„Das Material ist nicht draußen im Markt“

… brachte Vorstandsmitglied Tom Bird die Erkenntnisse der Fachspartensitzung Eisen und Stahl im Rahmen der BIR World Recycling Convention & Exhibition in Dubai auf den Punkt. Das Thema erneut: Schrottmangel. Handelsrestriktionen durch Protektionismus, Ölpreis-Fluktuationen, die instabile weltpolitische Lage sowie die neuen Pre-Shipment-Inspection-Regeln wirken sich auch auf die Ver­fügbarkeit anderer Sekundärrohstoffe aus.

Das Bureau of International Recycling hat einen neuen Verbandspräsidenten gewählt. Schatzmeister und Ehrenvorsitzender der Fachsparte Papier, Ranjit Singh Baxi (J & H Sales International Ltd), folgt Björn Grufman (Metallvarden) für die nächsten zwei Jahre im Amt – weitere Amtszeiten nicht ausgeschlossen. Nach dem BIR Jahresbericht 2014, der nun vorliegt und für den noch Björn Grufman verantwortlich zeichnet, fiel das Wirtschaftswachstum geringer aus als angenommen. Die Anzeichen einer konjunkturellen Erholung verdichteten sich nicht. Für die Branche, so der Bericht weiter, hängt viel davon ab, dass insbesondere in Westeuropa die Industrieproduktion an Aufschwung erfährt. Überkapazitäten und niedrige Volumina seien weiterhin gegeben, verschiedene, seitens der Politik und den Zentralbanken durchgeführte katalytische Maßnahmen, die zu einer Aufhellung der konjunkturellen Lage beitragen sollen, seien bislang kaum von Erfolg gekrönt. Nordamerika befindet sich den Informationen nach offenbar in besserer Verfassung als Europa, jedoch steht den Beobachtungen der BIR-Mitglieder zufolge auch dort das reale Wachstum noch auf schwachen Füßen. Mit der COP21-Konferenz der Vereinten Nationen Ende 2015 in Paris verbindet sich die Hoffnung, dass ein „sinnvolles neues Klimaschutzabkommen“ beschlossen wird: „Ziel muss es sein, die Kohlendioxid-Emissionen auf ein Niveau zu senken, auf dem wir die globale Erwärmung innerhalb der Grenzen halten können, die als unbedingt erforderlich angesehen werden. Verstärktes Recycling ist eines der Werkzeuge, mit denen eine Verringerung der Treibhausgas­emissionen realisiert werden kann. Dieser Ansatz muss in künftigen Abkommen berücksichtigt werden.“ Und damit zur Entwicklung in den einzelnen Sekundärrohstoffmärkten, wie sie sich zuletzt darstellte:

Der alte und der neue BIR-Präsident: Björn Grufman und Ranjit Singh Baxi (Foto: BIR)

Der alte und der neue BIR-Präsident: Björn Grufman und Ranjit Singh Baxi (Foto: BIR)

Fe-Metalle: Wie in einer Zeitschleife

Gemäß einer aktuellen BIR-Marktuntersuchung, die Statistik-Beauftragter Rolf Willeke in der  Fachspartensitzung Eisen und Stahl im Rahmen der BIR World Recycling Convention & Exhibition im Mai in Dubai erläuterte, erhöhte sich der Schrottanteil in der Stahlproduktion im letzten Jahr weltweit um 0,9 Prozent auf 586 Millionen Tonnen. Größter Exporteur von Stahlschrott war die EU-28 mit 16.859 Millionen Tonnen – ein leichtes Wachstum von 0,3 Prozent. Während Russland seine Exportquote im Zeitraum auf beachtliche 53,2 Prozent steigern konnte und 5.689 Millionen Tonnen Schrott ausführte, gingen die US-Exporte in 2014 um 17 Prozent auf über 15 Millionen Tonnen zurück. Die weltweite Stahlproduktion wird voraussichtlich im Jahr 2025 bis auf zwei Milliarden Tonnen anwachsen, wobei 40 Prozent dieses Wachstums auf China entfällt.

