Es gärt! MBA gehören (noch) nicht überall zum Standard

Der Gedanke, dass Abfälle Rohstoffe beziehungsweise Energieträger sind, wird zunehmend global. Doch mit welchen Anlagen welche Materialien behandelt werden sollen, ist umständehalber von Region zu Region verschieden. Wie unterschiedlich sich Einsatz und Entwicklungsstand mechanisch-biologischer Anlagen zurzeit präsentieren, verdeutlichte die 6. Internationale Tagung MBA, Sortierung und Recycling vom 5. bis 7. Mai 2015 in Hannover.

So am Beispiel des brasilianischen Abfallmarktes, der einen langsamen Fortschritt verzeichnet: Sein Umsatz betrug im Jahr 2013 über acht Milliarden Euro, wird aber auf rund 15 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2016 veranschlagt, wobei 80 Prozent auf die Privatwirtschaft entfallen. Das brasilianische Pro-Kopf-Aufkommen liegt bei 380 Kilogramm – der europäische Durchschnitt bei etwa 500 Kilogramm. Allerdings landen immer noch 42 Prozent der Siedlungsabfälle auf wilden Deponien, deren Sanierung interessante Marktchancen verspricht, berichtete dazu Klaus Fricke von der TU Braunschweig.

Die Recyclingquoten sind mager, und die Kompostierung in 222 Kommunen resultiert in einem nationalen Index von 1,6 Prozent. In 158 Kommunen werden nicht-industrielle Bauabfälle gesammelt, was eine nationale Quote von sieben Prozent bedeutet. In nur 16 Prozent der Städte gibt es dabei getrennte Abfallsammlungen als fest eingerichtete, effektive Dienstleistung. Die Konsequenz: eine Recyclingquote für Haushaltsabfälle von unter vier Prozent.

Die Kosten der städtischen Abfallentsorgung in Brasilien belaufen sich auf durchschnittlich 38,00 Euro pro Person und Jahr – etwa 20 Prozent im internationalen Vergleich. Die Ausgaben werden zum größten Teil von den kommunalen Haushalten getragen: Nur 47 Prozent erheben eine Abfallgebühr, die nicht nur in den meisten Fällen kaum 40 Prozent der Kosten deckt, sondern sich auch anstelle der tatsächlichen Abfallmenge an der Quadratmeterzahl der Wohnung bemisst. Einer Studie zufolge kann in vielen Kommunen die Entsorgung bis zu 15 Prozent des öffentlichen Budgets betragen. Die Ausgaben der brasilianischen Kommunen, die 2008 noch bei etwa 4,8 Milliarden Euro lagen, werden jetzt auf jährlich sieben Milliarden Euro veranschlagt.

Über 50 Prozent Organikanteile

Brasilianische Siedlungsabfälle, so Klaus Fricke, enthalten einen hohen Organikanteil von über 50 Prozent. Papier und Pappe machen im Abfallmix ebenso wie Kunststoffe rund 13 Prozent aus, während Metalle bei gut drei und Glas bei etwas über zwei Prozent liegen.  Um der hohen Organikrate im Siedlungsabfall Herr zu werden, favorisiert die momentane Politik den Einsatz von Kompostierung. Noch im Jahr 2008 waren mit 211 Kompostieranlagen lediglich 3,8 Prozent der brasilianischen Kommunen abgedeckt und behandelten rund fünf Prozent der städtischen festen Organikabfälle. Mittlerweile gibt es die verschiedensten Projekte in kommunalem Auftrag, die zwischen 50 und 350 Tonnen pro Tag entsorgen: durch mechanische und biologische Anlagen, die mit Kompostiertechniken oder mit Fermentation und Kompostierung arbeiten. Der Trend geht zum Ausbau weiterer Kompostieranlagen, auch wenn weiterhin Schwierigkeiten bestehen: wie fehlende Getrenntsammlung, mangelnde Trennung an der Quelle, zu wenig qualifiziertes Anlagenpersonal, keine dauerhaften Einrichtungen im großen Stil, zu geringes Investment und der Mangel an geeigneter Technologie.

