Kroatien: Die Herausforderungen sind nicht weniger geworden

Teile der kroatischen Recyclingbranche haben sich nach der Einführung von Produkt­abgaben für bestimmte Abfallarten seit 2006 gut entwickelt. Allerdings gelangten noch im Jahr 2011 in Kroatien Abfälle zu 92 Prozent auf Deponien, lag die Recyclingquote bei unter vier Prozent. Landesweit mangelt es bis heute an Entsorgungsstrukturen und Behandlungseinrichtungen für Bioabfälle, Bauschutt, Klärschlamm und nicht zuletzt (gefährliche) Sonderabfälle.  

„Ist Kroatien EU-tauglich?“ titelten wir anlässlich des Beitritts des Landes zur Europäischen Union am 1. Juli 2013. Die Schlussfolgerung nach Recherchen zum Entwicklungsstand der kroatischen Abfallwirtschaft: Der praktische Auf- und Ausbau von Entsorgungs- und Recyclingstrukturen hängt den strategischen Planungen und Zielvorgaben auf dem Papier hinterher (EU-Recycling 08/2013). Heute, zwei Jahre später sind die Herausforderungen nicht weniger geworden.

Gemäß dem nationalen Abfallgesetz, das unmittelbar vor dem EU-Beitritt Kroatiens verabschiedet wurde und in Kraft trat, gilt es bis 2018 ein integriertes und EU-konformes Abfallbewirtschaftungssystem zu schaffen. Das heißt die Abfalltrennung in den Kommunen einzuführen, die Altdeponien im Land zu sanieren, die 13 regionalen Abfallwirtschaftszentren auszubauen und die Recyclingquoten von Papier, Glas, Kunststoffen und Metallen zu erhöhen. Laut der kroatischen Umweltschutzagentur (AZO) lag die Quote hier insgesamt bei 26,6 Prozent. Neuere detaillierte Zahlen liegen nicht vor. Bis 2020 soll die Recyclingquote für Papier, Glas, Kunststoffe, Metalle auf 50 Prozent steigen.

Abfalltrennung wird kaum praktiziert   

Nach einem aktuellen Marktbericht von Germany Trade & Invest werden nur in wenigen Städten und Gemeinden Abfälle getrennt gesammelt. Bis Anfang dieses Jahres sollten alle kroatischen Kommunen entsprechende Systeme eingeführt haben, doch fehlt es an einer Durchführungsverordnung, und auch die Preise sind noch nicht festgesetzt worden.

Die Ausrüstungsbeschaffungen laufen den Informationen zufolge aber weiter: Für die Ausrüstungskäufe sind viele Gemeinden auf die Zuschüsse des kroatischen Ökofonds (FZOEU) zum Kauf von Abfallcontainern und -tonnen sowie Sammelfahrzeugen angewiesen, die 2015 auch für Recyclinghöfe und zur Einführung von Chipsystemen vergeben werden. Der Fonds unterstützt außerdem die Sanierung von Hausmülldeponien, von denen bis Ende 2017 noch über hundert, darunter 13 Deponien für gefährliche Industrieabfälle, an die EU-Standards angepasst werden müssen.

Der Bau von großen Abfallwirtschaftszentren (AWZ) hat sich stark verzögert. Demnächst sollen aber die ersten beiden für die nördlichen Adria-Gespanschaften Istrien und Primorje-Gorski kotar in Betrieb gehen. Für das AWZ Piskornica (Nordwest-Kroatien) wurde die erste Ausschreibungsrunde abgeschlossen. In allen drei Zentren sollen mechanisch-biologische Abfallbehandlungsanlagen (MBA) installiert werden. Grundsätzlich kommen aber auch andere Behandlungstechnologien in Frage. Die Finanzierung der AWZ wird zu bis zu 90 Prozent durch EU-Strukturmittel und Hilfen des FZOEU gesichert; für den Rest können günstige Kredite unter anderem der Europäischen Investitionsbank (EIB) beansprucht werden. Der Ökofonds unterstützt die Kommunen außerdem fachlich bei der Projektvorbereitung und -durchführung.

Wo es großen Nachholbedarf gibt

Teile der Recyclingbranche haben sich nach der Einführung von Produktabgaben für bestimmte Abfallarten seit 2006 gut entwickelt. Die zweckgebundenen Abgaben verwaltet der FZOEU. Die kroatische Umweltagentur AZO hält die installierten Recyclingkapazitäten für Verpackungsabfälle und Reifen indes für ausreichend. Für Autowracks sowie Elektronik- und Elektroschrott gebe es bereits Überkapazitäten. Die Produktabgaben für Kfz-Stilllegungen und Verpackungsabfälle seien deshalb Anfang 2015 zum Teil gesenkt worden. Der kroatische Markt für Sekundärrohstoffe ist dennoch bislang relativ wenig entwickelt.

