ins Ausland geleitet und die noch verbleibenden – häufig minderen – Qualitäten ständen in scharfer Konkurrenz mit Verbrennungsanlagen, beschrieb der Verband die Lage. Außerdem müsse die durch die dualen Systeme angelieferte Ware vom Kunden, also vom Kunststoffrecycler, hinsichtlich der Qualität überprüft werden. Seit Jahren durchgeführte, neutrale Sortieranalysen hätten gezeigt, dass der Anteil mangelhafter (nicht den Spezifikationen entsprechender) Mischkunststofflieferungen auf 94 Prozent (Daten aus 2013) angestiegen ist; der Störstoffanteil liege über 15 Prozent. Wie Dr. Dirk Textor, Vorsitzender des bvse-Fachverbandes Kunststoffrecycling, in diesem Zusammenhang mitteilte, hat sich die Qualität im Laufe der Zeit weiter verschlechtert: Mittlerweile entsprächen 100 Prozent der Mischkunststofflieferungen nicht den Spezifikationen.

Der Internationale Altkunststofftag konnte mit internationalen Referenten aufwarten: (v.l.) Eric Rehbock (bvse), Bob Yang (CIQAR, VR China), Surendra Borad (BIR), Ranjit Baxi (BIR), Dr. Thomas Probst (bvse), Foto: bvse

Der Internationale Altkunststofftag konnte mit internationalen Referenten aufwarten: (v.l.) Eric Rehbock (bvse), Bob Yang (CIQAR, VR China), Surendra Borad (BIR), Ranjit Baxi (BIR), Dr. Thomas Probst (bvse), Foto: bvse

Die dualen Systeme seien deshalb aufgefordert, den Ansprüchen der Kunststoffrecycler gerecht zu werden, so der bvse. Dies könne und dürfe jedoch nicht weiter zulasten der Sortierbetriebe geschehen. Es sei wichtig, dass sie für gute Qualitäten ausreichend bezahlt würden.  Der Verband begrüßt daher laut Dr. Thomas Probst, Referent des bvse-Fachverbandes Kunststoffrecycling, die Gründung der GBP Quality GmbH, die eine unabhängige Überprüfung der Sortierqualitäten anbietet. Zunächst werde die Qualität der angelieferten Ballenware dokumentiert. Anschließend sollen die Daten mit Unterstützung der Fachhochschule Magdeburg unter Leitung von Prof. Gilian Gerke ausgewertet werden. Ziel ist es den Angaben zufolge, „aus den Erkenntnissen neue, den modernen Anforderungen besser entsprechende Spezifikationen zu entwickeln und ein vereinfachtes Prüfschema zu finden“. Daneben behielten bilateral vereinbarte Qualitäten ihre Berechtigung, zumal sie heute Usus sind.

Hohe Verwertungsquote in Deutschland

Dass 99 Prozent aller Kunststoffabfälle in der Bundesrepublik verwertet werden, erfuhren die Tagungsteilnehmer von Christoph Lindner von der Consultic Marketing und Industrieberatung GmbH. Die jüngste Bestandsaufnahme in Form der „Consultic-Studie“ für das Jahr 2013 ergab, dass in Deutschland die Kunststoffmenge zur Verarbeitung 11,76 Millionen Tonnen betrug, fast ein Prozent weniger als im Jahr 2011. Mehr als ein Drittel der Kunststoffe (oder 4,115 Millionen Tonnen) wurden zu Verpackungen verarbeitet, gefolgt von Erzeugnissen für den Baubereich (2,76 Millionen Tonnen), den Fahrzeugsektor (1,180 Millionen Tonnen) und den Elektro(nik)bereich (705.000 Tonnen). Der inländische Kunststoffkonsum für die privaten und gewerblichen Endverbraucher stieg nach den Zahlen gegenüber dem Jahr 2011 um 0,4 Prozent auf 9,69 Millionen Tonnen.

Ton Emans: In den drei BeNeLux-Ländern sind 44 Unternehmen im Kunststoffrecycling tätig (Foto: bvse)

Ton Emans: In den drei BeNeLux-Ländern sind 44 Unternehmen im Kunststoffrecycling tätig (Foto: bvse)

Parallel hierzu fielen 2013 in Deutschland insgesamt 5,68 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle an (darunter 4,75 Millionen Tonnen von privaten und gewerblichen Endverbrauchern), die nach der Consultic-Statistik zu 99 Prozent (5,64 Millionen Tonnen) verwertet wurden. Wie Christoph Lindner in diesem Zusammenhang anmerkte, ist die Abfallmenge seit 1994 um jährlich 4,0 Prozent gestiegen. Für die Zunahme ist nach seinen Worten vor allem der Anstieg im Post-Consumer-Bereich verantwortlich; das Ausmaß erhöhte sich im gleichen Zeitraum um rund 2,8 Millionen Tonnen, was einer Steigerungsrate von 4,8 Prozent pro Jahr entspricht. 2,32 Millionen Tonnen (41 Prozent) des Aufkommens an Kunststoffabfällen flossen in die werkstoffliche und rund 50.000 Tonnen (ein Prozent) in die rohstoffliche Verwertung.