Ersatzbrennstoffe zunehmend gefragt

Im Südosten Brasiliens begann – als Folge einer ernsthaften Energiekrise, fallender Ölpreise und fehlender Aussicht auf baldige Kompensation – die Suche nach alternativen Energiequellen. So rückte die Gewinnung von Ersatzbrennstoffen in den Fokus der Zementindustrie. Sie plant, innerhalb der nächsten fünf Jahre ihren Energiemix durch 15 bis 30 Prozent Ersatzbrennstoffe zu erweitern. Mithilfe von mechanisch-biologischen Behandlungsanlagen sollen 50 Prozent der Abfälle zu Ersatzbrennstoffen verarbeitet werden können. Die Gewinnung von Biogas von Deponien und aus Vergärungsanlagen wird seit 2012 nachdrücklich von der brasilianischen Bundesregierung vorangetrieben; seitdem sind rund 100 Millionen Euro in 17 Forschungsprojekte investiert worden.

In der Recyclingbranche sind 2.000 Unternehmen aktiv, die meisten im informellen Sektor. 1.175 Kooperativen beschäftigen insgesamt 130.000 Personen, aber Sammlung und Sortierung ernähren etwa 400.000 Personen im informellen Sektor. Im Vergleich dazu beschäftigen die städtischen Reinigungsdienste über 330.000 Personen. Alles in allem sind in der brasilianischen Abfallwirtschaft 1,5 Millionen Personen tätig. In den ersten beiden Jahren nach Einführung des staatlichen Regelwerks „Política Nacional de Resíduos Sólidos“ (PNRS) zur Behandlung und Entsorgung fester Abfälle (August 2010) wurde eine Reihe von Private Public Partnerships über außerordentlich komplexe Technologien von Verbrennungs- bis Vergärungsanlagen, Sortiertechniken für Recyclingmaterialien oder umfangreiche Kompostiersysteme angeschoben. 16 Angebote wurden vorgelegt, zehn davon schließlich unterzeichnet; die Laufzeiten sollten zwischen 20 und 35 Jahren betragen. Als jedoch die ersten Bilanzen auf dem Tisch lagen und die Energiepreise niedriger als erwartet ausfielen, fand ein Umschwung zugunsten einfacherer Techniken wie Recycling statt.

Noch zu viele wilde Deponien

Der Beitrag von Erick Meira de Oliveira und Diego de Carvalho Frade (Brasilianische Innovationsbehörde) lieferte Zahlen einer Untersuchung, wonach die städtische Abdeckung mit Abfallsammelsystemen von 79 Prozent im Jahr 2000 auf mittlerweile 97,8 Prozent im Jahr 2008 angestiegen sein soll. Und es wird belegt, das sich die Endbestimmung fester Abfälle von 1989 bis 2008 entscheidend geändert hat: Während die wilde Deponierung von 88 auf 50 Prozent der festen Abfälle abnahm, verbesserte sich der Prozentsatz deponierter Abfälle auf kontrollierten Deponien von zehn auf 22 Prozent und auf geordneten Deponien von einem auf 28 Prozent.

Allerdings besteht zunehmend die Gefahr, dass insbesondere in wachsenden Großstädten der verfügbare Raum knapp wird und die spezifischen Voraussetzungen zur Errichtung geordneter Deponien fehlen. Darüber hinaus hat das letzte Nationale Entsorgungs-Gutachten ergeben, dass zwischen 2004 und 2008 jede dritte brasilianische Stadt von Hochwasser betroffen war und Abfälle auf Straßen, in Seen und in Flüssen entsorgt werden. Einer Studie des Nationalen Sekretariats für Umwelthygiene aus dem Jahr 2012 zufolge wurden in Brasilien 33 Prozent der Siedlungsabfälle wild deponiert, 19 Prozent kontrolliert und 23 Prozent geordnet gelagert. Zwölf Prozent landeten in Einrichtungen zur Abfalltrennung, zwei Prozent sind in Umladestationen verbracht worden und ein Prozent fand als „Civil Construction Waste“ Verwendung: als Zuschlag für Beton, Asphalt oder andere mineralische Materialien.

Auf der Suche nach jeweils  besten Lösungen

Die brasilianische Innovationsbehörde Finep unterstützt wissenschaftliche Kooperationen mit niedrig-verzinsten Krediten und nicht rückzahlbaren Zuschüssen und erfüllt damit eine wichtige strategische Aufgabe in der Abfallwirtschaft. Weiterhin gilt es, die bestmögliche Lösung für jede Anlage und jeden Abfallstrom zu finden, diese Technologien zur Abfallbehandlung und -wiederverwertung auch ökonomisch zu realisieren sowie hochqualifiziertes Personal dafür auszubilden.