Nach wie vor großen Nachholbedarf gibt es bei der Kompostierung: 2014 waren nur acht entsprechende Anlagen in Betrieb. Nahezu 80 Prozent (870.434 Tonnen) des Aufkommens an biologisch abbaubaren Abfällen wurden 2013 deponiert und damit über 50 Prozent mehr, als im EU-Beitrittsvertrag für 2013 angepeilt waren. Als vorrangig gilt auch der Ausbau von Aufbereitungskapazitäten für Bauschutt. Kroatien muss hierfür bis 2020 eine Recyclingquote von 70 Prozent erreichen. Gegenwärtig fallen jährlich etwa 2,6 Millionen Tonnen Bauschutt an, aber nur 0,5 Millionen Tonnen davon werden registriert. Seit 2015 subventioniert der FZOEU die Anschaffung von Recyclinganlagen für Baumaterialien. Nachholbedarf besteht zudem bei der Behandlung von tierischen Abfällen, Agrar- und Forstwirtschaftsabfällen sowie medizinischen Abfällen, Klärschlamm und einigen chemischen Rückständen.

Nach letztverfügbaren Angaben der AZO belief sich das gesamte Abfallaufkommen 2012 auf 3,37 Millionen Tonnen – minus sieben Prozent im Vergleich zu 2008. In Haushalten entstanden davon 35 Prozent, in der Bauwirtschaft 20 Prozent, dem Dienstleistungssektor 17 Prozent und der verarbeitenden Industrie 13 Prozent. Gefährliche Abfälle (2012:122.545 Tonnen) machten etwa vier Prozent des Gesamtaufkommens aus. Sie werden überwiegend in Deutschland, Slowenien und Österreich entsorgt. Einige Abfallströme werden in Kroatien nur teilweise statistisch erfasst.

Wer erbringt die Leistung?

In Kroatien haben 98 Prozent der Bevölkerung Zugang zu Abfallsammlung und -abfuhr. Organisatorisch zuständig dafür sind die Kommunen. Sie erbringen die Leistung selber, beauftragen einen Kommunalbetrieb und können an private Unternehmen Konzessionen erteilen. So ist unter anderem die deutsche Jakob Becker GmbH & Co. KG in einigen slawonischen Gemeinden als Konzessionär für die Müllabfuhr vertreten. Der deutsche Recyclingkonzern Scholz AG ist mittelbar am Abfallentsorgungsunternehmen Eko-flor plus beteiligt. In seinem Mehrheitseigentum befindet sich ebenfalls die bedeutendste kroatische Recyclingfirma CIOS. Im Entsorgungsgeschäft mit Verpackungsabfällen ist die Tochtergesellschaft der deutschen Alba Group, Interseroh, tätig. Mit Papier- und Kunststoffrecycling beschäftigt sich die kroatische Niederlassung der österreichischen Prinzhorn Holding.

Die kroatische Produktion von Abfallbehandlungstechnik ist überschaubar. Mit Abstand größter Hersteller ist Tehnix aus Donji Kraljevec. 2013 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 19,7 Millionen Euro. Rund 80 Prozent davon wurden im Ausland erwirtschaftet. Daneben gibt es einige Dienstleister, die auf Deponiesanierungen spezialisiert sind. Die Branche zählte im Jahr 2013 503 Unternehmen mit 11.600 Beschäftigten und wies einen Umsatz von 595,4 Millionen Euro aus. Zusätzlich waren noch 85 Unternehmen im Segment „Umweltsanierung und sonstige Abfallbehandlungsdienstleistungen“ tätig. Sie beschäftigten insgesamt 1.500 Personen und setzten 59,3 Millionen. Euro um. In Kroatien beschaffen Kommunen beziehungsweise Kommunalbetriebe ihre Ausrüstung direkt. Die ausschreibenden Stellen sind im Fall der mit EU-Strukturhilfen geförderten Abfallzentren zweckgemäß gegründete Kommunalbetriebe. Im EU-Vor-Beitrittszeitraum war noch der FZOEU für die Ausschreibung von AWZ zuständig. Alle Tender des öffentlichen Sektors erscheinen im Amtsblatt „Narodne novine“ (https://eojn.nn.hr/Oglasnik/); diejenigen, die über den EU-Schwellenwerten liegen, auch in der EU-Datenbank TED (http://ted.europa.eu). Darüber hinaus ist für die mit EU-Fördermitteln finanzierten Vorhaben die zentrale Internetplattform für die EU-Fonds zu beachten (www.strukturnifondovi.hr).

Quelle: Germany Trade & Invest/Erika Anders-Clever, Snjezana Buhin Peharec


 

Kroatien schreibt erste EU-Strukturhilfen für KMU aus

Zuschüsse für Kapazitätserweiterungen und neue Technologien: Bereits Mitte April 2015 ist in Kroatien die erste Vergaberunde für KMU-Strukturhilfen aus dem EU-Finanzrahmen 2014 bis 2020 gestartet. Für Investitionen in eine wettbewerbsfähige Produktion wurden 147 Millionen Euro ausgeschrieben. Und es sollen noch weitere Tender für insgesamt 215 Millionen Euro folgen. Die neuen Strukturhilfen versprechen, den kleinen kroatischen Maschinenmarkt zu beleben. Vor allem dürften sich die Lieferperspektiven für neue Anlagen zulasten von Gebrauchtmaschinen verbessern. Alle Angaben zu den Projektaufrufen befinden sich auf der zentralen Ausschreibungsplattform für EU-Strukturhilfen www.strukturnifondovi.hr

Weitere Informationen auch bei Germany Trade & Invest www.gtai.de


 

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