Deutsche Bauwirtschaft warnt vor Entsorgungsnotstand

Jährlich werden von der deutschen Bauwirtschaft im Auftrag der Bauherren über 190 Millionen Tonnen mineralischer Abfälle zur Wiederverwendung aufbereitet, transportiert, wiederverwertet oder entsorgt. Eine Umfrage unter Mitgliedsunternehmen des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie (HDB) und des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB) zeigt, dass sich aufgrund schlechter Rahmenbedingungen der finanzielle und bürokratische Aufwand beim Umgang mit mineralischen Abfällen in den letzten Jahren „besorgniserregend erhöht“ hat.

Ein erhebliches Problem ist für die Branche die zunehmende Tendenz von privaten und öffentlichen Bauherren, ihre Verantwortung für die bei ihren Baumaßnahmen anfallenden mineralischen Bau- und Abbruchabfälle auf die ausführenden Unternehmen abzuwälzen. Die Bauunternehmen sind hierdurch verpflichtet, die Abfälle zu untersuchen. Das Warten auf die Untersuchungsergebnisse führt oftmals zu Verzögerung bis hin zu einem völligen Stillstand der Baumaßnahme. Auch die aufwendige Baustellenlogistik, die Zwischenlagerung der Abfälle, das Finden eines geeigneten Entsorgungswegs und das elektronische Nachweisverfahren verursachen steigende Kosten beziehungsweise Verzögerungen im Bauablauf.

Auch durch den öffentlichen Rechtsrahmen werde die Entsorgung mineralischer Bauabfälle erheblich erschwert. Der Umgang mit mineralischen Bau- und Abbruchabfällen ist derzeit durch 16 voneinander differierende Landesvorschriften geregelt. Die einseitige Orientierung am Besorgnisgrundsatz des Grundwasser- und Bodenschutzes führe zu – im europäischen Vergleich – einzigartig rigiden Grenzwerten. Häufig würden deshalb auch lediglich natürlich „belastete“ Böden nicht wieder in technischen Bauwerken verwendet, sondern stattdessen deponiert. Mit der Folge, dass Deponieraum zunehmend knapp wird und die Transportentfernungen zunehmen. Die Umfrage unter den Mitgliedsunternehmen von HDB und ZDB zeigt, inwieweit die Rahmenbedingungen der letzten fünf Jahre der Branche zugesetzt haben:

1. Verlagerung der Verantwortung auf die Unternehmen

Nach Ansicht von HDB- und ZDB-Mitgliedern werden die Probleme der Abfallentsorgung immer häufiger von den Auftraggebern auf die Bauunternehmen abgewälzt. Wer­-
de die baubegleitende Schadstoffbeprobung in der Planung zu wenig berücksichtigt, müsse sie durch  Bauunternehmer erledigt werden. Zunehmend häufiger übertragen die Auftraggeber Entsorgungsaufgaben per Vertrag auf die Bauunternehmen, obwohl sie selbst die Verantwortung für eine umweltgerechte Entsorgung tragen. Knapp zwei Drittel der befragten Unternehmen schätzen Probeentnahme und Analytik als zeitaufwändig und kostensteigernd ein, ebenso die aufwändige Baustellenlogistik, das Zwischenlagern der Abfälle, die Suche nach einem geeigneten Entsorgungsweg und das zeitaufwändige behördliche Genehmigungsverfahren: 70 Prozent der Firmen gab an, dass der betriebliche Aufwand seit 2009 zugenommen habe, und zwar durchschnittlich um 70 Prozent.

2. Die Entsorgung wird zunehmend schwieriger

Nach Ansicht der befragten Bauunternehmen werde die Suche nach einem Verwertungsweg für mineralische Abfälle immer schwieriger. Aufgrund zunehmender Probleme beim Umgang mit Mineralabfällen beklagen knapp 70 Prozent der befragten Unternehmen Arbeitsunterbrechungen bis hin zum Baustellenstillstand. Die Anzahl der Fälle soll sich in den letzten fünf Jahren um 57 erhöht haben. In jeweils 82 Prozent der Fälle soll die Suche nach einem Entsorgungsweg und auch die mangelhafte Planung der Auftraggeber die Verzögerungen verursacht haben, in 36 Prozent der Fälle die zu lange Entscheidungsfindung der Auftraggeber.

3. Erschwerte Verwertung und Entsorgungsengpässe

Im Sinne der Kreislaufwirtschaft sollen mineralische Bauabfälle vornehmlich wieder verwertet, also Böden wieder eingesetzt und Baustoffe recycelt werden. Doch klagen 82 Prozent der befragten Unternehmen über Schwierigkeiten, einen Verwertungsweg zu finden. Der Aufwand hierfür, so die Umfrage, habe sich gegenüber 2009 um 66 Prozent erhöht. Ebenso gaben zwei Drittel der Firmen an, dass sich die Beseitigung von Bauabfällen immer kostspieliger gestaltet und einen Mehraufwand seit 2009 um durchschnittlich 40 Prozent verursacht. Als Hauptursachen werden fehlende Deponiekapazitäten (56 Prozent), keine Verwertung in technischen Bauwerken (15 Prozent), aufwändige Prüfung durch Deponiebetreiber (elf Prozent), fehlende Zwischenlager und schlechtere Verwertungsbedingungen (jeweils sieben Prozent) sowie teure rechtliche Klärungen des Entsorgungsweges angegeben.