In den letzten Jahren begann die neuere Gesetzgebung, das Regelwerk PNRS, zu greifen und einen Paradigmenwandel einzuleiten: weg von der reinen Abfallsammlung hin zu Techniken der Abfallbehandlung und -wiederverwertung. Dabei spielen geordnete Deponien eine große Rolle, da sie einfach einzurichten, für viele Abfallarten geeignet sind und zudem eine für Brasilien vergleichsweise hohe Rendite von etwas über 20 Prozent pro Jahr abwerfen. Allerdings will es die nationale Abfallpolitik, dass an diesen Deponien nur noch Material angenommen wird, das nicht anderweitig behandelt oder wiederverwertet werden kann.

Kompostierung  und Vergärung auf dem Vormarsch

Aber auch das Kompostieren findet weitverbreitet Anwendung, ungeachtet klimatischer Bedingungen oder des Abfallgewichts. Organischer Kompost kann durch Regen weniger fortgewaschen werden und zeigt weniger Temperaturschwankungen, hat jedoch auch Nachteile wie Geruchsbelästigung, großen Flächenbedarf und geringe Verwertbarkeit bei gemischtem Input. Hier ist weitere Forschung und Entwicklung angezeigt. Projekte zur – insbesondere – trockenen anaeroben Vergärung zeigen ebenso eine wesentliche Zunahme, die auf geringeren CO2-Ausstoß, effizientere Energiegewinnung und eine Volumenreduktion zurückzuführen sind. Dabei sind bislang vor allem kontinuierliche Verfahren gefragter als Batch-Prozessoren. Das könnte sich in nächster Zeit ändern, da Letztere Vorteile durch relativ geringere Kosten und eine Eignung für fast alle organischen Abfälle besitzen.

Die mechanisch-biologische Behandlung punktet mit Trennung und Vorbehandlung verschiedener Abfallkomponenten und anschließender Wiederverwendung des Materials als Energieträger, Industriestoff oder Deponieinput. Obwohl in Brasilien die Technologie noch wenig ausgereift ist, wurden hier bereits mehrere Projekte angeschoben, wenn auch selten in großem Stil. Die kühnsten Vorhaben zielen auf großangelegte Anlagen im Industrieformat mit Behandlungskapazitäten über 1.250 Tonnen pro Tag ab. Die brasilianische Biogas-Rückgewinnung kann auf Deponien, Kläranlagen und landwirtschaftliche Rückstände zugreifen. Zurzeit sind es hauptsächlich Agrar­abfälle, die vor allem zur Energiegewinnung dienen. Die geschätzten Methan-Emissionen aus festen Siedlungsabfällen wurden für das Jahr 1990 auf 618.000 Tonnen, für 1994 auf 677.000 Tonnen geschätzt. Die Verwendung von Technologien wie Vergasung und Pyrolyse hat sich nach Expertenmeinung in Brasilien aufgrund hoher Kosten und technischer Risiken noch nicht durchgesetzt; allerdings steigt die Zahl der Anfragen an die Finep nach Projekten, die Vergasung und Pyrolyse enthalten werden.

USA: Recyclingquote auf  34,1 Prozent angestiegen

In den Vereinigten Staaten – berichtete John Carlton (Gershman, Brickner & Bratton Inc., Farfax, USA) – haben sich Abfallproduktion, Recycling, Kompostierung und Deponierung in den letzten Jahren entscheidend gewandelt. Das Abfallaufkommen pro Kopf und Tag stieg zwischen 1980 und 2012 von 1,7 auf knapp zwei Kilogramm, während sich die Recyclingrate für Hausabfälle von zehn auf 35 Prozent erhöhte. Die Deponierungsrate sank im gleichen Zeitraum von 89 auf 54 Prozent – die Abfälle landen auf über 1.900 hochgradig technisierten und regulierten, geordneten Deponien.

Darüber hinaus stehen über 580 Einrichtungen zur Materialrückgewinnung mit einem Durchsatz von über 91.000 Tonnen pro Tag zur Verfügung. Gartenabfälle landen in einer der 2.300 Kompostieranlagen, die über die Vereinigten Staaten verteilt sind. Speiseabfälle nehmen 20 kommerzielle Anlagen entgegen, die mit anaerobischer Vergärung arbeiten. Die Sammlung von Hausabfällen erledigen mehr als 9.000 Holsysteme. Schätzungsweise 20.000 Gemeinden unterhalten hierfür Abfall-Einwurf-Plätze.

