Schrottmarktbericht Juli 2015: Sommerloch in Sicht

Die deutschen Stahlwerke waren bemüht, im Berichtsmonat Juni die Preise trotz eines normalen Bedarfs genau wie im Vormonat zu senken. Letztendlich erfolgte der Schrotteinkauf je nach Sorte und Region zu unveränderten Preisen, beziehungsweise wurden leichte Preiskorrekturen von 2 bis maximal 5 Euro pro Tonne vorgenommen. Insbesondere die Werke im Osten Deutschlands bauten Preisspitzen ab. Während im Süden die Notierungen unverändert blieben, senkte der Verbraucher im Südwesten im Laufe des Monats seine Einkaufspreise um 5 Euro pro Tonne, ohne Auswirkungen auf die Lieferbereitschaft. Altschrott ist in einigen Regionen nach wie vor gesucht, und einzelne Werke hatten Mühe, sich mit den gewünschten Mengen einzudecken. Zum Teil erhöhten sie den Zukauf aus Drittländern. Insgesamt befanden sich Angebot und Nachfrage in der Waage. Für die Monate Juli und August haben mehrere Elektrostahlwerke die üblichen ferien- und/oder betriebsbedingten Stillstände angekündigt. Gleichzeitig beginnen in einigen Bundesländern die Schulferien, sodass der geringere Bedarf auf einen geringeren Entfall trifft.

Berechnet auf der Basis der Durchschnittspreise in Euro/Tonne für die Länder Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Großbritannien. (Basisjahr 2001 = 100), Quelle: EUROFER

Berechnet auf der Basis der Durchschnittspreise in Euro/Tonne für die Länder Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Großbritannien. (Basisjahr 2001 = 100), Quelle: EUROFER

Aus Handelskreisen wurde berichtet, dass die Werke bei den Schrottzukäufen im Juni entspannter wirkten als in den Vormonaten. Die fehlenden Exportmöglichkeiten und die gefühlt höhere Schrottverfügbarkeit haben dieses Verhalten sicherlich begünstigt, zumal die Exportpreise unter den Inlandspreisen gelegen haben.

Nachbarländer

Bei einem Bedarf auf dem Vormonatsniveau zahlten die italienischen Werke den deutschen Lieferanten weitgehend unveränderte Preise, wobei wie in Deutschland Preisspitzen abgebaut wurden. Der schweizerische Schrottmarkt blieb im Juni bei normalem Bedarf der Verbraucher ebenfalls frei von Preisänderungen, sowohl für die in- wie auch die ausländischen Lieferanten. Die belgischen Schrottverbraucher reduzierten ihre Preise um 5 Euro pro Tonne und hatten lediglich einen geringen Bedarf. In Frankreich, den Niederlanden und Luxemburg blieben die Preise ebenfalls stabil. Die Beschaffung aus Polen und Tschechien war in diesem Monat schwierig; insbesondere aus dem polnischen Inland passte der Zukauf preislich nicht. Höhere Frachten und ungünstige Währungsparitäten wirkten sich belastend aus. Tschechische Mengen scheinen im Juni wegen besserer Preisangebote aus Österreich vermehrt an Deutschland vorbei gelaufen zu sein.

Die Nachfrage aus Spanien hat sich in den vergangenen Monaten durch günstige Absatzmöglichkeiten der produzierten Fertigstähle erhöht. Wegen der anstehenden Ferienzeit und beabsichtigte Preisreduzierungen der Werke auf ein aus deutscher Sicht uninteressantes Niveau, war das Exportinteresse im Berichtsmonat Juni eher gedämpft.