Aus Sicht von Gastreferent Dr. Edwin Bassin (World Steel Association) werden vor allem China, die Türkei und nicht zuletzt die ASEAN-Staaten (Brunei, Kambodscha, Indonesien, Laos, Malaysia, Myanmar, Philippinen, Singapur, Thailand, Vietnam) und NAFTA-Staaten (USA, Kanada, Mexiko) künftig mehr Schrott nachfragen. Eine stärkere Nachfrage ist zugleich in den aufstrebenden südamerikanischen Volkswirtschaften Brasilien und Argentinien anzunehmen. Bis 2019 könnte der Mehrbedarf insgesamt circa 110 Millionen Tonnen betragen. Auch dürften mehr Elektrolichtbogenöfen in der Stahlproduktion eingesetzt werden. Gegenwärtig liegt hier der Anteil bei 28 und innerhalb eines Jahrzehnts bei geschätzten 32 bis 33 Prozent. Wie  Fachspartenvorsitzender William Schmiedel (Sims Metal Management Global Trade Corporation) in diesem Zusammenhang feststellte, verzeichneten die chinesischen Stahlexporte (Halbzeuge und Fertigprodukte) im Februar und März 2015 einen deutlichen Einbruch. Im April stiegen die Exporte wieder um 8,5 Millionen Tonnen – gegenüber dem Vormonat März eine Steigerungsrate von 15 Prozent.

Rückblickend auf das Jahr 2014 schienen sich für Schmiedel die Probleme des Vorjahres 2013 wie in einer Zeitschleife zu wiederholen: überschüssige Produktionskapazität in der Stahlindustrie und im Stahlschrott verarbeitenden Sektor, Handelsschranken und weit verbreitete Marktvolatilität. So nahm in der zweiten Halbjahr 2014 der Kapazitätsüberschuss der weltweiten Stahlproduktion zu, als chinesische Stahlkonzerne – getrieben durch den Wettbewerbsdruck, bei unveränderter Inlandsnachfrage und sinkenden Eisenerzpreisen – die Exportmärkte mit ihren Stahlprodukten geradezu überschwemmten. Das im letzten November erreichte Allzeithoch von 9,72 Millionen Tonnen wurde im Dezember mit 10,17 Millionen Tonnen übertroffen. Im Gesamtjahr 2014 schossen die Ausfuhren von Stahlendprodukten aus China gegenüber 2013 um mehr als 50 Prozent in die Höhe und erreichten ein Volumen von 93,78 Millionen Tonnen, während im selben Zeitraum die inländische Rohstahlproduktion lediglich um ein Prozent stieg. Schmiedel sieht die Lage dadurch erschwert, dass China seine Strategie zum Aufbau inländischer Kapazitäten für die Versorgung mit Stahlschrott und zur Kürzung seiner Importe offensichtlich fortsetzt. 2014 fiel die chinesische Importquote bei Stahlschrott um 42 Prozentpunkte. Die Einfuhren machten im Gesamtjahr 2,6 Millionen Tonnen aus.

Die Eisenerzpreise sanken im Jahresverlauf 2014 von 130 auf nahezu 70 US-Dollar pro Tonne. China schaltete im Dezember in den Importmodus und kaufte eine monatliche Rekordmenge von 86,9 Millionen Tonnen im Ausland ein: Die Jahresgesamtmenge erreichte 932,7 Millionen Tonnen; 2013 importierte die Volksrepublik „lediglich“ 820 Millionen Tonnen. William Schmiedel ist davon überzeugt, dass sich an der Situation des Margenverfalls im Stahl erzeugenden und Stahlschrott verarbeitenden Sektor nichts ändern wird, „bis der Kapazitätsüberhang durch eine entsprechende Auslastung abgebaut wird oder Rationalisierungsmaßnahmen ergriffen werden“.

Bezugnehmend auf die Ausführungen von Gastreferent Dr. Edwin Bassin sprach Tom Bird (Mettalis Recycling) das Problem der Import- und Exportrestriktionen vieler Länder für den internationalen Handel mit Schrott an. „Das Material ist nicht draußen im Markt und wird im Land gehalten“, konstatierte der Experte. Auch George Adams (SA Recycling) und Zain Nathani (Nathani Group) bestätigten in der Fachspartensitzung, dass es an Schrott mangelt und die im Markt verfügbaren Mengenvolumina tendenziell weiter abnehmen. Die Preise für die einzelnen Schrottsorten und damit die Margen sind folglich auf einem niedrigen Niveau. Als zusätzliches Problem erweisen sich die neuen Pre-Shipment-Inspection-Regeln für Schrottimporte: Sie werden von der Fe-Branche als unklar und verwirrend empfunden. So bleiben dem Vernehmen nach derzeit Eisenschrotteinfuhren nach Indien aus den USA, Europa und Japan aus. Von „Auftragsstillständen“ war gar die Rede.