Das Jahr 1970 sah in den Vereinigten Staaten eine Recyclingrate von 6,6 Prozent. Im letzten Jahrzehnt stieg das Aufkommen behandelter Abfälle von 69,3 Millionen Tonnen auf über 85 Millionen Tonnen, was die Recyclingquote auf 34,1 Prozent ansteigen ließ. Die Finanzkrise und die damit verbundene Rezession wirkten sich dahingehend aus, dass das Interesse zur Teilnahme an Recyclingprogrammen nachgelassen und zu einem leichten Rückgang der Quoten geführt hat. Im Jahr 2012 konnten aber immerhin 65 Prozent Papier und Pappe, 58 Prozent Gartenabfälle und 34 Prozent der Metalle aus Abfällen wiedergewonnen werden. Die Glas-Ausbeute lag bei 25 Prozent, bei Holz und Textilien waren es zwölf Prozent, während sich die Kunststoff-Rückgewinnung im einstelligen Bereich bewegte. In den Vereinigten Staaten sind über 55.000 Recycling- und Wiederverwendungs-Einrichtungen tätig, die zusammen einen Jahresumsatz von durchschnittlich 236 Milliarden US-Dollar erzielen und über elf Millionen Mitarbeiter mit einem Gesamteinkommen von 37 Milliarden US-Dollar beschäftigen.

Interesse an anaerober Vergärung gestiegen

Seit den 1970er Jahren hat sich das Verhalten der US-Kommunen zur energetischen Verwertung gewandelt. Das Holsystem wurde zur weitverbreiteten Praxis, während gleichzeitig die Kommunen neue Entsorgungsmöglichkeiten suchten und an Abfallgebühren, Energie-Gutschriften und Anlagenabschreibungen teilhaben wollten. Eine Reihe von öffentlich-privaten Partnerschaften entstanden ebenso wie 150 Abfall-zu-Energie-Projekte. Heute sind 84 solcher Anlagen in Betrieb, davon 64 zur reinen Massenverbrennung, 13 zur Gewinnung von Ersatzbrennstoffen und sieben (in Modularbauweise) zum bedarfsgerechten Einsatz.

Im letzten Jahrzehnt wuchs in den Vereinigten Staaten auch das Interesse an anaerober Vergärung; 20 kommerzielle Einrichtungen arbeiten mittlerweile mit dieser Technologie zur Behandlung von Organikabfällen. Zehn Anlagen befinden sich in Entwicklung. Obwohl Pyrolyse, Vergasung und Plasma-Lichtbogen in Europa, Asien und Kanada bereits gute Erfolge bei der Abfallverwertung gezeigt haben, sind in den USA lediglich 19 Vergasungsanlagen in Betrieb, und eine einzige in Kanada, die Ersatzbrennstoffe aus Siedlungsabfällen gewinnt.

Nachgelassen hat das Interesse an Waste-to-Energy-Technologie: In den vergangenen 15 Jahren reduzierten sich entsprechende Anlagen von 97 auf 84, und es gibt Anzeichen für weitere Schließungen. „Schuld“ daran tragen mitunter niedrige Deponiegebühren, gesunkene Energiepreise und der Trend zu „Null-Abfall-Deponierung“, der in Richtung Recycling und erweiterte Produzenten-Verantwortlichkeit zielt. Das in diesem Zusammenhang favorisierte Single-Stream-Recycling-Konzept mit einer „Tonne für Alles“, wie sie lokal bereits eingeführt worden ist, dringt allerdings nur langsam ins Bewusstsein der Amerikaner vor.

Größeres Gewicht auf Recycling notwendig

Etliche gesetzgeberische Initiativen der USA könnten eine Wende hin zu einem nachhaltigeren Umgang mit Abfällen bewirken. So sieht die Executive Order 13514 aus dem Jahr 2009 eine Recyclingquote von 50 Prozent, eine Vermeidungsrate von 50 Prozent für unbelastete Festabfälle bis 2015 und einen Recyclinganteil von mindestens 30 Prozent für Neupapiere vor.