Abwesend

Seit Ende Mai sind Kontakte zwischen Exporteuren und türkischen Abnehmern seltener geworden. Da die türkischen Verbraucher vielfältige Probleme zu bewältigen haben, zögern sie die laut Meinung von Experten notwendigen 15 Tiefseeimporte für Juli hinaus. Zu den Schwierigkeiten gehört der Ausgang der Wahlen Anfang Juni, die keine politische Stabilität gebracht haben, sodass die Nachfrage nach Stahl im Inland nicht den erhofften Aufschwung genommen hat. Außerdem feiert die islamische Welt den Ramadan, wodurch sich die Wirtschaftsaktivitäten verlangsamen; und die türkische Lira verliert an Wert, während die Chinesen die Märkte mit billigem Stahl fluten. Gerade diese Dumpingpreise setzen den Stahlmarkt weltweit extrem unter Druck. Allein von Januar bis April 2015 haben türkische Stahlwerke ihre Schrottzukäufe aus Drittländern im Vergleich zum Vorjahr um 13,6 Prozent von 6,15 auf 5,31 Millionen Tonnen reduziert. Der Zukauf aus dem Inland ist um 2,9 Prozent von 3,2 Millionen Tonnen auf 3,1 Millionen Tonnen gesunken. Die vorliegenden Stahlproduktionszahlen von Januar bis Mai 2015 zeigen einen Rückgang der türkischen Rohstahlproduktion von sechs Prozent. Deutlich zugenommen haben dagegen die Knüppelimporte. So führten türkische Verbraucher von Januar bis April 2015, laut Angaben des türkischen Statistikbüros steeldata, 1,4 Millionen Tonnen Knüppel ein, während es im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres rund 900.000 Tonnen waren. Noch sind die europäischen Schrottexporteure damit beschäftigt, die im Vormonat verkauften Mengen zu laden. Da die türkischen Stahlwerke versuchen, die Preise deutlich zu reduzieren, während die europäischen und amerikanischen Exporteure wegen der jeweils festen Inlandsmärkte nicht reagieren können, beschränken sich alle Beteiligten auf die Marktbeobachtung.

Deutschland, Basisjahr 2010 = 100, Quelle: Statistisches Bundesamt/Destatis

Deutschland, Basisjahr 2010 = 100, Quelle: Statistisches Bundesamt/Destatis

Gießereien

Ebenfalls weitgehend unverändert geblieben sind die Preise für Schrotte bei den Gießereien, die an keinen Preisindex gebunden sind. Die Nachfrage war regional genauso unterschiedlich wie die Beschäftigungslage der Gießereien. Für den kommenden Monat dürfte der Bedarf aufgrund der anstehenden, ferienbedingten Stillstandszeiten sinken. Mit der Versorgung der Sorte E2, die zu Kupolofenschrott für die Gießereien aufbereitet wird, hakt es derzeit etwas. Gerade dann, wenn eine Preisbindung an die WV Stahl vereinbart ist, muss der Handel seine Aufbereitung extrem optimieren, wenn er nicht mit Verlust verkaufen will. Vielleicht könnte eine geänderte Sortenanbindung zum Beispiel an die Sorte E3 die Lieferleistung des Handels positiv beeinflussen.

Die Roheisenhersteller in der Ukraine und in Russland versuchen ihre Verkaufspreise zu erhöhen. Durch den wieder stärkeren Euro gegenüber dem US-Dollar können die Roheisenimporteure die Bemühungen zum Teil ausgleichen. Auch bei den längerfristigen Lieferverpflichtungen sprechen die Erzeuger für die nächste Verhandlungsrunde von steigenden Preisen. Auf der internationalen Gießereifachmesse in Düsseldorf (GIFA) in der vergangenen Woche waren auffällig viele Aussteller aus der Türkei, Indien und China, die den zunehmenden Wettbewerb sichtbar werden ließen. Allerdings geraten die deutschen Gießereien zunehmend unter Druck. Bei allerdings extrem unterschiedlichen Wettbewerbsbedingungen schon allein im Hinblick auf die Strompreise oder die in Europa zu erfüllenden Umweltauflagen wird der Kampf ums Überleben härter.

Aussichten

Das erwartete Sommerloch ist im Anmarsch, und eine geringere Nachfrage wird auf ein geringeres Angebot treffen. Wie groß das Loch wird, ist schwer vorherzusagen. Bei ausschließlicher Betrachtung des deutschen Marktes wäre kaum mit größeren Bewegungen zu rechnen. Da jedoch die weitere Entwicklung bei den wichtigen türkischen Abnehmern sehr unsicher ist, ist mal wieder Rätselraten statt sicherer Prognose angesagt. Theoretisch müssten sich die Schrottpreise denen der konkurrierenden Rohstoffe langsam oder auch schneller annähern, aber Praxis und Theorie lagen bisher deutlich auseinander. Für Juli erwarten die Marktteilnehmer eine Marktabschwächung mit rückläufigen Preisen, die sie im Bereich von rund 10 Euro pro Tonne sehen.

Redaktionsschluss 22.06.2015, BG-J/bvse

(Alle Angaben/Zahlen ohne Gewähr)

Foto: O. Kürth

(EUR0715S30)