Indes gibt es hinsichtlich der „Bedrohung des Schrotthandels“ durch protektionistische Kräfte auch positive Signale der Entspannung. Unter anderem ließ Eurofer-Präsident Robrecht Himper (ArcelorMittal Europe) verlauten, dass der europäische Stahlverband nicht die Absicht habe, auf eine schärfere Regulierung der Exporte von europäischem Schrott zu dringen, da dies einen Präzedenzfall schaffen und gegen den Grundsatz des fairen Handels verstoßen würde. Bereits auf der BIR-Herbsttagung im letzten Oktober in Paris erklärte der Präsident der deutschen Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff, dass die Sektoren für Stahl und Stahlschrott auf einen freien Warenverkehr ausgerichtet sind. Dies sei unabdingbar.

NE-Metalle: Keine Entspannung in Sicht

In seiner Antrittsrede als neuer Vorsitzender der Fachsparte NE-Metalle erinnerte David Chiao (Uni-All Group) daran, dass bei der letzten BIR World Convention in Dubai vor sechs Jahren der Markt für Nichteisen-Metallschrott nach einer sehr schwierigen Phase – aufgrund der Wirtschaftskrise von 2008/09 – wieder auf die Beine gekommen sei.

Doch danach – und darauf gingen die Vorträge von Nasser Aboura (Aboura Metals) und Sidney Lazarus (Non-Ferrous Metal Works) ein – sieht es heute nicht aus: Die instabile weltpolitische Lage (über 400 teils hochgewaltsame Konflikte, darunter mindestens 20 Kriege), Ölpreis-Fluktuationen und die Gesetzgebungen unter anderem zum Import von Rohstoffen aus Konflikt- und Hochrisikogebieten – siehe die geplante EU-Verordnung zur Schaffung eines freiwilligen Selbstzertifizierungssystems – beeinflussen das Marktgeschehen. Bedingt durch den starken Kupfermarkt in China und die angespannte Kreditpolitik der Banken mühen sich die Sekundär-Schmelzhütten derzeit mit schwachen Verkäufen in den USA ab. Wie auch beim Eisenschrott sind die Mengen an Nichteisenschrott rückläufig. Es fällt folglich weniger Schrott an, was ebenfalls Handelsrestriktionen durch den Protektionismus vieler Länder geschuldet ist. Die Margen haben einen weiteren Tiefpunkt erreicht, und die Branche ist einem hohen Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Die schon in 2014 unverändert schwierige Situation für die Branche könnte sich durch die – wie es auf der Fachspartensitzung hieß – vertraute Kombination aus geopolitischen Spannungen, dem weltweit stotternden Konjunkturmotor, der schrumpfenden Nachfrage und den anhaltenden Metalldiebstählen weiter verschärfen. Als zusätzliches Problem erweisen sich die Vielzahl von Kontrollen und Pflichten, die dem Schrotthandel weltweit auferlegt worden sind. Der erneute Einbruch der Nichteisenmetallpreise zur Jahreswende „zerstörte jede Hoffnung“ auf ein besseres Jahr 2015 – insbesondere vor dem Hintergrund der Erwartung, dass sich der Konjunkturrückgang in einigen der führenden Verbraucherländer beschleunigen dürfte.

So in China – mit zwangsläufig negativen Auswirkungen auf alle Handelspartner dieser bedeutenden Volkswirtschaft. Neuere Prognosen deuten darauf hin, dass das BIP-Wachstum der Volksrepublik in diesem Jahr die 7 Prozent-Marke verfehlen und den Wert von 7,4 Prozent aus 2014 demnach deutlich unterschreiten wird. Das vergangene Jahr war schon für die chinesischen NE-Metallschrottverarbeiter ein sehr schwieriges. Die anhaltende Kreditknappheit und mangelnde Verfügbarkeit von Material ließ die chinesischen Kupferschrottimporte von 4,37 Millionen Tonnen im Jahr 2013 auf 3,875 Millionen Tonnen in 2014 zurückgehen – ein Minus von 11,4 Prozent.