Andererseits gibt es – anders als in Europa – keine nationale Deponiesteuer oder -gebühr. Zwar erheben etliche Staaten und lokale Verwaltungen darauf Abgaben, aber selten mehr als ein paar Dollar. Und die durchschnittliche Deponieabgabe von knapp 50 Dollar pro Tonne Siedlungsabfall übt weder ökonomischen Druck zur Vermeidung von Ablagerungen aus noch steht sie in Konkurrenz zur Müllverbrennung mit durchschnittlichen Kosten von 65 bis 100 Dollar je Tonne. Eine zukunftsgerichtete nordamerikanische Abfallpolitik muss nach Ansicht von John Carlton größeres Gewicht legen auf Recycling, die Unterstützung von Waste-to-Energy-Technologie und Anlagen zur Wiedergewinnung von Energie, Chemikalien oder anderer Materialien aus Abfallströmen.

Türkei: 674 Einrichtungen zur Abfallbehandlung

Rund 26 Millionen Tonnen an Siedlungsabfällen produzierten die Bewohner der Türkei im Jahr 2012 – in den 1960er Jahren lag das Aufkommen bei drei bis vier Millionen Tonnen pro Jahr. Die Menge an Gefahrstoffen stieg in Istanbul zwischen 1992 und 2005 von 41.000 auf 64.000 Tonnen, und soll – so wird geschätzt – bis 2020 die 100.000 Tonnen-Marke überschritten haben. Nach den letztverfügbaren Angaben von 2012 sind 83 Prozent der Bevölkerung an ein Abfallsammelsystem angeschlossen, 17 Prozent müssen insbesondere in ländlichen Gegenden auf eine regelmäßige Abholung verzichten. Wie die Referenten Hasan Sarptas (Ege Universität, Izmir) und Ertuğrul Erdin (Dokuz Eylül Universität, Izmir) auf der Tagung informierten, gab es 2012 in der Türkei 674 Einrichtungen zur Abfallbehandlung. Davon 83 zur Entsorgung und 589 zur Wiederverwertung. Hinzu kommen 2095 offene Deponien. An 80 kontrollierten Deponiestandorten mit einem Gesamtvolumen von 480 Millionen Kubikmetern werden 15,5 Millionen Tonnen – 60 Prozent der Siedlungsabfälle – gelagert. Über neun Millionen Abfälle wandern auf wilde Kippen, werden verbrannt oder in Seen, Flüssen oder dem Meer versenkt. Weitere fünf Millionen Tonnen landen in Gegenden ohne Müllabfuhr. 36 Sterilisierungsanlagen halten eine Kapazität von 116.000 Tonnen pro Jahr vor und entkeimen 46.000 Tonnen Medizinabfälle, wovon 43 Prozent auf kontrollierten und 57 Prozent auf kommunalen Lagerstätten deponiert werden. Obwohl fünf Anlagen mit 104.000 Tonnen Kapazität zur Behandlung von Sonderabfällen zur Verfügung stehen, werden den Angaben zufolge 80 Prozent der türkischen Gefahrstoffe wild deponiert oder zusammen mit Haushaltsabfällen gelagert.

Zur Mitverbrennung sind 32 Werke zertifiziert. Energetisch wurden hingegen 539.000 Tonnen verwertet. Auf 9,5 Millionen Tonnen an verwertbaren Materialien wie Metallschrotten, Kunststoffen und Papier griffen 551 zugelassene Abfallverwerter zu. Zehn Kompostieranlagen sollen 155.000 Tonnen Input behandeln und 26.000 Tonnen an Kompost produzieren. Alles in allem fehlt es in der Türkei und hier insbesondere im ländlichen Raum aber weiterhin an effektiven Sammel- und Abholsystemen für Abfälle einschließlich Müllfahrzeugen. In vielen Kommunen anfallender Bauschutt wird oft nicht von Haushaltsabfällen getrennt gelagert. Die Deponien müssen besser bewirtschaftet und für die Müllwerker bessere Arbeitsbedingungen geschaffen werden. Mit der Überwachung von Umweltauflagen und -richtlinien sind eine Fülle von Ämtern und Institutionen betraut, die sich oft untereinander nicht abstimmen und gegenseitig Kompetenzen streitig machen.