Kunststoffrezyklate kamen 2013 vornehmlich in Bauprodukten (39,1 Prozent), Verpackungen (24,8 Prozent) sowie in Erzeugnissen für landwirtschaftliche Anwendungen (10,4 Prozent) zum Einsatz. In Fahrzeugen (7,5 Prozent) sowie Elektro- und Elektronikgeräten (4,7 Prozent) war ihr Anteil geringer. Der Löwenanteil der Abfallmenge – 3,26 Millionen Tonnen oder 57 Prozent – gelangte in die energetische Verwertung, wobei 1,23 Millionen Tonnen (22 Prozent) zu Ersatzbrennstoffen verarbeitetet oder im Rahmen der Mitverbrennung in Industrieanlagen genutzt wurden sowie 2,03 Millionen Tonnen (35 Prozent) in Müllverbrennungsanlagen endeten. Die beseitigte beziehungsweise deponierte Menge betrug etwa 40.000 Tonnen.

In seiner Prognose im Hinblick auf die zukünftige Entwicklung ging Lindner davon aus, dass neue Gesetze in der Europäischen Union das Kunststoffrecycling intensivieren werden. Die heutige Recyclingquote für Kunststoffverpackungen wird seiner Ansicht nach voraussichtlich von aktuell 22,5 Prozent (realisiert seien etwa 34 Prozent) auf über 50 Prozent steigen. Dies werde massive Auswirkungen auf zukünftige Mengenszenarien haben. Im Falle eines Recyclingziels von 60 Prozent müssten dann im Jahr 2020 rund 17,7 Millionen Tonnen Post-Consumer-Kunststoffabfälle (bei einem Altkunststoffaufkommen von über 29 Millionen Tonnen) ins Recycling gebracht werden, so der Redner. Bei einer eher niedrigen Exportrate könnte dies einen Mengenzuwachs von bis zu zehn Millionen Tonnen für den europäischen Markt bedeuten.


Internationales Branchentreffen

Beim 18. Internationalen Altkunststofftag konnten die Organisatoren rund 480 Teilnehmer aus neun Ländern begrüßen. Neben Vertretern der europäischen Kunststoffindustrie, deutscher Ministerien und Universitäten war auch eine Delegation aus China an die Ahr gereist. Gleiches galt für den neu gewählten Präsidenten des Bureau of International Recycling (BIR), Ranjit Baxi.

Flankiert wurde die Veranstaltung von einer Ausstellung, an der sich 28 Unternehmen beteiligten. Unter anderem wurden Produkte des Kunststoffrecyclings gezeigt; die Schau wurde von Dr. Stefan Bosewitz organisiert. Das Kunststoffrecycling in Deutschland hat sich zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig entwickelt. Der bvse hat über 300 Mitgliedsunternehmen, die in diesem Bereich tätig sind. Schätzungen zufolge generieren die deutschen Kunststoffrecycler einen Umsatz in Höhe von 1,5 Milliarden Euro mit der Herstellung von Rezyklaten, die vorhergehende und nachfolgende Wertschöpfungskette nicht mitgerechnet.


Kunststoffrecycling in BeNeLux

Es ist mittlerweile Tradition, dass beim Internationalen Altkunststofftag die Situation eines Gastlandes analysiert wird. In diesem Jahr waren die BeNeLux-Staaten – Belgien, die Niederlande und Luxemburg – Partner der Branchentagung. In den drei Ländern ist das Kunststoffrecycling über alle Aufbereitungs- und Produktstufen sehr weit entwickelt, so der bvse. Allerdings würden über die Niederlande und Belgien auch große Mengen an recycelbaren Kunststoffen nach Fernost exportiert.

Wie die Unternehmen in diesen drei Ländern arbeiten, berichteten in einem Workshop Surendra Patawari Borad (Chef der Gemini Corporation NV im belgischen Antwerpen und Vorsitzender des Kunststoff-Komitees im Bureau of International Recycling (BIR) in Brüssel), Ton Emans (CeDo Recycling BV im niederländischen Geelen), Peter Daalder (Daly Plastics BV im niederländischen Zutphen) und Ari Kooijman (4PET Recycling BV im niederländischen Arnhem). Während der Hauptveranstaltung stellte Ton Emans in seiner Eigenschaft als Präsident der europäischen Vereinigung Plastics Recyclers Europe (PRE), Brüssel, den Wirtschaftszweig in den drei Ländern vor. So erfuhren die Anwesenden, dass die BeNeLux-Staaten mit über 90 Prozent die höchsten Kunststoff-Verwertungsraten in der EU haben. In dieser Region beträgt das Aufkommen an Kunststoffabfällen jährlich 1,5 Millionen Tonnen. Die Kunststoffrecyclingbranche umfasst 44 Unternehmen mit einer jährlichen Kapazität von insgesamt 700.000 Tonnen; Schwerpunkte sind die Kunststoffe LDPE (Low-Density Polyethylen), PET (Polyethylenterephthalat) und PVC (Polyvinylchlorid).


Brigitte Weber

Foto: Harald Heinritz / abfallbild.de

(EUR0715S6)