Die größten Mengen an Nichteisen-Metallschrott fallen nach den Marktinformationen von Nasser Aboura weiterhin im Mittleren Osten an. Dabei gewinnt dem Experten zufolge insbesondere in den Arabischen Emiraten, Katar, Jordanien und Saudi Arabien das Recycling an Bedeutung. Hauptimporteur von Schrott aus dem Mittleren Osten ist nach wie vor Indien. Wie Gastreferent Mohan Agarwal, Managing Director Century Metal Recycling Pvt Ltd, Indiens größter Hersteller von Aluminium-und Zink-Legierungen, berichtete, schnellten die jährlichen Aluminiumimporte nach Indien zwischen 2010 und 2013 von 456.336 auf 724.106 Tonnen in die Höhe. Mehr als ein Drittel davon stammte dabei aus den Golfstaaten. Ein wichtiger Aluminiumabnehmer ist Indiens Automobilindustrie, die kräftig expandiert. Dafür, ob sich die neuen Pre-Shipment-Inspection-Regeln schon auf den Handel mit NE-Metallschrott auswirken, liegen noch keine repräsentativen Erkenntnisse vor.

Rostfreie Stähle und Speziallegierungen: Die Achse hat sich verlagert

Mit den Worten des Vorsitzenden des Fachausschusses Rostfreie Stähle und Speziallegierungen im BIR, Joost van Kleef (KMR Stainless BV), bleiben die Aussichten für die Nickel-Roheisen-Produktion in Indonesien weiter ungewiss. Sollten in diesem Jahr tatsächlich dort, wie angekündigt, drei neue Anlagen in Betrieb gehen, hätte das zweifellos beträchtliche Auswirkungen auf den Schrottmarkt. Falls das indonesische Exportverbot weiter Bestand hätte, sei mit einer Angebotsverknappung auf dem Nickelmarkt in den nächsten Jahren zu rechnen. Der Anstieg der Nickelpreise sei schon jetzt maßgeblich darauf zurückzuführen – nach dem Höchststand im Mai 2014 (21.100 US-Dollar pro Tonne) habe sich Anfang dieses Jahres der Preis allerdings wieder auf 14.000 US-Dollar eingependelt. Ohnehin werde die Bedeutung von Edelstahlschrott aber weiter zunehmen – auch in China. Ein „großer Wandel“ stehe hier an, mit einem Überangebot an rostfreiem Stahlschrott. Das Material müsste folglich exportiert werden. Einige Experten vermuten hingegen, dass sich der US-amerikanische Markt für rostfreien Stahlschrott umgekehrt dramatisch verschiebt: vom Überangebot in eine Knappheit. Und das in weniger als sechs Monaten.

Die sich zu Jahresbeginn 2014 abzeichnende, gestiegene Nachfrage nach Edelstahlschrott ließ – begünstigt durch das in Indonesien erlassene Ausfuhrverbot für Eisenerz, was einen Anstieg des Nickelpreises um 45 Prozent in den ersten sechs Monaten zur Folge hatte – eine insgesamt positive Entwicklung erhoffen. In der zweiten Jahreshälfte trübten sich die Markterwartungen aufgrund der geopolitischen Krisen jedoch ein. Obgleich sich viele Walzwerke vor dem Hintergrund der schwächeren Konjunktur mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten konfrontiert sahen, hat die weltweite Produktion von rostfreiem Rohstahl im letzten Jahr um acht Prozent zugenommen und somit einen neuen Rekordwert erreicht. 2015 wird ein weiterer Anstieg um 3,8 Prozent auf über 46 Millionen Tonnen erwartet.  Die Achse der Weltproduktion hat sich im letzten Jahrzehnt unübersehbar verlagert: Der Markt wird von China dominiert. 2014 produzierte die Volksrepublik 21,7 Millionen rostfreien Rohstahl, ein Plus von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auf China entfällt jetzt bereits mehr als die Hälfte der gesamten Weltproduktion; im Jahr 2006 lag der Anteil noch bei 18,5 Prozent. Der im Land anfallende Schrott wird derzeit zu hundert Prozent in der heimischen Edelstahlproduktion eingesetzt. In den USA könnte die Produktion um drei Millionen zunehmen und in Europa um 5,1 Prozent auf 7,65 Millionen Tonnen wachsen. Den größten Anstieg wird möglicherweise Indien verzeichnen: Plus 13,1 Prozent auf 3,96 Millionen Tonnen. Zu den derzeit führenden Edelstahlproduzenten zählen Outokumpu, die chinesische Tsingshan Group, Aperam und Acerinox.