Studie für ein besseres Abfallkonzept

Jan Skajaa (COWI AS, Dänemark) und Rolf Zurl (G.E.O.S. Ingenieursgesellschaft, Halsbrücke) schlugen daher in ihrer Studie für ein besseres Abfallkonzept für acht türkische Regionen vor, zur Deckung der kommunalen Anforderungen zunächst folgende Investitionen in Anlehnung an IPA-Projekte (EU Instrument für Pre-Accession Assistance) zu tätigen: die Beschaffung von 25.000 Vier-Rad-700-Liter-Behältern, von 200 Müllsammelfahrzeugen und einer Reihe von Abfall-Umschlagstationen samt Traktoren zur Umsetzung. Und zusätzlich die Einrichtung von acht kontrollierten Deponien, sieben Anlagen zur Materialrückgewinnung sowie eines Fuhrparks zur Beschickung der Deponien und darüber hinaus die Schließung oder Sanierung von 91 kleinen oder mittleren Müllkippen. Alle Investitionen würden insgesamt 236 Millionen Euro über die Jahre 2017 bis 2020 betragen.

Dann stünden den Regionen drei Optionen frei: Nichts zu unternehmen, graduell etwas zu ändern oder ein komplettes Szenario mit mechanisch-biologischen Behandlungsanlagen umzusetzen. Die beiden ersten Optionen seien mit Gebühren von etwa einem Prozent des durchschnittlichen Haushaltsaufkommens für die Bevölkerung tragbar, brächten aber auch nur eine Rendite von einem Prozent. Die MBA-Lösung müsste mit den vollen Gebühren, die auch die Kosten decken, umgesetzt werden: zwischen 38 und 58 Euro pro Tonne. Die aktuelle Bezahlung würde dann bei 50 Prozent oder etwas unter dem angezeigten Beitrag zur vollen Kostendeckung liegen, da die Gebühren nicht vollständig der Bevölkerung aufgebürdet werden könnten.

Arabische Staaten: Abfallbehandlung noch in den Kinderschuhen

Karin Opphard, Abdallah Nassour und Michael Nelles berichteten über die Erfahrungen der German Recycling Technologies and Waste Management Partnership e.V. in arabischen Staaten. Laut RETech steckt die Entwicklung von Abfallwirtschaftssystemen in beinahe allen dortigen Staaten noch in den Kinderschuhen, wenn auch viele Regierungen begonnen haben, die Probleme zu erkennen und nach Lösungen zu suchen. Die Gesetzeslagen sind meist zu unklar oder zu unsicher, um Fortschritte in der Standardisierung zu überwachen und Erfolgskontrollen durchführen zu können.

So besteht in Ägypten nur eine Handvoll selbstständig geführter Behandlungsanlagen, deren Betrieb ihre Verlässlichkeit noch nicht unter Beweis stellen konnte. Das ist hauptsächlich dem Fehlen gezielter technischer und organisatorischer Konzeptionen geschuldet. Große Städte bedienen sich moderner Deponien; die wenigen Recyclingmaterialien finden in- und ausländische Abnehmer. Thermische Verwertung findet nicht statt, Abfall-Behandlungsanlagen fehlen. Es besteht Interesse an mechanisch-biologischen Anlagen, obwohl ausländische Firmen nur mit technisch hochentwickelten Technologien eine Marktchance haben, während einfache Entsorgungslösungen von den Kommunen kontrolliert werden. Die bislang konkretisierten Projekte bestehen hauptsächlich aus mechanischen Behandlungsanlagen für Recyclingmaterialien, die im In- und Ausland Verwendung finden, und für hochkalorische Fraktionen zur Verbrennung in Zementwerken.

Teilweise schlechte Erfahrungen gemacht

In Saudi-Arabien wurden in den letzten 20 Jahren einige Behandlungsanlagen gebaut, aber etliche nur kurz betrieben. Die vorwiegenden Entsorgungsformen sind die Ablagerung auf modernen Deponien und die Verbrennung von medizinischen Abfällen. Mit MBA-Lösungen wurden aufgrund von technischen Mängeln, falschen Abläufen und mangelhaften Arbeitsgängen schlechte Erfahrungen gemacht und die Anlagen infolge stillgelegt. Hinzu kommt eine Gesetzgebung, die die Einführung von ökologisch sensiblen MBA-Konzepten erschwert, selbst wenn hier Änderungen in Aussicht gestellt werden. Technisch anspruchsvolle Projekte sind hingegen nur zu realisieren, wenn sie im großen Rahmen unter ausländischer Ägide umgesetzt werden. Über schlechte Erfahrungen mit MBA klagt auch Kuwait. Die einzige dortige Anlage läuft nur zeitweise, und die Entscheider stehen der Technologie kritisch gegenüber. Andererseits ist Kuwait sehr an deutscher Abfalltechnik interessiert; gemeinsame Aktivitäten bestehen mit der Universität Rostock und mit Fraunhofer Umsicht. Über eine Abfallverbrennungsanlage wurde bereits nachgedacht; ob sie die Probleme der hohen Organikanteile im kuwaitischen Restmüll bewältigen kann, ist jedoch fraglich. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate berichten über Schwierigkeiten bei der Abfallentsorgung. Die Recyclingrate bei Siedlungsabfällen bewegt sich unter zehn Prozent, während 90 Prozent deponiert werden. Eine Behandlungsanlage wurde bislang nicht installiert. Die Probleme liegen in einer zu geringen Erfahrung mit solchen Projekten und Planungen; und in Unstimmigkeiten darüber, ob und wie ein künftiges Entsorgungssystem über Abfallgebühren finanziert werden kann.