4. Boden-Entsorgung und -Verwertung immer problematischer

Wie die Umfrage ergab, habe sich der Verwertungs- wie auch der Beseitungsaufwand für Böden gesteigert. So gaben 62 Prozent der befragten Unternehmen einen Mehraufwand bei der Beseitigung höher belasteter Böden der Kategorie größer Z2 an. Doch auch bei der gleichen Behandlung unbelasteter oder gering belasteter Böden sahen über 50 Prozent der Unternehmen einen Mehraufwand. Dies spiegelt sich auch im Verhältnis von Entsorgungsaufwand zu erbrachter Bauleistung wieder: Seit 2009 hat sich der zehnprozentige Anteil der Entsorgungskosten auf nunmehr 20 Prozent verdoppelt.

5. Abfalltransporte nehmen zu

Entsorgungstransporte haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Für 78 Prozent der befragten Unternehmen hat der Aufwand für Abfalltransporte um durchschnittlich 38 Prozent zugenommen. Ebenso erhöhten sich die Transportentfernungen wesentlich: 39 Prozent der Firmen verbuchten eine Zunahme bei Hin- und Rückfahrten um mehr als 50 Kilometer, weitere 27 Prozent um mehr als 100 Kilometer, und zwei Prozent bilanzierten Mehrfahrten von über 250 Kilometer. Für die Zunahme der Transport­entfernungen wird die Verknappung des Deponieraums verantwortlich gemacht.

6. Entsorgung entwickelt sich zum Baukostentreiber

Mit zunehmendem betrieblichen Aufwand für Abfallmanagement, größeren Transportentfernungen und gestiegenen Deponiegebühren haben sich die Entsorgungskosten zum Baukostentreiber entwickelt. Aufgrund von unausgewogenen Rahmenbedingungen für Recycling und Verwertung von mineralischen Bauabfällen sowie schwindenden Deponiekapazitäten andererseits wird sich – nach Ansicht der deutschen Bauwirtschaft – der Kostenanstieg fortsetzen. Dieser Trend muss nach Auffassung der Branche gestoppt werden. Die Auftraggeber seien in der Pflicht, bereits im Zuge der Planung und Ausschreibung der Baumaßnahmen auf eine optimale Verwertung der mineralischen Abfälle hinzuwirken. Hierfür brauche es jedoch praktikablere Rahmenbedingungen, die insbesondere eine regionale Verwertung von Böden und mineralischer Abfälle ermöglichen und die Entsorgungspraxis auf entfernte Deponien unterbinden.

Kreislaufwirtschaft im Bauwesen nicht weiter schwächen

Zu den Forderungen der deutschen Bauwirtschaft zählen daher unter anderem der bundesweit einheitlich geregelte Umgang mit mineralischen Bau- und Abbruchabfällen, ein ausgewogeneres Regelwerk zwischen Grundwasser- und Bodenschutz und Abfallwirtschaft, klarere Adressierung der abfallrechtlichen Verantwortlichkeiten, die Untersuchung auf umweltgefährdende Schadstoffe schon im Vorfeld der Baumaßnahmen sowie ausreichend zur Verfügung stehende Deponiekapazitäten. Franz X. Peter­anderl, Vizepräsident des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes, erklärte anlässlich der Veröffentlichung der gemeinsamen Umfrage der Verbände: „Die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen darf nicht weiter geschwächt werden. Der Umgang mit mineralischen Bau- und Abbruchabfällen muss bundesweit einheitlich geregelt werden. Die Bauwirtschaft braucht ein harmonisiertes und in sich geschlossenes Regelwerk, das zwischen den Belangen des Grundwasser- und Bodenschutzes auf der einen und der Ressourcenschonung und Abfallvermeidung auf der anderen Seite ausgewogen vermittelt.“ Klaus Pöllath, Vizepräsident Technik des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie, ergänzte: „Die Verlagerung von Risiken und Kosten des Umgangs mit mineralischen Bau- und Abbruchabfällen auf die Bauwirtschaft entspricht nicht dem Verursacherprinzip. Insbesondere öffentliche Bauherren müssen sich zu ihrer Verantwortung bekennen. Für den Umgang mit Bauabfällen und beim Einsatz von Recyclingbaustoffen sind Bauherren, Bauwirtschaft, Architekten und Ingenieure, Abbruchunternehmen und Baustoffaufbereiter gleichsam Adressaten. Nur wenn sich diese in einem Gesamtregelwerk wiederfinden, kann das gesetzte Ziel, die Akzeptanz des Einsatzes von Recyclingbaustoffen zu steigern, auch gelingen.“

Foto: O. Kürth

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