Recycling beginnt schon mit dem Input

Welche Schwierigkeiten haben bayerische Unternehmen mit Rohstofflieferungen und -preisen? Das wollte der Bayerische Industrie- und Handelskammertag wissen und initiierte eine Umfrage zur aktuellen Rohstoffsituation der regionalen Industrie. Das Ergebnis: Die Unternehmen setzen zunehmend auf Recycling. Aber von einer Kreislaufwirtschaft sind sie noch weit entfernt.

Volatilität der Rohstoffpreise und Versorgungsengpässe: Sie bilden die größten Risiken für rohstoffintensive Unternehmen. In Bayern ist jedes zweite Unternehmen von Preissteigerungen betroffen, und die Bezieher von Seltenen Erden (43 Prozent), Steinen und Erden (26 Prozent) sowie Hochtechnologiemetallen (16 Prozent) hatten bereits mit Versorgungsschwierigkeiten zu kämpfen. Als Gegenmaßnahmen optimieren viele Betriebe ihre Lagerhaltung, diversifizieren ihre Bezugsquellen, schließen längerfristige Lieferverträge ab, sichern ihren Rohstoffeinkauf über Warentermingeschäfte (Hedging) oder steigen in ein aktives Rohstoff-Risikomanagement ein.

Was die Rahmenbedingungen für den Zugang zu den Rohstoffquellen anlangt, sind die Forderungen der bayerischen Wirtschaft an die Politik eindeutig: 61 Prozent der befragten Unternehmer favorisieren die Schaffung freier Märkte nebst Reduzierung von Wettbewerbs- und Handelsbeschränkungen. 39 Prozent wünschen sich mehr bilaterale Partnerschaften mit rohstoffreichen Ländern, und rund ein Drittel drängt auf verbesserte Rahmenbedingungen, um leichter an heimische Rohstoffe zu kommen. Weitere Eingriffe oder Regularien in das wirtschaftliche Handeln durch den Staat sind nicht erwünscht. Lediglich ein Achtel der befragten Betriebe sieht mehr staatliche Beratung im Bereich der Rohstoffbeschaffung als sinnvoll an, ein Zehntel plädiert für eine stärkere Regulierung der Rohstoffmärkte, und nur drei Prozent plädieren für die Einrichtung einer staatlichen Beschaffungsstelle.

Was in der Produktion im Mittelpunkt steht

In der Produktentwicklung setzen die bayerischen rohstoffintensiven Unternehmen bereits verstärkt auf Ressourceneffizienz. Jeweils über drei Viertel der Betriebe bemüht sich, Verschnitt zu verringern, die Produktgestaltung zu optimieren und Leichtbauweise oder die Substitution kritischer Rohstoffe verstärkt zu berücksichtigen. Darüber hinaus gaben knapp zwei Drittel der Unternehmen an, recyclinggerechtere Produkte zu entwerfen.

Im eigentlichen Herstellungsprozess steht für 94 Prozent der befragten Unternehmen die Optimierung der Produktionsabläufe, Materialflüsse und Bestände im Mittelpunkt. Ein ebenso großer Prozentsatz setzt darauf, durch ständige Prozessoptimierung das Aufkommen von Abfällen und Ausschussteilen zu verringern. Etwa gleich viele Betriebe versuchen, den Verbrauch von Hilfs- und Betriebsstoffen zu senken und  Maschinenpark und Werkzeuge besser instand zu halten. „Vermehrt Recyclingmaterial verwenden“: Dieser Maßnahme zur Verbesserung des Produktionsprozesses stimmt hingegen nur die Hälfte der Unternehmen zu.

Im Umfeld der Produktion befürworten Unternehmen beinahe einstimmig, ihre Mitarbeiter für den verantwortungsvollen Umgang mit Material zu sensibilisieren und damit deren Kostenbewusstsein zu stärken. Große Zustimmung erfahren auch die Optimierung der Transportabläufe und die Verringerung der Lagerhaltung. Zwei Drittel der Befragten bemühen sich, bei Verpackungen  Ressourcen zu schonen, wie überhaupt in manchen Betrieben über die Umstellung auf effizientes und ressourcenschonendes Wirtschaften nachgedacht wird. Über 40 Prozent der Unternehmen stehen auch einer branchenübergreifenden Zusammenarbeit – etwa durch Vernetzung innerhalb der Lieferkette oder durch Kooperation mit der Abfallwirtschaft – positiv gegenüber.