Foto: Zweckverband Abfallwirtschaft Raum Würzburg / abfallbild.de

Foto: Zweckverband Abfallwirtschaft Raum Würzburg / abfallbild.de

Erste mechanisch-biologische Anlagen

In Jordanien gibt es keine Anlagen zur Behandlung von Restmüll. Allerdings sind Deponien und Abfallumschlagstationen Themen, zu deren Finanzierung mit der Weltbank kooperiert wird. Europäische Ingenieure stehen unter Vertrag, um Konzepte und Machbarkeitsstudien zur Wiederverwertung von Rezyklaten, der Produktion von Ersatzbrennstoffen für die Zementindustrie und die biologische Abfallbehandlung zu erarbeiten. In näherer Zukunft könnten Projekte mit einfacher mechanischer Aufbereitung und anaerober Behandlung entwickelt werden. Auch Jordanien hat mit Abfallproblemen aufgrund von Flüchtlingsströmen zu kämpfen, an deren Lösung die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit mitarbeitet.
Der Libanon verfügt über eine Reihe kleinerer Behandlungsanlagen zur Sortierung und Kompostierung, die meist schlecht geplant und umgesetzt wurden. Mangels Fläche und damit der Möglichkeit zur Deponierung besteht hier ein Trend zur Abfallverbrennung zum Beispiel in Zementwerken. Lediglich in Saïda wurde seit  2005 an einer modernen mechanisch-biologischen Anlage mit integrierter Nassvergärungsstufe gebaut, die erst ab 2013 in Betrieb ist – aufgrund der problematischen Betriebstechnik. Für das laufende Jahr sind Ausschreibungen für Abfallsammlung, -entsorgung und -behandlung vorgesehen, nicht zuletzt wegen der Flüchtlingsströme aus Syrien.In Tunesien werden keine Anlagen zur Restabfallbehandlung vorgehalten. Jedoch bestehen gute Chancen für den Betrieb von MBA-Technologie. Die Abfallbehörde ANGed hat eine erste Pilotanlage unter Beteiligung der KfW und lokaler wie internationaler Unternehmen errichtet. Wolfgang Müller (Universität Innsbruck), der das Projekt wissenschaftlich betreut, berichtet davon, dass dadurch 60 bis 80 Prozent des Deponievolumens verringert, Treib­hausgas-Emissionen reduziert, das Aufkommen an Sickerwasser gesenkt und die Produktion von Ersatzbrennstoffen für die Industrie wie beispielsweise Zementwerke aufgenommen werden können.

Der Oman hat die Bewirtschaftung seiner belasteten Abfälle ausgeschrieben: „be‘ah“, die staatliche Abfallbehörde, arbeitet auf Fortschritte hin und plant eine mechanisch-biologische Behandlungsanlage für 300.000 Tonnen pro Jahr. Abfall-Umschlagstationen und Deponien sollen eingerichtet werden. Vor kurzem besuchte der Generaldirektor der omanischen Umweltbehörde, Scheich Mohammed S. Al Harthy, rheinland-pfälzische Unternehmen, um sich über Elektroschrott- und Bauschuttrecycling, die fachgerechte Behandlung von Sonderabfällen und den Aufbau einer verwertungsorientierten Kreislaufwirtschaft im Oman zu informieren.
Hauptsächlich Kompostieranlagen in China