Kunststoffe: Markturbulenzen durch Ölpreiseinbrüche

Politisch ging es auch in der Sitzung des Fachausschusses Kunststoffe zu. Vorsitzender Surendra Patawari Borad (Gemini Corporation NV) kritisierte hier einmal mehr die sogenannte „Verbalnote“ im Rahmen der EU-Verordnung 1418/2007, wodurch sämtliche Exporteure von Altkunststoffen aus den EU-Mitgliedsstaaten auf 74 Absatzländer beschränkt wurden. Anders als US-amerikanische Unternehmen, die in 160 Länder ausführen dürfen. Die in den USA hergestellten Kunststofferzeugnisse lassen allerdings weiterhin Recyclingfähigkeit missen, und nach Ansicht von Verbrauchern werde sich an Ort und Stelle nach wie vor zu wenig um Rückgabe- und Entsorgungsmöglichkeiten für Altkunststoffe gekümmert.

Die einbrechenden Ölpreise haben zuletzt zu Marktturbulenzen geführt. Im Ergebnis kam es zu ungewöhnlich hohen Preisschwankungen. Viele Unternehmen der Kunststoff-Recyclingwirtschaft seien darüber verunsichert, hieß es auf der Sitzung in Dubai. Ende 2014 und Anfang 2015 erreichte der Preis für ein Barrel Erdöl ein Sechs-Jahres-Tief. Und es werden kurz- und mittelfristig weitere Preissenkungen aufgrund weltweit steigender Bestände prognostiziert. Eine Reihe neuer Vorschriften und Kontrollen, verbunden mit zusätzlichem bürokratischen Aufwand, setzten dem Handel mit Altkunstoffen zur Verwertung schwer zu. Die freie Geschäftstätigkeit werde immer mehr eingeschränkt und reglementiert. Einem Bericht der chinesischen Registrierungsbehörde für Exporteure von Recyclingmaterialen (AQSIQ) zufolge zeigt das in der Volksrepublik 2013 eingeführte Green Fence-Importkontrollsystem, das Borad befürwortet, Wirkung. Es habe zu einer allgemeinen Qualitätsverbesserung beigetragen und sich bewährt. Dr. Steve Wong (China Scrap Plastics Association) bestätigte das: Materialien, die den chinesischen Umweltschutzvorschriften nicht entsprechen, werden konsequent vom Import ausgeschlossen. Im letzten Jahr waren für insgesamt 86 Prozent der als ungeeignet eingestuften Ausschlüsse vier Gründe verantwortlich: allgemeine Verunreinigungen, die über der Norm lagen; ungewaschenes oder unsauberes Material; streng regulierte Verunreinigungen, die über der Norm lagen; Vermischung von Materialien mit verbotenen Stoffen.

China wird den Einschätzungen nach ein wichtiger Absatzmarkt für nordamerikanische und europäische Lieferanten bleiben, auch wenn die dortigen Verwertungsbetriebe für Altkunststoffe bedingt durch Arbeitskräftemangel und das im Verhältnis zu anderen Staaten Südostasiens höhere Lohnniveau unter zunehmenden Wettbewerbsdruck geraten sind. Nach vorläufigen Angaben wurden 2014 aus den USA 1,5 Millionen Tonnen in die Volksrepublik und Hongkong ausgeführt: eine Quote von 76 Prozent, die im Monat Dezember erfolgten Importe nicht eingerechnet. Im Jahresvergleich stiegen die Ausfuhren nach China um neun Prozent und nach Hongkong sogar um 32 Prozent. Als Potenzialmarkt für die Verwertung von Kunststoffen stellten sich außerdem in zwei Gastpräsentationen von Katharina Goeschl (Emirates Environmental Technology LLC) und Mahmoud Al Sharif Jr. (Sharif Metals Int. LLC) die Länder im Mittleren Osten vor. Die Arabischen Emirate recyceln hier angeblich schon bis zu 50.000 Tonnen im Jahr. In Saudi Arabien seien es sogar 100.000 Tonnen. Noch gehen die Anfallmengen aber überwiegend in den Export – hauptsächlich nach China.