Recycling: Wenn es marktreif und sinnvoll anwendbar ist

Ganz oben im Wunschkatalog der Wirtschaft an die Politik steht die Forderung nach verstärkter Kooperation. 60 Prozent der 553 antwortbereiten Firmen sieht dies als wichtigsten Punkt an. Die Hälfte dieser Betriebe vertritt die Ansicht, die Politik müsse mehr Anreize bieten und Fördermittel bereitstellen, damit Maßnahmen zur Steigerung der  Ressourceneffizienz umgesetzt werden können. Darüber hinaus – so die Meinung etwa eines Drittels der Unternehmen – solle die Politik die Entwicklung von Recyclingtechnologien fördern, auf die dann verstärkt zurückgegriffen werden könne. Nach Meinung eines Viertels der Befragten müssten ebenso Forschungsinstitute gefördert werden, die sich mit Themen zur Ressourceneffizienz befassen.

Die Umfrage vom Bayerischen Industrie- und Handelskammertag zeigt demnach deutlich, dass sich die regionale Wirtschaft in Produktionsentwicklung und -prozessen zunehmend für Recyclingansätze und -methoden geöffnet hat. Die daraus resultierenden Forderungen an die Politik drängen hier sogar auf eine stärkere Förderung von Forschung und Technik – auch wenn man die Ergebnisse erst dann ernst zu nehmen gedenkt, wenn sie „marktreif und sinnvoll anwendbar“ sind.

Foto: Dr. Jürgen Kroll

Foto: Dr. Jürgen Kroll

Womit die Unternehmen zu kämpfen haben

Unter den Forderungen an die Politik für den Zugang zu Rohstoffquellen – dem Materialinput – ist der Begriff Recycling allerdings nicht zu finden. Das mag damit zusammenhängen, dass rund 30 Prozent der befragten Unternehmen aus dem Bereich Bau/Gewinnung von Steinen und Erden und etwa der gleiche Prozentsatz aus Metallerzeugung und Maschinenbau stammen. Die Branche, die mit mineralischen Rohstoffen befasst ist, hat eher mit Deponierungs- und Absatz- als mit Nachschubproblemen zu kämpfen, und die Versorgungslage auf dem Markt für Basismetalle und Edelmetalle ist bislang weitgehend handelsüblichen Schwankungen unterworfen. Hinzu kommt, dass in Deutschland (Stand: 2012) über 60 Prozent des Aluminiums, über 40 Prozent des Kupfers und über 40 Prozent des Rohstahls aus sekundären Rohstoffen rückgewonnen wird.

Dessen ungeachtet ist die Bedarfsdeckung bei Metallrohstoffen, einzelnen Industriemineralien und Hightech-Metallen von geopolitischen Faktoren abhängig und im Grunde unsicher. Hinzu kommt, dass Wertstoffmengen selbst im „geschlossenen“ Stoffkreislauf durch Schadstoffsenken, Legierungsverluste, Dissipationen oder Exporte abnehmen. Primärrohstoff-Nachschub durch bilaterale Partnerschaften wie die der Bundesrepublik mit Peru, Mongolei und Kasachstan zu sichern, ist daher grundsätzlich ein richtiger Weg. Doch sind auch die Rohstoffvorkommen in diesen wie in anderen Zuliefererländern prinzipiell endlich, abgesehen davon, dass dort die Gefahr von Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden besteht.

Ökologisch, ökonomisch, sozial verträglich

Eine weitsichtige Wirtschaftspolitik sollte das bei ihrer Rohstoff- und Recyclingstrategie bedenken. Oder wie es Volker Steinbach und Dieter Huy von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe ausdrückten: „Die Versorgung der Wirtschaft mit Rohstoffen muss insgesamt dem Grundsatz der Nachhaltigkeit genügen, das heißt sie muss ökologisch, ökonomisch und sozial verträglich sein.“

In diese Richtung geht auch die „Raw Material Initiative“, die als Rohstoffstrategie seit 2008 auf europä­ischer Ebene existiert. Das Programm zur Sicherung einer nachhaltigen und effizienten Rohstoffpolitik legt – wie es der Bayerische Industrie- und Handelskammertag ausdrückt – „den Schwerpunkt auf die Sicherung des Zugangs zu globalen Rohstoffmärkten, die Förderung der Ressourcengewinnung innerhalb der Europäischen Union sowie die Optimierung der Ressourceneffizienz und des Recyclings“. Den Willen zu einer Kreislaufwirtschaft, die mit Rohstoffen im eigenen Land und auch aus Importen bewusst und nachhaltig umgeht, drückt die Umfrage unter Bayerns rohstoffintensiven Unternehmen indes (noch) nicht aus.

Foto: O. Kürth

(EUR0915S18)