In Chinas Metropolen, so der RETech-Bericht abschließend, werden 20 Prozent des Siedlungsabfalls vorbehandelt; 2015 sollen es 35 Prozent sein, in entwickelten Provinzen im Osten des Landes bis zu 48 Prozent. 2012 wurden 36 Millionen Tonnen thermisch behandelt. Diverse mechanisch-biologische Anlagen, die mit einem hohen Organik- und Feuchteanteil zu kämpfen haben, bearbeiteten bis zu vier Millionen Tonnen, um sie zu deponieren oder in Ersatzbrennstoffe umzuwandeln. Verschiedentlich hat die ALBA Gruppe die Eignung chinesischer Siedlungsabfälle zur EBS-Produktion unter Beweis gestellt. Die derzeit in Betrieb befindlichen Anlagen sind unterschiedlich etikettierte Kompostieranlagen, während an fachkundig betriebenen Anlagen und separat genutzten Abfallströmen Mangel herrscht. Darüber hinaus entsprachen etliche MB-Anlagen nicht den Umweltauflagen und mussten geschlossen werden. Die Möglichkeiten dieser Technik zur thermischen Nutzung der Abfälle sind bislang nicht ausgeschöpft.

Überkapazitäten in Deutschland

Weltweit wird über Planung und Bau neuer oder zusätzlicher Abfallverwertungs- beziehungsweise Energiegewinnungsanlagen nachgedacht. Währenddessen stehen in Deutschland durch mechanisch-biologische Anlagen, Müllverbrennungsanlagen und Ersatzbrennstoff-Kraftwerke Kapazitäten zur Abfall-Vorbehandlung von 7,5 bis neun Millionen Tonnen pro Jahr und Verbrennungskapazitäten von 28 bis 33 Millionen Tonnen pro Jahr zur Verfügung. Gemäß letzten Zahlen aus 2012 betrug das gesamte deutsche Siedlungsaufkommen knapp 50 Millionen Tonnen; davon wurden 28,7 Millionen Tonnen stofflich verwertet und 3,8 Millionen Tonnen in Anlagen mit R2-R12-Status verarbeitet, was eine Restabfallmenge von (statistisch) 17,3 Millionen Tonnen und von (real) 21,1 Millionen Tonnen ergibt. Diese Zahlen legten Ketel Ketelsen (iba GmbH, Hannover) und Michael Nelles (Universität Rostock) in Hannover vor.
Ihrer Darstellung zufolge liegen die aktuellen Verbrennungskapazitäten bereits erkennbar über den zur Verfügung stehenden Restabfallmengen. Eine gemäß Kreislaufwirtschaftsgesetz erreichte Recyclingquote von 65 Prozent bis 2020 würde ein Kapazitätsvolumen von 180 Prozent bedeuten – die Reduktion von Abfällen durch wirtschaftliche Krisen noch nicht einkalkuliert.

Daher ist angesichts wahrscheinlicher Anlagen-Überkapazitäten mit folgenden  Entwicklungen in Deutschland zu rechnen:

■    der Stilllegung von Anlagen zum Abbau von Kapazitäten
■    dem Ersatz von MVA und MBA durch mechanische Aufbereitung oder EBS-Kraftwerke
■    einem verstärkten Einsatz importierter Abfallmengen
■    der Umnutzung von MVA und MBA durch Umstellung auf Biomasse, Klärschlamm oder Bioabfälle

Verschiedene Trendstudien prognostizieren für MVA eine weitere hundertprozentige Nutzung bis hin zu einem Rückgang auf 25 Prozent der jetzigen Kapazität. Der Einsatz von MBA könnte auf 80, 60 Prozent oder gar auf null zurückgehen; eine andere Studie hält eine Steigerung von 7,5 Millionen Tonnen pro Jahr für möglich. Die Kraftwerke zur Herstellung von Ersatzbrennstoffen werden ihren Marktanteil weitgehend behalten. Nach Einschätzung von Ketelsen/Nelles werden in Deutschland klassische MBA mit Rotte und Vergärung ihre Position verlieren. Doch sie werden nur einen geringen Rückgang ihrer Kapazitäten um fünf bis zehn Prozent zu gewärtigen haben, da sie sich auf biologische Trocknung umstellen, die mechanische Aufbereitung reduzieren und zusätzlich Bioabfall behandeln können.

Sämtliche Vorträge können im Tagungsband „Waste-to-Resources 2015“, hrsg. von Matthias Kühle-Wiedemeier und Michael Balhar, Göttingen 2015, ISBN978-3-95404-980-6 nachgelesen werden.

Foto: azthesmudger / Fotolia.com

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