Unverändert erscheint die Situation in Europa beim Kunststoffrecycling: Es findet zu wenig statt. Bei wachsender Zunahme der Verarbeitungskapazitäten verharren die Recyclingraten weiter auf niedrigem Niveau, liegt die Quote im europäischen Durchschnitt bei mageren 25 Prozent. An erster Stelle der „Behandlungslösungen“ steht mit jährlich rund zehn Millionen Tonnen nach wie vor die Entsorgung von Altkunststoffen auf Deponien. Knapp neun Millionen Tonnen werden energetisch verwertet und nach letztem Stand lediglich 6,6 Millionen Tonnen recycelt. Tatsächlich könnte diese Zahl noch zu hoch gegriffen sein: Die Berichtspflichten der EU-Mitgliedstaaten an Eurostat zum Beispiel weisen oft klaffende Lücken und Unstimmigkeiten auf; die Statistiken sind daher nicht immer belastbar.

Wurde in seinem Amt bestätigt: Reinhold Schmidt, Vorsitzender der BIR-Fachsparte Papier (Foto: bvse)

Wurde in seinem Amt bestätigt: Reinhold Schmidt, Vorsitzender der BIR-Fachsparte Papier (Foto: bvse)

Altpapier: Kontraproduktive Handelshemmnisse

Die Fachsparte Altpapier im BIR bestätigte ihren Vorsitzenden Reinhold Schmidt (RKS-Recycling Karla Schmidt) im Amt. Der Vizepräsident des Bundesverbandes Sekundärrohstoffe und Entsorgung e.V. (bvse) will in seiner zweiten Amtszeit die „künstlichen Barrieren gegenüber dem freien und fairen Handel mit dem Rohstoff Altpapier“ beseitigt wissen. Denn die Unterschiede zwischen den Altpapiermärkten dürften sich noch vergrößern. Handelshemmnisse jeder Art seien daher kontraproduktiv. Einen weiteren Schwerpunkt seines Engagements sieht Schmidt in der Schärfung des Bewusstseins für die Schaffung und Sicherung hoher Altpapierqualitäten. Dazu gehöre auch ein Mehr an Kommunikation mit der Papierindustrie sowie ein besseres Verständnis für die Probleme der Partner im Markt untereinander.

In seiner Rede zur Wiederwahl sprach Reinhold Schmidt von einer Zunahme protektionistischer Bestrebungen, die die Branche belasten. Und von Überkapazitäten im Grafiksektor: Immer nachdrücklicher wird nach höherer Recyclingfaserqualität verlangt – im wichtigen chinesischen Absatzmarkt als Folge der nationalen Green Fence Politik. Dabei hat die Volksrepublik als weltweit größter Faserimporteur im letzten Jahr geschätzte drei Millionen Tonnen weniger Recyclingfasern eingekauft als noch in 2013 – ein Rückgang um zehn Prozent. Etliche Papierfabriken sind geschlossen worden, und obwohl die Nachfrage im In- und Ausland nach chinesischem Wellpappenrohpapier merklich sank, verstärkten sich noch die Sammelaktivitäten.

Wenn auch davon auszugehen ist, dass sich die wirtschaftliche Dynamik Chinas weiter abschwächt – Schmidt hält es für möglich, dass das chinesische Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf unter sieben Prozent fällt–, wird die Volksrepublik doch der führende Altpapiermarkt bleiben. Für die Unternehmen bedeuteten die schwierigen Bedingungen der letzten Jahre aber eine weitere Zunahme des ohnehin starken Drucks auf die Margen. Die Aussichten auf höhere Logistik- und Energiekosten dürften trotz des jüngsten Ölpreisrückgangs die Ertragskraft weiter beeinträchtigen. Zugleich dürften die veränderten Gewohnheiten beim Papierverbrauch in den nächsten Jahren möglicherweise höhere Investitionen in Sortieranlagen erfordern. Kritisiert wird in diesem Zusammenhang die „Regulationswut“ insbesondere der europäischen Staaten. In der Branche entstehe der Eindruck, „dass wir uns dafür rechtfertigen müssen, wenn wir unternehmerisch denken, Arbeitsplätze schaffen und Steuern zahlen.“

Die Branche fühlt sich in ihren Interessen nicht ausreichend berücksichtigt und von der Politik ausgebremst. Ihr würden immer mehr Auflagen und Vorschriften und damit Bürokratismus aufgebürdet, lautet das Fazit.

Alttextilien: Unverändert schwierige Lage

Die von Mehdi Zerroug (Framimex) geleitete Sitzung der Fachsparte Textilien – Zerroug trat 2014 die Nachfolge von Olaf Rintsch (K. & A. Wenkhaus GmbH) als Vorsitzender an – reflektierte unter anderem die weltweit erste Gipfelkonferenz zum Thema Textilrecycling, die gemeinsam mit dem US-Recyclingverband SMART (Secondary Materials and Recycled Textiles Association) und dem Rat für Textilrecycling (CTR; Council for Textile Recycling) im letzten Jahr in Miami veranstaltet wurde. Im Ergebnis wurden dort ein freier Warenverkehr für Produkte des Sektors im Weltmarkt und neue Absatzmöglichkeiten für Alttextilien von minderer Qualität gefordert. Auch gelte es, den „positiven Beitrag“, den die Branche für die Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt leiste, besser zu vermitteln und diesbezüglich die Kommunikationsaktivitäten zu verstärken. Der Branche haftet ein Imageproblem an, wie Alan Wheeler (UK Textile Recycling Association) in seinem Beitrag beim Fachspartentreffen feststellte.

Zur wirtschaftlichen Entwicklung des Sektors gibt es nichts Positives zu vermelden: Im Jahr 2014 haben sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen weiter verschlechtert; ob der Negativtrend auch in diesem Jahr anhält, wird sich zeigen. Fallende Preise, soziale Unruhen in einigen wichtigen Verbraucherländern und -regionen, sinkende Kaufkraft, das deutsche Kreislaufwirtschaftsgesetz, das nachgeahmt wird, und zusätzlich die Zunahme restriktiver Gesetzgebung in vielen Ländern: Diese Schlagworte ziehen sich wie ein roter Faden durch die Marktberichte der Fachspartensitzungen. Allein in Großbritannien sind bereits mehrere hundert Arbeitsplätze in der Branche abgebaut worden. Nach dem letzten Stand der Statistik ist der Wert von Altbekleidung im Vereinigten Königreich um 40 Prozent gefallen.

Foto: BIR

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Altreifen: Fortschritte beim Recycling?

Kann man von Recycling sprechen, wenn Altreifen nicht stofflich, sondern energetisch verwertet werden? Die Ländermarktberichte des Fachausschusses Reifen und Gummi unter dem Vorsitz von Ruud Burlet (Rubber Resources BV) unterschieden das begrifflich nicht. Im Mittelpunkt standen hier Brasilien, Indien, die Niederlande, Südafrika und die USA. Die in den Vorträgen dargestellten Fortschritte beim Recycling von Altreifen sind kritisch zu sehen.

So hieß es eingangs als internationale Messlatte, dass in Europa Altreifen zu 95 Prozent recycelt werden – weltweit die höchste Quote. Tatsächlich wird aber auch in Europa der überwiegende Teil zum Zweck der Energierückgewinnung in Zementöfen verbrannt, als Brennstoff in Zellstoffwerken und Papierfabriken eingesetzt und bestenfalls noch als Zuschlagstoff verwendet. In Brasilien zum Beispiel wurden nach den letztverfügbaren Angaben von 2013 Altreifen zu 70 Prozent derart verwertet. 521.000 Tonnen zur Entsorgung fielen hier insgesamt an. Zwölf Prozent wurden granuliert und zur Herstellung von Kunst­rasen und Tartanbahnen verwendet, die restlichen 18 Prozent, die die Statistik nicht ausweist, landeten wahrscheinlich auf Deponien. Kurzum: Dass – wie behauptet – 2013 in Brasilien das Recyclingziel zu 92 Prozent erreicht wurde, stimmt weder rechnerisch noch sachlich. Wie schon an anderer Stelle thematisiert, gibt es offensichtlich auch im Segment Altreifenverwertung weltweit unterschiedliche Auffassungen darüber, was Recycling überhaupt ist und enthält.

Foto: © Michael Wilkens – Fotolia.com

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